Musik des 20. JahrhundertsTeutonenhass

Alex Ross fahndet in der Musikgeschichte nach bösen Deutschen, die Melodien klauten.

Nein, nicht hinter jeder Musik, die im 20. Jahrhundert gespielt wurde, steckte Adolf Hitler! Hinter dieser allerdings schon: Mitglieder der Hitlerjugend üben das Trommeln (1937)

Nein, nicht hinter jeder Musik, die im 20. Jahrhundert gespielt wurde, steckte Adolf Hitler! Hinter dieser allerdings schon: Mitglieder der Hitlerjugend üben das Trommeln (1937)

Lange Zeit dachten wir ja, John Cleese hätte die Sache auf den Punkt gebracht und in Ironie aufgelöst, als er in Fawlty Towers den britischen Hotelier gab, der angesichts deutscher Gäste immer an Hitler denken muss, Stechschritt und deutschen Gruß imitiert und zugleich dem Personal einschärft: »Don’t mention the war!« Von wegen. Nicht nur in Großbritannien, auch in den USA ist der Kurzschluss von Deutschland aufs »Dritte Reich« immer noch beliebt, er funktioniert ironiefrei und reflexhaft. Dass man damit allerdings sogar ein Buch über die Musik des 20. Jahrhunderts zum Verkaufserfolg machen kann, ist schon erstaunlich. Es heißt The Rest is Noise und ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Alex Ross, 1968 geborener Musikkritiker des New Yorker, lässt das Unheil eigentlich schon mit Beethoven aufziehen. »Mehr als hundert Jahre«, schreibt er über die Situation um 1900, »hatten Herren aus Deutschland und Österreich den Weg der Musik bestimmt«, ihre Fortschritte seien »parallel zur Entstehung des deutschen Nationalstaats« verlaufen. Nach der Besetzung von Paris durch Deutsche hätten dann die Komponisten der Nachbarländer »Auswege aus den riesigen Festungen der Beethovenschen Symphonie und der Wagnerschen Oper« gesucht, Debussy etwa. Na ja, Debussy pilgerte 18 Jahre nach der Besetzung von Paris nach Bayreuth, er trat ein in eine hassliebende Auseinandersetzung mit Wagners Musik und zitierte den Tristan 1908 ironisch in Childrens’ Corner. Erst 1915, im Krieg, wetterte er über »die austro-deutschen Miasmen in der Kunst«, die man »abtöten« müsse. Für Ross wird spätestens von da an »Musik zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln«, ein Krieg, der offenbar bis heute geführt wird.

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Heute stehe Helmut Lachenmann für den Deutschen als »Avantgardisten der gnadenlosen Schule, die keine Gefangenen macht… Vertraute Instrumente werden zu ungewohnten Klängen gezwungen.« Lachenmann ist nun einer in einer langen Reihe von Komponisten, die angeblich dem 20. Jahrhundert die Melodien wegnahmen und Lärm schenkten, beginnend mit Anton Weberns Sechs Stücken von 1908. »Lärm« ist das von Ross gebrauchte Wort für Musik, die uns »nicht zur zweiten Natur werden kann«.

Natürlich zwinkert er dabei stark mit den Augen, so böse meint er das mit dem Lärm ja nicht. Aber ein Irrweg ist es doch, auf den der Zwölftöner Schönberg mit dem militanten Selbstbewusstsein des deutsch-österreichischen Patrioten so viele gezwungen hat, auch dann noch, als er das »Dritte Reich« verließ und sich zum Judentum bekannte. Weil Arnold Schönberg in seinem Vier-Punkte-Programm für das Judentum, für einen jüdischen Staat, Demokratie als ineffizient verwarf und die erfolgreiche »Diktatur« erwähnte, die er in seinem »Verein für musikalische Privataufführungen« ausgeübt hatte, ergänzt Ross forsch: »Ganz ähnlich ergriff Hitler 1933 die Macht.« Und schrieb nicht Schönbergs Schüler Webern einmal begeisterte Zeilen über Hitler?

Übrigens könnte sich Hitler, findet Ross, »bestimmte Redeposen« bei Mahlers Dirigat des Tristans 1906 in Wien abgeschaut haben, jenes Tristans, mit dem ja schon die Auflösung der Tonalität beginnt… Schwupps, schon ist die Zwölftontechnik ein im Grunde totalitäres Unternehmen, wie sich auch an ihren Nachfolgern zeigt. Der gefährlichste von allen ist Pierre Boulez, der Webern über Schönberg stellt, sämtliche Parameter der Musik seriell determiniert und die Avantgarde befehligt. Boulez, der teutonischste aller Tonhegemonen? Das sagt Ross so nicht. Und er beharrt auf dem Zusammenhang zwischen massenferner Avantgarde und totalitärer Menschenverachtung auch nicht so penetrant, wie er erscheint, wenn man die Mosaikstücke aus 600 Seiten zusammengefügt hat. Doch geradezu leitmotivisch vernebeln sie ein eigentlich hervorragendes Konzept, nämlich die unfassbare Vielfalt der modernen Musik mit dem Bezug auf die Welt plastisch zu machen, auf die sie reagiert.

