Im Londoner Stadtteil Bloomsbury residiert die britische Hochkultur: Die Bombastbauten der University of London reihen sich aneinander; das British Museum protzt mit der größten kulturgeschichtlichen Sammlung der Welt, und die British Library liegt gleich um die Ecke, die zweitgrößte Bibliothek der Welt. Mitten in dieser respektheischenden Gegend, in der Marchmont Street 70, hat sich ein kleiner Laden eingenistet, über dessen Eingangstür in gelben Blockbuchstaben "The School of Life" steht: die Schule des Lebens.

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass hier etwas Eigenartiges, womöglich Einzigartiges vor sich geht – aber was? Im Schaufenster stehen vier Birkenstämme, angestrahlt von Deckenlampen und der Nachmittagssonne. An der hinteren Wand: ein ausgestopfter Rabe, daneben noch mehr Birkenstämme. Links prangen die Wörter "ARBEIT, FAMILIE, LIEBE, POLITIK, SPIELEN". Ist das eine Galerie? Ein Buchladen? Ein Designshop? Oder sollte man hier tatsächlich etwas Lebenswichtiges lernen können?

Drinnen liegen ein Paar Dutzend Bücher aus, die Schulbücher des Lebens, auf Miniregalen nach existenziellen Herausforderungen sortiert: "Mit anderen Leuten klarkommen", "Wie man kreativ wird", "Für jene, die verliebt sind". Zu den Büchern gehören philosophische Klassiker wie Ralph Waldo Emersons Self-Reliance von 1841, Ratgeber aus den 1950ern und einige wenige Neuerscheinungen mit Titeln wie "Der Sinn des Lebens". Auf einem Plakat steht Anton Tschechows wahrer Satz: "Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertigmacht."

Um zu lernen, diesen Alltag zu meistern, bin ich hier. Ich habe mich für ein Wochenendseminar angemeldet, das 195 Pfund kostet, etwa 210 Euro ("inklusive Abendessen und Arbeitsmaterial"), jetzt ist es Samstag, kurz vor zehn, und zwischen den Birkenstämmen hinten im Laden drängeln sich schon ein gutes Dutzend Frauen (und ein bärtiger Mann), die wie ich erfahren wollen, wie das geht: sinnvoll leben. Die meisten meiner Mitschüler sind zwischen Mitte zwanzig und Ende fünfzig. Ich stelle mich zu ihnen, als sei es die normalste Sache der Welt, zwischen Birkenstämmen und einem ausgestopften Raben mit wildfremden Menschen zu plaudern.

Schnell ist klar, dass niemand so recht weiß, was ihn hier erwartet. Aber immerhin wissen wir, dass über dieser Schule gute Geister schweben. Mitbegründer und Spiritus Rector der Lehranstalt ist Alain de Botton, 39, Autor mehrerer philosophischer Bestseller über Glück und Architektur , die Kunst des Reisens, den Trost der Philosophie . Im August verbrachte er eine Woche auf dem Flughafen Heathrow und schrieb auch darüber ein Buch. In England kennt ihn das größere Publikum der Nichtleser aus populärphilosophischen Fernsehsendungen, die er produziert hat. De Botton ist eine Institution, sogar für diejenigen, die ihn verachten – der Independent behauptete einmal: "In Großbritannien ist Alain-de-Botton-Attackieren zu einem Nationalsport geworden."

Angriffsflächen bietet de Botton mit so ziemlich allem, was er sagt, schreibt und tut – seit Jahren und mit wachsendem Vergnügen. Die Grundlage für seine späteren Erfolge legte er 1997 mit einem kühnen Büchlein namens Wie Proust Ihr Leben verändern kann . Darin zerrte er einen der komplexesten Kunstheiligen des 20. Jahrhunderts auf den Boden unseres heutigen Alltags, indem er ausgerechnet den 5000-Seiten-Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als praktischen Ratgeber auslegte. Seither durchforstet de Botton die Philosophie- und Literaturgeschichte auf der Suche nach der verborgenen Lebensweisheit, stets liest er die großen Werke konsequent auf ihren Alltagsnutzen hin – mit so viel Unverfrorenheit und Erfolg, dass es Hüter der akademischen Tradition immer wieder zur Weißglut treibt. Und so erscheint die School of Life als weitere Eskalation einer schon seit Platons Zeiten erbittert geführten Schlacht: zwischen Theorie und Praxis, Lebensferne und Lebensnähe.

