Der Gondelkapitän im Fürstenpark Wörlitz empfängt uns freundlich auf seinem Ruderkahn: "Ich begrüße Sie ganz herzlich hier bei uns an Bord." Ich nehme als einer der Ersten auf dem kleinen, flachen Boot Platz, das ringsum mit Bänken versehen ist. Ich sitze hinten bei dieser Umrundung des Schlossgartens von Wörlitz, neben mir bleibt alles frei, obwohl es nach und nach eng wird auf dem Boot. Einer der Gäste, ein auf den ersten Blick nicht unsympathisch wirkender Zeitgenosse – Typ Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik –, schiebt sich vorsichtig auf der Längsbank zu mir hin, schaut mich an und gibt seine Bestellung auf: "Zwei Bier, bitte."

Wie kommt er darauf, dass ich die Bedienung bin? Ich trage weder Kellnerkluft, noch stehe ich, sondern sitze wie er, ich habe auch keine Bierflaschen in der Hand, keine Gläser, kein Geschirrtuch – aber meine Hautfarbe ist Schwarz. Deshalb muss ich in seiner Logik wohl der Diener sein. "Kein Service", antworte ich ihm, und er fragt enttäuscht: "Nix Service?" Also wiederhole ich wortgleich: "Nix Service", und habe erst einmal Ruhe.

Der Mann hält Abstand. Als der Bootsführer seine Gäste auffordert, bitte aufzurücken, wendet er ein: "Ob wir das wollen, ist die Frage. Ich will meine Bootsfahrt genießen." Doch der Kapitän lässt keine Ausrede gelten und wiederholt seine Aufforderung. Schließlich setzt sich der Mann neben mich – "rutsch mal ein Stück hin", sagt er zu mir.

Meine Hautfarbe, die Perücke mit den krausen Haaren – meine Verkleidung ist nicht perfekt, aber wieder fällt mir auf, was mich schon bei meinen Recherchen als Türke "Ali" verblüfft hat: Die meisten schauen nicht so genau hin. Diesmal reise ich ein Jahr lang immer wieder als Schwarzer durch Deutschland, durch Ost und West. Ich unternehme diesen Bootsausflug, gehe zu Straßenfesten, mische mich unter Fußballfans, spreche bei Behörden vor. Ich will herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt, ob die Vorstellung vom unverbesserlich fremdenfeindlichen deutschen Wesen nur noch ein Klischee ist – oder ob das von der Boulevardpresse gepflegte Schreckbild vom Schwarzen als Dealer, Asylbetrüger und Kriminellen die Stimmung im Lande kennzeichnet.

Dabei weiß ich natürlich, dass vieles anders geworden ist seit meinen ersten Recherchen undercover. Seit Anfang der neunziger Jahre werden immer wieder Menschen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe angegriffen und niedergeschlagen. Und es wird nachgetreten, selbst wenn sie wehrlos am Boden liegen. Das kann sogar einem Weißen passieren, der kein Obdachloser ist. Wie dem Geschäftsmann Dominik Brunner , der den Mut hatte, sich schützend vor Kinder zu stellen, die von mitleidlosen Jugendlichen auf einer Münchner S-Bahn-Station attackiert wurden. "Haltet euch raus", das waren seine letzten Worte an die Kinder. Dieser Fall ist bundesweit bekannt geworden.

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er seltener ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum deutschen Alltag fast so wie die rassistisch anmutenden Aussprüche von Politikern und selbst ernannten Meinungsführern, die mich immer wieder empört haben.

Schon vor zwanzig Jahren hatte ich die Idee, die Rolle eines Schwarzen anzunehmen. Ich hatte meine Gründe. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der 1988 vor einer deutschen Gesellschaft warnte, die "durchmischt" und "durchrasst" sei (wofür er sich nach heftiger Kritik entschuldigte); der frühere Hamburger Innensenator Ronald Schill, der seine Karriere als "Richter Gnadenlos" begonnen hatte und sich später rühmte: "Von mir haben die Neger alle etwas mehr bekommen."

