Leseprobe Der Code des Bösen

Der Gerichtspsychiater Reinhard Haller seziert in seinem neuen Buch die Anatomie des Bösen. Ein Auszug

Eine Form der Psychopathie ist wohl am besten geeignet, das »Böse« zu beschreiben: der »maligne Narzissmus«. Der Psychoanalytiker Otto F. Kernberg versteht darunter eine Kombination aus narzisstischer Persönlichkeitsstörung, antisozialem Verhalten, sadistischer Aggression sowie extrem misstrauischer Grundhaltung. Worin besteht nun diese gefährliche Abnormität? Aus welchen Elementen setzt sich der Code des bösen Charakters im Einzelnen zusammen?

An erster Stelle steht die starke Neigung zu sadistischen Aggressionen. Besonders verheerend ist aggressives Verhalten dann, wenn es beim Täter Lust erzeugt, also Lust durch das Quälen anderer Menschen. Der Sexualforscher Richard von Krafft-Ebing hat dafür den Begriff des Sadismus geprägt. Unter dieser nach Marquis de Sade benannten Störung versteht man die Tatsache, dass manche Menschen Befriedigung oder sexuelle Lust erleben, wenn sie andere Menschen demütigen, unterdrücken oder quälen.

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Der Krieg, in welchem sich alle Psychopathen austoben, liefert unzählige Beispiele für Aggressivität in ihrer bösesten Form, so auch das dem Bericht des KZ-Insassen Heinz Heger entnommene: Auf den »Bock« am Appellplatz wurde das Opfer so gebunden, dass sich »das Gesäß als höchste Stellung emporwölbte«. Die Ausführenden bestimmte der Lagerführer, »doch fanden sich meist sadistisch veranlagte SS-Ober- und Hauptscharführer, die gerne freiwillig diese Arbeit übernahmen«, schreibt Heger, der, wie man erraten kann, sich homosexuell »veranlagt« fühlt. »Indessen stand der SS-Lagerführer ganz in der Nähe des Blockes und schaute mehr als interessiert der Exekution zu. Bei jedem Schlag leuchteten seine Augen auf und schon nach wenigen Schlägen war sein ganzes Gesicht rot vor Aufregung und Wollust. Er hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben und man konnte mehr als deutlich erkennen, dass er onanierte. Nachdem er sich selbst ›fertig gemacht‹ und befriedigt hatte, verschwand das perverse Schwein plötzlich; er war an der weiteren Ausführung der Prügelexekution nicht mehr interessiert.« Eindrücklicher ist die böse aggressive Lust, die nicht nur zur Qual, sondern zur völligen Entwürdigung anderer führt, nicht zu beschreiben.

Der bösartige Narzisst versteckt sich hinter der Maske des Charmeurs

Ein weiteres Hauptelement der bösartigsten Form eines menschlichen Charakters ist der Narzissmus. Gemeint ist damit nicht die uns allen gemeine Selbstverliebtheit oder das kecke Hervorheben der eigenen Bedeutsamkeit, sondern die umgekehrte, bösartige Form. Der negative Narzisst bleibt durchschnittlich, verschafft sich aber dadurch eine herausragende Position, dass er die anderen unterwirft. Je mehr er jemanden erniedrigt und entwürdigt, desto überlegener und grandioser fühlt er sich selbst. Der Sexualtäter hebt sich aus seinem langweiligen Leben heraus, wenn er zum gefürchteten Despoten, der über das Schicksal eines anderen Menschen bestimmt, emporgehoben wird. Der narzisstische Mensch versteht es, diese negativen Tendenzen zu überspielen, und präsentiert sich nach außen als verständnisvoll, anpassungsfähig, kritisch und loyal. Bösartige Narzissten werden von der Umgebung nicht leicht erkannt. Im Gegenteil, sie gelten als sehr charmant. Psychiater sprechen gern vom »Charme des Psychopathen«. Ted Bundy, der möglicherweise mehrere Hundert junge Frauen brutal umgebracht hat, ist dafür ebenso ein Beispiel wie der österreichische Serienkiller Jack Unterweger, welcher weit über seinen Tod hinaus von vielen Frauen umschwärmt war.

