ZEIT-Museumsführer Dangaster Licht-Theater
In seinem Haus in Friesland kann man sehen, wie Licht aus Franz Radziwill, dem Expressionismus-Schüler, einen Romantiker der neuen Sachlichkeit machte.

Das Stilleben mit Schatulle und Pfeife zeigt den Blick aus dem zweiten Stock seines Hauses, wo Franz Radziwill gerne arbeitete, und den graubraunen Krug, der noch heute im Regal steht
An einem gewöhnlichen Sonntag ist in der tiefen Weite des friesischen Landes das Licht-Theater so faszinierend, wie die Wetterwechsel schnell sind: Herrschaftlich getürmte Wolken zerfallen, blocken und stocken, es gewittert kurz, regnet plötzlich, und dann sticht die Sonne hervor. Auf der Suche nach den divers belichteten Farbtönen jener sparsam möblierten Natur kam der Expressionist Franz Radziwill 1932 aus der Metropole Berlin ins Nordseebad Dangast am Jadebusen, erwarb ein Fischerhäuschen und wurde hier zum magischen Realisten. Das adrette Haus, dreihundert Meter von Deich und Watt entfernt, ist eine über 60 Jahre hinweg gemauerte Künstlerbiografie. 1987, vier Jahre nach Radziwills Tod, wird es ein Museum mit jährlich wechselnden Ausstellungen.
Wer Glück hat, trifft Radziwills Tochter Konstanze im Haus an der Sielstraße 3. Sie schildert ihren Vater als überaus disziplinierten, realistischen Menschen, dem Leben zugewandt und der Lyrik von Marsch und Geest verschrieben. Radziwills Rückkehr zur Natur traf sich mit den naturphilosophischen Vorstellungen der Wandervogel-Bewegung, eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, den der Maler und Töpfer in Flandern erlebte, als Soldat und Gefangener.

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Ein anderer hatte den Landstrich für ihn entdeckt. »Die Gegend ist großartig«, rief bereits im Jahre 1907 der Brücke-Begründer Karl Schmidt-Rottluff bei einem Besuch im Arkadien an der Nordsee aus, »man muss das alles malerisch festhalten!« In Berlin hatte Schmidt-Rottluff den forsch expressionistisch malenden, bürgerlichen Bildungsidealen abgeneigten Autodidakten aus dem Wesermarschland unter seine Fittiche genommen; enthusiastische Kritiken folgten, Radziwill wurde von Sammlern in Berlin und Hamburg entdeckt, schloss Freundschaft mit Otto Dix und Max Pechstein. Schmidt-Rottluff aber, Radziwills erklärter Lehrer, befielen Zweifel an der Großstadttauglichkeit seines Zöglings, also schickte er den talentierten Naturburschen aufs Land, nach Dangast. Und Radziwill richtete sich prächtig ein in der Einsamkeit. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich malerisch kurz unterhalb der Schwelle zur Abstraktion bewegt, mit seiner Ankunft am Wattenmeer aber schwor der selbst ernannte »Proletarier der Kunst« dem unsinnlichen Expressionismus ab und wurde, nach mystischen natur- wie erotischen Servierfräuleinerlebnissen, Spiritus Rector einer neuen romantischen Sachlichkeit.
550, größtenteils von der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. und 18. Jahrhunderts inspirierte Gemälde sind im Dangaster Fischerhäuschen entstanden, die meisten im zweiten Stock, wo Radziwills Staffelei am Fenster mit Blick auf den Garten stand, Nordlicht eben. »Kein Bild von mir«, beschied er, »ist ohne Dangast möglich«.
Das Museum gewordene Wohnhaus Radziwills zählt vier unverändert gebliebene Zimmer mit knarzenden Dielen, dünnen Wänden und eigenhändig gelegten Fliesen, die er damals mit Stillleben bezahlte. Türen und Schränke sind mit Ornamenten verziert, und jene aufgeklappten Bücher, die in vielen seiner Bilder zu sehen sind, sind noch im ehemaligen Kinderzimmer von Konstanze auf dem Bücherbord gereiht, vornehmlich die achtbändige Schopenhauer-Ausgabe und die so geliebten Werke Dostojewskis. Dazwischen, schüchtern versteckt, kann der Besucher den graubraunen Krug, den Messingaschenbecher und die weiße Prozellanvase erkennen, die des Öfteren Nebenmotive von Radziwills stark mystifizierten Ölbildern waren: Vogel am Fenster , Knospende Blume oder schlicht der Pfirsich mit dem dunkelblauen Ewigkeitshintergrund. All diese kleinformatigen Werke sind Teil der bis Januar dauernden Ausstellung Franz Radziwill: Der sachliche Romantiker .
Und unterm Vogelhäuschen im Innenhof, angelehnt an den Klinkerstein, steht, als stünde es dort ewig, verrostet und verstaubt, das schwarze Fahrrad der Marke Weltstern. Wer es nimmt und sich darauf setzt, gerät auf sinnenfrohe Weise mit dem Geist des Dangaster Romantikers in Kontakt, der Tag für Tag die Natur erradelte, hinaus in die Kulissen des Licht-Theaters, zu den kumulierten Wolken und herrlichen Sonnenuntergängen über der Landzunge des Jadebusens.
- Datum 21.10.2009 - 17:49 Uhr
- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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