Adenauerzeit (Teil 4)

Als die Journalisten frech wurden

So geschickt es Adenauer zunächst noch verstand, die Medien zu lenken – bald schon entwickelte sich eine neue, kritische Öffentlichkeit.

Auswahl am Kiosk: Der Journalismus der Adenauerzeit befreite sich von der gezielten Mediensteuerung der Politiker und wurde kritischer

Auswahl am Kiosk: Der Journalismus der Adenauerzeit befreite sich von der gezielten Mediensteuerung der Politiker und wurde kritischer

»Kritik scheint das oberste Gebot«, empörte sich im Herbst 1962 ein Referent des Bonner Bundespresseamtes. In aller Breite listete er die »Entgleisungen« einer Redaktion auf, die mit »einseitigen« Berichten versuche, die »Maßnahmen der Bundesregierung zu torpedieren«. Das interne Papier war nur der Auftakt. Kurz darauf setzten mehrere Spitzenbeamte energische Protestschreiben an die Verantwortlichen auf.

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Ihre Empörung gipfelte in der Behauptung, die Arbeit der Journalisten erinnere »bestürzend an Methoden der Nationalsozialisten und Kommunisten vor 1933«. Gemeint war das Fernsehmagazin Panorama, mit dem der Norddeutsche Rundfunk im Juli 1962 ins Hauptprogramm der ARD gekommen war und das nicht nur Politiker oder Ministerialbeamte reizte. Erst kurz zuvor hatte die Polizei im niederrheinischen Geldern ein Panorama- Team verhaftet, das einen Beitrag über einen Lehrer und dessen Vergangenheit als KZ-Aufseher drehte.

Öffentlichkeit ist ein abstraktes Gebilde, und dass sich in der Abenddämmerung der Adenauerschen Kanzlerschaft die medienpolitischen Skandale zu häufen begannen, war kein Zufall. An der Wende zu den sechziger Jahren äußerte sich in der Bundesrepublik eine neue Form der Kritik, und viele reagierten darauf mit Unverständnis. Im selben Maß, in dem sich der junge Staat in Bonn eingerichtet hatte, hatten sich seine Repräsentanten auch an das Wohlverhalten von Journalisten und anderen politischen Beobachtern gewöhnt. Mehr noch: Sie erwarteten und sie genossen es.

Der Kanzler kümmerte sich von Anfang an persönlich darum, und dafür gab es handfeste Motive. Anders als die SPD verfügte seine Partei, die CDU, kaum über eigene Zeitungen und musste Wähler aus ganz unterschiedlichen sozialen und religiösen Milieus ansprechen. Auch abseits des Wahlkampfes erforderte dies eine ständige Kommunikation über die Ziele der Regierung.

Im April 1950 lud Adenauer erstmals eine handverlesene Runde von Journalisten zum vertraulichen Gespräch, das rasch zur festen Institution wurde. Der Kreis bot dem Kanzler nicht nur Gelegenheit, seine Politik zu erklären, sondern dabei die Presse auch gezielt zu instrumentalisieren. Mit Erfolg, denn bei den »Teegesprächen« im Palais Schaumburg dabei sein zu dürfen galt unter Bonner Korrespondenten bald als höchste Ehre.

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Unerwünschte Kritiker bekamen keine Einladung. Dafür sorgte das Presse- und Informationsamt unter der Regie von Kanzleramtschef Otto Lenz, einem ehemaligen Zentrumsmann, der gegen Ende des »Dritten Reichs« noch im Zuchthaus gesessen hatte. Finanziell und personell üppig ausgestattet, wuchs die Behörde rasch zur Schaltzentrale der Öffentlichkeitsarbeit heran, und Lenz ging hemdsärmelig zur Sache. Er schuf ein ganzes Netz von scheinbar unabhängigen Institutionen, die tatsächlich von der Regierung alimentiert wurden und höchst effektiv für Adenauers Politik warben.

Prominentestes Beispiel war die Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise: offiziell ein unabhängiger und überparteilicher Verein, in Wirklichkeit eine dubiose CDU-Vorfeldorganisation, die schon bald ein Netz von 17000 ehrenamtlichen Mitarbeitern und 500 Vortragsrednern über die Republik spannte.