Unsere Lehrerin ist Sophie Howarth, eine lebensfroh wirkende Brünette Anfang dreißig. Sie arbeitete am Londoner Tate Museum, als sie die Idee hatte, eine Schule zu gründen für die Kunst, das Leben und die Kunst des Lebens. Gemeinsame Freunde stellten sie Alain de Botton vor, die beiden fanden Investoren, und seit der Eröffnung im September 2008 ist Sophie Howarth Schuldirektorin. Gelegentlich leitet sie auch selbst Seminare. So wie an diesem Wochenende, Fachbereich: Spielen.

 

Nun führt sie uns eine steile Treppe hinab in einen Keller. Statt Fenstern gibt es hier unten ringsum Wandgemälde, mit dickem schwarzem Filzstift erschaffen. Sie zeigen eine imaginäre Bibliothek, Wälzer von "Freud" und "Marx", aber auch ein Rennrad, Spielsachen, Aussichten auf ferne Landschaften. Ein – realer – Diaprojektor wirft ein Foto an die Wand, zu sehen ist ein Bolzplatz nebst rotem Warnschild: "Spielen auf eigene Gefahr".

Ich hasse Kennenlernspiele. Und natürlich fängt es genau damit an. Sophie sagt: "Wir wollen uns jetzt nicht einfach der Reihe nach vorstellen, sondern etwas anderes probieren. Unter eurem Stuhl findet ihr Papier und Bleistift. Zeichnet euren Nachbarn. Ihr habt eine Minute Zeit. Ab ... jetzt."

Ein Wehklagen hebt an, aber niemand traut sich, gleich in den ersten Sekunden der Spielverderber sein, zumal wir uns ja zum "Spielen" angemeldet haben – was immer das heißen mag. Mein letztes Porträt habe ich in der Schule gezeichnet, der Schule der Schulzeit, im Kunstunterricht. Ich bekam damals eine "Vier minus". Sicher sind das hier alles Künstlerinnen, Designerinnen, wie peinlich, allerdings hat meine Nachbarin ziemlich schöne Augen, beim näheren Hinsehen bilden klare geometrische Linien ihren Mund, ihre Nase, ihren Mittelscheitel, ihre langen glatten Haare. Kurzum: Dieses Gesicht werde ich nie vergessen. Die erste Lektion in der Kunst des Lebens – Hinsehen! – ist gemeistert, die erste Peinlichkeitsschwelle überschritten, und so sind wir schon nach wenigen Minuten tatsächlich ein paar Schritte weiter.

Sophie erzählt uns von der evolutionären Bedeutung des Spielens und zeigt dazu das Foto eines spielenden Orang-Utans an einem Flussufer im Urwald. Warum wohl die Kindheit des Menschen so viele Jahre in Anspruch nimmt? Weil er beim Spielen seine komplexen Gehirnfunktionen entwickelt. Sophie erläutert Freuds Betrachtungen über den Ernst des kindlichen Spiels und beschreibt den Philosophen Bertrand Russell als Beispiel eines extrem produktiven Menschen, der größten Wert auf Müßiggang legte.

