Integration "Unser Cem"

Er musste erst lernen, Türke zu sein: Wie Grünen-Chef Özdemir zum idealen Einwanderer wurde.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen

Ein Feuerlöscher war schuld. Als Cem Özdemir in der neunten Klasse war, machte die Kunstlehrerin mit den Schülern einen Ausflug in die Staatsgalerie Stuttgart. Jeder Schüler sollte sich ein Bild aussuchen und es abmalen. Mariabilder, Schwäbischer Klassizismus, Romantik. Doch der 15-Jährige wollte sich keinen der Alten Meister als Vorbild nehmen. So stellte er sich vor einen Feuerlöscher, der an der Wand hing, und zeichnete diesen ab. Die Lehrerin wurde böse.

Cem Özdemir

1965 am 21. Dezember als Sohn türkischer Einwanderer geboren

1987 wird Özdemir nach der Mittleren Reife Erzieher

1994 schließt er sein Sozialpädagogik-Studium mit einer Diplomarbeit über »Selbstfindungsprozesse der Nichtdeutschen der zweiten Generation in Deutschland« ab und wird Bundestagsabgeordneter

1998 wird Özdemir innenpolitischer Sprecher der Fraktion

2002 legt er sein Mandat wegen der »Bonusmeilen-Affäre« nieder und geht mit als Stipendiat in die USA

2004 kehrt er als EU-Parlamentarier in die Politik zurück

2008 wird Cem Özdemir der erste deutsche Parteichef mit Migrationshintergrund

Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. »Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger«, sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.

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Ihr erster Landsmann im Bundestag war nicht so wie sie

Für die türkische Seite war der 43-Jährige das in gewisser Weise auch – nur mit anderen Erwartungen. Viele aus der Generation seiner Eltern waren stolz auf ihn. Stolz darauf, dass es »einer von ihnen« geschafft hatte. Er war ihr Erlöser, ihr Aushängeschild, der lebende Beweis dafür, dass es richtig war, nach Deutschland gekommen zu sein. All die Demütigungen, die harte, dreckige Arbeit in den Fabriken, das Zusammengepferchtsein in Wohnheimen: Wenn wir solche Kinder hervorbringen wie »unseren Cem«, glaubten viele, dann hat sich die Mühe gelohnt.

Doch sie mussten bald feststellen: Ihr erster »Landsmann« im Bundestag war nicht so wie sie. Gökay Sofuoğlu kann sich noch gut daran erinnern, er kennt Özdemir seit Beginn seiner Karriere. Der ehemalige Journalist und heutige Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg arbeitete für die Milliyet, als Özdemir 1989 in den Landesvorstand der Grünen gewählt wurde. Sofuoğlu war einer der Ersten, die ihn für eine türkische Zeitung interviewten. Mit einer Sache hatte er nicht gerechnet: »Ich fragte ihn, ob wir das Gespräch auf Deutsch oder auf Türkisch führen wollen. Cem wollte Türkisch sprechen.« Der Ehrgeiz. Doch schnell wurde dem Reporter klar, dass sich der Jungpolitiker bei den Antworten schwertat, lange nach türkischen Wörtern suchte, sich verhaspelte. Im Bad Urach der frühen siebziger Jahre, wo Özdemir aufgewachsen ist, war seine Familie eine von ganz wenigen zugezogenen am Ort. Man schwätzte Schwäbisch. Türke sein, das musste der spätere Muster-Inländer erst lernen.

