Neue Musik Zu schräg für unser Gehirn

Neue Musik ist anstrengend. Neuro- und Musikwissenschaftler erforschen, warum die Klänge von Schönberg, Stockhausen und Cage nur eine Minderheit begeistern.

Jetzt gibt's was auf die Lauscher: Der moderne Komponist Karlheinz Stockhausen überfordert den Zuhörer mit seiner Musik

Jetzt gibt's was auf die Lauscher: Der moderne Komponist Karlheinz Stockhausen überfordert den Zuhörer mit seiner Musik

In 50 Jahren werde man seine Musik auf der Straße pfeifen, soll der Komponist Arnold Schönberg Anfang des 20. Jahrhunderts gesagt haben. Unbegründet war diese Hoffnung ja nicht: Auch ein Neuerer wie Beethoven war zunächst auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen, bevor Freude schöner Götterfunken zum Welthit wurde.

Schönberg aber ist seit 58 Jahren tot, und seine Zwölftonserien haben ebenso wenig einen Eingang in die populäre Kultur gefunden wie die elektronischen Experimente Karlheinz Stockhausens oder die Geräuschcollagen von Pierre Henry.

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Die Neue Musik ist einsam alt geworden, die Zeitgenossen der »zeitgenössischen klassischen Musik« sterben langsam aus. Das spärliche Publikum, das oft nur ein Konzert besucht, weil es zum Abonnement gehört, sitzt dieser Musik häufig verständnislos gegenüber. Fast jeder kennt den »Hurz«-Sketch von Hape Kerkeling, der sich über den tiefen Graben zwischen Musikern und einem Publikum lustig macht, das offenbar jeden Nonsens als Kunst akzeptiert.

Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?

An diesem Wochenende wird in Kempten im Allgäu über diese Frage diskutiert – unter Beteiligung der Wissenschaft. Beim Zeitklänge-Festival wird Neue Musik gespielt, parallel dazu schildern Musikwissenschaftler, Hirnforscher und Philosophen ihre Sicht auf das Phänomen. Und tatsächlich können neuere Forschungserkenntnisse einiges zur Klärung beitragen.

Anders als man vielleicht erwarten könnte, geht es in solchen Debatten nur selten um absolute Eigenschaftn der Musik, etwa ob moderne Klänge nun »dissonant« oder »nicht harmonisch« sind. Das wäre zu kurz gegriffen und krankte schon daran, dass Konsonanz und Dissonanz schwer zu definieren sind.

Der seit Pythagoras’ Zeiten unternommene Versuch, angenehme musikalische Klänge auf ganzzahlige Frequenzverhältnisse der Töne zurückzuführen, ist schon mathematisch zum Scheitern verurteilt. Außereuropäische Kulturen beweisen schließlich, dass unsere westliche Tonskala genauso wenig naturgegeben ist wie eine auf Dur und Moll beruhende Harmonik: Die indonesische Gamelan-Musik und Indiens Raga-Skalen klingen für europäische Ohren schräg.

Erst in den vergangenen Jahren haben die deutschen Forscher Gerald Langner und Martin Ebeling eine komplizierte mathematische Theorie der Konsonanz entwickelt, die sich an tatsächlichen Vorgängen im Gehirn überprüfen lässt. »Aber selbst wenn man diese Konsonanztheorie einbezieht, ist deshalb die moderne Musik nicht ad absurdum geführt«, sagt der Flensburger Musikwissenschaftler Herbert Bruhn.

Zwar zeigen schon Babys eine Vorliebe für angenehme Klänge, aber im Lauf unseres Lebens hören wir mit Freude auch Musik, in der es von Dissonanzen wimmelt, Bachs harmonische Spielereien etwa oder die teils schräge Lautmalerei der Romantik. Die Forscher staunen, wie plastisch unser Gehirn ist – es kann sich in die unterschiedlichsten Musikstile »hineinhören« und verändert sich dabei ständig.

Zwei Erklärungen haben die Hirnforscher für diese offensichtliche Vielfalt: Erstens das »statistische Lernen«, mit dem wir die verschiedenen musikalischen Stilrichtungen ähnlich in uns aufnehmen wie eine neue Sprache. Zweitens das Spiel mit der Erfüllung oder Enttäuschung von Erwartungen, an dem Homo sapiens offenbar ein großes Vergnügen hat.

