Barack Obama Die Ohnmacht des Mächtigsten

Barack Obamas Feinde halten ihn für einen Vaterlandsverräter. Freunde finden ihn zu weich. In Wahrheit ist es der Abstieg Amerikas, der ihm zu schaffen macht. Von Jan Ross.

Barack Obama: Ein Nobelpreisträger, der sich nicht freuen darf

Barack Obama: Ein Nobelpreisträger, der sich nicht freuen darf

Nun muss er aber endlich »liefern«! Der Friedensnobelpreis hat eine lange rumorende Obama-Kritik offen zum Ausbruch gebracht – den Vorwurf, er sei bloß ein Schönredner und Ankündigungspräsident, ein uneingelöstes Versprechen, ein weltpolitischer Feuilletonist. Hat er überhaupt bereits etwas geleistet? Schlimmer: Ist seine Ohnmacht, die Vergeblichkeit seiner Nettigkeitsoffensive, nicht längst erwiesen – durch sture israelische Siedler, pokernde iranische Atom-Mullahs, kriegsmüde Europäer und das Internationale Olympische Komitee, die ihn alle auf ihre Art auflaufen lassen?

Die neue Unzufriedenheit mit Barack Obama drängt aus allen Richtungen auf ihn ein. Auf der Seite der globalen Linken gibt es eine radikale Fraktion, für die Barack Obama nie genug leisten wird an amerikanischer Zerknirschung und Selbstkorrektur. Der Friedensnobelpreis für einen Mann, der den Krieg in Afghanistan zu einem Schlüsselprojekt seiner Präsidentschaft gemacht hat? Eine »Verhöhnung der Menschenrechte« – so kommentierte man in der venezolanischen Regierung von Hugo Chávez den Nobelpreis, und im ebenfalls neosozialistisch regierten Bolivien gilt Obama trotz mancher Fortschritte als »Gefangener eines imperialen Systems«.

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Doch die eigentlichen Hasskanonaden kommen von rechts und aus den Vereinigten Staaten selbst. »Obama hält Reden«, so der schreihalsige, aber einflussreiche Radio-Talkmaster Rush Limbaugh, »in denen er sein Land in die Tonne tritt – und er kriegt einen Preis dafür.« Limbaughs Rekonstruktion der Botschaft, die das Nobelpreiskomitee an den Präsidenten richtet: »Es gefällt uns, was du da tust; du zerstörst dein Land als Supermacht. Weiter so, Junge!« Obama, so Limbaugh weiter, »enteiert sein Land«, und das mögen die elitären, edel-waschlappigen Europäer, die die Auszeichnung vergeben und in der internationalen Szene den Ton bestimmen: »Sie lieben ein geschwächtes, kastriertes Amerika, und das ist ihre Art, die Idee zu propagieren.«

Das ist nicht einfach enthemmtes, exzentrisches Gerede. Dass Obamas Politik zum Niedergang der Vereinigten Staaten aktiv beiträgt, wird auf der amerikanischen Rechten zur festen, immer liebevoller ausgepinselten Überzeugung. Der Publizist Charles Krauthammer, ein Vorkämpfer des Neokonservativismus, hat Anfang Oktober in einer Rede in New York die komplette Anklage vorgetragen. Während das britische Empire in der Mitte des 20. Jahrhunderts unweigerlich abdanken musste, weil es mit seinen Kräften am Ende war, ist für Krauthammer die amerikanische Krise von heute ein Produkt von Nervenschwäche: Die Vereinigten Staaten verlieren ihre Führungsrolle, weil Obama und das ganze kulturelle Milieu, für das er steht, keine Lust mehr auf Führung und kein Talent dazu haben.

Das Unglück fängt für Krauthammer mit Obamas ständiger nationaler Selbstkritik an, mit den Entschuldigungen »für Arroganz, für Missachtung und Hohn (gegenüber Europa), für die Misshandlung von Eingeborenen, für Folter, für Hiroshima, für Guantánamo, für Unilateralismus, für mangelnde Achtung vor der muslimischen Welt«. Wie soll einem Land, das sich seiner Geschichte und womöglich seines Wesens schämt, die Zukunft gehören? Der Selbsthass wirkt auch nach innen, gegen den dynamischen Kapitalismus amerikanischen Typs, der nach der Obama-Ideologie durch einen teuren sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat mit entsprechend niedrigeren Verteidigungsbudgets ersetzt werden soll. Und weniger Geld für das Militär bedeutet weniger Macht für die USA in der Welt.

Das ist das Vollbild der (neo)konservativen Obama-Kritik. Sie ist interessant, weil ihre Zuspitzung zwar typisch für die amerikanische Rechte ist – die Grundmelodie jedoch, der Ruf nach »Führung«, die Forderung »Taten statt Worte!«, die Sorge vor »Schwäche«, das Warten auf eine Art Befreiungsschlag, das alles gehört zum Standardprogramm der Ermahnungen an den US-Präsidenten, auch bei uns. Selbst viele Obama-Freunde fanden die Sache mit dem Friedensnobelpreis bizarr, und was die verfrühte Auszeichnung eines Jungpräsidenten angeht, haben sie recht. Das weltweite Echo auf die Ehrung des weltweit beliebtesten Politikers war nicht begeistert. Trotzdem steckt ein fundamentaler Denkfehler in dem Verlangen, dass Obama endlich »liefern« soll, in den Zweifeln an seiner Stärke und Härte. Hier werden die Maßstäbe von gestern angewandt, die Gesetze einer untergegangenen Welt.

Es ist nämlich nicht Barack Obamas fehlende Entschiedenheit, die für seine bisher bescheidenen Erfolge vor allem verantwortlich wäre. Dass die Welt sich nicht nach amerikanischen Wünschen richtet, hat wenig mit den persönlichen Eigenschaften des Präsidenten zu tun und viel mit dem historischen Machtverlust der Vereinigten Staaten (und des Westens überhaupt). Es ist ein geschichtlicher Prozess, in den Obama hineingeworfen wurde, dessen Ausdruck er ist und den er managen muss.

Leser-Kommentare
  1. Ich muß sagen, ich finde das keinen Abstieg der USA.
    Selbst wenn sie um Chinas Zustimmung werben usw..
    Ich finde, das ist eher eine andere Art von Führung.
    Es gibt sicher eine Führung, die aus innerer Stärke heraus geschieht, und nicht aus äußerer, die eigentlich tönern und falsch ist wie der Sozialismus in der DDR mit der Notwendigkeit äußerer Mauern.

  2. Wenn us-"freedom" u.a. darin besteht staatliche krankenversicherung paranoisch als sozialismus zu verbrämen zeigt sich im alltag neben der vermeintlichen ausnahme guantanamo wie degeneriert eine menschheit sein muß die diese nation als weltmacht nr 1 darstellt.Keine grund zu euro-optimismus - "wir" versinken in anachronistischem nationalismen und werden immmer häufiger in scheindemokratien von kryptofaschisten regiert...

  3. Richtungsänderung auferlegt und gleichzeitig Tempo nimmt, hat für diese Entscheidung schon der Besatzung Lob verdient, weil Wachheit lobenswert ist.
    Wer nicht schon diesen entscheidenden Moment erkennt, dessen Lob wird immer zu spät kommen.
    Darum ist das Komitee nicht Schuld, sondern in entscheidendem Moment sehend zu nennen.
    Es bleibt zu hoffen, das das Riff, wenn überhaupt noch berührt, dann mit so wenig wie möglich Blessuren für den Tanker und die Flotte, die diesem in der Regel folgt.

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