Neue Musik Zu schräg für unser Gehirn
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Abstrakte Bilder schauen wir an – auch atonale Musik müssen wir sehen

Abstrakte Bilder schauen wir an – auch atonale Musik müssen wir sehen

Hilft die Form der Darbietung uns vielleicht, das schwer Verdaubare besser zu hören? Begeistert erzählt Sloboda von einer sehr erfolgreichen Aufführung moderner Musik in einem Museum in Manchester. Die Zuhörer konnten zwischen mehreren Bühnen und Räumen hin und her spazieren – und blieben nur dann, wenn sie wirklich ergriffen waren. In dieser Situation hätten Emotionen zwischen Musikern und Publikum endlich frei fließen können.

Fans der Neuen Musik wie Altenmüller betonen, dass das Live-Erlebnis zum Verstehen sperriger Klangwelten beitrage. Dabei komme eine weitere Stärke unseres Gehirns zum Tragen – die Empathie, das Vermögen, sich in die Gefühlswelt des Gegenübers hineinzuversetzen.

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»Durch die Ausdrucksgesten, durch Haltung, Atmung und Bewegung, kurz durch den agierenden, sich mit dem Werk auseinandersetzenden Interpreten« würden die Stücke verstehbar. Das bestätigt auch Herbert Bruhn: »Auf CD höre ich mir diese Musik nicht an – das Auge hört einfach mit.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Meine Frau und ich hören zeitgenössige Musik mit gleichem Genuss wie unsere Nachbarn Mozart oder Rummdada.
    In den Medien und überall wird es den Leuten aus geredet. Hören Sie doch nur mal, was in den Medien von früh bis spät so rüber kommt.

    Meine erste Zwölftonmusik war Schönberg: Moses und Aron, ich war so gebannt und habe gar nicht gemerkt.

    Generationen von Deutschlehren haben ihren Schülern, die auch wieder Deutschlehrer wurden, eingeredet, der Faust 2 sei schwer verständlich.
    Das Ergebnis kennen wir.

  2. 2.

    es gibt ein grundlegendes mißverständnis bei zwölftonmusik:
    zwar sind die regeln relativ streng, doch selbst schönberg gönnt sich öfter als man denkt ausnahmen in denen er von diesen regeln, die er im übrigen erst sehr spät in seinem leben aufgestellt hat, abweicht.
    übergeordnetes ziel es es aber nach wie vor musik zu machen die die zuhörer ergreift.
    dahingehend ist der artikel leider ungenau. adorno wird erwähnt, es bleibt den laien auf diesem gebiet allerdings unklar das dieser sich mit serieller musik beschäftigte, in der wiederum sehr streng auf die regeln geachtet wird, und unter deren vertretern viele mit schönberg "unzufrieden" waren.

    was ich dagegen bedauerlich finde ist die äußerung von herrn bruhn, er höre sich diese musik auf die cd nicht an. dann hat er die schönheit dieser musik nicht begriffen oder kann sie nicht begreifen weil er was falsches von ihr erwartet. (eine bestimmte) musik nur dann als interessant zu empfinden wenn gleichzeitig auch die visuellen reize stimuliert werden lasse ich persönlich nur dann gelten wenn diese personen sich vorher nie mit dieser musik beschäftigt haben und einen gewissen grad der musikalischen ungebildetheit aufweisen. so z.b. bei freunden die vorwiegend hip-hop hören und dann mit mir auf eine jazzsession gehen und entdecken wie sehr die jazzer in ihrer musik aufgehen und welche hohe kunst dort eigentlich praktiziert wird.

    als anwalt der zwöftonmusik hätte ich mir jemand kompetenteren als herrn bruhn gewünscht.

  3. Ja, der Artikel schlägt in eine alte Bresche. Der Autor behauptet nicht zu Unrecht, dass die Hörtradition den Neuen Musiker behindert, gleichzeitig weist er nach, die abstrakte museale Kunst sei irgendwie angesagter als die musikalische.

    Ich habe viele Freunde, die Neue Musik komponieren, und entweder sie nörgeln an dem ungebildeten Publikum herum - es artet bald in Dekadenz und Arroganz aus -, oder sie bemängeln die Berichterstattung von Massenmedien wie Die Zeit, oder sie fürchten arbeitslos zu werden, wenn sie sich für Gamelan interessieren.