 
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Leser-Kommentare

  1. Wozu verbieten, was man kaufen kann? 80% aller weltweit erscheinenden Medien gehören 6 internationalen Konzernen - und auf nationaler Ebene sieht's fast noch finsterer aus.
    So lässt sich die Regierung, die man sich wünscht, herbeischreiben. Das ist noch unauffälliger als Kaufen. Und das ist übrigens auch der Grund, warum ständig ganze Horden gedungener Rufmörder unter den Deckmäntelchen des Journalismus über die Internet-Kultur herfallen und Sodom und Gommorrha allen Ortens sehen:
    Sie haben dort keine Kontrolle. Und das ist für sie - siehe Überschrift - die neue, zeitgemässe Form der Gotteslästerung.

    Jehova,Jehova...

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    Konsequenzen?   Dr. Sorglos

    Nehmen wir mal an, Sie haben Recht und die Demokratie ist am Ende und wir leben alle in einer Wirtschafts-Diktatur bzw. einem Kapital-Feudalismus. Was ist Ihrer Meinung nach die Konsequenz?

  2. Nehmen wir mal an, Sie haben Recht und die Demokratie ist am Ende und wir leben alle in einer Wirtschafts-Diktatur bzw. einem Kapital-Feudalismus. Was ist Ihrer Meinung nach die Konsequenz?

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    das mit dem Kapital-Feudalismus ist doch einfach erklärt. Man nehme einen adligen Erben eines größeren Vermögens mit dem Hang bered schlichte Parolen einwandfrei zu formulieren und zum gepflegten Nichtstun. man juble ihn der gesamten(!) Presse- und Medienlandschaft zum Hoffnungsträger hoch, wobei seine Scheingeschäfte als Minister mit irgendwelchen ausländischen Wirtschaftskanzleien mit dem Mantel des Verzeihens oder gar Verschweigens zugedeckt werden ...

    dann darf man von Kapitalfeudalismus sprechen. Einer theoretischen Durchdringung des Begriffes bedarf es noch der Mühen einiger provater Elite-Hochschulen, die uns bald ein Ergebnis vorlegen werden, dass der Kapitalfeudalismus der einzige Weg der modernen Gesellschaft zum umfassenden menschlichen Glück ist.

    Wirtschaftsdiktatur würde ich dagegen ersetzen durch den Begriff Wirtschaftsdemokratie. Die Wirtschaft macht der Politik die Vorgaben, was diese

    a) entscheiden darf und

    b) entscheiden muss.

    Der Willensbildungsprozess läuft nur noch auf der Ebene von Konzernzentralen und Verbänden. Im 4-jährigem Turnus darf die Bevölkerung diesen Entscheidungen zustimmen, womit sie ihren Beitrag zur demokratischen Willlensbildung über Genüge geleistet hat.

    • 25.10.2009 um 14:16 Uhr
    • hardob

    das mit dem Kapital-Feudalismus ist doch einfach erklärt. Man nehme einen adligen Erben eines größeren Vermögens mit dem Hang bered schlichte Parolen einwandfrei zu formulieren und zum gepflegten Nichtstun. man juble ihn der gesamten(!) Presse- und Medienlandschaft zum Hoffnungsträger hoch, wobei seine Scheingeschäfte als Minister mit irgendwelchen ausländischen Wirtschaftskanzleien mit dem Mantel des Verzeihens oder gar Verschweigens zugedeckt werden ...

    dann darf man von Kapitalfeudalismus sprechen. Einer theoretischen Durchdringung des Begriffes bedarf es noch der Mühen einiger provater Elite-Hochschulen, die uns bald ein Ergebnis vorlegen werden, dass der Kapitalfeudalismus der einzige Weg der modernen Gesellschaft zum umfassenden menschlichen Glück ist.

    Wirtschaftsdiktatur würde ich dagegen ersetzen durch den Begriff Wirtschaftsdemokratie. Die Wirtschaft macht der Politik die Vorgaben, was diese

    a) entscheiden darf und

    b) entscheiden muss.

    Der Willensbildungsprozess läuft nur noch auf der Ebene von Konzernzentralen und Verbänden. Im 4-jährigem Turnus darf die Bevölkerung diesen Entscheidungen zustimmen, womit sie ihren Beitrag zur demokratischen Willlensbildung über Genüge geleistet hat.

    Antwort auf "Konsequenzen?"
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    @hardob   Dr. Sorglos

    Vielen Dank für Ihren Begriffserklärungsversuch. Es ging bei meiner Frage allerdings um die Konsequenzen, die aus der vorliegenden Situation folgen müssten.

    Ich hoffe, Sie antworten nun nicht mit einer bemühten Definition des Begriffs Konsequenz...