 

Auch Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen , hat mit Vorliebe fremdenfeindliche Affekte bedient, wie zum Beispiel mit seiner Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft; an den Ständen der CDU fragten die Leute: "Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?" Mit der Kampagne hat er 1999 die Wahlen in Hessen gewonnen. Im Januar 2008 hat er nachgelegt und vorgeschlagen, "ausländische kriminelle Jugendliche" entgegen den gesetzlichen Vorschriften sofort abzuschieben. Auch Teile der CDU kritisierten damals, dass Koch für seinen Wahlkampf eine derartige Stimmungsmache betrieb.

Vor Jahren hatte ich einen ersten Anlauf gemacht, das Vorhaben aber wieder abgebrochen. Nicht weil diese Rolle anmaßend wäre gegenüber schwarzen Migranten oder schwarzen Deutschen. Jede meiner Rollen ist auf eine bestimmte Art anmaßend – aber ohne diesen Schritt auf fremdes Terrain würde ich viel weniger über die Lebenswirklichkeit der Menschen erfahren, in deren Haut ich schlüpfe. Nein, ich zögerte, weil ich befürchtete, dass man mich zu rasch enttarnen könnte. Es gibt nämlich durchaus ein technisches Problem, wenn man sich als Weißer in einen Schwarzen verwandeln will. Theaterschminke reicht da nicht. Vor einiger Zeit machte ich dann die Bekanntschaft einer Maskenbildnerin, die mit einem Sprühverfahren arbeitet, mit dem Weiße "umgefärbt" werden können, sodass es einigermaßen lebensecht wirkt. Endlich konnte ich meinen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen. Parallel zu dieser Recherche entstand ein Dokumentarfilm. Ein Kamerateam begleitete mich unauffällig auf den meisten Stationen meiner Reise.

In Wörlitz gleitet der Kahn übers Wasser und gondelt durch die Kanäle. Manchmal nahe dem Ufer, sodass eine Dame die Gelegenheit nutzt, einen Farn abzupflücken. Als unser Ruderer wieder einmal dem Ufer ganz nahe kommt, strecke auch ich die Hand aus und rupfe eine Brennnessel aus. Eine der Damen schwingt sich zur Wächterin der deutschen Fauna auf: "Das machen wir hier nicht! Wir reißen hier nichts ab, sonst sieht das so schlimm aus." Das kategorische "Wir" soll wohl bedeuten: "Du gehörst nicht dazu." Die Frau, die zuvor den Farn gepflückt hat, ist von niemandem gemaßregelt worden. Ich aber habe offensichtlich die Regeln verletzt, ihr Ordnungsprinzip.

Als die Bootsfahrt beendet ist und ich mich erhebe, sieht sich mein Nachbar veranlasst, mich wie ein Kind zu behandeln: "Gemach, gemach! Wir sind die Letzten." Dann will er wissen: "Woher sprichst du so gut Deutsch?" Wir sind uns zwar, was die Distanz auf der Sitzfläche betrifft, näher gekommen, aber warum redet er mich mit Du an? Immerhin stellt er eine persönliche Frage, und das habe ich als Schwarzer in all den Monaten selten erlebt. Ich antworte, dass ich drei Jahre im Goethe-Institut in Daressalam Deutsch gelernt habe. – Ob ich Arbeit habe? – Nein, antworte ich. Da schlägt er mir vor, ich solle es doch als Kuli versuchen, am besten gleich hier: "Rudern, rudern!", ruft er und zeigt auf das Boot, das wir gerade verlassen haben.

Dass die Abneigung gegen Schwarze keine Altersfrage ist, erlebe ich später in einer Fußgängerzone in Cottbus . Ich komme an einem Juweliergeschäft vorbei und erkundige mich nach einer Armbanduhr mit Stoppfunktion. Die junge Verkäuferin behauptet, so etwas führe sie nicht. Ich weise sie darauf hin, dass die Uhr im Schaufenster sehr wohl eine Stoppfunktion hat. Die Frau lässt sich dann doch auf ein Verkaufsgespräch ein und zieht schließlich eine teure goldene Uhr hervor. Als ich sie in die Hand nehmen will, hält die Verkäuferin die Armbanduhr mit verkniffenem Lächeln krampfhaft fest.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frau schon einmal Erfahrungen – gar schlechte – mit schwarzen Kunden gemacht hat. Aber Fremdenfurcht, genau wie Antisemitismus, hat ja auch nichts mit realen Erfahrungen zu tun, tritt sogar umso häufiger auf, je seltener Menschen Fremden begegnen.

