Der Gondelkapitän im Fürstenpark Wörlitz empfängt uns freundlich auf seinem Ruderkahn: "Ich begrüße Sie ganz herzlich hier bei uns an Bord." Ich nehme als einer der Ersten auf dem kleinen, flachen Boot Platz, das ringsum mit Bänken versehen ist. Ich sitze hinten bei dieser Umrundung des Schlossgartens von Wörlitz, neben mir bleibt alles frei, obwohl es nach und nach eng wird auf dem Boot. Einer der Gäste, ein auf den ersten Blick nicht unsympathisch wirkender Zeitgenosse – Typ Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik –, schiebt sich vorsichtig auf der Längsbank zu mir hin, schaut mich an und gibt seine Bestellung auf: "Zwei Bier, bitte."

Wie kommt er darauf, dass ich die Bedienung bin? Ich trage weder Kellnerkluft, noch stehe ich, sondern sitze wie er, ich habe auch keine Bierflaschen in der Hand, keine Gläser, kein Geschirrtuch – aber meine Hautfarbe ist Schwarz. Deshalb muss ich in seiner Logik wohl der Diener sein. "Kein Service", antworte ich ihm, und er fragt enttäuscht: "Nix Service?" Also wiederhole ich wortgleich: "Nix Service", und habe erst einmal Ruhe.

Der Mann hält Abstand. Als der Bootsführer seine Gäste auffordert, bitte aufzurücken, wendet er ein: "Ob wir das wollen, ist die Frage. Ich will meine Bootsfahrt genießen." Doch der Kapitän lässt keine Ausrede gelten und wiederholt seine Aufforderung. Schließlich setzt sich der Mann neben mich – "rutsch mal ein Stück hin", sagt er zu mir.

Meine Hautfarbe, die Perücke mit den krausen Haaren – meine Verkleidung ist nicht perfekt, aber wieder fällt mir auf, was mich schon bei meinen Recherchen als Türke "Ali" verblüfft hat: Die meisten schauen nicht so genau hin. Diesmal reise ich ein Jahr lang immer wieder als Schwarzer durch Deutschland, durch Ost und West. Ich unternehme diesen Bootsausflug, gehe zu Straßenfesten, mische mich unter Fußballfans, spreche bei Behörden vor. Ich will herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt, ob die Vorstellung vom unverbesserlich fremdenfeindlichen deutschen Wesen nur noch ein Klischee ist – oder ob das von der Boulevardpresse gepflegte Schreckbild vom Schwarzen als Dealer, Asylbetrüger und Kriminellen die Stimmung im Lande kennzeichnet.

Dabei weiß ich natürlich, dass vieles anders geworden ist seit meinen ersten Recherchen undercover. Seit Anfang der neunziger Jahre werden immer wieder Menschen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe angegriffen und niedergeschlagen. Und es wird nachgetreten, selbst wenn sie wehrlos am Boden liegen. Das kann sogar einem Weißen passieren, der kein Obdachloser ist. Wie dem Geschäftsmann Dominik Brunner , der den Mut hatte, sich schützend vor Kinder zu stellen, die von mitleidlosen Jugendlichen auf einer Münchner S-Bahn-Station attackiert wurden. "Haltet euch raus", das waren seine letzten Worte an die Kinder. Dieser Fall ist bundesweit bekannt geworden.

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er seltener ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum deutschen Alltag fast so wie die rassistisch anmutenden Aussprüche von Politikern und selbst ernannten Meinungsführern, die mich immer wieder empört haben.

Schon vor zwanzig Jahren hatte ich die Idee, die Rolle eines Schwarzen anzunehmen. Ich hatte meine Gründe. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der 1988 vor einer deutschen Gesellschaft warnte, die "durchmischt" und "durchrasst" sei (wofür er sich nach heftiger Kritik entschuldigte); der frühere Hamburger Innensenator Ronald Schill, der seine Karriere als "Richter Gnadenlos" begonnen hatte und sich später rühmte: "Von mir haben die Neger alle etwas mehr bekommen."