Leserkommentare
  1. In den letzten Monaten sind in der ZEIT mehrfach Kampagnen zu verschiedenen Reizthemen gestartet worden, wozu die Neue Musik zu gehören scheint. Auch im Beitrag von Christoph Drösser, ebenfalls heute erschienen, geht es um die Bedeutung der Zwölftonmusik für die Musikentwicklung im 20. Jahrhundert. Daß Christoph Drösser sich zu unqualifizierten Auslassungen über die Zweite Wiener Schule und Theodor W. Adorno hinreißen läßt, Volker Hagedorn unbegründeten Angriffen gegen Pierre Boulez nicht mit Entschiedenheit entgegentritt, disqualifiziert die ZEIT in erheblichem Maße.
    Einfach strukturierte Musik mag mit drei Akkorden auskommen. Eine Beurteilung der Musik des 20. Jahrhunderts, bestehend aus den drei "Grundfunktionen" Behaviorismus, Menschheitstümelei und Vergangenheitsbewältigung, das ist wahrlich Musikkritik auf Gossenniveau!

  2. Auch wenn Engländer, Schotten, Iren, US-Amerikaner, Kanadier, Australier, Neuseeländer und weiße Südafrikaner immer sehr großen Wert auf ihre Unterschiede untereeinander legen – die englischsprachige Welt bildet von außen betrachtet doch mehr oder weniger eine kulturelle Einheit. Das Gemeinsame und Verbindende überwiegt bei weitem die nuancenhaften Differenzen ihrer Dialekte und Mentalitäten, die in ihren Augen enorm sind.
    Durch die Ausdehnung ihrer Länder, die kulturelle Dominanz (Stichwörter: Amerikanisierung, englische Fremdwörter) sowie militärisch-wirtschaftliche Machtstellung haben Burgerfresser es nicht nötig, eine Fremdsprache zu erlernen oder sich überhaupt irgendwie ernsthaft mit anderen Ländern und Kulturen auseinanderzusetzen. Es sei denn, um Gründe für deren Minderwertigkeit und Scheitern zu erforschen. Ansonsten sind sie sich selbst genug. Nach Italien und Spanien fliegt man wegen good weather, cheap drinks und lovely food. Die erste Welt, das sind sie. Alle anderen haben nur ein Ziel: Einwandern und verzweifelt an der eigenen Assimilation zu arbeiten, die eigene zivilisatorische Rückständigkeit und Armut zu überwinden und endlich als gleichwertig akzeptiert zu werden.

  3. Im englischsprechenden Weltbild sind Italiener, Spanier und Franzosen oder Polen nett, aber nicht weiter ernst zu nehmen. Anders hingegen verhält es sich mit Deutschen, Russen, Chinesen oder Japanern. Die sind ihnen, jede auf ihre Weise, unheimlich. Russland und China sind mächtig. Deutsche und Japaner haben beunruhigend viele kulturelle oder technische Leistungen hervorgebracht. Da kann doch was nicht stimmen! Es ist schließlich offensichtlich, daß jedwede Führungsposition, in welchem Bereich auch immer, naturgemäß “normalen Menschen”, also einem US-Amerikaner oder Briten, ausnahmsweise vielleicht mal einem Australier zusteht. Es wäre doch grotesk, wenn irgendwo Menschen die Nase vorn haben, deren Sprache man nicht versteht und außerdem häßlich klingt.
    Der Englischsprecher begegnet seinen Untertanen normalerweise mit großer Nachsicht und Güte. Aber wehe, wenn einige von ihnen sich nicht mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Dann werden sie nervös, und dann ist es auch vorbei mit der Höflichkeit.

  4. Spain and Italy lassen sich auf good weather, cheap drinks und lovely food reduzieren, France auf amour und Paris, und über die Deutschen ist eben mit Hitler bereits alles gesagt. Na gut, Bierfest und “you like David Hasselhoff” vielleicht auch noch. Dafür kann man sich dann aber stundenlang angeregt unterhalten über die Länder, die wirklich von Belang sind: England, Scotland, Ireland, (und dann Wales, of course something totally different again!), California, Australia, Cänädä…
    Ich bin jedenfalls froh, daß die einfältigste Sprache der Welt nicht meine Muttersprache ist sondern nur ein praktisches Werkzeug, das es mir ermöglicht, mich mit Menschen aus anderen Ländern zu unterhalten. Ebenso froh bin ich, daß ich mein Bier auch außerhalb eigens dafür eingezäunter Bereiche trinken darf (und dann nicht gleich automatisch 10, sondern soviel ich möchte), und daß ich die ZEIT lesen kann und nicht nur der Gehirnwäsche von CNN und BBC ausgeliefert bin.
    ( Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Danke. Die Redaktion/m.e. )