Statistisches Lernen findet statt, wenn wir aus wiederkehrenden Sinneseindrücken Regeln und Muster extrahieren, ohne dass uns diese jemand ausdrücklich erklärt. Ein Kleinkind, das sprechen lernt, hat gar keine andere Chance: Es muss aus den Sprachlauten, die auf es einströmen, zunächst diejenigen herausdestillieren, die seiner Muttersprache eigen sind (das Deutsche verfügt über einen anderen Vorrat als das Englische).

Als Nächstes gilt es, den kontinuierlichen Strom von Lauten in sinnvolle Abschnitte zu unterteilen, also in Silben, Wörter und Sätze. Das macht unser Gehirn automatisch, indem es diejenigen Laute und Kombinationen bevorzugt, die es besonders häufig hört.

Genauso lernen wir Musik, indem wir zunächst aus den vielen möglichen Tonskalen diejenige isolieren, die in unserer Kultur vorherrscht – eine Prägung, die wir praktisch nicht mehr ablegen können. Besonders gut ist das Gehirn darin, sich kleine melodische Elemente zu merken – etwa eine musikalische Phrase, die später im Stück wiederauftaucht. Das Wiedererkennen ist ein Erfolgserlebnis, das uns Musik verstehen lässt.

Just solche Erfolgserlebnisse enthält die Neue Musik dem Hörer vor. Die Zwölftonkomponisten im Gefolge von Schönberg etwa verlangten, dass in einer sogenannten Reihe alle zwölf Töne der westlichen Skala vorkommen mussten, bevor der erste wiederholt werden durfte. Diese Reihe wurde dann um ein paar Töne verschoben, rückwärts gespielt oder gespiegelt. Solche Figuren zu erkennen gleicht dem Kunststück, sich eine zwölfstellige Telefonnummer nicht nur auf der Stelle zu merken, sondern sie auch noch wiederzuerkennen, nachdem zu jeder Ziffer vier hinzuaddiert wurden. Psychologische Experimente haben gezeigt, dass nur sehr erfahrene Fans dieses Musikgenres, die sich jahrelang damit beschäftigt haben, dazu in der Lage sind. Das Kurzzeitgedächtnis der meisten Menschen ist schlicht überfordert.

Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bezeichnet das als das Paradox der Neuen Musik: »Wir können Neue Musik besser verstehen, wenn wir sie häufiger hören – sie ist aber so komponiert, dass sie die meisten Menschen nicht dazu anreizt, sie häufiger zu hören.« Die Spezialisten verstünden oft gar nicht, warum das Publikum mit Ablehnung reagiere – ihr eigenes Gehirn aber sei schon lange darauf trainiert, die entsprechenden Muster zu erkennen.

Lassen uns Schönberg, Stockhausen und Co. also kalt, weil wir von Kinderliedern und Radiopop auf simple Musikmuster geeicht worden sind? Das allein ist noch keine Erklärung. Denn es gibt auch andere hochkomplexe Musikrichtungen, von Bachs Fugen bis zum modernen Jazz, die zunächst fremd klingen, aber doch faszinierend genug sind, um auch ein Laienpublikum anzuziehen. Warum schafft das die Neue Musik nicht? Da kommt das Spiel mit Erwartungen zum Zuge, an dem unser Gehirn eine regelrechte Lust empfindet und das die modernen Komponisten ihm erschweren – und zwar geradezu systematisch.

Musik läuft in der Zeit ab. Deshalb trainieren wir an ihr unseren »Zukunftssinn«, wie es der Musikpsychologe David Huron ausdrückt. In unserer Evolution war es wichtig, dass wir ständig von der Gegenwart auf die Zukunft schließen konnten. Wer weiß, dass ein gewisses Geräusch im Busch darauf schließen lässt, dass gleich der Säbelzahntiger hervorbricht, der kann es leichter vermeiden, gefressen zu werden.

Je besser diese Prognosefähigkeit, umso größer die Überlebenschancen. Deshalb sind wir beruhigt und zufrieden, wenn unsere Vorhersagen eintreffen, und reagieren unruhig, manchmal sogar panisch, wenn Prognosen danebengehen. Musik, sagt Huron, sei eine Art Trockenübung für diesen Zukunftssinn – wir schärften an ihr unsere Fähigkeit zur Vorhersage, ohne bei Versagen wirklich schlimme Konsequenzen befürchten zu müssen.

