Integration "Unser Cem"Seite 2/2

Der Wendepunkt kam mit einer Erfahrung, die der Typ Spitzenpolitiker und der Typ Migrant selten teilen: das Scheitern. 2002 stürzte Cem Özdemir, der Medienstar, so tief, dass keiner wusste, ob er je wieder aufsteigen würde. Damals kam heraus, dass er sich beim PR-Berater Moritz Hunzinger Geld für eine Steuernachzahlung geliehen und Bonusmeilen aus Dienstreisen privat genutzt hatte. Viele andere hatten das ebenfalls getan, nur Özdemir zog die Konsequenzen und legte mitten im Wahlkampf sein Mandat nieder. Seine Partei ließ ihn fallen.

In seinem Scheitern konnten sich viele Türken mit ihm identifizieren

Und die Türken fingen ihn auf. Näherten sich ihm wieder an – und er sich ihnen. »Wir haben alle Stadien einer Beziehung durchlebt. Am Anfang war es eine unüberlegte, irrationale Liebe mit zu viel Leidenschaft und Eifersucht. Mittlerweile ist sie gereift«, sagt Cem Özdemir. Der Chefredakteur der Hürriyet thematisierte seinen Rücktritt in einem Leitartikel. »Das hat ein Türke getan«, stand da. Gemeint war nicht das Nutzen von Bonusmeilen, was Journalisten in der Türkei wohl eher als Peanuts ansehen; sondern dass ein türkischer Politiker deswegen zurücktritt – in der Türkei undenkbar. Hrant Dink, Yasar Kemal und Vertreter verschiedener türkischer NGOs riefen ihn an, um zu fragen, ob er noch ganz richtig ticke. »Cems Rückzug war so gar nicht à la turca, das hat ihm viel Glaubwürdigkeit bei den Türken in Deutschland gebracht«, glaubt Sofuoğlu.

Plötzlich konnte man sich mit ihm identifizieren – in seinem Scheitern. Plötzlich war Özdemir auch einer, der wusste, wie es ganz unten aussieht, der Mist gebaut hatte, der auch nicht auf dem Gymnasium war. Und der sich wieder hochkämpfte. Da war er auf einmal wieder: der Sohn türkischer Gastarbeiter.

In den grundlegenden Inhalten ist Özdemir hart geblieben: Er ist ja nach wie vor für die Gleichstellung von Homosexuellen, die viele Muslime ablehnen, er zerpflückt immer noch den türkischen Machismo halbstarker Jugendlicher oder patriarchalische Strukturen. Er kritisiert weiterhin die türkische Regierung, auch wenn die Kritik an der regierenden AKP für den Geschmack des einen oder anderen schärfer ausfallen könnte. Aber Özdemir ist nun mal kein türkischer Nationalist – und auch kein Alevit, Kurde oder gläubiger Muslim, wie Zeitungen ihn immer wieder etikettieren. Seine türkische Identität ist unbeschrieben, unkategorisiert. Dadurch fällt es ihm leichter als anderen, sich unbehindert zwischen den verschiedenen Untermilieus zu bewegen, in die die türkische Community oft zerfällt.

Aber der neue Özdemir macht gleichzeitig noch etwas anderes: Er verbeugt sich auch ab und zu vor den Leistungen der Türken. Er sieht sie, erkennt sie an. Vielleicht geht das heute, weil sich auch die Deutsch-Türken verändert haben. Weil sie ihm und sich heute den Freiraum zugestehen, den seine und ihre Bindestrich-Mentalität erfordern. Es haben sich alle Seiten weiterentwickelt in der manchmal stürmischen Dreiecksbeziehung zwischen den Deutschen, den Türken und Cem Özdemir, der für die Deutschen immer ein Ausnahme-Türke war – und für die Türken immer ein Ausnahme-Deutscher sein wird.

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Leser-Kommentare
  1. verdeutlicht gewissermaßen die Verdrehung der Dinge im Diskurs über die Integration der türkischen Zuwanderer. Cem Özdemir, tscherkessisch-alevitischer Herkunft, deutsch sozialisiert, mimt den Türken. Hier ist seine Marktlücke im Politik-Geschäft, nur so konnte er bei den Grünen aufsteigen. Mir scheint, er hat sich zu seinem Nachteil verbogen. Integrität sieht anders aus.

    • Puella
    • 24.10.2009 um 22:48 Uhr

    Was soll die Vokabel "Gutmensch(en)" ausdrücken?

