Lange Zeit dachten wir ja, John Cleese hätte die Sache auf den Punkt gebracht und in Ironie aufgelöst, als er in Fawlty Towers den britischen Hotelier gab, der angesichts deutscher Gäste immer an Hitler denken muss, Stechschritt und deutschen Gruß imitiert und zugleich dem Personal einschärft: »Don’t mention the war!« Von wegen. Nicht nur in Großbritannien, auch in den USA ist der Kurzschluss von Deutschland aufs »Dritte Reich« immer noch beliebt, er funktioniert ironiefrei und reflexhaft. Dass man damit allerdings sogar ein Buch über die Musik des 20. Jahrhunderts zum Verkaufserfolg machen kann, ist schon erstaunlich. Es heißt The Rest is Noise und ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Alex Ross, 1968 geborener Musikkritiker des New Yorker, lässt das Unheil eigentlich schon mit Beethoven aufziehen. »Mehr als hundert Jahre«, schreibt er über die Situation um 1900, »hatten Herren aus Deutschland und Österreich den Weg der Musik bestimmt«, ihre Fortschritte seien »parallel zur Entstehung des deutschen Nationalstaats« verlaufen. Nach der Besetzung von Paris durch Deutsche hätten dann die Komponisten der Nachbarländer »Auswege aus den riesigen Festungen der Beethovenschen Symphonie und der Wagnerschen Oper« gesucht, Debussy etwa. Na ja, Debussy pilgerte 18 Jahre nach der Besetzung von Paris nach Bayreuth, er trat ein in eine hassliebende Auseinandersetzung mit Wagners Musik und zitierte den Tristan 1908 ironisch in Childrens’ Corner. Erst 1915, im Krieg, wetterte er über »die austro-deutschen Miasmen in der Kunst«, die man »abtöten« müsse. Für Ross wird spätestens von da an »Musik zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln«, ein Krieg, der offenbar bis heute geführt wird.

Heute stehe Helmut Lachenmann für den Deutschen als »Avantgardisten der gnadenlosen Schule, die keine Gefangenen macht… Vertraute Instrumente werden zu ungewohnten Klängen gezwungen.« Lachenmann ist nun einer in einer langen Reihe von Komponisten, die angeblich dem 20. Jahrhundert die Melodien wegnahmen und Lärm schenkten, beginnend mit Anton Weberns Sechs Stücken von 1908. »Lärm« ist das von Ross gebrauchte Wort für Musik, die uns »nicht zur zweiten Natur werden kann«.

Natürlich zwinkert er dabei stark mit den Augen, so böse meint er das mit dem Lärm ja nicht. Aber ein Irrweg ist es doch, auf den der Zwölftöner Schönberg mit dem militanten Selbstbewusstsein des deutsch-österreichischen Patrioten so viele gezwungen hat, auch dann noch, als er das »Dritte Reich« verließ und sich zum Judentum bekannte. Weil Arnold Schönberg in seinem Vier-Punkte-Programm für das Judentum, für einen jüdischen Staat, Demokratie als ineffizient verwarf und die erfolgreiche »Diktatur« erwähnte, die er in seinem »Verein für musikalische Privataufführungen« ausgeübt hatte, ergänzt Ross forsch: »Ganz ähnlich ergriff Hitler 1933 die Macht.« Und schrieb nicht Schönbergs Schüler Webern einmal begeisterte Zeilen über Hitler?

Übrigens könnte sich Hitler, findet Ross, »bestimmte Redeposen« bei Mahlers Dirigat des Tristans 1906 in Wien abgeschaut haben, jenes Tristans, mit dem ja schon die Auflösung der Tonalität beginnt… Schwupps, schon ist die Zwölftontechnik ein im Grunde totalitäres Unternehmen, wie sich auch an ihren Nachfolgern zeigt. Der gefährlichste von allen ist Pierre Boulez, der Webern über Schönberg stellt, sämtliche Parameter der Musik seriell determiniert und die Avantgarde befehligt. Boulez, der teutonischste aller Tonhegemonen? Das sagt Ross so nicht. Und er beharrt auf dem Zusammenhang zwischen massenferner Avantgarde und totalitärer Menschenverachtung auch nicht so penetrant, wie er erscheint, wenn man die Mosaikstücke aus 600 Seiten zusammengefügt hat. Doch geradezu leitmotivisch vernebeln sie ein eigentlich hervorragendes Konzept, nämlich die unfassbare Vielfalt der modernen Musik mit dem Bezug auf die Welt plastisch zu machen, auf die sie reagiert.

 

Spannend kann Ross etwa Horizonte in einer Szene zusammenfassen – wenn er den apokalyptischen Marsch in Bergs Drei Orchesterstücken gegen die Gräuel schneidet, die am Tag der Komposition, dem 23. August 1914, von deutschen Truppen in der belgischen Stadt Dinant begangen wurden. Wenn er sowjetische Künstler über Schostakowitsch sprechen lässt – im Wortlaut eines Protokolls, das Stalins NKWD-Spitzel von diesem Gespräch erstellten –, begreift man den Druck, unter dem sie standen. Es sind Facetten Amerikas zu entdecken, von denen Europa wenig weiß. Auch da geht es nicht ohne ideologische Untertöne: Dass trotz der »importierten Ikonen« um Beethoven »so viele amerikanische Komponisten ihren Weg machten, ist Beweis für ihre Willenskraft.« Man sieht die schwitzenden Pioniere im Kampf gegen die Invasoren…

Auf dem richtigen Weg ist für Ross der US-Minimalist John Adams, dessen Oper Nixon in China so ausführlich besprochen wird wie kaum ein anderes Werk. Adams’ Rückgriffe auf Strauss und Wagner erscheinen als »halb bezaubernde, halb abstoßende Nachahmung totalitären Kitsches«. Also, es nervt. Darum nur so viel: Hermann Scherchen, Exponent der erbarmungslosen Darmstädter Avantgarde, hat die Oper König Hirsch des jungen, romantischen Hans Werner Henze nicht »abgelehnt«. Er fand sie zu lang, kürzte sie und dirigierte ihre Uraufführung.

Alex Ross: The Rest is Noise
Das 20. Jahrhundert hören; aus dem Englischen von Ingo Herzke; Piper Verlag, München 2009; 703 S.; 29,95 €