Günter Wallraff : In fremder Haut

Ein Jahr lang war Günter Wallraff immer wieder als Schwarzer unterwegs: bei einem Fussballspiel in Cottbus, auf Wohnungssuche in Köln, in einer Rosenheimer Kneipe und bei einer Behörde in Berlin-Marzahn

Der Gondelkapitän im Fürstenpark Wörlitz empfängt uns freundlich auf seinem Ruderkahn: "Ich begrüße Sie ganz herzlich hier bei uns an Bord." Ich nehme als einer der Ersten auf dem kleinen, flachen Boot Platz, das ringsum mit Bänken versehen ist. Ich sitze hinten bei dieser Umrundung des Schlossgartens von Wörlitz, neben mir bleibt alles frei, obwohl es nach und nach eng wird auf dem Boot. Einer der Gäste, ein auf den ersten Blick nicht unsympathisch wirkender Zeitgenosse – Typ Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik –, schiebt sich vorsichtig auf der Längsbank zu mir hin, schaut mich an und gibt seine Bestellung auf: "Zwei Bier, bitte."

Wie kommt er darauf, dass ich die Bedienung bin? Ich trage weder Kellnerkluft, noch stehe ich, sondern sitze wie er, ich habe auch keine Bierflaschen in der Hand, keine Gläser, kein Geschirrtuch – aber meine Hautfarbe ist Schwarz. Deshalb muss ich in seiner Logik wohl der Diener sein. "Kein Service", antworte ich ihm, und er fragt enttäuscht: "Nix Service?" Also wiederhole ich wortgleich: "Nix Service", und habe erst einmal Ruhe.

Der Mann hält Abstand. Als der Bootsführer seine Gäste auffordert, bitte aufzurücken, wendet er ein: "Ob wir das wollen, ist die Frage. Ich will meine Bootsfahrt genießen." Doch der Kapitän lässt keine Ausrede gelten und wiederholt seine Aufforderung. Schließlich setzt sich der Mann neben mich – "rutsch mal ein Stück hin", sagt er zu mir.

Meine Hautfarbe, die Perücke mit den krausen Haaren – meine Verkleidung ist nicht perfekt, aber wieder fällt mir auf, was mich schon bei meinen Recherchen als Türke "Ali" verblüfft hat: Die meisten schauen nicht so genau hin. Diesmal reise ich ein Jahr lang immer wieder als Schwarzer durch Deutschland, durch Ost und West. Ich unternehme diesen Bootsausflug, gehe zu Straßenfesten, mische mich unter Fußballfans, spreche bei Behörden vor. Ich will herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt, ob die Vorstellung vom unverbesserlich fremdenfeindlichen deutschen Wesen nur noch ein Klischee ist – oder ob das von der Boulevardpresse gepflegte Schreckbild vom Schwarzen als Dealer, Asylbetrüger und Kriminellen die Stimmung im Lande kennzeichnet.

Dabei weiß ich natürlich, dass vieles anders geworden ist seit meinen ersten Recherchen undercover. Seit Anfang der neunziger Jahre werden immer wieder Menschen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe angegriffen und niedergeschlagen. Und es wird nachgetreten, selbst wenn sie wehrlos am Boden liegen. Das kann sogar einem Weißen passieren, der kein Obdachloser ist. Wie dem Geschäftsmann Dominik Brunner , der den Mut hatte, sich schützend vor Kinder zu stellen, die von mitleidlosen Jugendlichen auf einer Münchner S-Bahn-Station attackiert wurden. "Haltet euch raus", das waren seine letzten Worte an die Kinder. Dieser Fall ist bundesweit bekannt geworden.

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er seltener ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum deutschen Alltag fast so wie die rassistisch anmutenden Aussprüche von Politikern und selbst ernannten Meinungsführern, die mich immer wieder empört haben.