    Auf Traditionen allein würde ich Mode nicht zurückführen, das ist zu einfach gedacht. Immerhin sorgt manche westliche Neue Musik bei asiatischen Künstlern für das gleiche Unverständnis wie bei uns. Nach Jahren der Beobachtung glaube ich eher, gründet sich das Desinteresse der Bevölkerung an Neuer Musik in zwei Fragen.

    Wer vermittelt mir diese Musik? Die Neue Musik wird heutzutage sehr stark subventioniert, sie ist ein Luxusgut, das kaum gehört wird, außer in Horrorfilmen. Es gibt, und ich mag mich täuschen, in Deutschland gerade mal zwei größere Festivals und zweihundert Komponisten. Sie hat den Anspruch einer elitären Musik für elitäre Kreise.

  4. Und die zweite, viel wichtigere Frage könnte lauten: Wie spiele ich dieses technisches Repertoire? Neue Musiker wie John Adams oder Philip Glass sind schließlich angesagter als ein Schönberg oder Stockhausen oder gar Bartok. Einige polnische Komponisten schufen recht interessante Requien. Sie sind bei Aufführungen beliebter als ein der abstrakte Schönberg. Und hier würde ich ansetzen: Abstraktion.

    Abstrakte Medien oder Kunst oder Sprachen sind kraftzehrend. Allein mit der öffentlichen oder privaten Tradition lässt sich das Zehrende einer brechenden Technik nicht erörtern. Nun ging der Artikelautor auf die Facetten der Neuen Musik nicht ein, aber Neue Musik ist sehr vielschichtig: es besteht ein großer Unterschied zwischen Stockhausen und einem Adams. Abstrakte Malerei verkauft sich nicht gut. Wenn Museen mit reinen abstrakten Gemälden, sagen wir, der 50er behangen werden, sind sie unterbesucht; wenn heutige Maler auf abstrakte Malerei ausweichen, werden sie arm, also verlegen sie sich auf gegenständlichere. Wie weit das gehen kann, sieht man gut bei Poesie, die weit über das eher klassische Sprachträllern eines Goethe hinaus gehend, sofort auf Unverständnis oder Kopfschütteln stößt. Wenn manche Neue Musiker sich als abstrakte Künstler verstehen, ist das gut; aber sie müssen die Konsequenzen tragen, wie jeder nicht-gegenständliche Maler oder Schriftsteller oder Medienmensch. So ein Adams komponiert gegenständlicher und mit anderen Instrumenten, oder: er setzt sie heiterer ein

  5. Ein Adorno, den ich im übrigen für überbewertet halte, hat möglicherweise ein angespanntes Verhältnis zu Publikum und Kultur gehabt. Tragisch ist wahrscheinlich, dass die kompositorische Tradition innerhalb der Szene der Neuen Musik von Leuten wie ihm getragen wird oder wurde. Nicht wenige meiner Bekannten fürchten nicht ernst genommen zu werden, in einer ernsten Musik wie der Neuen Musik, so sie. Man muss sich das einmal vorstellen, welche alberne Sorgen sie damit ausdrücken, und, ja leider, wie ängstlich hinwieder ihre Kunst werden muss hierdurch. Dass die heutige Filmmusik ohne Neue Musik undenkbar ist, zeigt, dass da ein Publikum mit ihr arbeiten kann, wenn sie ihrer Komplexität kontextualisiert wird. Die naive Vorstellung, man solle sich sein Publikum erziehen, lehne ich ab. Wahrscheinlich blenden manche so genannten Neuen Musiker den Kontext ihrer Musik aus. In einem Saal ist wenig da, außer dem Saal, ganz anders beim Film, wo sie funktioniert. Usw.

    (Dass hier Kommentare beschnitten werden, wusste ich nicht.)

  6. Was mich – ZEIT-Abonnent seit vielen Jahren – nach Lektüre des Artikels außerdem beschäftigt: Wieso hat niemand aus der Redaktion den sonst geschätzten Autor vor dieser Peinlichkeit bewahrt? Reden denn die Ressorts der ZEIT nicht miteinander?

    Das Feuilleton hätte den Verfasser doch darüber aufklären können, was es auf sich hat mit der nun schon über hundert Jahre alten Neuen Musik („Ich fühle Luft von anderem Planeten“) und der zeitgenössischen „klassischen“, also komponierten Musik in ihrer ganzen Vielfalt.

