Teilchenphysik Ist Gott Mathematiker?
Die größte Maschine der Welt wurde auch bloß von Menschen gebaut. Doch dieser Teilchenbeschleuniger ist abgründiges Teufelswerk und schöpferische Wundertat. Rolf Landua, Fachmann für Antimaterie, hilft uns bei dem Versuch, das Ding zu verstehen
Am Anfang war das Quark?
Falsch!
Dr. rer. nat. Rolf Landua, helle Hose, kurzes schwarzes Hemd, übt sich in Geduld: Am Anfang war Energie!
Aha, sagt der Besucher Nummer 219339. Welche Energie?
Das wissen wir nicht, sagt Herr Landua, am besten nennen Sie es Strahlung.
Und dann?
Wurde sie instabil.
Sie wurde instabil. Weshalb?
Aus Zufall, sagt Herr Landua leise, wir wissen es nicht.
Herr Landua, begabt mit hohem Verständnis für simple Seelen, nickt aus schwarzem Kunstledermöbel, so heftig, dass der Stuhl zu schaukeln beginnt.
Wir sind aus Zufall, sagt er und legt die Hände ins Genick.
Kein Gott, der den Urknall zündete?
Herr Landua hebt die Schultern.
Es ist hell und warm im Büro R-008, Gebäude3 des Conseil Européen de la Recherche Nucléaire (Cern) zu Meyrin bei Genf. Eine schmale graue Zelle, zur Hälfte in die Erde versenkt. Neon leuchtet, auf dem Sims steht ein Gießkännchen aus glänzendem Metall, ein Däumling daneben, Filz und Pelz, das Frisurchen weiß und strubbelig, Albert Pumuckl Einstein.
Ist Gott, so es ihn gibt, Mathematiker?
Herr Landua, von Undenkbarem entflammt, seit er denken kann, schaut in die Bücherwand, schaut durch sie hindurch, schweigt und denkt, schaukelt in seinem Stuhl.
Gute Frage, sagt er und schweigt.
Na ja, sagt er endlich, wenn Gott Mathematiker ist, dann wohl einer, der seine Freude hat am Unvollkommenen, an der Abweichung vom Perfekten.
Was er damit meine, fragt der Besucher 219339.
Na ja, was beim Urknall geschah, ist jedem Mathematiker ein Schrecknis.
Herr Landua lacht.
Eigentlich dürfte es die Welt nicht geben, verstehen Sie?
Nein, sagt 219339.
Der Urknall, jenes Ereignis am Anfang, ohne das nichts wäre, geschah, wie der Mensch hochrechnet, vor 13700 Millionen Jahren.
Vor 13700 Millionen Jahren versammelte sich eine unvorstellbare Menge Energie auf allerwinzigstem Raum, der vielleicht nicht weiter war als das Hundertstel des Durchmessers eines Punktes auf dem Buchstaben i. Dann blähte sich dieser Punkt, als wäre er ein Ballon, zu kosmischen Dimensionen auf, undenkbar schnell, der Urknall war los. In weniger als dem billionsten Teil einer Sekunde wandelte sich diese Energie in Materie um, das Universum war gezeugt, ein Chaos aus Teilchen und Strahlen, noch sehr dicht und noch sehr heiß, milliardenfach heißer als das Innere unserer heutigen Sonne.
Schwere und flüchtige Materieteilchen zerfielen praktisch sofort in leichtere, stabile, in sogenannte Elektronen und in sogenannte Quarks, die sich zu Protonen und Neutronen ballten – Elektronen und Quarks sind der Rohstoff der Welt, der Sterne, der Erde, kein Leben ohne sie, kein Bewusstsein, keine Liebe, kein Hass.
- Datum 18.12.2009 - 13:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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...wunderbar, ich könnte ihm stundenlang zuhören, am liebsten täglich, bis auch in meinem Kopf das Ur knallt ;-D
Begeisterte Grüsse aus der momentan nebelfreien Region Bern,
Tina
Super Artikel! Auch die Art wie er geschrieben ist Herr Koch! Danke.
Ich schließe mich den Vorrednern an!
Da bekomme ich gleich Lust mich an den Rand der Dimensionen zu begeben ;)
Ich bin seit 45 Jahren ZEIT-Leser.
Eine der besten Reportagen ever read.
"Das Modell des Russen Andrei Linde, zum Beispiel, gehe von einem eigentlichen Hyperraum aus, unser Universum sei darin nur eins von unzähligen, möglicherweise seien Trillionen von anderen Universen entstanden oder ständig am Entstehen, jedes mit eigenen Naturgesetzen."
Das ist natürlich möglich. Aber das wirft nur neue Fragen auf, ohne die Frage zu beantworten: "Und was ist außerhalb des Hyperraumes, oder des HyperHyperHype³XL?
Ist irgendwann mal Schuß mit UltraHyper, und wenn, was kommt dann?
Und was heißt 'Bis in alle Ewigkeit'? Wie soll man sich das vorstellen?
Anders:
Was war vor dem 'Urknall'?
Und was war vor dem 'vor dem Urknall'?
Und davor?
besser nicht fragen und keine Beweise suchen - Gott ist eine viel einfachere Erklährung...
...genau dass bringt uns weiter.
Und wieso muss man sich alles vorstellen können? Dass beschränkt nur die Möglichkeiten in der Forschung und den Fortschritt.
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