Ein Kollege aus unserem Filmteam, der den Laden betritt, als ich ihn gerade frustriert verlasse, bittet die junge Frau ebenfalls darum, ihm die Uhr über den Tresen zu reichen, und bekommt sie ganz selbstverständlich ausgehändigt. Dann fragt er sie mitfühlend, ob sie gerade Angst gehabt habe um das gute Stück.

Ihre Antwort: "Ja, Sie sehen noch den Angstschweiß."

Wenn ich, selten genug, danach gefragt werde, woher ich komme, dann behaupte ich, ein Flüchtling aus Somalia zu sein, der kein flüssiges Deutsch spricht. Vielleicht erginge es mir als perfekt Deutsch sprechendem schwarzem Arzt, als schwarzem Musiker besser. So aber erlebe ich, dass mich meine Umgebung nur über meine Hautfarbe definiert. Und als ich einmal eine begüterte Familie an ihren Urlaub in Afrika erinnere, führt das zu herablassender Heiterkeit. Das andere immer wiederkehrende Extrem: Mein Erscheinen löst eine unnatürliche, verklemmte Fürsorglichkeit aus.

Für ein paar Wochen siedle ich wieder mal über in den Westen. Während die Aversion im Osten direkter und manchmal aggressiv daherkommt, scheint sie mir im Westen oft latenter und verdruckster zu sein. Manche sind auch zu feige, um einem ins Gesicht zu sagen, was sie wirklich denken. Ein Campingplatz in der Nähe von Minden im Teutoburger Wald: Ich kreuze dort mit Mercedes und Wohnwagen auf, und ich bin nicht allein, sondern trete in Begleitung einer kompletten schwarzen Familie auf: Papa, Mama, zwei Töchter, die eine schon fast erwachsen, die andere süß und klein, alle hübsch angezogen. Die drei sind wirklich schwarz, und sie glauben, dass auch ich ein Schwarzer sei; die kleine Tochter "meiner" Frau adoptiert mich sogar gleich als Ersatzpapa.

Vor der Rezeption des Campingplatzes hocken ein paar Dauercamper, Menschen also, die fast jedes freie Wochenende und ihre Urlaube an diesem Ort verbringen. Und hier stehe ich nun und frage nach einem Dauerplatz für mich und meine Familie. Den Campern, die an ihrem Tisch beim Bier sitzen, fällt fast die Kinnlade herunter. Der Platzwart und Eigentümer, der am Eingang sitzt, verrenkt sich gehörig. "Ob die Sie akzeptieren...", versucht er mir die Idee auszureden, einen Stellplatz zu mieten. "Ich sage das ja bloß, weil das ein kleiner Platz ist."
Ich gebe vor, ihn nicht zu verstehen, und frage, wo denn das Problem sei.
"Ja, Problem... Der Mensch, wo der wegkommt, würde ich sagen."
Ich habe ja gar nicht gesagt, woher wir kommen, ob aus Wanne-Eickel, Hoyerswerda oder Timbuktu, und meinen Pass hat er nicht sehen wollen. Also frage ich, was er meint.
Endlich ringt sich der Platzwart durch: "Ja, wie soll ich sagen. Das ist die Hautfarbe, ob man eben schwarz ist oder weiß. Die werden immer einen Bogen um Sie machen."
Ich lenke ein und schlage vor, dass wir uns erst mal für eine Nacht einquartieren. Der Campingplatzleiter stimmt zu – offensichtlich schweren Herzens.

