Ist künstliche Bewusstseinsänderung nur die "Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens"?

Honoré de Balzac bewältigte seine 17-Stunden-Arbeitstage bekanntlich mit enormen Mengen Kaffee. Novalis befeuerte seine Hymnen an die Nacht mittels Opium. Und der Schriftsteller Robert Menasse bekannte vor einigen Jahren, er müsse beim Schreiben Unmengen von Petersilie knabbern; ein Buch von ihm sei eigentlich ein »Stoffwechselprodukt von exzessivem Petersilienkonsum«. Um ihre geistige Leistung anzukurbeln, scheint Menschen so gut wie jedes Mittel recht. Schon immer.

Doch ließe sich heute per Aufmerksamkeitspille die Schaffenskraft nicht viel gezielter steigern als mit Petersilie? Unbestreitbar, dass dies mit den Fortschritten der Neuropharmakologie zumindest in Reichweite gelangt. Auch an Interessenten scheint kein Mangel. Jeder fünfte Leser des Wissenschaftsblatts Nature gab vergangenes Jahr in einer Umfrage an, er habe zur Leistungssteigerung schon einmal konzentrationsfördernde Medikamente wie Ritalin, Wachmacher wie Provigil oder Betablocker eingenommen. Ist das verwerfliches »Hirndoping«? Oder nur die moderne Fortsetzung von Novalis Opium-und Balzacs Kaffee-Exzessen?

Es gibt keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche
aus dem memorandum "Chancen und Risiken des Neuro-Enhancements"

Wer den sieben Forschern folgt, die am Montag ein Memorandum zu den Herausforderungen der Hirnoptimierung vorstellten , muss der zweiten Antwort zuneigen. Denn die Stellungnahme, die in der Zeitschrift Gehirn & Geist publiziert ist, provoziert mit dem Schluss, es gäbe »keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche«. Das sogenannte Neuroenhancement (vom engl. enhance = aufwerten, mehren) sei vielmehr die »Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln«.

Das löst prompt Abwehrreflexe aus. »Eine Kampfansage«, wetterte die FAZ . Die Forscher redeten dem »Segen pharmazeutischen Hirndopings« das Wort, forderten die bedenkenlose Freigabe von » happy pills « und neurobiologischer Geistesdrogen. Dabei sind die sieben Wissenschaftler alles andere als verantwortungslos. Die Autoren, unter ihnen die Ethikerin Bettina Schöne-Seifert, die Juristen Reinhard Merkel und Christoph Bublitz sowie Mediziner und Philosophen, erwägen ausführlich das Für und Wider; ihr Papier ist sehr viel ausgewogener als eine ähnliche Stellungnahme, die angelsächsische Forscher in Nature veröffentlichten ( ZEIT Nr. 52/08 ).

So betonen die deutschen Fachleute, dass der leistungssteigernde Nutzen von Medikamenten wie Ritalin oder Provigil noch äußerst fragwürdig sei, dass Neben- und Langzeitwirkungen so gut wie nicht erforscht seien. Sie sagen aber auch: In Zukunft mag sich das ändern, einst könnten ebenso wirksame wie unschädliche Mittel verfügbar sein. Die Gesellschaft müsse daher diskutieren, wie sie mit dieser Möglichkeit umgehen wolle.

Warum muss sie das? Nun, da wäre zunächst »das Recht eines jeden entscheidungsfähigen Menschen, über sein persönliches Wohlergehen, seinen Körper und seine Psyche selbst zu bestimmen«. Aus diesem vom Grundgesetz geschützten Recht aber folgt zwangsläufig: Begründungsbedürftig ist nicht die Freiheit, sondern die Einschränkung der Freiheit. Und viele Argumente für eine Einschränkung von Neuroenhancement wirken bei näherem Hinsehen wenig stichhaltig.