Technik im Trend Analoges Abenteuer

Jeder knipst digital. Selbst Polaroid gab die Produktion auf. Doch nun wollen ein paar Liebhaber das papierne Sofortbild retten.

Die Filme für Polaroid-Kameras werden nicht mehr produziert. Doch gerade jetzt zieht die analoge Authentizität immer mehr Menschen an

Die Filme für Polaroid-Kameras werden nicht mehr produziert. Doch gerade jetzt zieht die analoge Authentizität immer mehr Menschen an

Florian Kaps ist ein Spinner. Er selbst würde das so natürlich nie sagen. Doch warum sonst sollte der österreichische Fotograf seinen Versuch, den Sofortfilm zu retten, ausgerechnet »The impossible project« nennen, das unmögliche Projekt? Warum sollte er knapp drei Millionen Euro in die 30 Jahre alten Maschinen eines ehemaligen Polaroid-Werks im holländischen Enschede stecken, um dort mit einem Zehnmannteam von Fotoexperten den Sofortbildfilm neu zu erfinden? Und das in Zeiten der Digitalfotografie?

Vielleicht, weil Kaps die richtige Vision zur richtigen Zeit hatte. Als bei Polaroid im Juni 2008 der letzte Film vom Band lief, reagierten die Kunden ebenso unerwartet wie emotional: Sie flehten den Hersteller an, weiterzuproduzieren. Bestände alter Filmpackungen sind seither heiß begehrt. Im Internet balgt man sich um die rapide schmelzenden Restposten.

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Florian Kaps erkannte seine Marktchance. »Die Leute freuen sich immer noch wie Kinder, wenn auf dem Polaroid in ihrer Hand wie durch ein Wunder das Bild erscheint.« Ihm ist klar, dass die Käufer seiner Zielgruppe längst eine Digitalkamera haben. Die hat ja jeder.

Doch wo Digitalfotos scharf und farbecht sind, ist das Bild auf dem neun mal elf Zentimeter großen Lappen, der aus dem Polaroidkasten knattert, verschwommen und farbstichig. Vor allem existiert jedes Bild nur ein einziges Mal. Und bleibt garantiert unverfälscht von digitaler Bearbeitung.

Diese »Ehrlichkeit«, sagt Florian Kaps, biete keine andere Form der Fotografie. Künstler, Straßenfotografen und Gutverdiener zwischen 20 und 40 sollen seine Filme in Zukunft kaufen. Für einmalige Schnappschüsse auf Partys, Hochzeiten oder im Bett. Viele der Polaroidfans hätten ja ihre alten Kameras noch. In drei Jahren will Kaps für sie 10 Millionen passende Filmkassetten pro Jahr verkaufen. Weltweit.

Dumm nur, dass die Maschinen in Enschede nicht mit bewährter Rezeptur weiterlaufen können. Weil mit Polaroid auch etliche Zulieferer ihre Produktion einstellten, muss das chemische Wunderwerk Sofortbildfilm neu erdacht werden: Das Negativ, verschiedenfarbige Pigment- und Filterschichten, die dünne Tasche für den Filmentwickler – mehr als 15 Lagen sind für ein Polaroidbild nötig.

Noch gelingt dies nur im Labor und in Schwarz-Weiß. Trotzdem: Erste Lieferungen an die Internethändler sollen Anfang 2010 rausgehen. Dann sind dort die Vorräte aufgebraucht.

Aber kann bis dahin in Enschede eine stabile Produktion stehen? Gert Koshofer, Kurator einer Ausstellung über die Geschichte der Sofortbildfotografie, ist skeptisch. »An solchen Entwicklungen hat früher eine Hundertschaft von Wissenschaftlern gearbeitet«, sagt er. Zudem gebe es Konkurrenz: Gerade bewirbt Fuji intensiv seine analoge Sofortbildkamera Instax 210 – und löst damit nach eigenen Angaben Begeisterungsstürme aus.

