Öffentlicher Dienst Alles nach Plan

Wer an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Schwerin studiert, kann sich ziemlich sicher sein: Einen Arbeitsplatz bekommt er.

Als Stefan Baraniak, 23, zum ersten Mal in eine Arbeitsagentur kam, hieß die Agentur noch Amt, und Baraniak kam die Idee, dass der Mann, der ihm zu allen möglichen Berufen riet, ja selbst einen Beruf hatte. Und zwar einen, der ihm nicht wie der schlechteste erschien. »98 Prozent der Menschen nehmen die Agentur gar nicht als Arbeitgeber wahr«, sagt er. Stefan Baraniak ist einer von mindestens 300 Menschen, denen es anders geht, und sie alle beginnen in diesen Wochen ihr Studium an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA). Fast 5000 Bewerber gab es in diesem Jahr – 2000 mehr als noch 2003, nach einem Auswahlverfahren blieben schließlich 300 Studenten übrig. »Die Agentur profitiert perfiderweise von der Krise«, sagt Baraniak so analytisch, wie er alles sagt.

Während die höheren Gehälter den vielversprechenden Nachwuchs früher oft in die freie Wirtschaft zogen, treibt ihn jetzt auch die Angst vor der Arbeitslosigkeit in die Agenturen. »Sicherheit ist ein Gut, dessen Wert gerade steigt«, sagt der Beamtenbund. Stefan Baraniak hat, bevor er nach Schwerin kam, erst ein Politikstudium begonnen und dann wieder abgebrochen, weil ihm die Zukunft unerträglich unsicher erschien: »Die einzige Angst, die ich habe, ist, nichts zu schaffen und dann arbeitslos zu sein.« Eigentlich wollte er einmal Journalist werden, dann war in den Nachrichten plötzlich immer öfter das Wort Krise zu hören. »In der Agentur lernt man auch das Leben kennen«, sagt er.

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Mit welcher Realität er und seine Kommilitonen es im wirklichen Leben einmal zu tun haben könnten, das sollen sie eine Woche vor Semesterbeginn in einem Planspiel erfahren. Und dabei nicht nur einander, sondern auch wissenschaftliche Methoden und ganz nebenbei ihren künftigen Beruf kennenlernen. »Wir konfrontieren sie mit allem, was sie interessieren sollte, wenn ihnen der Job in der Agentur einmal Spaß machen soll«, sagt eine der Entwicklerinnen des Planspiels.

Darum haben sie hier in Schwerin zunächst einen Ort erfunden, getauft auf den Namen Leinwig. In Leinwig hat gerade ein Automobilzulieferer Pleite gemacht, qualifizierte Arbeitskräfte wandern ab. Den Studenten steht fiktives Geld zur Verfügung, um die Arbeitslosigkeit zu senken. In Gruppen stimmen sie über Kindertagesstätten und Transfermaßnahmen ab und entwickeln innerhalb einer Woche ein Konzept, wie Leinwig zu retten sei. »Aus der Wirklichkeit abgeschrieben«, sagt die Entwicklerin.

Die Gruppen werden von Tutoren aus höheren Semestern betreut. Da ist zum Beispiel Stefanie Glebke-Fiedler. Bevor sie hierherkam, hat sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht. Als sie arbeitslos wurde, ging auch sie zur Beratung in eine Agentur, hat gedacht: »Hier in Bautzen krieg ich ja eh keinen Job«, und gesagt: »Kann ich nicht Ihren Job machen?« Jetzt ist sie hier, Lieblingsfach Leistungsrecht, drittes Semester. Bekannten sagt sie nur, sie arbeite bei »den Öffentlichen«. Weil sie sonst gleich ein Schild an ihr Haus in Bautzen hängen könne: Außendienststelle der Agentur, sagt sie. Weil es immer jemanden gebe, der eine Frage hat zu Leistungsbewilligungen oder zu Hartz-IV-Formularen. Später möchte sie in die Rehabilitation und Behinderte vermitteln, weil man so Menschen wirklich helfen könne. Vor ein paar Jahren noch hätten sie und ihre Kommilitonen vielleicht Sozialarbeit oder Politikwissenschaften studiert, jetzt sind die Studenten in Schwerin Beamte auf Probe. Die Welt lässt sich beruhigter verbessern, wenn man 1470 Euro Ausbildungsgehalt im Monat bekommt.

Leser-Kommentare
  1. Arbeitzamt arbeiten können?

    • LM1976
    • 24.10.2009 um 14:11 Uhr

    Die Bundesagentur für Arbeit stellt bereits seit einigen Jahren keine Inspektorenanwärter mehr ein. Die Studierenden an der Hochschule der BA sind insofern auch keine Beamten. Nach der Ausbildung werden sie ggf. in ein Angestelltenverhältnis übernommen. Eine definitive Übernahmegarantie gibt es aber - anders als es im Artikel suggeriert wird - auch bei erfolgreich abgeschlossenem Studium nicht.

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