Wir lesen, komprimiert auf eine Seite, Russells Plädoyer für einen universellen Vierstundentag. Der würde es, so der Philosoph, der gesamten Menschheit ermöglichen, neben dem Gelderwerb ihrem Forscherdrang nachzugehen, Gedichte zu schreiben, Bilder zu malen. Wir diskutieren den Realitätsgehalt von Russells Idee, durchaus kontrovers: Unter meinen Mitschülerinnen sind neben je einer, wusste ich’s doch, Kunstlehrerin, Malerin und Designerin auch eine Bankerin und einige Managerinnen, die der Vierstundentag womöglich in den Bankrott treiben würde. Wir dringen zur Krux vor: Wüssten die Menschen mit so viel Freizeit überhaupt etwas Sinnvolles anzufangen? Natürlich haben wir nicht ein halbes Jahr Zeit, dieser Frage auf den Grund zu gehen, wir sind hier schließlich nicht im Soziologiestudium. Dafür haben wir alle ziemlich schnell begriffen, wie viel unser Spielraum mit unserer Gesellschaftsordnung zu tun hat und mit unserem Menschenbild. Keine bahnbrechende Erkenntnis, aber eine wichtige Grundlage. Unser Grundstudium ist nach etwa anderthalb Stunden abgeschlossen. Kaffeepause.

Sophie beschreibt danach das Ideal des "ruhigen Geistes", wie ihn der Buddhismus anstrebe, als Weg zur spielerischen Improvisation. Sie zeigt uns zwei Hirnscans eines Jazzmusikers: einmal bei einer Alltagsbeschäftigung, dann beim Improvisieren auf seinem Instrument. Deutlich zu erkennen: Ganze Regionen seines Gehirns, sonst für logisches Denken und Selbstkontrolle zuständig, sind beim Spielen abgeschaltet. Dieser Zustand der Versunkenheit, in dem man die Uhrzeit und seinen Hunger vergisst, sei die wertvollste, schönste Art des Spielens, sagt Sophie. Wir sollten ihn so oft wie möglich herbeiführen. Dafür gebe es Mittel und Wege.

Sie erzählt mit dem Schwung echter Begeisterung, ihre Augen sind weit geöffnet, sie spricht schnell, konzentriert, kommt immer gleich zum Punkt, in einem Tonfall, der sagen will: Wir sind ja alle nicht blöd und auch nicht erst gestern zur Welt gekommen, oder? Aber es gibt nun mal eine Menge Ideen, die viele Erwachsene noch nicht unbedingt aufgeschnappt haben und dringend kennen sollten, um besser mit sich und der Welt klarzukommen. Oder mehr Spaß am Leben zu haben. Oder gar einen Sinn darin zu finden.

 

Wir beschäftigen uns mit dem Zweck von Spielregeln, Regeln überhaupt, dem Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Disziplin. Sophie zeigt uns von Künstlerhand wunderschön gestaltete Regeltafeln, von Fischli & Weiss und der Grafikerin Mary Corita Kent. Dann sollen wir unsere eigenen Regeln aufstellen und designen, eine Anleitung zum Thema "Richtig spielen": "Ihr habt 17 Minuten Zeit."

So geht es den ganzen Nachmittag weiter: Sophie erzählt etwas Anregendes, Verblüffendes, dann machen wir eine Übung dazu mit irgendeiner absurden Zeitbegrenzung. Nachdem wir bitterböse literarische Dialoge mit verteilten Rollen vorgetragen haben, schickt Sophie uns hinaus auf die Marchmont Street: "Entscheidet euch für einen der Läden in dieser Straße, und erfindet einen Dialog, der da stattfinden könnte. Ihr habt 24 Minuten Zeit." Zurückgekehrt, dürfen wir aus der Runde der Teilnehmer unsere beiden Hauptdarsteller casten und das Werk zur Aufführung bringen – Disziplin und Freiheit in Aktion.

