Neue Musik
Zu schräg für unser Gehirn
Neue Musik ist anstrengend. Neuro- und Musikwissenschaftler erforschen, warum die Klänge von Schönberg, Stockhausen und Cage nur eine Minderheit begeistern.
© Evening Standard/Getty Images

Jetzt gibt's was auf die Lauscher: Der moderne Komponist Karlheinz Stockhausen überfordert den Zuhörer mit seiner Musik
In 50 Jahren werde man seine Musik auf der Straße pfeifen, soll der Komponist Arnold Schönberg Anfang des 20. Jahrhunderts gesagt haben. Unbegründet war diese Hoffnung ja nicht: Auch ein Neuerer wie Beethoven war zunächst auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen, bevor Freude schöner Götterfunken zum Welthit wurde.
Schönberg aber ist seit 58 Jahren tot, und seine Zwölftonserien haben ebenso wenig einen Eingang in die populäre Kultur gefunden wie die elektronischen Experimente Karlheinz Stockhausens oder die Geräuschcollagen von Pierre Henry.
Die Neue Musik ist einsam alt geworden, die Zeitgenossen der »zeitgenössischen klassischen Musik« sterben langsam aus. Das spärliche Publikum, das oft nur ein Konzert besucht, weil es zum Abonnement gehört, sitzt dieser Musik häufig verständnislos gegenüber. Fast jeder kennt den »Hurz«-Sketch von Hape Kerkeling, der sich über den tiefen Graben zwischen Musikern und einem Publikum lustig macht, das offenbar jeden Nonsens als Kunst akzeptiert.
Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?
An diesem Wochenende wird in Kempten im Allgäu über diese Frage diskutiert – unter Beteiligung der Wissenschaft. Beim Zeitklänge-Festival wird Neue Musik gespielt, parallel dazu schildern Musikwissenschaftler, Hirnforscher und Philosophen ihre Sicht auf das Phänomen. Und tatsächlich können neuere Forschungserkenntnisse einiges zur Klärung beitragen.
Anders als man vielleicht erwarten könnte, geht es in solchen Debatten nur selten um absolute Eigenschaftn der Musik, etwa ob moderne Klänge nun »dissonant« oder »nicht harmonisch« sind. Das wäre zu kurz gegriffen und krankte schon daran, dass Konsonanz und Dissonanz schwer zu definieren sind.
Der seit Pythagoras’ Zeiten unternommene Versuch, angenehme musikalische Klänge auf ganzzahlige Frequenzverhältnisse der Töne zurückzuführen, ist schon mathematisch zum Scheitern verurteilt. Außereuropäische Kulturen beweisen schließlich, dass unsere westliche Tonskala genauso wenig naturgegeben ist wie eine auf Dur und Moll beruhende Harmonik: Die indonesische Gamelan-Musik und Indiens Raga-Skalen klingen für europäische Ohren schräg.
Übersicht zu diesem Artikel:
- Datum 20.10.2009 - 16:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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Meine Frau und ich hören zeitgenössige Musik mit gleichem Genuss wie unsere Nachbarn Mozart oder Rummdada.
In den Medien und überall wird es den Leuten aus geredet. Hören Sie doch nur mal, was in den Medien von früh bis spät so rüber kommt.
Meine erste Zwölftonmusik war Schönberg: Moses und Aron, ich war so gebannt und habe gar nicht gemerkt.
Generationen von Deutschlehren haben ihren Schülern, die auch wieder Deutschlehrer wurden, eingeredet, der Faust 2 sei schwer verständlich.
Das Ergebnis kennen wir.
es gibt ein grundlegendes mißverständnis bei zwölftonmusik:
zwar sind die regeln relativ streng, doch selbst schönberg gönnt sich öfter als man denkt ausnahmen in denen er von diesen regeln, die er im übrigen erst sehr spät in seinem leben aufgestellt hat, abweicht.
übergeordnetes ziel es es aber nach wie vor musik zu machen die die zuhörer ergreift.
dahingehend ist der artikel leider ungenau. adorno wird erwähnt, es bleibt den laien auf diesem gebiet allerdings unklar das dieser sich mit serieller musik beschäftigte, in der wiederum sehr streng auf die regeln geachtet wird, und unter deren vertretern viele mit schönberg "unzufrieden" waren.
was ich dagegen bedauerlich finde ist die äußerung von herrn bruhn, er höre sich diese musik auf die cd nicht an. dann hat er die schönheit dieser musik nicht begriffen oder kann sie nicht begreifen weil er was falsches von ihr erwartet. (eine bestimmte) musik nur dann als interessant zu empfinden wenn gleichzeitig auch die visuellen reize stimuliert werden lasse ich persönlich nur dann gelten wenn diese personen sich vorher nie mit dieser musik beschäftigt haben und einen gewissen grad der musikalischen ungebildetheit aufweisen. so z.b. bei freunden die vorwiegend hip-hop hören und dann mit mir auf eine jazzsession gehen und entdecken wie sehr die jazzer in ihrer musik aufgehen und welche hohe kunst dort eigentlich praktiziert wird.
als anwalt der zwöftonmusik hätte ich mir jemand kompetenteren als herrn bruhn gewünscht.