Schon vor zwanzig Jahren hatte ich die Idee, die Rolle eines Schwarzen anzunehmen. Ich hatte meine Gründe. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der 1988 vor einer deutschen Gesellschaft warnte, die "durchmischt" und "durchrasst" sei (wofür er sich nach heftiger Kritik entschuldigte); der frühere Hamburger Innensenator Ronald Schill, der seine Karriere als "Richter Gnadenlos" begonnen hatte und sich später rühmte: "Von mir haben die Neger alle etwas mehr bekommen."

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Kommentare

322 Kommentare Seite 1 von 51 Kommentieren

Mark 83

Nach vielen Jahren in Afrika als "Auslaender" im Rueckblick- es war eine herrliche
Zeit, mit Menschen, die es zu verstehen galt. Aber, dies ist auch hier so ,Menschen
wollen als solche behandelt werden, ein Lernprozess.

Dank an G.Wallraff
fuer all die gute Arbeit zum Thema.Leider ist das Resultat genau so wie wir es in unseren schlimmsten Befuerchtungen vermuten.Eigentlich schade dass so viele Menschen offensichtlich grosse Angst vor dem "Anders-sein" haben.

schon mal in südafrika gewesen? anscheinend nicht! natürlich gibt es dort eine weiße oberschicht die eine gewisse homophobie inklusive der von dir genannten sicherheitszonen pflegt. die große mehrheit hält dies (zur recht!) nicht für nötig. ich habe gerade längere zeit in kapstadt gewohnt (und zwar nicht in einer "sicherheitszone"). natürlich gibt es kriminalität (auch wenn ich persönlich kein einziges mal schlechte erfahrungen gemacht habe). die richtet sich aber gegen alle, ungeachtet der hautfarbe. aber vielen dank für die bestätigung der von herrn wallraff gemachten beobachtungen.

Ehrlich...

...gesagt wundere ich mich das Mark83 Südafrika als beispiel nimmt. Etwas mehr Allgemein Bildung, alleine was die Geschichte dieses Landes betrifft, täte dringend not!
Außerdem...wenn das der Maßstab sein soll...oje oje...

@ Lauschepflock

Ich würde den Artikel nochmal lesen und wirklich ein wenig nachdenken worum es geht und welche Erfahrungen gemacht wurden. Falls das zuviel verlangt ist würde ich mich etwas stärker mit Luther Burbank befassen, der sagte: "Wer nicht gerne denkt, sollte wenigstens von Zeit zu Zeit seine Vorurteile neu gruppieren."
Meiner Meinung nach könnte es dafür Zeit werden, vorallem wenn ich z.B. das beispiel mit der Vermieterin heranziehe, sollte jedem klar werden das dies nichts mit Fasching zu tun hat. Im übrigen halte ich den Vergleich mit dem Froschkostüm für geschmacklos.

Eingeständnis

Soll das ein Eingeständnis sein, dass Deutschland sich auf einem Niveau von Post-Apardheid-Staaten befindet?

By the way: In fast ganz Afrika ist man als Weißer (und daher als reicher Mensch) ein gern gesehener Gast, wird eingeladen (was peinlich ist, weil man sich die 10 cent für den Bus ja wirklich selbst leisten könnte), wird von morgens bis abends freundlich gegrüßt und abgesehen von Heiratsanträgen und Bitten um Hilfe kaum je belästigt, geschweige denn mit dem Leben bedroht.
Ein durch den Kolonialismus oder die Apartheid begründeter Hass auf Weiße ist erstaunlich rar.

Das stimmt nicht!

@Mark83: Entweder lügst du, um deutschen Rassismus zu rechtfertigen, oder du hast einfach keine Ahnung. Was trifft eher zu? Ich bin gerade in Johannesburg. Nach meiner Erfahrung verhalten sich die Menschen hier nur nach Hörensagen. Darüber hinaus werden Schwarze hier von Weißen größtenteils immer noch wie Dreck behandelt. Außerdem gilt hier: Egal, ob schwarz oder weiß: Wenn du niemanden in den Hotspots kennst, dann tust du gut daran, deinen Arsch um die Gebiete herumzubewegen.