Einem von unserem Team ins Rennen geschickten weiteren Stellplatzinteressenten klagt er dann sein Leid: "Alle sind Deutsche, Luxemburger, Holländer – aber ich sag mal: Weiße. Mir ist es egal, wo ich mein Geld herkriege, aber die anderen laufen weg. Die haben ganz klar gesagt: Die Zigeuner, lässt du die hier rein, dann packen wir." Eine sonderbare Begriffsverwirrung, aber irgendwo im Unterbewusstsein muss es da eine Verbindung zwischen Schwarzen und "Zigeunern" geben.
Am nächsten Morgen versuche ich noch mal mein Glück. Aber der Herr der Stellplätze dreht uns den Rücken zu und unterhält sich mit den Kollegen des Filmteams. Wir geben auf und packen ein.

Herablassende Behandlung, das erleben viele Migranten auch bei Behördengängen. Im Berliner Stadtteil Marzahn erkundige ich mich nach der Möglichkeit, einen Schrebergarten zu mieten. Die joviale Angestellte auf einer Nebenstelle des Bezirksamtes duzt mich, korrigiert ihre Anrede nach ein paar Sätzen aber, wohl weil sie merkt, dass ich doch gut genug Deutsch spreche, um ein "du" von einem "Sie" zu unterscheiden. Der Rest ist Abwimmeln. Weder will sie mir sagen, ob Gärten frei sind, noch mag sie Auskunft geben, wie viele Menschen in einem Gartenhaus Platz fänden. Sie beendet unsere kurze Unterredung mit dem Satz: "So einfach geht das nicht." Ich solle mich erst mal offiziell bewerben, mit Pass und ausgefülltem Formular. Das hält sie mir vor die Nase, mitnehmen darf ich es nicht.
"Ich würde das Formular gerne mit meiner Frau zusammen ausfüllen", sage ich. "Oder ist das etwa geheim?"
Ja, das ist geheim", erwidert sie trotzig. In der folgenden Woche könne ich ja wiederkommen, dann sei Anmeldetermin.

 

Als ich den Raum verlassen habe, geht die Diskussion drinnen weiter, denn die ganze Szene hat sich vor Publikum abgespielt: sechs bis acht Interessenten, die auch einen Garten mieten wollen. Unter ihnen eine potenzielle Pächterin, die zu unserem Team gehört. Es entwickelt sich folgender Dialog:
Empfangsdame: "Das ist ein anderer Lebensstil, eine andere Mentalität. Wollen wir eigentlich nicht. Machen wir nicht, weil die wirklich nur feiern wollen."
Interessent 1: "Die bauen ja nichts an. Da hast du nur Ärger. Rasen mähen tun sie nicht..."
Interessent 2: "Anderer Kulturkreis."
Empfangsdame: "Da hab ich auch nichts dagegen, aber das war wohl eindeutig, dass der überhaupt nicht hier reinpasst, wie wir uns das vorstellen. Also den wimmeln wir von vornherein ab."

Nach einer Untersuchung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer pflegt rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile. Wie viele Menschen in Deutschland hingegen aggressiv rassistisch sind, ist umstritten. Fest steht, dass nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft den Rassismus als ideologisches Klebemittel brauchen, um sich ihrer nationalen Identität zu versichern. Sie gehören zu der unangenehmsten Sorte Mensch, die mir auf meiner Reise begegnet ist. Entsprechende Berichte sind in jeder Zeitung nachzulesen; zu Zeiten des Fußball-Sommermärchens 2006 wurde auch über "No-go-Areas" für Schwarze besonders in Ostdeutschland berichtet.

In Cottbus sind bei Fußballspielen des lokalen Vereins immer wieder Schmährufe gegen schwarze Spieler zu hören. Pöbeleien sind an der Tagesordnung – und die Vereinsführung gibt sich machtlos. Ich will es wissen und mache mich auf den Weg zum Fußballstadion des FC Energie Cottbus, heute ist Dynamo Dresden zu Gast. Ins Stadion selbst will ich nicht. Ich halte mir lieber Fluchtwege offen, spaziere ein wenig herum wie andere auch – und ängstige mich. Dies ist wirklich Feindesland. Glatzen. Wütende Blicke. Gespannte Atmosphäre, angespannte Bizepse.
Trotz des mulmigen Gefühls versuche ich, mit den Fans ins Gespräch zu kommen.
"Wer gewinnt heute?", frage ich ein paar junge Männer.
"Du nicht", presst einer die knappe Antwort zwischen den Zähnen hervor.
Ich lasse mich nicht einschüchtern: "Können wir wetten?"
"Lauf weiter", sagt ein anderer mit aggressiver Verachtung in der Stimme, sein Blick ist so feindselig, dass ich fürchte, er könnte gleich handgreiflich werden. Aber er will ja noch ins Stadion. Und immerhin halten sich auch Polizisten, wenn auch unauffällig, in Sichtweite auf.

