Martenstein Der Sozi-Reigen

Harald Martenstein verfasst eine Moritat über die Führungsprobleme der SPD und freut sich über einen neuen Nachbarn in seinem Viertel: Franz Müntefering.

Jeder Dichter hat etwas Peinliches in der Schublade. Bei mir ist es eine Moritat über die Geschichte der SPD und ihre Führungsprobleme seit 1989. Das muss man sich als Sprechgesang vorstellen, zu Leierkastenmusik.

Willy Brandt, als Mensch sehr eigen,
eröffnet unseren Sozi-Reigen.

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Als Zweiter kam der Vogel Jochen,
mit einer Handschrift wie gestochen.

Björn Engholm sah schön aus, war klug,
bis es ihn aus der Kurve trug.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Ich habe nämlich einen neuen Nachbarn. Bei mir um die Ecke ist Müntefering eingezogen. Er wohnt da mit einer jungen Freundin. Morgens wird er immer von seinem Chauffeur abgeholt. Er geht auch spazieren. Er steht beim Café Togo in der Schlange und kauft sich einen Latte macchiato.

Rudolf Scharping fährt gern Rad.
Den Sozis war sein Stil zu fad.

Er denkt sehr links und lebt mondän –
klar, ich mein Oskar Lafontaine.

Dank seines starken Sex-Appeal
kam Gerhard Schröder leicht ans Ziel.

Ein Zelt bei Sturm braucht einen Hering.
Der siebte Chef hieß Müntefering.

Ich selbst habe ihn noch nicht gesehen, aber der Mann aus dem Zeitungslädchen. Plötzlich, erzählt er, geht Müntefering an seinem Lädchen vorbei – einfach so. Der Mann aus dem Zeitungslädchen ist geistesgegenwärtig, er sagt: "Hallo, Herr Müntefering." Und Müntefering grüßt zurück! Alle lieben ihn. Wir sind stolz auf unseren Münte.

Matthias Platzeck, Nummer acht,
hat’s nur paar Tage lang gemacht.

Kurt Beck, den nannten sie "den Bär".
Ihn abzuschießen war nicht schwer.

Leser-Kommentare
  1. ein gedicht sondergleichen. vlt. lehne ich mich zu weit aus des versmaßes fenster, aber ich seh in ihren schilderungen direkte parallelen zur situtation der sozialdemokraten in österreich und deren sinkenden wählerzahlen. besonders dieses sprechen in ausschließlich "sozialen floskeln" um wähler zu gewinnen, kommt mir immer verbreiterter vor und warum ehrlichkeit oder offenheit bei polit. problemen vom wähler als misstrauen schaffend interpretiert werden sollen, werd ich wohl auch nie verstehen. oder warum sonst traut sie uns nichts mehr zu? don't you cry, sozialdemokratie.

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