Integrierte Gesamtschule 20 Kinder pro Klasse + Einzelunterricht

Der VW-Konzern spendiert Wolfsburg eine integrierte Gesamtschule.

»Ich bin ich, und du bist du«, singen die Erstklässler, »und das soll so bleiben.« 700 Menschen sind in die Kongresshalle Wolfsburg gekommen. VW schenkt der Stadt zu ihrem 70. Geburtstag die Neue Schule Wolfsburg. »In der Neuen Schule sollen Kinder nicht das Fragen verlernen«, sagt Horst Neumann, im VW-Vorstand für Personal zuständig, »der Forschergeist der Kinder soll erhalten bleiben.« Manch einer reibt sich die Augen. Warum will VW eine reformpädagogische Schule und lässt sich das Millionen kosten? Kurz vor den Herbstferien wurde die Gründung gefeiert. Der Unterricht hat bereits nach den Sommerferien begonnen.

Bei der Feier in der ersten Reihe der mächtige Ferdinand Piëch und der vollständige VW-Vorstand nebst Betriebsrat und der CDU-Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann. Sie muss sich anhören, wie der Oberbürgermeister, ebenfalls CDU, die Gründung einer »Schule für alle«, also einer »integrierten Gesamtschule«, preist. Zur Erinnerung: Zwei Legislaturperioden lang durfte es in Niedersachsen auf Geheiß der CDU-Landesregierung keine neuen Schulen dieser Art geben.

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Mit der »Individualisierung« des Lernens, seit ein paar Jahren ein wohlfeiles Wort in allen Bildungsdebatten, soll diese Schule ernst machen. Sie wird eine Ganztagsschule für Kinder von der ersten bis zur dreizehnten Klasse sein, mit vielen Angeboten neben dem Unterricht. Ein Schulgeld wird nicht verlangt.

Die Klage, Schulen und Hochschulen erzögen junge Leute mehr und mehr zu Einzelkämpfern, ist bei VW nicht neu. Das kritisiert schon seit vielen Jahren Peter Haase, vor seiner Pensionierung Chef von VW Coaching, das die Berufsausbildung und Weiterbildung organisiert. Haase rechnet vor, wie die Halbwertszeit des Wissens in der Elektronik unter zwei Jahre gesunken ist. Die Fähigkeiten, zu lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten und auf neue Lösungen zu kommen, seien entscheidend. Schließlich könne man Kreativität nicht befehlen. »Aber wo lernt man das?«, fragt Haase.

Die Kommandowirtschaft geht zu Ende, überall. Das ist die Botschaft von Peter Meyer-Dohm, bis zu seiner Pensionierung Chef der Aus- und Weiterbildung im VW-Konzern, zuvor war er Professor der Volkswirtschaft mit Schwerpunkt Bildungsökonomie und Rektor der Ruhr-Uni Bochum. Als der VW-Vorstand beschlossen hatte, Wolfsburg eine Schule zu schenken, wurde Meyer-Dohm gefragt, ob er nicht Experten für eine internationale »Errichtungskommission« suchen wolle.

Zu den elf Mitgliedern der Kommission gehörten Bildungsforscher aus Deutschland, der Schweiz, Finnland und Schweden sowie Schulleiterinnen preisgekrönter deutscher Schulen.

Natürlich hatte der VW-Vorstand auch Nebengedanken. Eine attraktive Schule sollte Wolfsburg für internationale Manager und Spitzeningenieure interessant machen. Schließlich kommt es darauf an, wer als Erster ein Auto mit Solarenergie auf den Weltmarkt bringt. Wolfsburg braucht Magneten. Gedacht wurde an eine internationale Schule mit Englisch als Unterrichtssprache, vielleicht sogar mit Chinesisch. Aber daraus wurde nichts. Die Schule soll eine für alle sein, das war schnell Konsens. Einmal war die Kommission so weit, den Namen Neue Volksschule vorzuschlagen, aber die Gefahr schien doch zu groß, dass dies in der Öffentlichkeit als neue Hauptschule missverstanden werden könnte.