    • 25.10.2009 um 14:39 Uhr
    • hardob

    nun weniger Macht auf die Medien aus. Die öffentlich-rechtlichen Sender laufen immer wieder Gefahr unter Druck zu geraten, doch ist der Einfluss gesellschaftlicher Gruppen durch Staatverträge nie ganz wegzudrücken, ein Rest an Freiheit bleibt immer. Warum aber wirken privat kontrollierte Zeitungen oder Rundfunk- bzw. Fernsehsender in den letzten Jahren so gleichförmig, so "gleichgeschaltet".Ist es die viel beschworene "Hand des Marktes" die für diese Mediokrität sorgt?

    "Die Mediokrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist tragen kann, weil sie die große Menge, das heißt die Mediokren, nicht an Maskierung denken lässt —: und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor, — um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Güte."(Nietzsche)

    Ist es Mitleid und Güte für ein dumm gehaltene Publikum, es auch weiter in seiner Dummheit zu belassen? Oder werden gar keine Masken getragen? Haben sich die Mittelmäßigen Geister in Redaktionen und Verlagen durch- und an die Spitze gesetzt.

  3. Vielen Dank für Ihren Begriffserklärungsversuch. Es ging bei meiner Frage allerdings um die Konsequenzen, die aus der vorliegenden Situation folgen müssten.

    Ich hoffe, Sie antworten nun nicht mit einer bemühten Definition des Begriffs Konsequenz...

    Antwort auf "Herr Dr. Sorglos,"
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    ergeben sich vor allem in einer Neusprache, die keiner mehr versteht bzw. jeder so versteht, wie er es gerade braucht.

    Beispiele:

    Mehr Netto vom Brutto

    Regierung der Mitte

    Sozial ist was Arbeit schafft

    Steuersenkung schaffen Wachstum, weil durch Abgabenerhöhung die Kaufkraft abgeschöpfen

    Dem Rettungsschirm der Banken folgt einer für die Arbeitnehmer, die sozialversicherungspflichtig beschäftig sind

    Mehr Schulden sind weniger Schulden

    Diese Listel ließe sich gewiss erwitern, aber ich hatte noch nicht die Zeit, das gesamte Konvolut des Einigungsvertrags der neuen Drei durchzuarbeiten.

  4. meint zunächst die klar erkennbare, real existierende Klassengesellschaft, mit der auf dem gewohnten Erbwege dynastischen Struktur. Wenn z.B. Gerhart Schröder von allen selbsternannten Demokraten unwidersprochen sagt: "Man kann in Deutschland nicht Politik machen gegen die Wirtschaft", dann frag ich mich doch, wieso wir dann überhaupt noch wählen gehen. Denn eine politische Klasse, die keine Politik machen will&kann gegen die Wirtschaft, wird am Ende Politik machen MÜSSEN gegen die Bürger. Und eine Regierung, die systematisch bürgerfeindliche Politik macht, sollte man nicht demokratisch legitimieren - das ist eine Farce, sonst nichts.

    Die 50 reichsten Unternehmen der Welt verfügen über 52% aller Ressourcen selbiger, die haben eine Machtfülle, dagegen ist der spanische Absolutismus zu seiner Glanzzeit ein anämisches Geschöpf.
    Was kann man dagegen tun? Man kann es mit "freundlich zureden" versuchen, im Glauben fest. Man kann es mit Wahlen versuchen, aber mir schwant, dass die verboten werden, wenn sie etwas ändern würden. Am Ende werden wir uns - zumindestens in Europa - auf die Traditionen von 1789 besinnen müssen. Etwas Besseres weiss ich nicht.

  5. War zwar keine Frage Ihrerseits, aber ich greife sie mal als solche auf: Warum gehen wir dann überhaupt noch wählen?

    Also ich, da mir klar zu sein scheint, dass Politik nicht gegen Wirtschaft gemacht werden kann. Es sei denn, man verstaatlicht die Unternehmen, schafft ein sozialistisches Arbeiter- und Bauernparadies und kehrt dann nach der 40 Jahre-Jubelfeier seiner Existenz reumütig und wirtschaftlich abgehalftert mit total verarmter Bevölkerung (außer den Einheitspartei-Granden) in den Schoß kapitalistisch verfasster Staaten zurück.

    Frdl. Gruß
    Pf.

  6. Denn hätte niemals jemand Politik GEGEN die Wirtschaft gemacht, dann hätten wir in Europa immer noch Verhältnisse a la Manchester oder wie in chinesischen Sweat-Shops. Es ist eben nicht so, fdass man solche Politik nicht machen. Man kann sie nur nicht machen mit systemkonformen Politikern und einer gleichgeschalteten Presse, Und die haben wir hier.

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