Die musikalische Überraschung löst keine Panik aus, trotzdem ist sie in den Hirnströmen zu messen. Der Musikforscher Stefan Koelsch, der heute in Brighton lehrt, wies am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erstmals nach, dass schon geringe Verletzungen der westlichen Musik-»Grammatik« zu messbaren Ausschlägen der Hirnaktivität führen – und das sogar bei Laien, die sich selbst für unmusikalisch hielten.

Fesselnde Musik zeichnet sich dadurch aus, dass sie einerseits die Erwartungen unseres Zukunftssinns erfüllt, diese dann aber immer wieder gezielt verletzt und uns so in Erregung versetzt. Völlig erwartbare Musik ist langweilig, völlig unerwartbare Töne werden gar nicht als Musik wahrgenommen, sondern nur als fremder Klang. Und der macht keinen Spaß. »Wir können keine Musik machen«, schreibt David Huron, »die nicht die Maschinerie des menschlichen Vergnügens anspricht, und erwarten, dass die Menschen die Musik auf irgendeine mysteriöse Art und Weise unwiderstehlich finden.«

»Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine Zwölftonserie wiedererkenne«

Gerade dieses »Lustprinzip« aber war vielen Neutönern ein Dorn im Auge, insbesondere dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich auch als Musiktheoretiker einen Namen gemacht hat. Ihm war alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst, er wetterte (unqualifiziert) gegen die Emotionalität der Jazzmusik und erwartete von der Musik ständige »Innovation«.

Solchen Kriterien mögen die modernen Klänge mühelos entsprechen. Aber sind sie im Umkehrschluss prinzipiell lustfrei, eine rein intellektuelle Spielerei? Wer sich erst einmal in sie hineingehört hat, der kann von ihnen durchaus emotional berührt werden. »Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-)Serie wiedererkenne«, sagt Eckart Altenmüller. »Aber das liegt daran, dass ich über Jahrzehnte Neue Musik geübt habe. Von meiner Sekretärin würde ich das nicht unbedingt erwarten.« Die Sekretärin bestätigt das uneingeschränkt.

In ihrem ständigen Streben nach Innovation, nach neuen Klängen hängen die Komponisten das breite Publikum ab – eine seltsame Eigenheit der westlichen klassischen Musik. Während bei anderen Kulturen und Stilrichtungen das Bestehende auf immer neue Weise, oft mit improvisatorischen Elementen, variiert wird, herrscht bei der »ernsten« Musik dieser seltsame Widerspruch: Zwar wird die Musik der Meister früherer Jahrhunderte immer noch peinlich genau aufgeführt, würde aber ein moderner Komponist die Töne in Mozartscher Manier setzen, er sähe sich sofort dem Kitschvorwurf ausgesetzt.

»Mozart und Bach haben die mitteleuropäische Musik bis zum Äußersten ausgeschöpft«, sagt Herbert Bruhn. Da dem nichts mehr hinzuzufügen sei, lande man automatisch irgendwann bei der experimentellen Klassik – die sich genötigt gesehen habe, alle melodischen und harmonischen Strukturen aufzulösen.

Der britische Musikwissenschaftler John Sloboda sieht den Grund für die mangelnde Akzeptanz experimenteller Musik nicht nur in ihrer avantgardistischen Struktur, sondern vor allem im sozialen Umgang mit ihr.

Sloboda zieht den Vergleich zur bildenden Kunst: In einem Museum habe der Besucher die freie Entscheidung, welches Bild er sich wie lange anschaue, er könne mit Freunden darüber diskutieren oder zwischendurch einen Kaffee trinken, um seine Eindrücke zu verarbeiten. »Aber wenn Sie in einen Konzertsaal gehen, ist das wie im Gefängnis.« Der Zuhörer sei über Stunden an seinen Sitz gefesselt, regungslos und stumm, während andere über das Programm bestimmten. »Das moderne Publikum findet das zunehmend unakzeptabel.«

Abstrakte Bilder schauen wir an – auch atonale Musik müssen wir sehen

Hilft die Form der Darbietung uns vielleicht, das schwer Verdaubare besser zu hören? Begeistert erzählt Sloboda von einer sehr erfolgreichen Aufführung moderner Musik in einem Museum in Manchester. Die Zuhörer konnten zwischen mehreren Bühnen und Räumen hin und her spazieren – und blieben nur dann, wenn sie wirklich ergriffen waren. In dieser Situation hätten Emotionen zwischen Musikern und Publikum endlich frei fließen können.