  2. 4.

    "Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich."
    im gegenteil für gutmenschen das perfekte aushängeschild. für die grünen ist so etwas bestimmt eine hohe motivation, ihn hochzupushen.
    wobei ich C.Ö. fähigkeiten und verdienst nicht in zweifel ziehe sondern die hakltung seiner partei. doch letztendlich schaffte ihm das möglichkeiten, aus denen er etwas machen kann ;-)

    was die integrationsdebatte betrifft, ist er ein wandelndes argument gegen das diskriminierungsgeschrei, denn er zeigt, was möglich ist. ebenso wie im vergleich zu anderen kulturen, die hier einziehen und sich sehr schnell eingliedern. ohne die bereitwilligkeit und das engagement der zugezogenen geht es nunmal nicht.

    • delsa
    • 25.10.2009 um 8:54 Uhr

    de facto ist Öz... ein Türke mit deutschem Paß, der eigentlich Advocat
    und Interessenvertreter der Türken u. Muslime ist !
    Dort soll er die Menschen mit mig.-hint-gr. fischen !
    Der Joschka fischt gerade Dollars u. Euros bei Gas-Pipeline, BMW, Siemens, ...habe ich andere Lobby-Jobs vergessen ! Pardon !

  3. Was sollen die sentimentalen Anekdötchen von der Kunstlehrerin, die "böse" wurde etc.? (Warum sollte es ein Lehrer denn hinnehmen, wenn ein Schüler sich weigert, eine gestellte Aufgabe zu bearbeiten?)
    Was soll das Geseier, seine Partei habe ihn fallengelassen und die Türken hätten ihn aufgefangen? Nachdem er 2002 sein Mandat nicht annahm, konnte er zuerst einige Zeit von einem Stipendium gut leben und dann wurde er schon von seiner Partei für das Europäische Parlament nominiert. So weich möchte ich auch "fallengelassen werden". Anstatt dann übrigens das EP als Aufgabe ernstzunehmen, was die Bereitschaft vorausgetzt hätte, dort länger als eine Wahlperiode zu bleiben, hat er diese Stellung weggeschmissen wie einen gebrauchten Kaugummi. Seine Partei hat ihn darauf zwar nicht auf einer Landesliste für den Bundestag nominiert, aber immerhin zum Vorsitzenden gewählt.
    Seine Selbststilisierung als Türke grenzt ans Bedenkliche. Er hält es für opportun, sich als Kandidat an Türken auf Türkisch zu wenden. Das bedeutet aber, daß die ethnischen Deutschen unter den potentiellen Grünen-Wählern, sofern sie nicht zufällig Türkisch gelernt haben, nicht nachprüfen können, was der Kandidat Özdemir seinen Wählern verspricht, jedenfalls nicht vollständig. Hier frage ich mich: Warum sollte ich einen Kandidaten wählen, dessen Wahlwerbung ich zu wichtigen Teilen nicht verstehen kann? Er will ja meine Stimme offenbar gar nicht!

    • Hagane
    • 25.10.2009 um 9:51 Uhr

    Ich lebe im Ausland (Niederlande um genau zu sein) und es interessiert mich kein bißchen, ob hier in der Regierung ein Deutscher sitzt oder nicht. Ich will auch keinen Deutsch-stämmigen Politiker in der Regierung haben, der deutsche Interessen vertritt.
    Und wenn da einer wäre, würde ich im Traum nicht sagen "Das ist einer von uns!" Ich bin ins Ausland gegangen um teil der dortigen Gesellschaft zu werden, mit der Aussage "einer von uns" gibt man doch nur zu verstehen, daß man sich selber nicht als Teil der ansässigen Gesellschaft sieht. (ob man das auch nicht sein will, laß ich mal offen....)

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    • th
    • 30.10.2009 um 12:32 Uhr

    Herr Sarrazin hat keineswegs behauptet, dass eine Karriere a la Özdemir "unmöglich" sei. Er hat vielmehr in seiner ruppigen Art auf das Problem hingewiesen, dass solche Eingliederung in die deutsche Gesellschaft bei bestimmten Einwanderergruppen viel zu selten stattfindet, während sie bei anderen Gruppen meistens funktioniert.

    Ich finde es nicht gut, wenn Aussagen ungenau wiedergegeben oder verdreht werden, um daraus einen Skandal zu machen.

    Eine Leser-Empfehlung

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