    Im übrigen: „Stimmt's?“, dass, um nur zwei Leuchttürme zu nennen, Wolfgang Rihm weniger Erfolg hat beim Publikum als Gerhard Richter? Was ist der Maßstab? Dass Rihm vermutlich weniger verdient?

    Schließlich: wollen wir wirklich verzichten auf Musik, die Stille zur Voraussetzung hat? Gerade etwa Claus Spahn hätte doch wohl zu diesem Thema (Konzertsaal: „wie im Gefängnis“) einiges zu sagen.

    Offenbar aber haben „Säbelzahntiger“ und „Hirnforschung“ auch in der Redaktion der ZEIT eine intellektuelle Schockstarre ausgelöst.Wie so oft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Kommentare sind - von aussen betrachtet - selbst peinlich: Sie sehen eher aus wie Trotzreaktionen der Anhänger der "alten" neuen (deutschen) Musik nach der Mantra: "Was nicht sein darf nicht sein kann".
    Man kann der Neurologie (noch) mangelnde Tiefe vorwerfen, auch hochmodische leichte Akzeptanz - aber ignorieren kann man sie nicht.

    Von einem Philip Glass Freund.

    Die Kommentare sind - von aussen betrachtet - selbst peinlich: Sie sehen eher aus wie Trotzreaktionen der Anhänger der "alten" neuen (deutschen) Musik nach der Mantra: "Was nicht sein darf nicht sein kann".
    Man kann der Neurologie (noch) mangelnde Tiefe vorwerfen, auch hochmodische leichte Akzeptanz - aber ignorieren kann man sie nicht.

    Von einem Philip Glass Freund.

  7. 7. Es ist

    in der Musik wie in der Malerei wie in der Bildhauerei, wie...
    Ich habe von Picasso den Satz irgendwann irgendwo aufgeschnappt: (..sinngemäß) Jedes meiner Bilder hat einen "Aufhänger" in der gegenwärtigen Konvention. Damit fange ich den Betrachter und führe ihn zu meinen Gedanken und Sichtweisen.

    Dasselbe geschieht in der Musik: Man kann den Zuhörer durch Zugeständnisse an gegenwärtige Hörgewohnheiten Vertrauen fassen lassen um dan die Reise in das eigentlich Gemeinte mit ihm, dem Höerer anzutreten.

    Warum nicht aus der Not eine Tugend machen und in der Art den Alten die Reverenz erweisen.

    ...meint ein Stoffele

  8. Positivismus reloaded

    Was Herr Drösser hier betreibt, ist Ausdruck des Amusischen schlechthin, mit Adorno gesprochen der „Schulfall von Banauserie“ im Verhalten gegenüber Kunstwerken. Es werden in Drössers Text Dinge gekoppelt, die strukturell kaum zusammengehören. Naturwissenschafliche, neurologische Reiz-Reaktions-Übungen sagen nichts über die ästhetische Qualität eines Kunstwerkes aus, und es läßt sich mit Besucherzahlen nicht über das ästhetisches Gemachtsein und die Verfaßtheit eines ästhetischen Gebildes urteilen. (99,8 Prozent für die SED haben schließlich auch nicht die Beliebtheit der DDR in der Bevölkerung widergespiegelt.)

    Drösser Sätze zu Adorno sagen leider mehr über ihn selber und sein Verständnis von Kunstphilosophie als über Adornos Konzept von Ästhetik aus.

    Diese Art von „Biologismus“, wie Drösser sie pflegt, scheint momentan jedoch populär, um bestimmte Bereiche wegzupflügen. Stichwort sei etwa die Willensfreiheit. Ich möchte einmal den umgekehrten Fall erleben, daß ein Geisteswissenschaftler behauptet, die binomischen Formeln seien der Ausdruck frühkapitalistischer Produktionsweisen und nichts sonst. Das Geschrei und das An-die-Stirn-tippen wären groß.

    PS: Ich weiß wohl, daß man das nicht macht und derart für sich wirbt. Ich habe mir jedoch erlaubt, auf meinem Blog „Aisthesis“ bei Wordpress eine ausführliche polemische Entgegnung zu diesem Artikel von Drösser zu schreiben.

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