Herta Müller Das Dorf der Wörter

Hier wurde Herta Müller geboren, hier erfuhr sie das Schweigen der Welt: Eine Spurensuche im rumänischen Nitzkydorf

Es wird nichts werden. Wie es aussieht, scheitert der Versuch, zum Herta-Müller-Dorf vorzudringen, hier am Ufer des Temeschflusses, in dieser Orgie aus Staub. Die zarten Reifen des Mietautos sind für balkanische Wildnisse nicht gemacht, sie drehen durch und rühren das gelbgraue Mehl zu sonnenverfinsternden Wolken auf – es legt sich auf alles, auf Blätter und Wälder und Schafherden, auf Haut und Haar, auf die Welt und den Himmel. Seit Juli hat es nicht geregnet im Banat.

Die rumänische Karte sagte: Nimm die Straße zum Fluss und über die Brücke, dann kommst du nach Nitchidorf. Aber da war keine Brücke und auch keine Straße mehr. Aus der Asphaltpiste wurde eine Geröllpiste und aus der eine Räderspur im Gras. Der Schafhirte sagte: Weiter, weiter am Ufer entlang, nur acht Kilometer sind es zur Brücke nach Nitchidorf. Aber bald verliert sich die vage Reifenspur im Staub. Manchmal hängt das Auto so schief am Ufer, dass zu befürchten ist, es werde umkippen und in den Fluss fallen. Jetzt sagt der Arbeiter, der mit seinem Bagger im Staub wühlt: Kehr um, es wird immer schlimmer. Fahr einen großen Bogen. Von Süden her musst du kommen, über Vermes erreichst du Nitchidorf.

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Eine Stunde später sitzen in der Miniaturtankstelle von Vermes drei Männer und rauchen und bewachen die einzige Zapfsäule. Sie betrachten den fremden Spinner, der nach Nitchidorf will, wohl weil diese Schwäbin, die von dort stammt, diesen Millionenpreis gewonnen hat, im Radio ist es gekommen – die Wächter der Zapfsäule werfen einen abschätzenden Blick auf das kleine, von dickem Staub bedeckte Auto, sie schütteln die Köpfe: Mit der Kiste kommt du nicht nach Nitchidorf, nicht auf unserer Piste hier. Kehr um. Fahr einen großen Bogen. Von Norden her musst du kommen, von dort führt die einzige Asphaltstraße nach Nitchidorf.

Am Morgen hat diese Irrfahrt in Timisoara begonnen, das die Ungarn, die mit dem Krieg ihren Osten verloren, ihr Banat, Temeschvar nennen und die Banat-Deutschen Temeschburg. Viele Orte hier haben drei Namen, einen ungarischen, einen deutschen, einen rumänischen, und manche einen serbisch-kyrillischen dazu. Belgrad liegt ganz nahe, Bukarest dagegen weit hinter den Bergen. Es geht auf zwei Uhr zu, als aus der brettflachen Ebene eine Pfeilspitze auftaucht, das muss der Kirchturm von Nitchidorf sein, das viele Generationen lang Nitzkydorf hieß, denn hier lebten fast nur Deutsche.

Es ist ein Dorf im Mais, in der Weite der Felder. In ihren auf zwei CDs gesprochenen Erinnerungen hat Herta Müller den Fluch der Arbeit auf diesen Feldern heraufbeschworen. Wie das Kind, das sie war, abends um Regen betete für den nächsten Tag. Regen hieß: nicht aufs Feld. Wie der Mais sich gegen unendlich streckte auf den riesigen Kolchosfeldern. Wie sie nicht begreifen konnte, wie ruhig sich die Erwachsenen ihrem Los ergaben, dem Feld zu dienen, dem Land, das – so erschien es ihr – die Menschen doch nur mästete, um sie eines Tages in sich aufzunehmen und aufzufressen. Verlorenheit ist ein Wort, das immer wieder auftaucht in den Erinnerungen an diese Kindheit in Nitzkydorf.

Man kann hier verloren gehen, oh ja. Man muss sich nur in die gelbbraune Maßlosigkeit dieser Maisfelder stellen, der Wind trägt die Geräusche, die Stimmen weit über das flache Land. Ein Gebell – die Hunde hier sind klein, vorsichtig und von schakalartiger Farbe. Ein Hämmern vom Dorf her. Ein heller, schneller Spatzentumult in der Luft. Das ferne Genörgel von Hühnern. Musikfetzen wehen herüber, ein Akkordeon, Schlagzeug. Eine Frauenstimme, die irgendwem etwas zuruft. Dann nur noch Wind, er geht durch die Linden, die Pappeln, ein papiernes Rascheln, nicht mehr das Rauschen des Sommers, die Blätter schlagen hart aneinander, bald fallen sie.

Das Dorf nimmt und lässt sich Platz, die Häuser stehen in Bauerngärten, sie rücken einander nicht auf den Leib, und die Gassen heißen nur so. Bilder alteuropäischer Enge, die sich bei diesem Wort einstellen, führen in die Irre. Die Gassen von Nitzkydorf sind, bis auf die Haupt- und die Vordergasse, breite, ungeteerte Wege, von früh bis spät von Gänsemärschen gekreuzt. Auf ihren weiten Rändern käut eine Kuh, im Garten rupft ein Pferd. Alle paar Hundert Meter steht an den Dorfwegen ein Holzhäuschenbrunnen, aus dem die Frauen ihr tägliches Wasser schöpfen.

Leser-Kommentare
  1. Von der Zeit hätte ich eine sorgfältigere Recherche erwartet...
    "Balkanische Wildnisse" ist genauso falsch wie das "Siedlerdorf in der Puszta". Das Banat liegt einige hundert KM nördlich der Balkanhalbinsel und einige hundert KM östlich der Puszta. Genauer gesagt in der Pannonischen Tiefebene, fruchtbares Tiefland und ehemals Kornkammer der k.u k. Monarchie, die Puszta dagegen ist eine öde Steppe...

    • helgam
    • 20.10.2009 um 9:01 Uhr

    Wunderbare Reise, zwei Mal habe ich den Beitrag von Wolfgang Büscher gelesen und ich glaubte, dieses Dorf selbst gesehen zu haben.
    Neben der kristallklaren Sprache Herta Müllers dürfte dieser Autor auch Chancen haben, ein guter Schriftsteller zu werden

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