Die Grundzüge waren bald konzipiert. Elite bedeutet heute, Vielfalt zu ermöglichen. Es gilt, Kinder nicht mehr zu beschämen, sondern sie dazu herauszufordern, selbst etwas zu wollen. Nach drei Kategorien soll die neue Schule nun arbeiten: Curriculum, Lernen und Raum. Das Curriculum steht für das Wissen und die Fähigkeiten, die die Schule anbietet und zu erlernen verlangt. Lernen heißt, dass das verbindliche Curriculum nicht alles ist. Die Schule soll ein Ort für vielfältige Lernbiografien sein. Schön soll sie sein. Der Raum ist kein leerer Container, sondern der »dritte Pädagoge«.

Nicht alles muss neu erfunden werden. Vorbild sind gute Schulen, sei es in Helsinki oder in Hamburg. Ein besonderer Maßstab sind solche, die in den vergangenen Jahren mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. Zum Beispiel die Max-Brauer-Schule in Hamburg, wo in der fünften und sechsten Klasse die Fächer zugunsten von Lernbüros und Projekten aufgelöst wurden.

Mit Helga Boldt wurde schließlich eine hervorragende Schulleiterin gefunden Die Lehrerin hat Projekte bei der Bertelsmann Stiftung geleitetet, wurde als Grüne in Münster Schuldezernentin der schwarz-grünen Stadtregierung und hat zuletzt für den Deutschen Schulpreis nominierte Schulen begutachtet.

Nun steht sie von 7.30 Uhr an im Foyer der Schule und empfängt die Kinder. Jeden Morgen. Die Lehrer sind zu dieser Zeit schon in der Klasse. Wie Gastgeber erwarten sie die Kinder, die Schüler kommen, bevor es eigentlich losgeht. Sie sehen sich um, plauschen miteinander und fangen an zu arbeiten. Einfach so. Helga Boldt ist von dieser großen Ruhe am Tagesanfang ganz beglückt. In der Selbstlernzeit am Morgen haben sich zum Beispiel Kinder mit Spanisch oder Englisch als Muttersprache schon ihre eigenen Lerngruppen organisiert. Erste Puzzleteile einer Schule, in der Vielfalt und Verschiedenheit kein Nachteil sind, sondern ein Kapital des Lernens. Ein Kind aus der ersten Klasse, das noch gar kein Deutsch kann, bekommt Einzelunterricht. Natürlich sind die Bedingungen gut. Die jetzt aufgenommenen beiden ersten und vier fünften Klassen haben jeweils nur 20 Kinder. Der Andrang war groß, die Bewerber wurden ausgelost. Ein kompliziertes Verfahren soll garantieren, dass sich in der sozialen Zusammensetzung der Schüler die Stadt Wolfsburg widerspiegelt.

Auffällig ist bereits wenige Wochen nach Schulanfang die Selbstständigkeit der Kinder, nicht nur im eigens eingerichteten Selbstlernzentrum. Ein Forscherpavillon wird demnächst gebaut. »Da werden die Kinder mit Feuer, Wasser, Luft und Erde experimentieren«, kündet die Schulleiterin an. Ebenso wichtig ist ihr Musik, vor allem das gemeinsame Singen. Kinder bringen ihre Instrumente mit und beginnen zusammen mit dem Musiklehrer in der Freizeit der Ganztagsschule ihre ganz anderen Experimente.

Der Begabungsforscher Christian Fischer hat für alle Kinder eine Eingangsdiagnose erstellt. Was die 15 Lehrer damit anfangen werden, ist noch offen. Die Schule verstehe sich als eine lernende, als »ein Kraftfeld«, sagte eine Lehrerin. Dafür will sie sich erfahrene Pädagogen als Mitarbeiter und Mentoren holen, auch aus anderen Ländern. Der erste wird ein Finne sein.

Was ist nun aber das ganz Besondere dieser Schule? »Dass sie lernen darf und wir die Freiheit haben, aus unseren Erkenntnissen schon am nächsten Tag Konsequenzen zu ziehen«, sagt die Schulleiterin. »Kommen Sie in einem Jahr wieder.« Abgemacht.

