Selbst heute noch tritt Daniel Jonah Goldhagen mit dem Selbstbewusstsein eines Autors an, dessen Buch Hitlers willige Vollstecker »ein jahrelanges internationales Beben nach sich zog«, wie er selbst meint. Immerhin gab es in Deutschland eine veritable Debatte, ausgelöst durch Goldhagens These vom »eliminatorischen Antisemitismus«. Die Schlichtheit der Argumentation und die methodischen Fehler, die ihm die Historiker nachwiesen, führten freilich dazu, dass ein interessanter Aspekt übersehen wurde. Goldhagen sprach von einem kulturellen Modell, das die nationalsozialistische Gesellschaft entwickelt habe, und öffnete damit eine Perspektive, die Vorstellung aufzugeben, die Täter seien »moralisch korrumpiert« gewesen: Ein totalitäres Projekt wie der Nationalsozialismus erlegt seinen Anhängern andere moralische Verpflichtungen auf als etwa ein Rechtsstaat – weshalb das Töten hier zu einer moralischen Handlung werden konnte und seine Verweigerung zum abweichenden Verhalten. In solchen Ansätzen war das Buch besser, als die Debatte glauben machte.

Deshalb hatte ich bei der nun vorliegenden Völkermordstudie Schlimmer als Krieg die Hoffnung, dass unterhalb der Verstiegenheiten eines Autors, der einen Genieverdacht gegen sich selbst hegt, der eine oder andere interessante Gedanke zu lesen wäre. Aber was hier ausgebreitet wird, ist weder originell noch produktiv. Es ist die Simulation einer wissenschaftlichen Analyse, die entschieden gegen den Rechtsstaat und die demokratischen Prinzipien der Gewaltenteilung votiert.

Der Autor beginnt mit einer überraschenden Feststellung: »Aberhundert Millionen Menschen sind in Gefahr, einem Völkermord oder damit verwandten Gewalttaten zum Opfer zu fallen. Sie leben unter der Herrschaft politischer Regime, denen eine Tendenz zum Massenmord eigen war und ist.« Diese steile These suggeriert zwei Dringlichkeiten, für deren Illustration Goldhagen einmal 500 und dann noch mal 100 Seiten braucht. Erstens, das sind die ersten 500 Seiten, bestehe die chronische Gefahr eines »Eliminationismus«, der von nichtdemokratischen Staaten, gleich welchen Zuschnitts, ausgehe. Der restliche Teil des Buches ist einem Vorschlag gewidmet, wie dieser Eliminationismus beseitigt, fast hätte ich geschrieben: ausgemerzt werden kann.

Goldhagen, dessen wissenschaftliche Karriere nach den Willigen Vollstreckern beendet war, schreibt, sein Zugang basiere nicht auf der Befassung »mit der Arbeit anderer Autoren«, was insofern verwundert, als er ja Völkermorde wie den armenischen, den kambodschanischen oder den ruandischen, über die er in extenso schreibt, kaum aus eigener Anschauung kennen kann. Auch die zahllosen Abgrenzungen gegenüber wissenschaftlichen Positionen, die er nicht teilt, deuten darauf hin, dass er sich nicht alles, worüber er schreibt, allein ausgedacht hat – »die Theoretiker der Moderne und der sogenannten conditio humana« scheint er genauso zu kennen wie die »häufig mit Scheuklappen geschlagene(n) und irregeleitete(n) Holocaust-Forscher«.

Die Hybris, alles neu erfinden zu wollen, was die Forschungen zum Totalitarismus, zum Massenmord, zum Genozid, zu Gesellschaftsverbrechen, zum Völkerstrafrecht und zu den Vereinten Nationen bislang hervorgebracht haben, führt nicht nur zu mangelnder argumentativer Stringenz, sondern auch dazu, dass man als Leser nicht herausbekommt, worauf diese Aufzählung oder jene Tabelle hinauslaufen soll. Im Grunde besteht das Ganze aus aufwendig erzeugter Redundanz: »Der gemeinsame Wunsch der Führung und ihrer Anhänger, andere Völker zu eliminieren oder zu vernichten (…), brachte sie häufig erst auf den Gedanken, militärische Konflikte anzuzetteln, die sie dann zum Anlass nehmen konnten, bereits ausgearbeitete Mordpläne umzusetzen.« Die Entscheidung zur Elimination »geht aus dem Willen zu töten und aus dem Prozess hervor, der diesen Willen in einen festen Entschluss verwandelt, die Tat auch auszuführen. Er ist daher die hinreichende Erklärung dafür, warum diese Menschen Massenmord begehen und zu Eliminierungsmaßnahmen greifen.«

Sachhaltiges kommt kaum vor. Daten sind etwa von dieser Qualität: »Die Vietnamesen töteten wohl 200.000 bis 300.000 Menschen (es könnten auch sehr viel mehr gewesen sein)«, und kein Lektorat hat ihn und die Leser vor folgendem Unsinn bewahrt: »Das Eingreifen der Nato im ehemaligen Jugoslawien – zunächst in Bosnien, dann im Kosovo – kam viel zu spät, die Täter hatten bereits Millionen Opfer auf dem Gewissen.« Wer eine historisch solide Darstellung von genozidalen Prozessen und »ethnischen Säuberungen« im 20. Jahrhundert lesen möchte, greife zu Michael Manns The Dark Side of Democracy oder zu Norman Naimarks Flammender Hass. Auch theoretisch ist Goldhagens Buch ein Totalausfall: Dass es einen immanenten Zusammenhang zwischen Modernisierungsprozessen und Massenvernichtung gibt, darauf hat vor bald zwei Jahrzehnten Zygmunt Bauman hingewiesen, und was die Griffhöhe der Analyse von Gewalt in der Moderne ist, hat Jan Philipp Reemtsma im vergangenen Jahr dargelegt. Aber um all das geht es Goldhagen letztlich nicht, er will einen Vorschlag entwickeln, wie man den seiner Auffassung nach allgegenwärtigen »Eliminationismus« bekämpfen kann.

Das geht so: Die Vereinten Nationen sind eine Fehlkonstruktion, die durch die Schaffung einer Art Weltregierungsallianz der demokratischen Staaten ersetzt gehört, die ein juristisch neues Vergehen, nämlich »Krieg gegen die Menschheit«, unter Strafe stellt, womit jede eliminatorische Absicht oder Handlung gemeint ist. Wenn sich irgendwo eine genozidale Entwicklung abzeichnet, wird erst mal die Bevölkerung mit Flugblättern und E-Mails darüber aufgeklärt, dass sich Ungutes zuträgt, damit sich keiner herausreden kann, er habe nichts gewusst. Sodann werden Kopfgelder für das politische Personal ausgelobt (zehn Millionen für den Regierungschef, eine Million für jeden Minister und 100.000 Dollar für niedrigere Chargen).