Als Nächstes begeben wir uns in die "Kulturklinik", jeweils zu zweit. Ein riesiges rotes Kreuz prangt nun an der Dialeinwand und verleiht der Situation die Dringlichkeit einer Notaufnahmestation. Meine behandelnde Ärztin (und gleichzeitig Patientin) ist eine der älteren Damen in unserer Runde, sie hat lange als Kunstlehrerin gearbeitet. Erst wird wechselseitig die Anamnese ermittelt: Was war das letzte Buch, das du gelesen hast? Das letzte Konzert? CD? Eine peinliche Lieblingsbeschäftigung? Traumjob? Die Buch- und Musikauswahl meiner Patientin durchzieht eine tiefe Traurigkeit. Als Arzt verschreibe ich ihr zwei absurd lustige DVDs, die Comedyserien Curb Your Enthusiasm und, weil sie Bücher so liebt, Black Books. Als Patient nenne ich Lieblingsbands, von denen sie noch nie gehört hat (Dirty Projectors, Tinariwen), als Traumjob gebe ich "Singer-Songwriter" an. Sie notiert nickend, stirnrunzelnd, steckt Befund und Heilmittelverordnung in einen Umschlag, den ich erst am Ende des Seminars öffnen darf.

Gegen Abend bekommen wir Besuch von einem Mann namens Richard Reynolds. Er steuert eine weitere Idee bei, wie man seine Freizeit mit Sinn erfüllen kann, zumindest mit Nervenkitzel. Reynolds ist einer der Vordenker des sogenannten Guerilla Gardenings, einer globalen Bewegung, die die Welt verbessern will durch illegales Blumenpflanzen im öffentlichen Raum. Wir gehen mit Reynolds hinaus ins abendliche Bloomsbury zu einem ergrauten Grünstreifen und schaufeln los. Kaum hat uns das Prickeln des Verbotenen erfasst, hören wir eine Polizeisirene, ein Blaulicht rast heran – und an uns vorbei. Wir pflanzen Magnolien, Mohnblumen und Fingerhut.

Nach einem äußerst gesprächigen Dinner (auf jedem Teller lag eine Speisekarte, die sich beim näheren Hinsehen als Abfolge heikler Diskussionsthemen erwies, beispielsweise: "Wie gehst du mit gesellschaftlichen Anlässen um, die du besonders fürchtest? Ein echtes Beispiel, bitte") bemerke ich etwas Seltsames: Ich habe im Laufe des Tages zwar einiges über Spieltechniken gelernt, aber noch viel mehr über die Menschen um mich herum. Meine Mitschülerinnen kenne ich nach diesen paar Stunden in mancher Hinsicht besser als viele langjährige Bekannte. Ich weiß von ihrer Sehnsucht nach mehr Spielraum im Leben, von ihren Frustrationen im Arbeitsalltag, von ihrem Drang, ihre verborgenen Talente zu entwickeln. Ich habe gesehen, wie in einem kleinen Rollenspiel aus der mittleren Managerin einer Supermarktkette plötzlich eine umwerfende Schauspielerin wurde, so offensichtlich begabt, dass es fast wehtat. Plötzlich kommen mir alle diese Frauen (und der bärtige Mann) wie vielschichtige Romanfiguren vor. Sie verfolgen mich bis in meine Träume.

Am nächsten Morgen schwänze ich den Unterricht, um Alain de Botton in Aktion zu erleben. Einmal im Monat veranstaltet die School of Life sogenannte Predigten, am Sonntagvormittag, zur besten Kirchgehzeit. Außerhalb der kirchenähnlichen Conway Hall hat sich eine halbe Stunde vor Beginn eine Schlange bis zur nächsten Straßenecke gebildet. Das Publikum bringt einiges Stilbewusstsein mit: schick, aber nicht zu schick, Sakkos verdecken ohnehin kryptisch beschriftete Kunststudenten-T-Shirts, entfernt viktorianisch wirkende Kleider sind zu sehen, eine elegante Dame ganz in Schwarz trägt die Sunday Times unterm Arm – sie alle lassen erkennen, dass sie Teil eines ironisch gefärbten, aber keineswegs unernsten Happenings sind. Statt Kirchensteuer und Kollekte zahlen sie zehn Pfund Eintritt. Anstelle eines Pfarrers begrüßt einen am Eingang der leibhaftige Satan oder zumindest ein etwa 2,10 Meter großer Schlacks im hautengen roten Kostüm. Während die Besucher hereinströmen, erklingt, wie es im Programmheft heißt, "herzzerreißende" Harfenmusik, "Taschentücher liegen bereit".