Nach dem Spiel besteigen die Fans von Dynamo Dresden ihre Busse. Ich frage, ob ich mitfahren kann. "Du willst nach Dresden? Dann fährst du über die Elfenbeinküste , über Afghanistan, musst um Mosambik einen großen Bogen machen, dann bist du da. In zwei Tagen." Großes Gelächter seiner Clique. Ein anderer Fan weist auf die geöffneten Gepäckraumtüren des Busses und meint: "Da unten, da bei den Kästen, ist noch Platz, leg dich rein."

Ich spüre, wie sich was zusammenbraut, einige heben die Hand zum Hitlergruß, und ich gehe zum Einsatzleiter der Polizei, der lässig an seinem Wagen lehnt. "Die sind alle hart drauf", sage ich zu ihm, "die sind alle unheimlich, Faschos." Seine Antwort: "Ist mir bis jetzt noch nicht aufgefallen."
In diesem Augenblick spiele ich Vabanque, ich will wissen, wie weit diese Typen gehen. Und ich vertraue auf meine Fähigkeit, einen anderen durch meine Körpersprache oder auch nur durch ein einziges Wort oder eine Geste zu entwaffnen. Eine Begabung, die mir oft geholfen hat. Also steige ich in den voll besetzten Fanzug nach Dresden ein, den die Bahn bereitgestellt hat. Drinnen sitzen größtenteils junge Männer, aber auch einige junge Frauen. Es ist eng und laut, die Atmosphäre alkoholgeschwängert. Einige fangen an, mich zu stoßen, nach mir zu grapschen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mich wehren muss, wenigstens mit Worten. Ich muss in die Offensive gehen. Als der Wortführer unflätig wird und sagt: "Du kannst mir einen runterholen!", antworte ich: "Kannst du selber machen."
"Was?", sagt er.
"Kannst du selber machen, wenn du es überhaupt noch schaffst."
"Dir zieh ich gleich die Haut ab! Zieh aus, Alter! Dieses Land wird weiß! (...) Weiß ist deutsch, Junge."
"Was ist denn deutsch? Erklär es mir."
"Hier, mein Arsch." Er streckt mir demonstrativ das Hinterteil entgegen.
"Das glaub ich dir, du bist am Arsch."
Jetzt hält ihn seine Truppe zurück.
Um ihn zu verunsichern, sage ich, dass er einen schwarzen Deutschen vor sich hat.
"Du deutsch? Ha!"
Seine Freundin springt ihm zur Seite: "Hab ich noch nie gesehen, einen schwarzen Deutschen!"

Ein anderer der stolzen Deutschen hat sich unterdessen erhoben und stellt sich mir in den Weg. Wieder eskaliert die Situation, wir stehen dicht voreinander. Da mischt sich eine junge Polizeibeamtin ein. Mutig, denn sie schlägt sich auf meine Seite. Sehr bestimmt und mit lauter Stimme: "Lass ihn durch! Verstehst du mich nicht!?"
Gegröle, Gelächter – sie geben nach.

Es ist reiner Zufall, ob man im entscheidenden Moment am falschen Ort ist – ob man unbeschadet davonkommt. Wir halten in Ruhland, und ich komme ohne äußere Verletzung aus dem Zug heraus, einer Art "national befreiter Zone" auf Rädern. Draußen auf dem Bahnsteig skandieren sie: "Bambule! Randale! Sieg Heil! Randale!" Mir zittern die Glieder. Diese Verachtung, dieser Hass! Ich bin kein Schwarzer, ich kann aus meiner Haut wieder raus. Trotzdem fühle ich mich gedemütigt. Die mutige Polizistin und wohl auch ihre Kollegen im Hintergrund haben mich vor Schlimmerem bewahrt. Ich muss zugeben, dass ich noch nie so innige Gefühle für Polizeibeamte gehegt habe. Nur gut, dass der Einsatzleiter, der keine Neonazis gesehen haben wollte, nicht zum Begleitschutz dieses Fanzuges gehört hat.