Toronto21: Was du schreibst, ist einfach nur Humbug. Genau das, was Wallraff schreibt, kenne ich aus meiner täglichen Erfahrung. Die Menschen sind genauso wie beschrieben. Das hat nichts mit Konstruktion zu tun. Ich bewege mich ganz normal im Alltag und erlebe diese Schikanen Tag für Tag für Tag. Also komm mir nicht mit Konstruktionen.

@Mark83

Sehr schön Mark83.
Dein Kommentar bestätigt all das was Herr Wallraff hier beschreibt.
Er drückt eine unterschwellige rassistische Überheblichkeit aus und im gleichen Atemzug eine Rechtfertigung des eigenen Rassismus.

Rassismus lässt sich nur aufrechterhalten wenn man ihn gegenüber sich selbst schönreden kann. Aber leider gibt es keine Rechtfertigung für Rassismus. Nicht hier und nicht in Südafrika.

Ausserdem:

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in Deutschland eine Phase der Unterdrückung durch Schwarze hinter uns haben. Aber auch das wäre keine Rechtfertigung.

Aber Südafrika hat vor allem ein Problem mit Kriminalität und Stammesfehden als mit Rassismus gegen Weisse. Tasächlich sind rassistisch motivierte Straftaten gegen Weisse eher selten.

Menschenwürde

Bravo Herr Wallraff. Wieder einmal wird durch ihre Arbeit ersichtlich, wie durch oberflächliche Abwertung anderer Menschen eine eigene Identität konstruiert wird. Ich wünsche meinen Mitmenschen mehr Toleranz und weniger Angst vor "fremden" äußerlichen Merkmalen.
[...]

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke. Die Redaktion/ew

vorurteile

als auslaender muss ich leider feststellen, dass auslaenderfeindlichkeit oder aber zumindest vorurteile alltaeglich sind. und zwar in allen laendern, die ich je bewohnt oder besucht habe, von china ueber den mittleren osten bis in die unmittelbare nachbarschaft. dabei habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich oftmals die netten seiten uebersehe. man entwickelt als auslaender eine gewisse paranoia. bei herrn wallraff stelle ich eine aehnliche tendenz fest, die jene der auslaender noch weit uebertrifft. nimmt er eigentlich auch die freundlichen gesten wahr? die sind in deutschland naemlich genauso haeufig anzutreffen wie die unfreundlichen.

Wer braucht Günther Wallraff?

Günther Wallraff und seine Aktionen werden irgendwie immer abstruser. Wer braucht sowas eigentlich? Den Wallraff könnte man ja inzwischen fast schon als eine perfekte Karrikatur der berufsempörten Gutmenschen umdeuten. Mal ehrlich: Wenn sich jemand zurechtmacht wie beim Fasching, braucht er sich doch nicht wundern, wenn ihm die junge Frau hinterm Juwelierstresen die teure Uhr nicht gibt. Es ist doch absurd, darin einen Beweis für den allgegenwärtigen latenten Rassissmus zu wittern. Ich meine, er hätte ja auch im Froschkostüm da reinspazieren können - dann wären alle Cottbuser auf einmal ganz klar froschfeindlich eingestellt oder wie? Wallraff reiht wieder einmal nur ein Klischee ans nächste und vergisst dabei, wie lächerlich sein eigenes eigentlich ist.

[Anm.: Bitte bemuehen Sie sich, Ihre Kritik sachlich zu formulieren und auf persoenliche Angriffe zu verzichten. Danke. /Die Redaktion pt.]

Ernsthaft die Frage zu stellen, wer Günter Wallraff eigentlich brauche, offenbart eine antisoziale Einstellung, die begrifflich bis in den Rechtsextremismus ("Gutmenschen") geht.
Offensichtlich haben Sie keine Idee von dem alltäglichen Rassismus in Deutschland, wenn Sie Herrn Wallraffs Arbeit lächerlich zu machen versuchen! Die Verkleidung ist keines Falls lächerlich, sondern sehr professionell, was durch die Reaktionen der Personen, die mit dem verkleideten Herrn Wallraff in Kontakt gekommen sind, unterstützt wird. Wo wird denn die Verkleidung erkannt und dementsprechend darauf reagiert?
Ihre gezielte Diffarmierung der Arbeit von Herrn Wallraff lässt darauf schließen, dass er mit eben dieser Arbeit einen wunden Punkt in der deutschen Gesellschaft getroffen hat. Der alltägliche Rassismus muss endlich als gesellschaftliches Problem erkannt werden, damit er auch bekämpft werden kann!