Auch politisch tat sich Özdemir auf türkischem Terrain schwerer als auf deutschem. Zunächst einmal war er ein deutscher Politiker mit einer deutschen Sozialisation und Loyalität, der kritisierte, was er für kritikwürdig hielt: die türkische Kurdenpolitik, das Militär, den übertriebenen Nationalismus ebenso wie PKK-Anhänger, Intellektuelle wie Ungebildete und die Lebensart vieler Türken in Deutschland. In deren Wahrnehmung selten diplomatisch. Dennoch suchte er ihre Nähe. 1995 lud er deutsch-türkische Freunde und Kollegen ein, um mit ihnen gemeinsam ein Resümee seiner ersten zwölf Monate als Bundestagsabgeordneter zu ziehen. »Die Erwartungen an ihn waren extrem hoch. Einerseits waren alle sehr stolz auf ihn, andererseits fanden sie seine Kritik nicht gerechtfertigt«, erinnert sich sein damaliger Referent Ali Ertan Toprak. »Sie sahen sich irgendwie von ihm verraten, weil sie etwas anderes erwartet hatten. Die konnten nicht verstehen, dass er ein Abgeordneter des deutschen Bundestages war – kein türkischer Schutzpatron.« Das aber war erst der Anfang der Zerrüttung. Ende der neunziger Jahre, zur Zeit der Verhaftung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan, bekam Özdemir Personenschutz. Die Hürriyet nannte ihn »Vaterlandsverräter«, »Terroristenfreund« oder »Dolch in unserem Rücken«. Viel schlimmer als für ihn, glaubt Toprak, war es für seine Eltern, die ständig auf ihren »Verräter-Sohn« angesprochen wurden. »Unser Cem« war doch keiner von ihnen.

Stuttgart, Schlossplatz, Sonnabendnachmittag, einen Tag vor den Bundestagswahlen. Es ist einer der letzten heißen Spätsommertage, die den Wahlkampfendspurt so anstrengend machen. Özdemir ist bereits seit neun Uhr mit seiner Frau Pia Castro, einer aus Argentinien stammenden Journalistin, unterwegs. Ein kleiner Mann im schwarzen Anzug, Rollkoffer im Anhang, nähert sich schüchtern, fast so, als wolle er den großen Politiker nicht stören. Er passt nicht so recht ins Bild, wartet, bis Özdemir ihn entdeckt. Die beiden Männer begrüßen einander mit Wangenkuss, wechseln ein paar Worte auf Türkisch. »Er ist extra aus Frankfurt angereist«, sagt Özdemir. »Ein Tscherkesse, wie mein Vater.« Der Mann lässt sich einen Stapel türkischsprachiger Flyer geben, die Özdemir aus der Innentasche seines Jacketts holt. Die wolle er am Abend auf einer türkischen Hochzeit verteilen. »Cem hat viel für uns erreicht. Ich möchte ihn einfach unterstützen«, sagt er und: »Unser Cem« stehe für ein friedliches Miteinander.

Wie auf dem Schlossplatz, so geht es inzwischen oft zu, wenn Özdemir und die türkische Community aufeinandertreffen: Eine nachgeholte Anerkennung trifft auf einen verspäteten Respekt. Beide Seiten hatten lange darauf gewartet.

Leser-Kommentare
  1. verdeutlicht gewissermaßen die Verdrehung der Dinge im Diskurs über die Integration der türkischen Zuwanderer. Cem Özdemir, tscherkessisch-alevitischer Herkunft, deutsch sozialisiert, mimt den Türken. Hier ist seine Marktlücke im Politik-Geschäft, nur so konnte er bei den Grünen aufsteigen. Mir scheint, er hat sich zu seinem Nachteil verbogen. Integrität sieht anders aus.

    • Puella
    • 24.10.2009 um 22:48 Uhr

    Was soll die Vokabel "Gutmensch(en)" ausdrücken?

  2. 4.

    "Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich."
    im gegenteil für gutmenschen das perfekte aushängeschild. für die grünen ist so etwas bestimmt eine hohe motivation, ihn hochzupushen.
    wobei ich C.Ö. fähigkeiten und verdienst nicht in zweifel ziehe sondern die hakltung seiner partei. doch letztendlich schaffte ihm das möglichkeiten, aus denen er etwas machen kann ;-)

    was die integrationsdebatte betrifft, ist er ein wandelndes argument gegen das diskriminierungsgeschrei, denn er zeigt, was möglich ist. ebenso wie im vergleich zu anderen kulturen, die hier einziehen und sich sehr schnell eingliedern. ohne die bereitwilligkeit und das engagement der zugezogenen geht es nunmal nicht.

