Samstagabend in Ottakring, dort, wo sich die Wiener Vorstadt lange ihren herben Charme erhalten konnte. Ibrahim Kilicdagi ist zufrieden. Sein Lokal ist krachend voll. Unaufhörlich drängt schickes Publikum zur Tür herein. Wer einen Platz ergattern kann, bekommt automatisch ein Glas Prosecco serviert, damit die Zeit nicht lang wird, bis die gegrillte Seezunge kommt. Man trägt modisch saloppe Designerkluft, bei Männern ist ein Dreitagebart obligatorisch. Es sind Leute, die so gar nicht in den traditionellen Arbeiterbezirk passen wollen, sondern eher die teuren Schuppen in der Innenstadt bevölkern: die Plapperazzi von Wien.

Das Fischrestaurant An-Do am Yppenplatz ist noch keine zwei Wochen alt und liegt schon ganz im Trend der Flaneure, die immer Ausschau halten nach einem neuen Ort, an dem man unbedingt angetroffen werden sollte, will man dazugehören. Das kühle Ambiente des mediterranen Hedonistentreffs auf dem Marktplatz inmitten der Zinskasernen aus der Gründerzeit verrät, dass sich ein Stadtteil gerade in einem rasanten Wandel befindet. Gentrifikation nennen kritische Stadtplaner diesen Prozess. Das Brunnenviertel, gerade 0,2 Quadratkilometer Vorstadt rund um den längsten Straßenmarkt Europas, rund 7000 Bewohner, 41 Prozent Ausländeranteil, ist zum neuen Biotop der Schönen und Kreativen der Stadt geworden.

Sie haben in dem einst schäbigen Revier einen Ort entdeckt, dem sie ihren Stempel aufdrücken können. Eine kleine innerstädtische Völkerwanderung ist in Gang gekommen, wie das auch in anderen europäischen Metropolen der Fall ist. Das beste Beispiel dafür ist wahrscheinlich Berlin. Dort okkupierten Scharen von urbanen Erfolgsmenschen das verkommene Wohngebiet der unangepassten Ost-Boheme, den Prenzlauer Berg, und verwandelten die Tristesse in eine Idylle für eklektische Besserverdiener. Heute reihen sich dort Bioläden an Yoga-Kindergärten und Straßencafés, in denen der Caffè-Latte-Schäumer nie zur Ruhe kommt. »Republik Bionade«, spotten die Berliner, wenn sie von der exterritorialen Zone reden, deren Staatsform eine Kultlimonade repräsentiert.

Ähnliches bahnt sich nun um den Wiener Yppenplatz an. Laufend eröffnen Delikatessenlokale, Shops für Krimskrams, Galerien, Modeateliers, Kreativstudios, Orte, an denen moderne Lebenskünstler entspannen. Das Brunnenviertel ist eine begehrte Wohngegend geworden – für jüngere, gut verdienende Kosmopoliten, Architekten, Rechtsanwälte, Schriftsteller oder Künstler. Prominenter Zuzug, etwa die Schauspielerin Nina Blum oder der Erfolgsautor Daniel Glattauer, haben die Gegend ins Gespräch gebracht. »Wir haben eine lange Warteschlange«, verrät Immobilienmakler Erich Krammer.

»Ich frage mich, welcher Zuwanderer sich das leisten soll. In meinem Haus gibt es nur gut verdienende Paläoösterreicher«, sagt Michael Korbel, ein Kreativer aus der Werbebranche, der sich unlängst hier angesiedelt hat. Für seine 100 Quadratmeter große Wohnung zahlt er monatlich stolze 1300 Euro. Er schätzt das Marktgewusel, die Geräuschkulisse, den Duft der Kulturen: »Da erspare ich mir einen Urlaub.« Auf Schritt und Tritt begegne er aber seinesgleichen. An Integration in seiner Nachbarschaft glaubt er nicht. »Hier gibt es noch horizontale und vertikale Vielfalt«, meint hingegen eine andere Anwohnerin, die Managerin Anja Lesak.