Zu DDR-Zeiten studierten Schwarze aus "befreundeten" afrikanischen Staaten dort oder wurden in den Betrieben ausgebildet. Allerdings verhinderte die Staatsführung ein gleichberechtigtes Zusammenleben dieser "Gäste" mit der Bevölkerung genauso, wie es die westdeutsche Politik in den fünfziger und sechziger Jahren mit den sogenannten Gastarbeitern tat. Hier wie dort wurden die Ausländer in gesonderten Unterkünften untergebracht. Während im Westen schon allein durch die stetig wachsende Zahl von ausländischen Arbeitern diese Politik nicht aufrechtzuerhalten war, dauerte die Ausgrenzung im Osten Deutschlands bis zum Ende der DDR an. Nach 1989 wurden zahlreiche Afrikaner aus den dann "neuen" Bundesländern abgeschoben. Ein wirklicher Kontakt zur Bevölkerung kam nie zustande. Im Gegenteil, offener Rassismus brach sich hier noch mehr Bahn als in den alten Bundesländern. Es gibt in Ostdeutschland deutlich mehr Übergriffe gegen Schwarze und Migranten als im Westen – bei einer erheblich geringeren Zahl von Ausländern.

Die Amadeu Antonio Stiftung zählt 138 Morde aus rechtsextremistischen und rassistischen Motiven, die seit 1990 in Deutschland begangen wurden. ReachOut, eine Berliner Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, verzeichnet für das Jahr 2008 insgesamt 140 tätliche oder verbale Angriffe allein in Berlin .

Aber ich mache auch positive Erfahrungen in meinen Monaten als Schwarzer, wenn auch selten. In einer Kneipe im bayerischen Rosenheim schiebe ich mich in den überfüllten, verqualmten Raum. Zunächst einmal geht es los wie meist – ich werde angepöbelt. "Du bist ein Neger", brabbelt einer an der Theke. Er hat schon ziemlich glasige Augen und will mich anpacken. Ich schrecke kurz zurück und schaue ihn dann ärgerlich an. Das scheint ihn zur Räson zu bringen, und er stammelt: "Ich tu dir nichts."

Zwei andere Gäste nehmen die Vorlage auf und pöbeln ebenfalls los. Mit "Ramba-Zamba"-Schlachtruf schubst mich einer zur Seite, ein anderer holt zum Schlag aus.
Jetzt geschieht etwas, womit ich nicht mehr gerechnet habe: Ein Kneipenbesucher weist den Schubser zurecht, und ein zweiter Gast blafft den anderen Krakeeler an, er solle jetzt Ruhe geben, "aber ganz schnell!" – und dann ist tatsächlich Ruhe. Zivilcourage am Tresen.
"Woher kommst du?", fragt er mich.
"Aus Somalia", antwortete ich, "aus dem Krieg. Ich kann nicht mehr zurück."
Da sagt mein Nebenmann, ein ruhiger, aber, wie sich gezeigt hat, auch entschlossener Mann in den Dreißigern: "Bleib nur hier."
Ich bin gerührt, weil jemand so eindeutig für mich Partei ergreift und mich willkommen heißt. So etwas erlebe ich in diesem Jahr geliehener schwarzer Identität nur ganz selten.

Wir trinken dann einen Schnaps zusammen. Eine Unterhaltung ist in der lauten Kneipe zwar kaum möglich, aber ich erfahre von meinem neuen Bekannten immerhin, dass er sich als Zugereister ein wenig einsam fühle unter den bayerischen Einheimischen. Wir lächeln uns hin und wieder freundlich an, und schließlich verabschiede ich mich mit den Worten: "Freund! Alles Gute!" Er gibt mir viele Grüße an meine Familie in Somalia mit auf den Weg.