Fans der Neuen Musik wie Altenmüller betonen, dass das Live-Erlebnis zum Verstehen sperriger Klangwelten beitrage. Dabei komme eine weitere Stärke unseres Gehirns zum Tragen – die Empathie, das Vermögen, sich in die Gefühlswelt des Gegenübers hineinzuversetzen.

»Durch die Ausdrucksgesten, durch Haltung, Atmung und Bewegung, kurz durch den agierenden, sich mit dem Werk auseinandersetzenden Interpreten« würden die Stücke verstehbar. Das bestätigt auch Herbert Bruhn: »Auf CD höre ich mir diese Musik nicht an – das Auge hört einfach mit.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Meine Frau und ich hören zeitgenössige Musik mit gleichem Genuss wie unsere Nachbarn Mozart oder Rummdada.
    In den Medien und überall wird es den Leuten aus geredet. Hören Sie doch nur mal, was in den Medien von früh bis spät so rüber kommt.

    Meine erste Zwölftonmusik war Schönberg: Moses und Aron, ich war so gebannt und habe gar nicht gemerkt.

    Generationen von Deutschlehren haben ihren Schülern, die auch wieder Deutschlehrer wurden, eingeredet, der Faust 2 sei schwer verständlich.
    Das Ergebnis kennen wir.

  2. 2.

    es gibt ein grundlegendes mißverständnis bei zwölftonmusik:
    zwar sind die regeln relativ streng, doch selbst schönberg gönnt sich öfter als man denkt ausnahmen in denen er von diesen regeln, die er im übrigen erst sehr spät in seinem leben aufgestellt hat, abweicht.
    übergeordnetes ziel es es aber nach wie vor musik zu machen die die zuhörer ergreift.
    dahingehend ist der artikel leider ungenau. adorno wird erwähnt, es bleibt den laien auf diesem gebiet allerdings unklar das dieser sich mit serieller musik beschäftigte, in der wiederum sehr streng auf die regeln geachtet wird, und unter deren vertretern viele mit schönberg "unzufrieden" waren.

    was ich dagegen bedauerlich finde ist die äußerung von herrn bruhn, er höre sich diese musik auf die cd nicht an. dann hat er die schönheit dieser musik nicht begriffen oder kann sie nicht begreifen weil er was falsches von ihr erwartet. (eine bestimmte) musik nur dann als interessant zu empfinden wenn gleichzeitig auch die visuellen reize stimuliert werden lasse ich persönlich nur dann gelten wenn diese personen sich vorher nie mit dieser musik beschäftigt haben und einen gewissen grad der musikalischen ungebildetheit aufweisen. so z.b. bei freunden die vorwiegend hip-hop hören und dann mit mir auf eine jazzsession gehen und entdecken wie sehr die jazzer in ihrer musik aufgehen und welche hohe kunst dort eigentlich praktiziert wird.

    als anwalt der zwöftonmusik hätte ich mir jemand kompetenteren als herrn bruhn gewünscht.

  3. Ja, der Artikel schlägt in eine alte Bresche. Der Autor behauptet nicht zu Unrecht, dass die Hörtradition den Neuen Musiker behindert, gleichzeitig weist er nach, die abstrakte museale Kunst sei irgendwie angesagter als die musikalische.

    Ich habe viele Freunde, die Neue Musik komponieren, und entweder sie nörgeln an dem ungebildeten Publikum herum - es artet bald in Dekadenz und Arroganz aus -, oder sie bemängeln die Berichterstattung von Massenmedien wie Die Zeit, oder sie fürchten arbeitslos zu werden, wenn sie sich für Gamelan interessieren.