Aber, halten Experten dagegen, den Fuji-Film wollten die Leute nicht. Weil er zu gut sei: Das Bild zu klar, die Farben zu satt, und immer könne man mit einem perfekten Ergebnis rechnen. Beim Polaroidfilm hängt dieses von der Laune der Filmchemie ab, gar von der Außentemperatur. Die Kunden, sagt Kaps, wollen keine Verlässlichkeit. Sie wollten ein Fotoabenteuer.

Sie könnten es bekommen. Zumal plötzlich die Investorengruppe, der die Marke Polaroid inzwischen gehört, wieder mit dabei sein will: Gerade gab sie bekannt, ab 2010 wieder Sofortbildkameras des klassischen Typs zu produzieren – und mit Kaps’ Truppe zu kooperieren. Die wird neben den eigenen Filmen auch eine limitierte Edition unter dem alten Namen herausbringen. Die Liebhaber werden jubeln. Die Spinner in Enschede könnten es schaffen.

 
Leser-Kommentare
  1. Bilder als Farbfotos haben heute keinen Wert mehr. Der Preis der farbigen Abzüge von Aufnahmen beträgt 5 Cent, je nach Anbieter auch weniger. Nachdem jetzt jeder mittelmäßig begabte Knipser mit Photoshop zu einem aufgepeppten und völlig makellosen Foto kommen kann, mutiert die ehemalige Wahrheit der Silber-Fotografie, zu einem manchmal widerwärtig kitschigen Digital-Perfektionismus.

    Makellose Meisterbilder - millionenfach kopiert. Jederzeit reproduzierbar und fehlerfrei. Überall: Kitsch. Ich meine genau den Kitsch, der zu Kitsch wird, weil jede Spur von Hässlichkeit fehlt. Denn erst diese Nuance an Hässlichkeit bringt erst die notwendige Spannung in eine Bildkomposition. Die wird heute einfach wegretuschiert.

    Und jetzt kommt ein verrückter Österreicher daher und verkauft einem ein Fotoabenteuer.

    Genau DAS ist es!

    Es wird wieder die Frage gestellt: "Ist es denn was geworden?" Und wenn ja, was denn? Jedes Bild ein Original. Etwas Einmaliges. Unwiederbringlich. Genau wie der Schluck Wasser, den man nur einmal trinken kann. Nicht mal ein Molekül davon wird man in seinem Leben noch einmal trinken können.

    Das Fotografieren mit Polaroids hat überhaupt nichts mit Spinnerei zu tun. Polaroids zu machen, ist wie das Leben selbst. Jeder Moment kommt nur ein einziges Mal. Jedes Bild ein Original. Nichts macht Vergänglichkeit und Leben besser begreiflich, anschaulicher als dieses charakteristische kleine Bildchen mit dem weißen Rand, der unten immer etwas breiter ist.

  2. Auch ich bin eine leidenschaftliche Polaroidfotografin. Leider wird auch Florian Kaps nicht den guten alten Polaroidfilm zurückbringen, sondern höchstens eine mehr oder weniger schlechte Nachahmung.
    Das besondere am Polaroidfilm, speziell dem TimeZero-Film, der für die SX-70 gemacht wurde und dessen Produktion schon vor ungefähr 4 Jahren eingestellt wurde, waren die Farben und die Manipulationsfähigkeit.
    Diese Ästhetik wird leider für immer Vergangenheit bleiben. Schade.

  3. ... ins heute gezogen hat die nichtkommerzielle (jedenfalls ist kommerzielles Ansinnen nicht zu entdecken) Seite www.ei-ma.com

    Aus beruflichen Gründen durchstöbere ich gerade das Netz und bin unter anderem auf diese Seite gestoßen und finde dieses Projekt insofern sehr erstaunlich, als dass der/die Macher/in wohl in 2012 eine alte Polaroid + eine uralte Schachtel mit 12 Fotos bei Ebay kauft und die Dinger tatsächlich noch funktionieren - ob das nun Kunst ist oder nicht!?

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