Reinhard Kahl war Mitglied der Errichtungskommission der Neuen Schule Wolfsburg, die das Konzept entwickelte

 
Leser-Kommentare
  1. und ist mit Sicherheit für die Kinder förderlicher als das alte System. Individueller, auch einzeln, kleine Klassen und Selbstlernausrichtung. Genau das, was Kinder wollen... http://viereggtext.blogsp...

  2. Die hier beschriebene Schule hätte die niedersächsische Landesregierung einem öffentlichen Schulträger niemals genehmigt. Im Kultusministerium lässt man sich mehr von Quantität denn von Qualität leiten. So muss ein öffentlicher Schulträger, will er eine Integrierte Gesamtschule einrichten, dem Kultusministerium nachweisen, dass mind. 130 Schüler pro Jahrgang (fünf Parallelklassen) diese Schule besuchen werden. Und das für die nächsten 14 Jahre. Eigentlich wäre es Sache der Landesregierung, die Einrichtung derartiger Schulen durch öffentliche Schulträger zuzulassen. Stattdessen überlässt man dies der potenten Wirtschaft. Ein ziemlich beschämendes Bild, oder nicht?
    Zu diesem Schluss muss man im Übrigen auch bei VW gekommen sein. Denn sähe die allgemeine Schullandschaft so rosig aus, bräuchte man sich nicht selber um die "Nachzucht" zu kümmern. Das klingt böse? So ist es auch gemeint.

  3. Wieso wird dermassen herausgestrichen, dass die Klassen 20 Schüler haben? Ich hoffe sehr, dass dies nicht bedeutet, dass die durchschnittliche Klassengrösse in den deutschen Schulen gross darüber liegt? Ich dachte nämlich immer, dass 20 Schüler in etwa eine normale Klassengrösse seien. Wir waren anfang Primarschule mal 24 Schüler in eine Klasse und das war eindeutig schon oberste Grenze.

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    • itelon
    • 11.11.2009 um 16:38 Uhr

    "Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, betrug im Jahr 2006 die durchschnittliche Klassengröße im Primarbereich (Klassen 1 bis 4) in Deutschland genau wie im OECD-Durchschnitt jeweils 22 Schülerinnen und Schüler."

    Quelle:
    http://www.destatis.de/je...

    Scheint also nicht so aussergewoehnlich zu sein.

    • itelon
    • 11.11.2009 um 16:38 Uhr

    "Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, betrug im Jahr 2006 die durchschnittliche Klassengröße im Primarbereich (Klassen 1 bis 4) in Deutschland genau wie im OECD-Durchschnitt jeweils 22 Schülerinnen und Schüler."

    Quelle:
    http://www.destatis.de/je...

    Scheint also nicht so aussergewoehnlich zu sein.

    • itelon
    • 11.11.2009 um 16:38 Uhr

    "Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, betrug im Jahr 2006 die durchschnittliche Klassengröße im Primarbereich (Klassen 1 bis 4) in Deutschland genau wie im OECD-Durchschnitt jeweils 22 Schülerinnen und Schüler."

    Quelle:
    http://www.destatis.de/je...

    Scheint also nicht so aussergewoehnlich zu sein.

    Antwort auf "20 Schüler?"
  4. Leider kann man die Grundschule nicht mit der Sekundarstufe vergleichen. Die Zahlen stimmen, allerdings haben die für die Sekundarstufen (sprich alle Schulen nach der Grundschule) keine Relevanz. Ich arbeite an einer Gesamtschule in NRW; Unsere Klassen haben alle mindestens 28 Schüler, lediglich in den Differenzierungskursen kann es sein, dass man mal den paradisischen Zustand von nur 20-25 SuS hat, das hat jedoch Seltenheitswert. In vielen Realschulen werden häufig 32 Kinder in einer Klasse unterrichtet. Für eine Gesamtschule sind 20 Kids pro Klasse also doch etwas Außergewöhnliches- leider!

  5. Für niedersächsische Gymnasien liegt der Klassenteiler bei 34. Da das Land 20 % an VW hält und damit Geld gebunden ist, ist die Bevorzugung Wolfsburger Kinder rechtlich fragwürdig.
    Und natürlich wird diese Modellschule in Zukunft den Staatsschulen vorgehalten.

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