    Auf Traditionen allein würde ich Mode nicht zurückführen, das ist zu einfach gedacht. Immerhin sorgt manche westliche Neue Musik bei asiatischen Künstlern für das gleiche Unverständnis wie bei uns. Nach Jahren der Beobachtung glaube ich eher, gründet sich das Desinteresse der Bevölkerung an Neuer Musik in zwei Fragen.

    Wer vermittelt mir diese Musik? Die Neue Musik wird heutzutage sehr stark subventioniert, sie ist ein Luxusgut, das kaum gehört wird, außer in Horrorfilmen. Es gibt, und ich mag mich täuschen, in Deutschland gerade mal zwei größere Festivals und zweihundert Komponisten. Sie hat den Anspruch einer elitären Musik für elitäre Kreise.

  4. Und die zweite, viel wichtigere Frage könnte lauten: Wie spiele ich dieses technisches Repertoire? Neue Musiker wie John Adams oder Philip Glass sind schließlich angesagter als ein Schönberg oder Stockhausen oder gar Bartok. Einige polnische Komponisten schufen recht interessante Requien. Sie sind bei Aufführungen beliebter als ein der abstrakte Schönberg. Und hier würde ich ansetzen: Abstraktion.

    Abstrakte Medien oder Kunst oder Sprachen sind kraftzehrend. Allein mit der öffentlichen oder privaten Tradition lässt sich das Zehrende einer brechenden Technik nicht erörtern. Nun ging der Artikelautor auf die Facetten der Neuen Musik nicht ein, aber Neue Musik ist sehr vielschichtig: es besteht ein großer Unterschied zwischen Stockhausen und einem Adams. Abstrakte Malerei verkauft sich nicht gut. Wenn Museen mit reinen abstrakten Gemälden, sagen wir, der 50er behangen werden, sind sie unterbesucht; wenn heutige Maler auf abstrakte Malerei ausweichen, werden sie arm, also verlegen sie sich auf gegenständlichere. Wie weit das gehen kann, sieht man gut bei Poesie, die weit über das eher klassische Sprachträllern eines Goethe hinaus gehend, sofort auf Unverständnis oder Kopfschütteln stößt. Wenn manche Neue Musiker sich als abstrakte Künstler verstehen, ist das gut; aber sie müssen die Konsequenzen tragen, wie jeder nicht-gegenständliche Maler oder Schriftsteller oder Medienmensch. So ein Adams komponiert gegenständlicher und mit anderen Instrumenten, oder: er setzt sie heiterer ein

  5. Ein Adorno, den ich im übrigen für überbewertet halte, hat möglicherweise ein angespanntes Verhältnis zu Publikum und Kultur gehabt. Tragisch ist wahrscheinlich, dass die kompositorische Tradition innerhalb der Szene der Neuen Musik von Leuten wie ihm getragen wird oder wurde. Nicht wenige meiner Bekannten fürchten nicht ernst genommen zu werden, in einer ernsten Musik wie der Neuen Musik, so sie. Man muss sich das einmal vorstellen, welche alberne Sorgen sie damit ausdrücken, und, ja leider, wie ängstlich hinwieder ihre Kunst werden muss hierdurch. Dass die heutige Filmmusik ohne Neue Musik undenkbar ist, zeigt, dass da ein Publikum mit ihr arbeiten kann, wenn sie ihrer Komplexität kontextualisiert wird. Die naive Vorstellung, man solle sich sein Publikum erziehen, lehne ich ab. Wahrscheinlich blenden manche so genannten Neuen Musiker den Kontext ihrer Musik aus. In einem Saal ist wenig da, außer dem Saal, ganz anders beim Film, wo sie funktioniert. Usw.

    (Dass hier Kommentare beschnitten werden, wusste ich nicht.)

  6. Was mich – ZEIT-Abonnent seit vielen Jahren – nach Lektüre des Artikels außerdem beschäftigt: Wieso hat niemand aus der Redaktion den sonst geschätzten Autor vor dieser Peinlichkeit bewahrt? Reden denn die Ressorts der ZEIT nicht miteinander?

    Das Feuilleton hätte den Verfasser doch darüber aufklären können, was es auf sich hat mit der nun schon über hundert Jahre alten Neuen Musik („Ich fühle Luft von anderem Planeten“) und der zeitgenössischen „klassischen“, also komponierten Musik in ihrer ganzen Vielfalt.

