Stilkolumne Heile, heile, Füßchen
Wolfgang Joop will mit seiner Wunderkind-Kollektion Schönheit zur Wohltat werden lassen. Doch helfen orthopädische Strümpfe bei geschundenen Seelen?

Die neue Sommerkollektion von Wunderkind beeinhaltet unter anderem auch orthopädische Schuhe
Dass Models oft Probleme mit ihren Füßen und Beinen haben, ist wohl schon bekannt. Dass sie aber in Stützstrümpfen auf dem Laufsteg erscheinen, ist neu. So zu sehen beim Defilee von Wunderkind auf den Prêt-à-porter-Schauen in Paris. Dazu wurden Handschuhe aus Bandagen-Stretch getragen.
Hurt and heal, verletzen und heilen, ist das Motto, unter das Wolfgang Joop die Wunderkind-Sommerkollektion 2010 gestellt hat. Bislang hatte Mode nur eine Prämisse – den Menschen perfekt zu machen. Korsetts pressten dem Körper Kurven ab, die er nicht hatte, Anzüge setzten ihm künstliche Schultern auf, mit hohen Absätzen wurden die Beine gestreckt.
Für die Schönheit mussten Opfer gebracht werden. Das Glück lag hinter Pein und Entsagung, wie bei der Selbstkasteiung der Schiiten, nur dass man nachher besser aussah.
"Mode ist eine überaus schmerzvolle Inszenierung", sagt Wolfgang Joop über seine Kollektion. Seine Kleider sollen den Schmerz nicht mehr verbergen, sondern offen zeigen. Wir alle sind verletzt – gerade nach den Erfahrungen der Krise. Die Mode aber soll nun bei ihm zum Heilmittel werden. Zum Versprechen von Schönheit, an das wir uns erinnern sollen. Aber kann Mode wirklich geschundene Seelen heilen? Wolfgang Joop jedenfalls ist die Sache praktisch angegangen. Die Stützstrümpfe aus seiner Kollektion sind angelehnt an ein Modell, das er für den Sanitätshersteller Medi entworfen hat. Besonders gefällt ihm, dass die Kompressionsstrümpfe vom Arzt individuell angepasst werden. "Das ist ja so etwas wie Haute Couture", sagt er. "Stützstrümpfe und Haute Couture – beides wird gemacht für Menschen mit Problemen."
Joop war nicht der Einzige, der die Zerrüttung in seinen Schauen thematisierte. In Mailand präsentierte Miuccia Prada Kostüme, an deren Säumen sich Fäden zogen, es war nicht zu erkennen, ob sie zerstört oder nicht fertig waren. Für Jil Sander schickte Raf Simons Models über den Laufsteg, in deren perfekt geschnittene Kleider üble Risse gefetzt waren.
- Datum 19.10.2009 - 08:54 Uhr
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- Serie Stilkolumne
- Quelle ZEITmagazin Nr. 43, 15.10.2009
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