Musik des 20. Jahrhunderts TeutonenhassSeite 2/2

Spannend kann Ross etwa Horizonte in einer Szene zusammenfassen – wenn er den apokalyptischen Marsch in Bergs Drei Orchesterstücken gegen die Gräuel schneidet, die am Tag der Komposition, dem 23. August 1914, von deutschen Truppen in der belgischen Stadt Dinant begangen wurden. Wenn er sowjetische Künstler über Schostakowitsch sprechen lässt – im Wortlaut eines Protokolls, das Stalins NKWD-Spitzel von diesem Gespräch erstellten –, begreift man den Druck, unter dem sie standen. Es sind Facetten Amerikas zu entdecken, von denen Europa wenig weiß. Auch da geht es nicht ohne ideologische Untertöne: Dass trotz der »importierten Ikonen« um Beethoven »so viele amerikanische Komponisten ihren Weg machten, ist Beweis für ihre Willenskraft.« Man sieht die schwitzenden Pioniere im Kampf gegen die Invasoren…

Auf dem richtigen Weg ist für Ross der US-Minimalist John Adams, dessen Oper Nixon in China so ausführlich besprochen wird wie kaum ein anderes Werk. Adams’ Rückgriffe auf Strauss und Wagner erscheinen als »halb bezaubernde, halb abstoßende Nachahmung totalitären Kitsches«. Also, es nervt. Darum nur so viel: Hermann Scherchen, Exponent der erbarmungslosen Darmstädter Avantgarde, hat die Oper König Hirsch des jungen, romantischen Hans Werner Henze nicht »abgelehnt«. Er fand sie zu lang, kürzte sie und dirigierte ihre Uraufführung.

Alex Ross: The Rest is Noise
Das 20. Jahrhundert hören; aus dem Englischen von Ingo Herzke; Piper Verlag, München 2009; 703 S.; 29,95 €

 
Leser-Kommentare
  1. In den letzten Monaten sind in der ZEIT mehrfach Kampagnen zu verschiedenen Reizthemen gestartet worden, wozu die Neue Musik zu gehören scheint. Auch im Beitrag von Christoph Drösser, ebenfalls heute erschienen, geht es um die Bedeutung der Zwölftonmusik für die Musikentwicklung im 20. Jahrhundert. Daß Christoph Drösser sich zu unqualifizierten Auslassungen über die Zweite Wiener Schule und Theodor W. Adorno hinreißen läßt, Volker Hagedorn unbegründeten Angriffen gegen Pierre Boulez nicht mit Entschiedenheit entgegentritt, disqualifiziert die ZEIT in erheblichem Maße.
    Einfach strukturierte Musik mag mit drei Akkorden auskommen. Eine Beurteilung der Musik des 20. Jahrhunderts, bestehend aus den drei "Grundfunktionen" Behaviorismus, Menschheitstümelei und Vergangenheitsbewältigung, das ist wahrlich Musikkritik auf Gossenniveau!

  2. Auch wenn Engländer, Schotten, Iren, US-Amerikaner, Kanadier, Australier, Neuseeländer und weiße Südafrikaner immer sehr großen Wert auf ihre Unterschiede untereeinander legen – die englischsprachige Welt bildet von außen betrachtet doch mehr oder weniger eine kulturelle Einheit. Das Gemeinsame und Verbindende überwiegt bei weitem die nuancenhaften Differenzen ihrer Dialekte und Mentalitäten, die in ihren Augen enorm sind.
    Durch die Ausdehnung ihrer Länder, die kulturelle Dominanz (Stichwörter: Amerikanisierung, englische Fremdwörter) sowie militärisch-wirtschaftliche Machtstellung haben Burgerfresser es nicht nötig, eine Fremdsprache zu erlernen oder sich überhaupt irgendwie ernsthaft mit anderen Ländern und Kulturen auseinanderzusetzen. Es sei denn, um Gründe für deren Minderwertigkeit und Scheitern zu erforschen. Ansonsten sind sie sich selbst genug. Nach Italien und Spanien fliegt man wegen good weather, cheap drinks und lovely food. Die erste Welt, das sind sie. Alle anderen haben nur ein Ziel: Einwandern und verzweifelt an der eigenen Assimilation zu arbeiten, die eigene zivilisatorische Rückständigkeit und Armut zu überwinden und endlich als gleichwertig akzeptiert zu werden.

  3. Im englischsprechenden Weltbild sind Italiener, Spanier und Franzosen oder Polen nett, aber nicht weiter ernst zu nehmen. Anders hingegen verhält es sich mit Deutschen, Russen, Chinesen oder Japanern. Die sind ihnen, jede auf ihre Weise, unheimlich. Russland und China sind mächtig. Deutsche und Japaner haben beunruhigend viele kulturelle oder technische Leistungen hervorgebracht. Da kann doch was nicht stimmen! Es ist schließlich offensichtlich, daß jedwede Führungsposition, in welchem Bereich auch immer, naturgemäß “normalen Menschen”, also einem US-Amerikaner oder Briten, ausnahmsweise vielleicht mal einem Australier zusteht. Es wäre doch grotesk, wenn irgendwo Menschen die Nase vorn haben, deren Sprache man nicht versteht und außerdem häßlich klingt.
    Der Englischsprecher begegnet seinen Untertanen normalerweise mit großer Nachsicht und Güte. Aber wehe, wenn einige von ihnen sich nicht mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Dann werden sie nervös, und dann ist es auch vorbei mit der Höflichkeit.