Ja, der Artikel schlägt in eine alte Bresche. Der Autor behauptet nicht zu Unrecht, dass die Hörtradition den Neuen Musiker behindert, gleichzeitig weist er nach, die abstrakte museale Kunst sei irgendwie angesagter als die musikalische.
Ich habe viele Freunde, die Neue Musik komponieren, und entweder sie nörgeln an dem ungebildeten Publikum herum - es artet bald in Dekadenz und Arroganz aus -, oder sie bemängeln die Berichterstattung von Massenmedien wie Die Zeit, oder sie fürchten arbeitslos zu werden, wenn sie sich für Gamelan interessieren.
Auf Traditionen allein würde ich Mode nicht zurückführen, das ist zu einfach gedacht. Immerhin sorgt manche westliche Neue Musik bei asiatischen Künstlern für das gleiche Unverständnis wie bei uns. Nach Jahren der Beobachtung glaube ich eher, gründet sich das Desinteresse der Bevölkerung an Neuer Musik in zwei Fragen.
Wer vermittelt mir diese Musik? Die Neue Musik wird heutzutage sehr stark subventioniert, sie ist ein Luxusgut, das kaum gehört wird, außer in Horrorfilmen. Es gibt, und ich mag mich täuschen, in Deutschland gerade mal zwei größere Festivals und zweihundert Komponisten. Sie hat den Anspruch einer elitären Musik für elitäre Kreise.
Und die zweite, viel wichtigere Frage könnte lauten: Wie spiele ich dieses technisches Repertoire? Neue Musiker wie John Adams oder Philip Glass sind schließlich angesagter als ein Schönberg oder Stockhausen oder gar Bartok. Einige polnische Komponisten schufen recht interessante Requien. Sie sind bei Aufführungen beliebter als ein der abstrakte Schönberg. Und hier würde ich ansetzen: Abstraktion.
Abstrakte Medien oder Kunst oder Sprachen sind kraftzehrend. Allein mit der öffentlichen oder privaten Tradition lässt sich das Zehrende einer brechenden Technik nicht erörtern. Nun ging der Artikelautor auf die Facetten der Neuen Musik nicht ein, aber Neue Musik ist sehr vielschichtig: es besteht ein großer Unterschied zwischen Stockhausen und einem Adams. Abstrakte Malerei verkauft sich nicht gut. Wenn Museen mit reinen abstrakten Gemälden, sagen wir, der 50er behangen werden, sind sie unterbesucht; wenn heutige Maler auf abstrakte Malerei ausweichen, werden sie arm, also verlegen sie sich auf gegenständlichere. Wie weit das gehen kann, sieht man gut bei Poesie, die weit über das eher klassische Sprachträllern eines Goethe hinaus gehend, sofort auf Unverständnis oder Kopfschütteln stößt. Wenn manche Neue Musiker sich als abstrakte Künstler verstehen, ist das gut; aber sie müssen die Konsequenzen tragen, wie jeder nicht-gegenständliche Maler oder Schriftsteller oder Medienmensch. So ein Adams komponiert gegenständlicher und mit anderen Instrumenten, oder: er setzt sie heiterer ein
Ein Adorno, den ich im übrigen für überbewertet halte, hat möglicherweise ein angespanntes Verhältnis zu Publikum und Kultur gehabt. Tragisch ist wahrscheinlich, dass die kompositorische Tradition innerhalb der Szene der Neuen Musik von Leuten wie ihm getragen wird oder wurde. Nicht wenige meiner Bekannten fürchten nicht ernst genommen zu werden, in einer ernsten Musik wie der Neuen Musik, so sie. Man muss sich das einmal vorstellen, welche alberne Sorgen sie damit ausdrücken, und, ja leider, wie ängstlich hinwieder ihre Kunst werden muss hierdurch. Dass die heutige Filmmusik ohne Neue Musik undenkbar ist, zeigt, dass da ein Publikum mit ihr arbeiten kann, wenn sie ihrer Komplexität kontextualisiert wird. Die naive Vorstellung, man solle sich sein Publikum erziehen, lehne ich ab. Wahrscheinlich blenden manche so genannten Neuen Musiker den Kontext ihrer Musik aus. In einem Saal ist wenig da, außer dem Saal, ganz anders beim Film, wo sie funktioniert. Usw.
(Dass hier Kommentare beschnitten werden, wusste ich nicht.)