Als Nächstes ist bei der Beschreibung des »bösen« Charakters die Neigung zu antisozialem Verhalten zu nennen. Zu unterscheiden sind zwei Formen: Die aggressive Form macht sich durch häufige Verurteilungen aufgrund von Körperverletzung, Sachbeschädigung, Raubüberfall oder gar von Tötungsdelikten bemerkbar. Bei der ausnützerisch-parasitären Form dominieren Lügen, Stehlen, Einbrechen, Fälschungen, Betrug und Prostitution.

Die besondere Gefährlichkeit der Täter mit dieser Charakterstruktur resultiert aus ihrer misstrauischen Grundhaltung. Sie sehen in anderen Menschen Feinde oder Narren, fühlen sich von überall her beobachtet und rechnen ständig mit den unwahrscheinlichsten Situationen. Die ihre Psyche beherrschende Kombination aus asozialer Grundhaltung, sadistischer Lust und höchst paranoidem Denken befähigt sie, detaillierte Pläne für böse Taten zu entwerfen, Pläne, die man tatsächlich als »teuflisch« bezeichnen kann.

Gemeinsam ist allen Menschen mit psychopathischem Charakter, dass sie sich nicht in andere hineinfühlen können, da sie selbst keine Gefühle haben. Sie haben in der Kindheit, in der sie selbst Opfer von Gewalt geworden sind, ihre Gefühlswelt abgetötet. Jegliche Form der Geborgenheit und Intimität ist ihnen unvertraut und flößt ihnen Angst ein, weshalb sie darauf mit panischer Aggressivität reagieren. Ihre Abnormität wird durch einen weiteren psychischen Mechanismus, nämlich jenen der Spaltung, komplettiert. Psychopathen haben eine unglaubliche Fähigkeit, Menschen in ganz gut und ganz böse, also in Extreme einzuteilen. Beim Frauenbild trennen sie zwischen der »guten Mutter«, die als nährend, schützend und liebend gesehen wird, und der als vernachlässigend, ablehnend und bestrafend empfundenen »bösen« Mutter.

Bei Betrachtung dieser Charakterzüge wundert es nicht, dass die Taten von Psychopathen nach allen wissenschaftlichen Untersuchungen viel brutaler und grausamer als jene von Nichtpsychopathen sind. Psychopathen planen ihre Tat viel genauer, führen sie willkürlich durch und bringen sie eher durch die Tötung zu Ende.

Die zweite Ziffer im Code des Bösen ist die Entwürdigung und Entmenschlichung anderer Personen oder Lebewesen. Den Höhepunkt – oder besser gesagt den Tiefpunkt – markiert die Zeit des Nationalsozialismus. Der Genozid wird gegen eine vermeintlich »mindere Rasse«, die »Euthanasie« gegen angeblich »lebensunwertes Leben« geführt. Sadismus und Entwürdigung zeigen sich hier in ihrer schlimmsten Form, wie aus den Prozessprotokollen eines NS-Verbrechers zu entnehmen ist: »Noch bevor die Erschießungen begannen, hatte sich Oberleutnant Gnade etwa 20 bis 25 ältere Juden herausgesucht. Diese ließ er auf dem Platz vor der Grube robben. Zuvor mussten sie sich entkleiden. Während die Juden nun völlig nackt robbten, schrie Oberleutnant Gnade in die Gegend: ›Wo sind denn meine Unterführer, habt ihr noch keinen Knüppel?‹ Daraufhin sind dann die Unterführer an den Waldrand gegangen, haben sich Knüppel geholt und schlugen nun kräftig auf die Juden ein.« Es war den Nazi-Sadisten nicht genug, die unschuldigen alten Menschen hinzurichten, es musste auch noch auf eine besonders grausame Art geschehen.