    • Diger
    • 19.10.2009 um 15:05 Uhr

    Dass sich die Zeit mit neuen Darbietungsformen Neuer Musik befasst und dabei zu dem Schluss kommt, dass ihre angebliche Unbeliebtheit keineswegs fest steht, ist erfreulich. Aber der Versuch, für diese (ja eigens bestrittene!) Unbeliebtheit atonaler Musik hörpsychologisch-soziologische Erklärungsmuster zu finden, fällt in die gleiche Falle wie schon Theodor W. Adorno und Thomas Mann. Letztere meinten, der Neuen Musik einen Dienst zu erweisen, indem sie sie, jeder auf seine Weise, als Musik „gegen den Totalitarismus“ sowohl ausgezeichnet als auch gebrandmarkt haben: ein Bärendienst, leider. Denn unbewusst spricht aus beiden wie auch aus „The rest is noise“ von Alex Ross die gleiche, in ihren Grundzügen zutiefst antisemitische Vorstellung: die Überzeugung nämlich, die atonale, also „tonal heimatlose“ Musik stünde (genau wie das „heimatlose“ jüdische Volk) dem harmonischen, einheitlichen „Volksempfinden“ per se entgegen. Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie. Die kann ihren Adressaten angesichts von dessen völlig ironiefreier Umdeutung der Dodekaphonie als unmittelbaren Ausdruck faschistischen Teutonentums doch nur verfehlen! Dabei muss selbst dem Laien auffallen, wie willkürlich die Assoziation der Dodekaphonie mit Faschismus einerseits (Ross) und Antitotalitarismus andererseits (Adorno) ist.

    • Diger
    • 19.10.2009 um 15:06 Uhr

    Wer dagegen eine x-beliebige dodekaphonale Komposition Hanns Eislers mit der eines Alban Berg vergleicht, wird sofort bemerken, wie groß und weit reichend die Ausdrucksskala der so genannten „atonalen“ Musik ist, wie weit sie über die viel strapazierten Begriffe Verunsicherung, Terror und Angst hinausgreift. Genauso, wie Dur keineswegs immer „fröhlich“, oder Moll keineswegs „traurig“ sein muss. Dass dies nicht geschieht, ist eine Frage von Gewöhnung, und nicht zuletzt: Gelegenheit. Und diesbezüglich ist es nun einmal nicht zu verschweigen, dass moderne Musik selbst auf Kultursendern frühestens nach 21.00 Uhr, zu Hauptsendezeiten aber niemals zu hören ist.

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    • HighC
    • 20.10.2009 um 11:11 Uhr

    Hallo Diger!

    Haben Sie das Buch gelesen? Sie sollten das lieber tun bevor Sie so einen [...] schreiben, z.B., „Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie.“ „ Ekelhafte amerikanische Pamphlet“? Wessen Vorurteile blicken da durch? Wenn Sie sich auf Volker Hagedorns Besprechung verlassen haben, haben Sie einen völlig falschen Eindruck bekommen.

    [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • HighC
    • 20.10.2009 um 11:11 Uhr

    Hallo Diger!

    Haben Sie das Buch gelesen? Sie sollten das lieber tun bevor Sie so einen [...] schreiben, z.B., „Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie.“ „ Ekelhafte amerikanische Pamphlet“? Wessen Vorurteile blicken da durch? Wenn Sie sich auf Volker Hagedorns Besprechung verlassen haben, haben Sie einen völlig falschen Eindruck bekommen.

    [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • HighC
    • 20.10.2009 um 11:11 Uhr

    Hallo Diger!

    Haben Sie das Buch gelesen? Sie sollten das lieber tun bevor Sie so einen [...] schreiben, z.B., „Mit Enttäuschung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass Volker Hagedorn für dieses ekelhafte amerikanische Pamphlet keinen anderen Ausdruck findet als höfliche Ironie.“ „ Ekelhafte amerikanische Pamphlet“? Wessen Vorurteile blicken da durch? Wenn Sie sich auf Volker Hagedorns Besprechung verlassen haben, haben Sie einen völlig falschen Eindruck bekommen.

    [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    Antwort auf "Fortsetzung"
    • HighC
    • 21.10.2009 um 9:42 Uhr

    Nicht zu fassen! Meine allererste Post überhaupt und gleich eine Rüge. Rekord verdächtig ;-) Nur, was haben Sie für Richtlinien? Mein Vorposter, worauf ich mich bezogen habe, hat unwahre Behauptungen gemacht (ich habe das Buch gelesen, in Englisch, und da ist kein antisemitisches Wort drin…das ist glatt gelogen) und dann sein Kommentar „ekelhafte amerikanische Pamphlet“ lassen Sie unkommentiert durchgehen! Also ich, als Amerikaner, finde dass das schon ein unerhörter Ausrutscher ist. Und ich wurde wegen „Stuss“, norddeutsch für Quatsch oder Unsinn, gerügt. Wo ist die Verhältnismäßigkeit?

    Übrigens, 38 Jahre in Deutschland und immer noch keine vernünftige Rechtschreibung. Sorry!

    Joe Turpin

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