Leseprobe Der Code des BösenSeite 2/2

Bei Betrachtung dieser Charakterzüge wundert es nicht, dass die Taten von Psychopathen nach allen wissenschaftlichen Untersuchungen viel brutaler und grausamer als jene von Nichtpsychopathen sind. Psychopathen planen ihre Tat viel genauer, führen sie willkürlich durch und bringen sie eher durch die Tötung zu Ende.

Die zweite Ziffer im Code des Bösen ist die Entwürdigung und Entmenschlichung anderer Personen oder Lebewesen. Den Höhepunkt – oder besser gesagt den Tiefpunkt – markiert die Zeit des Nationalsozialismus. Der Genozid wird gegen eine vermeintlich »mindere Rasse«, die »Euthanasie« gegen angeblich »lebensunwertes Leben« geführt. Sadismus und Entwürdigung zeigen sich hier in ihrer schlimmsten Form, wie aus den Prozessprotokollen eines NS-Verbrechers zu entnehmen ist: »Noch bevor die Erschießungen begannen, hatte sich Oberleutnant Gnade etwa 20 bis 25 ältere Juden herausgesucht. Diese ließ er auf dem Platz vor der Grube robben. Zuvor mussten sie sich entkleiden. Während die Juden nun völlig nackt robbten, schrie Oberleutnant Gnade in die Gegend: ›Wo sind denn meine Unterführer, habt ihr noch keinen Knüppel?‹ Daraufhin sind dann die Unterführer an den Waldrand gegangen, haben sich Knüppel geholt und schlugen nun kräftig auf die Juden ein.« Es war den Nazi-Sadisten nicht genug, die unschuldigen alten Menschen hinzurichten, es musste auch noch auf eine besonders grausame Art geschehen.

Eine besondere Form der Entwürdigung der Opfer ist der Kannibalismus. Das Verzehren eines Menschen durch Menschen gilt als ultimativer Angriff auf dessen Person. In der modernen Kriminalgeschichte spielt Kannibalismus eine zunehmende Rolle. Der durch den Film Der Totmacher mit Götz George bekannt gewordene Fall des Fritz Haarmann bezieht sich auf einen der berüchtigtsten Serienmörder des 20. Jahrhunderts, welcher zwischen 1918 und 1924 insgesamt 24 Jungen durch einen Biss in den Hals getötet, ihre Körper anschließend zerstückelt und die Leichenteile zu Wurst verarbeitet haben soll. Der 1992 wegen vielfachen Mordes hingerichtete Andrej Tschikatilo soll 52 Frauen und Kinder ermordet und ihre Leichen teilweise aufgegessen haben. Am meisten Aufsehen erregte der Fall des Armin Meiwes aus Rotenburg, welcher im Jahr 2001 über das Internet einen Mann aus Berlin fand, der sich als Opfer für ein kannibalisches Essen zur Verfügung stellte. Meiwes tötete den Mann vor laufender Kamera und aß Teile seines Körpers auf, wofür er zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Der Schweregrad einer bösen Tat wird, und dies ist die dritte Ziffer des Codes, durch deren Planungsgrad bestimmt. Je unüberlegter und spontaner eine Handlung ausgeführt wird, desto geringer ist ihr Grad an Bösartigkeit. Umgekehrt zeichnet sich das Böse dadurch aus, dass der Planungsgrad eines Verbrechens sehr hoch und detailliert ist. Innerhalb der Aggressionen wird zwischen emotionaler und instrumenteller Gewalt unterschieden, das heißt, die Aggressionsausübung kann durch Tätlichkeiten oder durch Machtausübung über die Gefühlswelt erfolgen. Nach einer Faustregel neigen Männer eher zu tätlicher, Frauen zu emotionaler Gewalt. Oft wird spekuliert, welche Form die schwereren Folgen hat und ob das subtile Böse, wie es zum Beispiel im Mobbing umgesetzt wird, nicht gravierendere Auswirkungen hat als die direkte, »ehrlichere« Aggressivität. Emotionale Gewalt kann sehr wohl zu schweren Beeinträchtigungen führen, insbesondere dann, wenn sie bereits auf einer frühen Entwicklungsstufe des Opfers eingesetzt wird und wenn sie über einen langen Zeitraum dauert. Dann kann emotionale Gewalt zu Verunsicherung, Selbstwertzweifeln, Ängstlichkeit, mangelnder Lebensfreude und Erschütterung des Urvertrauens führen.

In der Masse erlischt die Fähigkeit zur Kritik, fallen Hemmungen weg

Schließlich setzt die Verwirklichung des Bösen die Missachtung des »Moralinstinkts« voraus. Wissenschaftler aus den Bereichen Biologie, Psychologie und Philosophie, die sich mit der Frage eines angeborenen Moralinstinkts beschäftigen, kommen zu dem Schluss, dass die zentralen Maßstäbe der Moral und anderer Werte global vergleichbar und keine Frage der jeweiligen Kultur seien. Ob das Gewissen tatsächlich in den Genen steckt, ob uns die Unterscheidung zwischen Gut und Böse in die Wiege gelegt wird, ist allerdings wie so vieles in der Forschung über das Böse noch nicht geklärt.

Die genannten Komponenten des Bösen werden durch Gruppeneffekte und massenpsychologische Abläufe potenziert. Unter dem Schutz der Gruppe traut sich auch der Schüchternste, seinen »Mut« zu zeigen, fühlt sich der Schwache stark. Die die Sprengkraft des Bösen verschlimmernden Effekte der Gruppe werden durch die Masse bis zur »Psychose« verstärkt. Nach Gustave Le Bon ist die Psychologie der Massen – wie der Titel seines berühmten Werkes lautet – durch Wegfall von Hemmungen, Erlöschen der Kritik, Nivellierung der seelischen Vollzüge, Hysterie und Entpersönlichung gekennzeichnet. Wir finden in der Masse also den Code des Bösen in Reinkultur.

 
Leser-Kommentare
    • LH1
    • 29.10.2009 um 4:20 Uhr

    Männer sind eben Jäger, Frauen Sammler. Menschen sind von Geburt an höchst aggressiv. Man sieht heute öfters Bücher, die unsere Welt auf das Primatendasein reduzieren. Diese Art von Denken kann sehr beruhigend sein, nimmt er doch die eigene Verantwortung weg. Man muss die Dinge bloß akzeptieren und auf ein besseres Zeitalter warten, sonst lässt sich sowieso nichts viel tun.

    Oder doch? Allen, die sich für das Thema Aggression interessieren, wäre auch das folgende, vor kurzem erschienene Buch zu empfehlen: „Versuchung des Bösen – So entkommen wir der Aggressionsspirale“, DDr. Hans-Otto Thomashoff, Kösel 2009:

    http://www.lernwelt.at/do...

    Hier findet man nicht nur eine klare Antwort zur Frage, wie Aggression und Gewalt entstehen, sondern auch ganz konkrete Ideen, was sich in der Gesellschaft ändern kann, um destruktives Verhalten zu vermeiden.

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