    Im übrigen: „Stimmt's?“, dass, um nur zwei Leuchttürme zu nennen, Wolfgang Rihm weniger Erfolg hat beim Publikum als Gerhard Richter? Was ist der Maßstab? Dass Rihm vermutlich weniger verdient?

    Schließlich: wollen wir wirklich verzichten auf Musik, die Stille zur Voraussetzung hat? Gerade etwa Claus Spahn hätte doch wohl zu diesem Thema (Konzertsaal: „wie im Gefängnis“) einiges zu sagen.

    Offenbar aber haben „Säbelzahntiger“ und „Hirnforschung“ auch in der Redaktion der ZEIT eine intellektuelle Schockstarre ausgelöst.Wie so oft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Kommentare sind - von aussen betrachtet - selbst peinlich: Sie sehen eher aus wie Trotzreaktionen der Anhänger der "alten" neuen (deutschen) Musik nach der Mantra: "Was nicht sein darf nicht sein kann".
    Man kann der Neurologie (noch) mangelnde Tiefe vorwerfen, auch hochmodische leichte Akzeptanz - aber ignorieren kann man sie nicht.

    Von einem Philip Glass Freund.

    Die Kommentare sind - von aussen betrachtet - selbst peinlich: Sie sehen eher aus wie Trotzreaktionen der Anhänger der "alten" neuen (deutschen) Musik nach der Mantra: "Was nicht sein darf nicht sein kann".
    Man kann der Neurologie (noch) mangelnde Tiefe vorwerfen, auch hochmodische leichte Akzeptanz - aber ignorieren kann man sie nicht.

    Von einem Philip Glass Freund.

  7. 7. Es ist

    in der Musik wie in der Malerei wie in der Bildhauerei, wie...
    Ich habe von Picasso den Satz irgendwann irgendwo aufgeschnappt: (..sinngemäß) Jedes meiner Bilder hat einen "Aufhänger" in der gegenwärtigen Konvention. Damit fange ich den Betrachter und führe ihn zu meinen Gedanken und Sichtweisen.

    Dasselbe geschieht in der Musik: Man kann den Zuhörer durch Zugeständnisse an gegenwärtige Hörgewohnheiten Vertrauen fassen lassen um dan die Reise in das eigentlich Gemeinte mit ihm, dem Höerer anzutreten.

    Warum nicht aus der Not eine Tugend machen und in der Art den Alten die Reverenz erweisen.

    ...meint ein Stoffele

  8. Positivismus reloaded

    Was Herr Drösser hier betreibt, ist Ausdruck des Amusischen schlechthin, mit Adorno gesprochen der „Schulfall von Banauserie“ im Verhalten gegenüber Kunstwerken. Es werden in Drössers Text Dinge gekoppelt, die strukturell kaum zusammengehören. Naturwissenschafliche, neurologische Reiz-Reaktions-Übungen sagen nichts über die ästhetische Qualität eines Kunstwerkes aus, und es läßt sich mit Besucherzahlen nicht über das ästhetisches Gemachtsein und die Verfaßtheit eines ästhetischen Gebildes urteilen. (99,8 Prozent für die SED haben schließlich auch nicht die Beliebtheit der DDR in der Bevölkerung widergespiegelt.)

    Drösser Sätze zu Adorno sagen leider mehr über ihn selber und sein Verständnis von Kunstphilosophie als über Adornos Konzept von Ästhetik aus.

    Diese Art von „Biologismus“, wie Drösser sie pflegt, scheint momentan jedoch populär, um bestimmte Bereiche wegzupflügen. Stichwort sei etwa die Willensfreiheit. Ich möchte einmal den umgekehrten Fall erleben, daß ein Geisteswissenschaftler behauptet, die binomischen Formeln seien der Ausdruck frühkapitalistischer Produktionsweisen und nichts sonst. Das Geschrei und das An-die-Stirn-tippen wären groß.

    PS: Ich weiß wohl, daß man das nicht macht und derart für sich wirbt. Ich habe mir jedoch erlaubt, auf meinem Blog „Aisthesis“ bei Wordpress eine ausführliche polemische Entgegnung zu diesem Artikel von Drösser zu schreiben.

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