Liebe Gemeinde, das Thema unserer heutigen Predigt ist: der Pessimismus. Und entsprechend wird Alain de Botton vorgestellt, von Susanna Edwards, der Chefdesignerin der School of Life, die auch diese Predigt inszeniert hat: "Ich habe Alain schon ein paarmal reden hören. Er ist leider kein besonders guter Redner. Gehen Sie also bitte davon aus, dass dieser Morgen die reine Zeitverschwendung sein wird."

 

Dann erhebt sich die Gemeinde zum Singen eines traurigen Chorals. Es handelt sich um Leonard Cohens bekanntestes Lied, Suzanne . Die Gemeinde singt die zum Nölen einladende Melodie so inbrünstig wie möglich mit, und Alain de Botton legt los. Vom Podium herab fordert er uns alle auf, uns "eine extrem pessimistische Weltsicht" anzueignen. Jeden Tag solle man damit beginnen, wie einst Seneca, der große Stoiker, es tat, sich die schlimmsten Katastrophen auszumalen, die einen heute ereilen könnten, um gegebenenfalls für sie gewappnet zu sein (und andernfalls positiv überrascht). Er zitiert die finstersten Aussagen der düstersten Denker von Seneca bis Schopenhauer und Nietzsche, manche davon klingen so überkandidelt, dass sie befreiendes Gelächter auslösen. "Die Krise, die Krise, alle reden von der Krise", fährt de Botton kopfschüttelnd fort, "ich aber sage euch: Endlich herrscht wieder Normalität. Die ganze Menschheitsgeschichte ist eine einzige Krise. Überhaupt: Ich kann mich nicht erinnern, in den angeblichen Boomjahren besonders glücklich gewesen zu sein, also was soll dieses Krisengerede?"

Der Prediger hämmert uns seine Botschaft in hohem Tempo ein, wie jemand, der in kurzer Zeit viel Lebenswichtiges vermitteln muss. Ganz hinten im Saal agiert der Teufel als Cheerleader, bejubelt die Schwarzseherei mit ekstatischen Gesten. Das Publikum freut sich mit und bedankt sich am Ende mit unkirchlichem Applaus. Beim Hinausgehen werden den Desillusionierten "halb leere" Teebecher gereicht, von tealadies in dezidiert unmodischer Kleidung inklusive Schürzen und Kopftüchern. Und wieder bildet sich eine lange Schlange, diesmal von Alain-de-Botton-Fans, die sich eins seiner Bücher signieren lassen wollen. Er wünscht ihnen allen "einen schlechten Tag".

Als das letzte Buch signiert ist, setze ich mich mit dem umjubelten Autor in den Park nebenan. Schon rein äußerlich wirkt Alain de Botton wie die Karikatur eines intellektuellen Superhirns, seine Stirnglatze betont sein Oberstübchen derart, dass der Eindruck entsteht, die Natur habe bei ihm noch ein Stockwerk obendrauf gesetzt, zwecks gründlicher Analyse der großen Menschheitsfragen. Wie fühlt sich der Denker in seiner Rolle als Prediger?

"Was ich an der Religion mag", beginnt de Botton, wohlwollend herabblickend von seinem persönlichen Standpunkt irgendwo weit über allen Glaubensrichtungen, "ist ihr Ehrgeiz." Die Kirchen hätten etwas Wichtiges erkannt: "Wenn man die Menschen verändern will, muss man einfallsreich sein. Es reicht nicht, ihnen ein Buch in die Hand zu drücken. Man muss Musik einsetzen, vielleicht ein Gebäude errichten, eine Schule gründen. Und das Design spielt eine große Rolle, man sehe sich nur mal eine katholische Kirche an."

Oder eben die School of Life. Schon die Tatsache, dass sie so durch und durch designt ist, wirkt wie ein Affront gegenüber den umliegenden Universitätsgebäuden – und genau so ist es auch gemeint: "Zu den Dingen, die ich an den Unis hasse, gehört auch, dass sie oft so hässlich sind", sagt de Botton. "Es sieht dort einfach scheußlich aus, und die Leute laufen furchtbar grau herum."

