Kunst Ist Romantik heilbar?Seite 2/2
Doch während es Friedrich, offenbar über die Maßen bedrängt von Carus’ Bildungshuberei und seinem bücklingshaften Epigonentums, gelang, sich zu befreien, verlor dieser ohne die motivischen Anregungen und Diskussionen über Bildlösungen künstlerisch seinen roten Faden. Als Friedrich 1840 starb, ging er ein letztes Mal zum verehrten Freund und nahm ihm, der sich nicht mehr wehren konnte gegen diesen letzten und ultimativen Akt der Heiligenverehrung, die Totenmaske ab. Auch aus Carus’ künstlerischem Werk scheint mit dem Tod des Leitgestirns jede eigenständige Energie entwichen, er wiederholt immer wieder die hohl gewordenen Motive von Ruinen, Bäumen und Rückenfiguren. Romantik reduziert sich bei Carus am Ende darauf, dass auf seinen Bildern immer der Mond scheint.
Friedrichs Diktum für seine Kunst lautet: Ein Bild soll nicht erfunden, sondern »empfunden« sein. Das Faszinierende und das Tragische an dem künstlerischen Gesamtwerk von Carl Gustav Carus ist, dass er offenbar besondere Antennen für diese Empfindsamkeit hatte – wie seine Briefe, seine Schriften und die Licht- und Luftdarstellungen seiner Werke vor allem der frühen zwanziger Jahre (das unglaubliche Atelierfenster von 1823 etwa) immer wieder bezeugen. Zugleich aber führt in fast jedem Bild urplötzlich der Naturwissenschaftler dem Maler die Hand – und plötzlich wird aus dem Gebirge eine Gesteinsprobe und dem romantischen Kahn eine getreuliche Nachbildung der Balkenkonstruktion.
Da beginnt dann jenes »Machwerk der Hand«, von dem Friedrich bei Carus spricht und von dem man immer wieder den Eindruck hat, als sei es von der Hand eines anderen, eben: seines anderen Ichs. Marianne Prause wies schon früh auf das Paradox hin, dass Carus in seiner akribischen Naturbeobachtung und Naturtreue letztlich Goethe und dem Klassizismus viel näher stand als der Romantik. Auch sah er früh, dass in den Ölstudien Dahls, Blechens oder gar der Franzosen in der Zeit ab 1820 sich eine ganz andere, freie Naturauffassung Bahn brach. In seinen späten Schriften räumt er sogar ein, dass Friedrichs Stil nicht mehr zeitgemäß sei, aber dennoch fällt er, dieser wunderbare, hoffnungslose Fall, immer wieder völlig zurück in Rückenfiguren, Bäume, Mondschein und Blicke in die Unendlichkeit des Seins, wenn er selbst zum Pinsel greift. Ein Werk also als ewiger Streit zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein.
Darum also die abschließende Frage an Herrn Professor Dr. Dr. Carl Gustav Carus, den Verfasser der Schrift Einige Worte über das Verhältnis der Kunst krank zu sein zur Kunst gesund zu sein: Kann man Romantik heilen, Herr Doktor? Bevor er etwas sagen kann, antwortet sein malerisches Werk schon entschieden: Nein.
Carl Gustav Carus: »Natur und Idee«, Alte Nationalgalerie Berlin, bis zum 10. Januar 2010
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- Datum 04.11.2009 - 12:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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