Die Frage ist berechtigt

Es gibt in diesem Land viele Schwarze, die genau die Erfahrungen machen, die Günther Wallraff mit seiner Verkleidung gemacht hat. Diesen Menschen eine Stimme zu geben, sollte wohl eher durch diese Menschen passieren. Ich glaube nicht dass man Rassismus in Kostüm "erleben" muss um ihn wahrzunehmen. Das Einzige was man Wallraff zu Gute halten kann, ist das seine Popularität dieses Thema dann noch mal wieder in die Mainstreammedien bringt.

Ich empfehle sich das Buch "Deutschland Schwarz Weiß" von Noah Sow zu besorgen. Oder sich mal beim Verein Der Braune Mob umzutun. Sehr gut gemacht ist auch der Film "Deutschland - wäre meine Heimat" vom Verein Die Unmündigen. Dort kann man sich genau das anschauen was Wallraff beschreibt. Schade dass solche Produktionen nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommen.

@Mark83 Sie haben sich mit ihrer Aussage wirksam selbst disqualifiziert. Nur weil es in Südafrika Rassismus und Gewalt gibt, ist das doch kein Freifahrtschein Schwarze in Deutschland zu diskriminieren, egal ob sie in Bayern oder Kamerun geboren sind.

ich bekomme es mit der Angst zu tun ....

wenn ich hier lesen muss wie persönlich sich die Kommentatoren angreifen. Inbsbesondere diejenigen die sich auf die Seite von G.W. stellen. Wie kann man auf der einen Seite für Menschenrechte kämpfen und es "im Kleinen" hier selbst nicht "auf die Reihe" bekommen?
Im übrigen habe ich genau zu der Zeit, zu der G.W. in der BASF in Ludwigshafen für sein Buch "recherchiert" hat als Werkstudent genau in den Abteilungen (auch ganz unten, nämlich in der Granulatverpackung) gearbeitet. Leider muss ich sagen, dass die Behauptungen von Hr. W. entweder schlicht erfunden, oder gezielt provoziert wurden. Mein Arbeiterkollegen jedenfalls (auch die "ausländischen") waren stinksauer auf Hr. W.. Eine Vielzahl der Zitate waren aus dem Zusammenhang gerissen oder per Suggestivfragen provoziert. Herr G. W. hätte sich da nicht mehr blicken lassen dürfen. Dann hätten ihm diejenigen, die er angeblich vertritt ordentlich in den H.... ge..ten. Daher habe ich heute so meine Schwierigkeiten einen Bericht von Hr. W. als seriös zu betrachten. Es ist eher Enthüllungsjournalismus auf Stern- niveau. Irgendwie muss sich das Buch (ebenso wie der Stern) ja auch verkaufen. Ich würde es eher als Empörungsjournalismus bezeichnen. Hier werden Menschen (die er vorgibt zu schüzten) auch gezielt missbraucht.

Das ist doch Unsinn!

Erstens: so etwas wie ein 'wissenschaftliches Maß des Vorgehens' gibt es nicht. Es gibt gelingende oder nicht gelingende Argumentationen. Wissenschaft ist immer auch die Aushandlung über Verfahren und Methoden und es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, wie die Wissenschaft richtig zu verfahren hat. Zweitens: Es handelt sich bei Wallraffs Beitrag um eine publizistische Äußerung - in Form eines Filmes bzw. eines Zeitungsartikels. Aber er hat doch nun beileibe keine Habilschrift veröffentlicht! Insofern ist dieser Einwand nun wirklich albern.