Der wahre Affront jedoch ist der Zweck, dem das schöne Erscheinungsbild der School of Life dienen soll. Alain de Botton ist überzeugt, dass Literatur und Philosophie helfen können, ein besseres Leben zu leben – wenn sie nur richtig vermittelt werden. "Was wir tun, ist eine Provokation gegenüber dem akademischen Betrieb", sagt er. "Die Grundannahme der Akademie ist: Es gibt sehr viel Wissen, aber es sollte nicht im Leben angewandt werden. Dies gilt als vulgär, jedenfalls in den Geisteswissenschaften." Das habe ihn immer "perplex" gemacht: "Ich habe nie verstanden, was so gefährlich daran sein soll, nach dem Nutzen von etwas zu fragen. Oder was so schlimm daran ist, wenn etwas Spaß macht."

Mit dem Konflikt zwischen praktischer und theoretischer Philosophie hat sich schon Aristoteles herumgeschlagen. Heute stehen auf der einen Seite die Anhänger des Pragmatismus, wie ihn der amerikanische Philosoph William James vor über hundert Jahren entwickelte, indem er die Philosophiegeschichte als großen Werkzeugkasten betrachtete, in dem man nicht nach "Wahrheit", sondern nach nützlichen Ideen suchen sollte. Alain de Botton ist ein besonders virtuoser Anwender dieser Methode. Auf der anderen Seite stehen die europäischen Traditionen des Idealismus und der analytischen Philosophie, aus deren Sicht der Pragmatismus vulgär und sinnfrei erscheint. Über die Frage, ob Philosophie auch nur das Geringste mit dem Alltagsleben zu tun haben kann und darf, wird in Deutschland vielleicht noch erbitterter gestritten als in England. So hat der Suhrkamp Verlag neben einer eigenen Reihe zur philosophischen Lebenskunst vor einer Weile auch einen wuchtigen Sammelband herausgegeben (Kritik der Lebenskunst), in dem mehrere Philosophieprofessoren die Idee der philosophischen Lebenshilfe als "Kitsch" und "Binsenweisheit" in Grund und Boden rammen.

 

Alain de Botton liebt diese Art der Kritik, am liebsten, sagt er, würde er diese Professoren gleich in seine Schule einladen, zum Streitgespräch. An seiner School of Life gefällt ihm die griechisch-römische Idee, "dass der Autor eine eigene Akademie hat. Sie ist nur etwas Kleines, nicht so eine enorme Maschine voller Bürokraten wie unsere Unis. Wir fragen: Brauchen wir das alles überhaupt?" Für ihn selbst sei eine akademische Laufbahn einmal "eine sehr reale Möglichkeit" gewesen, er habe sich dann anders entschieden. Vielleicht haben seine wütenden Angriffe auf den akademischen Betrieb ja auch etwas mit einer enttäuschten Liebe zur schönen Idee der Universität zu tun? (Als ehemaliger Student an einer grauen deutschen Massenhochschule könnte ich das allzu gut verstehen.) De Botton scheint jedoch über den Trennungsschmerz hinweg zu sein: "Als jemand, der keinen Universitätsposten hat, sage ich: Du brauchst keinen Universitätsposten. Du hast Büchereien, das Internet, Amazon. Okay, als Hirnforscher brauchst du natürlich ein Labor. Aber nicht, um ein Buch zu schreiben."

Doch bringt nicht der private, kommerzielle Lehrbetrieb seine eigenen Zwänge und Gefahren mit sich? "Durch diese Schule wird sicher nie jemand reich werden", sagt de Botton, "aber es ist wichtig, einen ordentlichen Geldfluss zu haben, wie Freud schon sagte: Man muss für die Therapie zahlen, denn nur so verstehen wir den Wert einer Sache. Ein kommerzieller Aspekt ist nicht immer schlecht. Es zeigt, dass man an einer echten Nachfrage orientiert ist."