Zurück in Köln . Wenn ich von Osten her über eine der Rheinbrücken fahre, mit dem Auto oder mit dem Zug, überkommen mich heimatliche Gefühle: die große Stadt am großen Fluss, das tolerante Köln. Eine Stadt mit 2000 Jahren Einwanderungsgeschichte – die Gelassenheit, mit der zum Beispiel in meinem Stadtteil Ehrenfeld die Menschen unterschiedlichster Kulturen nebeneinander und miteinander leben, wirkt auf mich außerordentlich beruhigend.

Dass es mit der Aufgeschlossenheit auch in Köln nicht allzu weit her ist, muss ich allerdings an einem sonnigen Morgen erfahren, an dem ich mich im Stadtteil Nippes auf Wohnungssuche begebe. Ein citynahes Viertel nicht weit von mir zu Hause. Die Vermieterin öffnet mir. Eine adrett angezogene ältere Frau, die gleich zur Sache kommt. Sie nennt die Miethöhe, die Nebenkosten, den Einzugstermin, führt mich durch die kleine, leer geräumte Wohnung, zeigt mir die zwei Zimmer, das Bad, den Blick nach draußen.

Eine ganz normale Wohnungsbesichtigung. Ich habe bereits ein gutes Dutzend hinter mir, aber keine einzige Zusage bekommen – halt, nein! Einmal habe ich echte Chancen gehabt; der überfreundliche Vermieter hatte meinem Team bei einem späteren Besuch bedeutet: Mit diesem Schwarzen stimme was nicht, der habe eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schriftsteller, der die Angewohnheit habe, sich zu verkleiden.

Nun, in dieser Zweizimmerwohnung, spüre ich eine gewisse Reserviertheit bei meiner potenziellen Vermieterin, eine distanzierte Höflichkeit. Diskriminierung? Nicht wirklich. Ich verabschiede mich und danke ihr.
"Bitte sehr, gern geschehen", höre ich noch hinter mir ihre Stimme.
Dann tritt "Familie Hildebrandt" auf, auch aus unserem Team, ebenfalls auf Wohnungssuche. Wir bitten die Vermieterin vor dem Schnitt des Films um ihre Zustimmung. Sie findet nichts dabei, dass ich den Dialog aus der Wohnung wörtlich wiedergebe:
Frau Hildebrandt: "Wir sind ein bisschen zu früh..."
Vermieterin: "Macht ja nichts. Ich war eben grad so erschrocken, da kommt so ein Mieter, den kann ich nicht so ins Haus nehmen, so einen Schwarzen."
Herr Hildebrandt: "Ach so, der war das doch, der da grad ging."
Vermieterin: "Der passt nicht da rein, der wollt sich das mal ansehen. Ich kann das ja nicht am Telefon sehen, wie der aussieht. Er sprach ja ein gutes Deutsch, aber ich komm da gar nicht drüber hinweg. Der war ganz schwarz, ganz schlimm ... und dann die Haare ... der war so schwarz wie der Heidi Klum ihrer. Deswegen war ich so entsetzt."
Heidi Klum ist als Model bekannt aus den Medien, und auch ihrem Mann Seal, einem Musiker nigerianisch-brasilianischer Abstammung, ist die hiesige Presse wohlgesinnt. Aber das hat die Hausbesitzerin keineswegs zu mehr Toleranz bewogen, höchstens vielleicht verhindert, dass sie mir, dem schwarzen Mann, die Tür vor der Nase zuschlug.

Meine Reise durch Deutschland ist zu Ende. Ich habe mich in all den Monaten, in denen ich als Schwarzer unterwegs war, nicht selten um meine Würde gebracht gefühlt. Schwer zu entscheiden, was schlimmer war: offene Aggressivität zu erfahren, kaltes Abwimmeln oder verlogene Freundlichkeit von oben herab. Nun lege ich mein schwarzes Alter Ego wieder ab. Aber all die anderen erleben die Verachtung weiter, jeden Tag.

Der Film "Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß. Eine Reise durch Deutschland" läuft ab 22. Oktober in den Kinos

Der Artikel wurde nachträglich verändert (Anm. d. Red.)