    • delsa
    • 25.10.2009 um 8:54 Uhr

    de facto ist Öz... ein Türke mit deutschem Paß, der eigentlich Advocat
    und Interessenvertreter der Türken u. Muslime ist !
    Dort soll er die Menschen mit mig.-hint-gr. fischen !
    Der Joschka fischt gerade Dollars u. Euros bei Gas-Pipeline, BMW, Siemens, ...habe ich andere Lobby-Jobs vergessen ! Pardon !

  3. Was sollen die sentimentalen Anekdötchen von der Kunstlehrerin, die "böse" wurde etc.? (Warum sollte es ein Lehrer denn hinnehmen, wenn ein Schüler sich weigert, eine gestellte Aufgabe zu bearbeiten?)
    Was soll das Geseier, seine Partei habe ihn fallengelassen und die Türken hätten ihn aufgefangen? Nachdem er 2002 sein Mandat nicht annahm, konnte er zuerst einige Zeit von einem Stipendium gut leben und dann wurde er schon von seiner Partei für das Europäische Parlament nominiert. So weich möchte ich auch "fallengelassen werden". Anstatt dann übrigens das EP als Aufgabe ernstzunehmen, was die Bereitschaft vorausgetzt hätte, dort länger als eine Wahlperiode zu bleiben, hat er diese Stellung weggeschmissen wie einen gebrauchten Kaugummi. Seine Partei hat ihn darauf zwar nicht auf einer Landesliste für den Bundestag nominiert, aber immerhin zum Vorsitzenden gewählt.
    Seine Selbststilisierung als Türke grenzt ans Bedenkliche. Er hält es für opportun, sich als Kandidat an Türken auf Türkisch zu wenden. Das bedeutet aber, daß die ethnischen Deutschen unter den potentiellen Grünen-Wählern, sofern sie nicht zufällig Türkisch gelernt haben, nicht nachprüfen können, was der Kandidat Özdemir seinen Wählern verspricht, jedenfalls nicht vollständig. Hier frage ich mich: Warum sollte ich einen Kandidaten wählen, dessen Wahlwerbung ich zu wichtigen Teilen nicht verstehen kann? Er will ja meine Stimme offenbar gar nicht!

    • Hagane
    • 25.10.2009 um 9:51 Uhr

    Ich lebe im Ausland (Niederlande um genau zu sein) und es interessiert mich kein bißchen, ob hier in der Regierung ein Deutscher sitzt oder nicht. Ich will auch keinen Deutsch-stämmigen Politiker in der Regierung haben, der deutsche Interessen vertritt.
    Und wenn da einer wäre, würde ich im Traum nicht sagen "Das ist einer von uns!" Ich bin ins Ausland gegangen um teil der dortigen Gesellschaft zu werden, mit der Aussage "einer von uns" gibt man doch nur zu verstehen, daß man sich selber nicht als Teil der ansässigen Gesellschaft sieht. (ob man das auch nicht sein will, laß ich mal offen....)

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    • th
    • 30.10.2009 um 12:32 Uhr

    Herr Sarrazin hat keineswegs behauptet, dass eine Karriere a la Özdemir "unmöglich" sei. Er hat vielmehr in seiner ruppigen Art auf das Problem hingewiesen, dass solche Eingliederung in die deutsche Gesellschaft bei bestimmten Einwanderergruppen viel zu selten stattfindet, während sie bei anderen Gruppen meistens funktioniert.

    Ich finde es nicht gut, wenn Aussagen ungenau wiedergegeben oder verdreht werden, um daraus einen Skandal zu machen.

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