Die Nachfrage nach Lebenssinn ist offenbar kaum zu decken, die Kurse der School of Life sind gut besucht bis ausgebucht. Sie bietet etwas an, das es in dieser Kombination nirgendwo sonst gibt: Literatur + Philosophie + Humor + Design + Gemeinschaftserlebnis + Lebenshilfe. Die School of Life schließt damit eine Lücke, die andere Nachhilfeeinrichtungen, Therapien, Ersatzreligionen nicht schließen können, die Universitäten schon gar nicht: "Die Unis müssten eigentlich wie Klöster sein. Sind sie aber nicht", sagt de Botton.

Im Pub treffe ich meine Mitschülerinnen wieder, beim Mittagessen. Auch sie haben am Vormittag gesungen, manche von ihnen zum ersten Mal seit Jahren, Tränen seien dabei geflossen. (Singen unter Tränen dürfte der äußerste Gegensatz sein zur knochentrockenen Logik der analytischen Philosophie.)

Am Nachmittag bekommen wir Besuch von Alastair Humphreys. Er hat die Welt umrundet, und zwar auf dem Fahrrad. Vier Jahre brauchte er dafür. Nach kurzem Witzeln über die Urlaubsdias anderer Leute zeigt er uns seine. Afrika von Norden nach Süden zu durchqueren war nicht so einfach. Amerika von Patagonien über die Anden bis nach Kanada auch nicht. Richtig hart war die Winterreise durch Sibirien. Seine dramatischen Schneebilder kommentiert Humphreys mit dem goldenen Satz "It doesn’t have to be fun to be fun", Spaß muss nicht unbedingt Spaß machen.

Inspiriert von Alastairs Erzählungen, sollen wir uns zum Abschluss eine eigene Pilgerreise ausdenken, eine Expedition, die uns viel bedeutet. Wir bekommen großzügige 45 Minuten zur Planung und grafischen Darstellung dieser Lebensreise. Ich entscheide mich für den Ferienort meiner Kindheit, eine einsame Felseninsel in Finnland. Dort, wo ich bisher nur idyllische Sommerwochen verbracht habe, möchte ich einmal den finsteren finnischen Winter erleben - um zu sehen, was die gnadenlose Natur mit mir anstellt, und um mich dort ein paar echten Herausforderungen auszusetzen, für die es keinerlei Softwarelösung gibt.

Bei der Präsentation meiner Mitschülerinnen geht es noch einmal hoch her. Die eine zieht die Bilanz ihres bisherigen Lebens zwischen Europa und Afrika, eine andere möchte in Kuba und Argentinien Tanzen lernen. Eine der älteren, weiseren Mitschülerinnen hat sich für ihre Reise ein Päckchen mit einigen Notizen von diesem Wochenende geschnürt. Das wolle sie, wie sie mit tränenerstickter Stimme sagt, erst aufmachen, wenn es ihr demnächst mal wieder nicht so gut gehe.

 

Oben im Laden verabschieden wir uns voneinander. Abends im Hotelbett öffne ich den Umschlag mit dem Befund aus der Kulturklinik. Das Rezept: Als Ausgleich für einige meiner "abgehobenen" literarischen Vorlieben – Montaigne, David Foster Wallace – soll ich an einem Samstagnachmittag ein englisches Fußballstadion besuchen, Pubs in Südwestirland abklappern und irgendwo im Süden der USA Gitarrenunterricht bei einem alten Bluesmann nehmen. Und dann für eine Weile nach London ziehen.

Diese Leute aus dem Seminar, die mir 36 Stunden zuvor noch völlig gleichgültig gewesen waren, beginne ich in diesem Moment zu vermissen. Wir hätten uns noch viel zu sagen gehabt. Und ich frage mich, welche Romanfiguren sonst noch so seit Jahren und Jahrzehnten unerkannt durch mein Leben laufen, versteckt hinter den Unverbindlichkeiten des Alltags.