Herta Müller Das Dorf der WörterSeite 3/3
»Als ich das erste Mal hier war«, sagt die Lehrerin, »war alles so schön. So viele Erdbeeren!« Die Erdbeeren wuchern noch, und auf der Veranda wächst der schwere, dunkle Wein – die Tintentrauben der Dichterin. In den gesprochenen Erinnerungen erzählt Herta Müller von ihrer Furcht, nachts in Tinte ertränkt zu werden. Die Nacht, habe sie gemeint, sei aus diesem Wein, aus dieser tief dunkelblauen Traubentinte gemacht.
Und der Brunnen ist noch da, in dem ihr Vater bei der kommunistischen Enteignung seine Goldbarren versenkt hatte, um sie in besseren Zeiten wieder heraufzuholen. Wieder war es das Wort, das sie ergriff: Goldbarren. Und die Angst. »Wenn man Gold besaß, war man ein Verbrecher.« Die Zigeuner, erzählt Herta Müller auf ihrer Erinnerungs-CD, handelten damals illegal mit Gold für Eheringe. »Gold, das war eine ganz gefährliche Sache.«
So gefährlich, dass ihre Mutter die Goldbarren ganz und gar vergaß, nachdem der Vater mithilfe eines verschwiegenen Nachbarn den Brunnen leer gepumpt und kein Gold mehr vorgefunden hatte. Wahrscheinlich war es in den sumpfigen Grund gesunken.
Der Brunnen habe immer Wasser, sogar in diesem extrem trockenen Sommer, sagt die Lehrerin, und dass Hertas Mutter eine gute Hausfrau gewesen sei. »Sie strich das Haus immer wieder an, sie wollte nicht, dass die Risse in den Außenwänden immer größer und sichtbarer wurden.« Und sie sei immer zu Fuß zur Arbeit im Staatsbetrieb gelaufen, die Leute hätten ihr das als Geiz ausgelegt. »Aber sie war einfach energisch.« Nach 1989 seien nur wenige Deutsche im Dorf geblieben, »keine zehn mehr, alles alte Leute«.
Einer von ihnen ist ihr Nachbar, er ist 80 Jahre alt und im Dorf der Mann, der den Friedhof in Ordnung hält. »Drei Ross’, zwei Schwein’, kein Weib«, stellt er sich vor in seinem knarzigen Banatdeutsch und lüpft seinen kleinen Hut, »und die Kinder fort, in Regensburg. Dort will ich nicht hingehen. Ich will hierbleiben.«
Sein Lieblingssatz ist: »Was soll ’mer mache.« Ohne Fragezeichen. Und so macht und macht er, bis er eben nicht mehr kann. Er wünscht sich einen leichten Tod. Bis dahin fährt er die Toten zum Grab, ein Nebenverdienst. »Wenn einer sterben tut, weiß ich Platz. 60 Lei für einen Toten, den ich herfahre, auf- und abladen müssen ihn die Leute selbst. Ich fahre ihn nur, 30 Lei muss ich für den Totenwagen geben, das Ross hab ich selbst.«
»So bleiben Ihnen 30 Lei?«
»Ja, 30 Lei für einen Toten.«
Ein alter Mann mit verschmitzten, manchmal listigen Augen und schnellen Gemütsbewegungen zwischen Lachen und Ernst. Von Ross und Totenfuhre zum letzten Krieg ist es ein Katzensprung. Damals sei es ihm übel ergangen. »Mich haben sie gehasst, ich war Hitlerist« – es bleibt unklar, ob wirklich oder in den Augen der Kommunisten. Als viele in die Ukraine deportiert wurden, habe er sich hier in der Gegend versteckt, »fünf Jahre lang, mal hier, mal da, für ein Stückl Brot, für eine Zigarette. Was soll ’mer mache.«
Seine beiden Brüder, die Schwester und der Schwager seien nach dem Krieg deportiert und dann, als sie krank wurden, von der Sowjetunion nach Deutschland abgeschoben worden. »Der Josef Müller, Hertas Vater, hat sie dann wieder aus Deutschland hergeholt. Der war ein großer Mann im Dorf.«
Auch nach 1945, in der sozialistischen Zeit?
»Na, er hat doch einen Staatsbetrieb geleitet. Ihm wurde ja alles weggenommen, wie allen anderen auch.«
Er schaut sich das Gras an, es wuchert um die wuchtigen Steingräber, das Gestrüpp steht hoch. Er sagt, es sei Zeit, wieder auf dem Friedhof zu mähen, er werde es sich einteilen, morgen und dann Montag noch mal. Er hat die Grabsteine von aufgegebenen alten Kindergräbern genommen und zusammengestellt, die Kindergräber hatten ihre eigene Ecke. Nun stehen sie da, eng aneinandergelehnt, als sei ihnen kalt.
»Da komm ich hin«, sagt der Totenfuhrmann und deutet auf eine mächtige Steinplatte, »da liegt meine Familie, die Weiber haben wir auf der rechten, die Männer auf der linken Seite. Ich bin der letzte. Wenn ich tot bin, ist Schluss.«
An der Kirche, sie ist geschlossen, nur einmal im Monat kommt ein Priester nach Nitzkydorf, geht eine kleine schwarze Katze vorüber. Die Raine der Wege und Felder brennen, der Brandgeruch würzt die Luft. Ein Mädchen in blauer Trainingshose und rotem Pulli leckt sich die Handfläche ab, drückt sie ins Gras, in den Staub, leckt sie wieder ab, probiert, wie das Gras schmeckt, wie der Staub schmeckt. »Ich habe alles gegessen«, erinnert sich Herta Müller, »Gräser, ich habe alles probiert, auch mit den Pflanzen gesprochen, ich habe gedacht: Wenn ich das tue, akzeptieren sie mich vielleicht.«
Die Nacht ist aus Tinte gemacht
Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat
Konzeption und Regie: Thomas Böhm, Klaus Sander
Erzählerin: Herta Müller
Aufnahmen: Klaus Sander
Schnitt und Mastering: Michael Schlappa
Produktion: supposé 2009
2 Audio-CDs, 116 Minuten
Posterbooklet, 12 Seiten
ISBN 978-3-932513-88-6
Euro 24,80
- Datum 22.10.2009 - 14:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43
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Von der Zeit hätte ich eine sorgfältigere Recherche erwartet...
"Balkanische Wildnisse" ist genauso falsch wie das "Siedlerdorf in der Puszta". Das Banat liegt einige hundert KM nördlich der Balkanhalbinsel und einige hundert KM östlich der Puszta. Genauer gesagt in der Pannonischen Tiefebene, fruchtbares Tiefland und ehemals Kornkammer der k.u k. Monarchie, die Puszta dagegen ist eine öde Steppe...
Wunderbare Reise, zwei Mal habe ich den Beitrag von Wolfgang Büscher gelesen und ich glaubte, dieses Dorf selbst gesehen zu haben.
Neben der kristallklaren Sprache Herta Müllers dürfte dieser Autor auch Chancen haben, ein guter Schriftsteller zu werden
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