Der Artikel von Herrn Drösser bietet leider eine sachlich falsche Darstellung dessen, was Zwölftonkomposition ist. Daß Zwölftonreihen (so wie ehedem Themen oder Melodien) als ganzes wiedererkannt werden sollen, entspricht weder Schönbergs Intention noch der Art, wie Reihen in der Zweiten Wiener Schule oder später verwendet werden. Insofern ist es schlicht Unsinn, aus ihrer Wiedererkennbarkeit ein Kriterium für die Sinnhaftigkeit dieser Musik zu machen. Man würde sich bei denen, die in dem Artikel als Experten auftreten, durchaus etwas mehr Sachkenntnis wünschen.
Befremdlich ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt das Zitat von Herrn Altenmüller: "Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-) Serie wiedererkenne." Dazu sei gesagt, daß Herr Atenmüller Neurologe ist, der auf dem Gebiet der Musikwahrnehmung forscht, und nicht Musikwissenschaftler. In seiner Äußerung kommt eine Naivität den ästhetischen und kompositorischen Sachverhalten gegenüber zum Ausdruck, die mir auch bei anderen Neurowissenschaftlern immer wieder auffällt: Man reduziert das, was was man als musikalische Wahrnehmung untersucht, auf das, was man messen kann (z.B. Tonwahrnehmung). Einer Musik, die z.B. gar nicht mit Tönen arbeitet, sondern mit Klängen, steht man damit von vornherein hilflos gegenüber. Weil man aber Positivist ist, zweifelt man nicht an seinem Forschungsansatz, sondern erklärt das Phänomen für mangelhaft.
Was in dem Artikel von Herrn Drösser leider überhaupt nicht zur Sprache kommt: daß es neben dem reinen Hören (ob mit oder ohne Ansicht der Musiker) auch das eigene, aktive Musizieren als Form der Rezeption gibt. Die Praxis zeigt, daß ein Verständnis auch zeitgenössischer Musik sich wesentlich leichter einstellt, wenn sie gerade nicht nur gehört, sondern praktisch ausgeführt wird. Hierüber vermisse ich nach wie vor eine breite Diskussion, die über den rein pädagogischen Bereich hinausgeht.
Die Forschung, die Herr Drösser zitiert, verengt dagegen die Wahrnehmung von Musik auf genau jenes reine Hören, das man an anderer Stelle Adorno immer wieder vorwirft. Wenn man aus diesem Zirkel ausbrechen wollte, müßte man sich allerdings etwas differenzierter mit Adorno auseinandersetzen, anstatt ihn vorschnell zur unliebsamen Altlast zu erklären. Dann würde man auch merken, daß Adorno zu den schärfsten Kritikern Schönbergs gehört und den Unterschied zwischen einer traditionellen Melodie und einer Zwölftonreihe für das hörende Verstehen von Musik bereits sehr genau beschrieben hat.
Vielleicht bliebe es uns dann auch erspart, Äußerungen wie die von Herrn Altenmüller als Expertenmeinung präsentiert zu bekommen.
Was mich – ZEIT-Abonnent seit vielen Jahren – nach Lektüre des Artikels außerdem beschäftigt: Wieso hat niemand aus der Redaktion den sonst geschätzten Autor vor dieser Peinlichkeit bewahrt? Reden denn die Ressorts der ZEIT nicht miteinander?
Das Feuilleton hätte den Verfasser doch darüber aufklären können, was es auf sich hat mit der nun schon über hundert Jahre alten Neuen Musik („Ich fühle Luft von anderem Planeten“) und der zeitgenössischen „klassischen“, also komponierten Musik in ihrer ganzen Vielfalt.
Im übrigen: „Stimmt's?“, dass, um nur zwei Leuchttürme zu nennen, Wolfgang Rihm weniger Erfolg hat beim Publikum als Gerhard Richter? Was ist der Maßstab? Dass Rihm vermutlich weniger verdient?
Schließlich: wollen wir wirklich verzichten auf Musik, die Stille zur Voraussetzung hat? Gerade etwa Claus Spahn hätte doch wohl zu diesem Thema (Konzertsaal: „wie im Gefängnis“) einiges zu sagen.
Offenbar aber haben „Säbelzahntiger“ und „Hirnforschung“ auch in der Redaktion der ZEIT eine intellektuelle Schockstarre ausgelöst.Wie so oft.
Die Kommentare sind - von aussen betrachtet - selbst peinlich: Sie sehen eher aus wie Trotzreaktionen der Anhänger der "alten" neuen (deutschen) Musik nach der Mantra: "Was nicht sein darf nicht sein kann".
Man kann der Neurologie (noch) mangelnde Tiefe vorwerfen, auch hochmodische leichte Akzeptanz - aber ignorieren kann man sie nicht.
Von einem Philip Glass Freund.
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