Eine besondere Form der Entwürdigung der Opfer ist der Kannibalismus. Das Verzehren eines Menschen durch Menschen gilt als ultimativer Angriff auf dessen Person. In der modernen Kriminalgeschichte spielt Kannibalismus eine zunehmende Rolle. Der durch den Film Der Totmacher mit Götz George bekannt gewordene Fall des Fritz Haarmann bezieht sich auf einen der berüchtigtsten Serienmörder des 20. Jahrhunderts, welcher zwischen 1918 und 1924 insgesamt 24 Jungen durch einen Biss in den Hals getötet, ihre Körper anschließend zerstückelt und die Leichenteile zu Wurst verarbeitet haben soll. Der 1992 wegen vielfachen Mordes hingerichtete Andrej Tschikatilo soll 52 Frauen und Kinder ermordet und ihre Leichen teilweise aufgegessen haben. Am meisten Aufsehen erregte der Fall des Armin Meiwes aus Rotenburg, welcher im Jahr 2001 über das Internet einen Mann aus Berlin fand, der sich als Opfer für ein kannibalisches Essen zur Verfügung stellte. Meiwes tötete den Mann vor laufender Kamera und aß Teile seines Körpers auf, wofür er zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Der Schweregrad einer bösen Tat wird, und dies ist die dritte Ziffer des Codes, durch deren Planungsgrad bestimmt. Je unüberlegter und spontaner eine Handlung ausgeführt wird, desto geringer ist ihr Grad an Bösartigkeit. Umgekehrt zeichnet sich das Böse dadurch aus, dass der Planungsgrad eines Verbrechens sehr hoch und detailliert ist. Innerhalb der Aggressionen wird zwischen emotionaler und instrumenteller Gewalt unterschieden, das heißt, die Aggressionsausübung kann durch Tätlichkeiten oder durch Machtausübung über die Gefühlswelt erfolgen. Nach einer Faustregel neigen Männer eher zu tätlicher, Frauen zu emotionaler Gewalt. Oft wird spekuliert, welche Form die schwereren Folgen hat und ob das subtile Böse, wie es zum Beispiel im Mobbing umgesetzt wird, nicht gravierendere Auswirkungen hat als die direkte, »ehrlichere« Aggressivität. Emotionale Gewalt kann sehr wohl zu schweren Beeinträchtigungen führen, insbesondere dann, wenn sie bereits auf einer frühen Entwicklungsstufe des Opfers eingesetzt wird und wenn sie über einen langen Zeitraum dauert. Dann kann emotionale Gewalt zu Verunsicherung, Selbstwertzweifeln, Ängstlichkeit, mangelnder Lebensfreude und Erschütterung des Urvertrauens führen.

In der Masse erlischt die Fähigkeit zur Kritik, fallen Hemmungen weg

Schließlich setzt die Verwirklichung des Bösen die Missachtung des »Moralinstinkts« voraus. Wissenschaftler aus den Bereichen Biologie, Psychologie und Philosophie, die sich mit der Frage eines angeborenen Moralinstinkts beschäftigen, kommen zu dem Schluss, dass die zentralen Maßstäbe der Moral und anderer Werte global vergleichbar und keine Frage der jeweiligen Kultur seien. Ob das Gewissen tatsächlich in den Genen steckt, ob uns die Unterscheidung zwischen Gut und Böse in die Wiege gelegt wird, ist allerdings wie so vieles in der Forschung über das Böse noch nicht geklärt.

Die genannten Komponenten des Bösen werden durch Gruppeneffekte und massenpsychologische Abläufe potenziert. Unter dem Schutz der Gruppe traut sich auch der Schüchternste, seinen »Mut« zu zeigen, fühlt sich der Schwache stark. Die die Sprengkraft des Bösen verschlimmernden Effekte der Gruppe werden durch die Masse bis zur »Psychose« verstärkt. Nach Gustave Le Bon ist die Psychologie der Massen – wie der Titel seines berühmten Werkes lautet – durch Wegfall von Hemmungen, Erlöschen der Kritik, Nivellierung der seelischen Vollzüge, Hysterie und Entpersönlichung gekennzeichnet. Wir finden in der Masse also den Code des Bösen in Reinkultur.

 
Leser-Kommentare
    • LH1
    • 29.10.2009 um 4:20 Uhr

    Männer sind eben Jäger, Frauen Sammler. Menschen sind von Geburt an höchst aggressiv. Man sieht heute öfters Bücher, die unsere Welt auf das Primatendasein reduzieren. Diese Art von Denken kann sehr beruhigend sein, nimmt er doch die eigene Verantwortung weg. Man muss die Dinge bloß akzeptieren und auf ein besseres Zeitalter warten, sonst lässt sich sowieso nichts viel tun.

    Oder doch? Allen, die sich für das Thema Aggression interessieren, wäre auch das folgende, vor kurzem erschienene Buch zu empfehlen: „Versuchung des Bösen – So entkommen wir der Aggressionsspirale“, DDr. Hans-Otto Thomashoff, Kösel 2009:

    http://www.lernwelt.at/do...

    Hier findet man nicht nur eine klare Antwort zur Frage, wie Aggression und Gewalt entstehen, sondern auch ganz konkrete Ideen, was sich in der Gesellschaft ändern kann, um destruktives Verhalten zu vermeiden.

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