  4. Spain and Italy lassen sich auf good weather, cheap drinks und lovely food reduzieren, France auf amour und Paris, und über die Deutschen ist eben mit Hitler bereits alles gesagt. Na gut, Bierfest und “you like David Hasselhoff” vielleicht auch noch. Dafür kann man sich dann aber stundenlang angeregt unterhalten über die Länder, die wirklich von Belang sind: England, Scotland, Ireland, (und dann Wales, of course something totally different again!), California, Australia, Cänädä…
    Ich bin jedenfalls froh, daß die einfältigste Sprache der Welt nicht meine Muttersprache ist sondern nur ein praktisches Werkzeug, das es mir ermöglicht, mich mit Menschen aus anderen Ländern zu unterhalten. Ebenso froh bin ich, daß ich mein Bier auch außerhalb eigens dafür eingezäunter Bereiche trinken darf (und dann nicht gleich automatisch 10, sondern soviel ich möchte), und daß ich die ZEIT lesen kann und nicht nur der Gehirnwäsche von CNN und BBC ausgeliefert bin.
    ( Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Danke. Die Redaktion/m.e. )

    • Diger
    • 19.10.2009 um 15:05 Uhr

    Dass sich die Zeit mit neuen Darbietungsformen Neuer Musik befasst und dabei zu dem Schluss kommt, dass ihre angebliche Unbeliebtheit keineswegs fest steht, ist erfreulich. Aber der Versuch, für diese (ja eigens bestrittene!) Unbeliebtheit atonaler Musik hörpsychologisch-soziologische Erklärungsmuster zu finden, fällt in die gleiche Falle wie schon Theodor W. Adorno und Thomas Mann. Letztere meinten, der Neuen Musik einen Dienst zu erweisen, indem sie sie, jeder auf seine Weise, als Musik „gegen den Totalitarismus“ sowohl ausgezeichnet als auch gebrandmarkt haben: ein Bärendienst, leider. Denn unbewusst spricht aus beiden wie auch aus „The rest is noise“ von Alex Ross die gleiche, in ihren Grundzügen zutiefst antisemitische Vorstellung: die Überzeugung nämlich, die atonale, also „tonal heimatlose“ Musik stünde (genau wie das „heimatlose“ jüdische Volk) dem harmonischen, einheitlichen „Volksempfinden“ per se entgegen. Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie. Die kann ihren Adressaten angesichts von dessen völlig ironiefreier Umdeutung der Dodekaphonie als unmittelbaren Ausdruck faschistischen Teutonentums doch nur verfehlen! Dabei muss selbst dem Laien auffallen, wie willkürlich die Assoziation der Dodekaphonie mit Faschismus einerseits (Ross) und Antitotalitarismus andererseits (Adorno) ist.

    • Diger
    • 19.10.2009 um 15:06 Uhr

    Wer dagegen eine x-beliebige dodekaphonale Komposition Hanns Eislers mit der eines Alban Berg vergleicht, wird sofort bemerken, wie groß und weit reichend die Ausdrucksskala der so genannten „atonalen“ Musik ist, wie weit sie über die viel strapazierten Begriffe Verunsicherung, Terror und Angst hinausgreift. Genauso, wie Dur keineswegs immer „fröhlich“, oder Moll keineswegs „traurig“ sein muss. Dass dies nicht geschieht, ist eine Frage von Gewöhnung, und nicht zuletzt: Gelegenheit. Und diesbezüglich ist es nun einmal nicht zu verschweigen, dass moderne Musik selbst auf Kultursendern frühestens nach 21.00 Uhr, zu Hauptsendezeiten aber niemals zu hören ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • HighC
    • 20.10.2009 um 11:11 Uhr

    Hallo Diger!

    Haben Sie das Buch gelesen? Sie sollten das lieber tun bevor Sie so einen [...] schreiben, z.B., „Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie.“ „ Ekelhafte amerikanische Pamphlet“? Wessen Vorurteile blicken da durch? Wenn Sie sich auf Volker Hagedorns Besprechung verlassen haben, haben Sie einen völlig falschen Eindruck bekommen.

    [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • HighC
    • 20.10.2009 um 11:11 Uhr

    Hallo Diger!

    Haben Sie das Buch gelesen? Sie sollten das lieber tun bevor Sie so einen [...] schreiben, z.B., „Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie.“ „ Ekelhafte amerikanische Pamphlet“? Wessen Vorurteile blicken da durch? Wenn Sie sich auf Volker Hagedorns Besprechung verlassen haben, haben Sie einen völlig falschen Eindruck bekommen.

    [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • HighC
    • 20.10.2009 um 11:11 Uhr

    Hallo Diger!

    Haben Sie das Buch gelesen? Sie sollten das lieber tun bevor Sie so einen [...] schreiben, z.B., „Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie.“ „ Ekelhafte amerikanische Pamphlet“? Wessen Vorurteile blicken da durch? Wenn Sie sich auf Volker Hagedorns Besprechung verlassen haben, haben Sie einen völlig falschen Eindruck bekommen.

    [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    Antwort auf "Fortsetzung"
    • HighC
    • 21.10.2009 um 9:42 Uhr

    Nicht zu fassen! Meine allererste Post überhaupt und gleich eine Rüge. Rekord verdächtig ;-) Nur, was haben Sie für Richtlinien? Mein Vorposter, worauf ich mich bezogen habe, hat unwahre Behauptungen gemacht (ich habe das Buch gelesen, in Englisch, und da ist kein antisemitisches Wort drin…das ist glatt gelogen) und dann sein Kommentar „ekelhafte amerikanische Pamphlet“ lassen Sie unkommentiert durchgehen! Also ich, als Amerikaner, finde dass das schon ein unerhörter Ausrutscher ist. Und ich wurde wegen „Stuss“, norddeutsch für Quatsch oder Unsinn, gerügt. Wo ist die Verhältnismäßigkeit?

    Übrigens, 38 Jahre in Deutschland und immer noch keine vernünftige Rechtschreibung. Sorry!

    Joe Turpin

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