Sie sind absolut friedfertig. Die Stammesangehörigen der Mangyan können keiner Fliege etwas zuleide tun. Im Hochland der philippinischen Insel Mindoro leben diese Eingeborenen zwischen Süßkartoffel- und Maniokfeldern und kennen weder Mord noch Totschlag. Sie arbeiten nur gemächlich, statten sich häufig gegenseitig Besuche ab, verschwatzen generell viel Zeit.

In großen Häusern leben fünf Familien unter einem Dach, ohne Wände, aber mit vielen Feuerstellen. Zwanzig Mal am Tag wird gekocht. Gegenseitig biete man sich dann dampfende Süßgerichte an, berichtet der Völkerkundler Jürg Helbling. Eine poetische Szene, fast zärtlich, während draußen kalter Nebel und Regen den Blick auf die bewaldeten Berge nehmen. Gibt es das Paradies also doch? »Dieses Volk ist die absolute Ausnahme«, sagt Helbling. Dreimal hat er die Ureinwohner besucht, sie beobachtet und insgesamt zwei Jahre lang bei ihnen gelebt. »Danach«, sagt der Anthropologieprofessor der Universität Luzern, »hat mich dann die Regel interessiert.«

Die Betrachtung des Regelfalls wirkt indessen desillusionierend: Nahezu alle noch existierenden Naturvölker dieser Erde führen ein Leben voller Aggression und Gewalt. Ob bei den südamerikanischen Siriono, den Yaghan in Patagonien, den Kitlinermiut der Arktis oder den Mbuti-Pygmäen im Kongo – das Risiko, als Ureinwohner eines gewaltsamen Todes zu sterben, ist erschreckend hoch; es liegt sogar, wie Helbling ermittelt hat, deutlich höher als das durchschnittliche Risiko in allen Großstädten der USA , die wahrlich kein Hort der Harmonie sind. Für seinen interkulturellen Zensus hat Helbling jahrelang alle Daten zusammengetragen, die Ethnografen über Kämpfe, Kriege und deren Opfer aufgezeichnet haben.

Derzeit arbeitet er am Manuskript zu einem nicht minder schockierenden neuen Buch, sein Arbeitstitel lautet: »Vom taktischen Einsatz der Grausamkeit in Stammeskriegen«. Wer bislang noch dachte, fernab der Zivilisation herrschten paradiesische Urzustände, der wird gründlich eines Besseren belehrt werden.

Forschungsarbeiten wie diese sind nicht allein deshalb verstörend, weil es ein deprimierender Gedanke ist, dass die letzten Vertreter bedrohter Völker sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Sie erschüttern uns auch, weil wir im archaischen Verhalten der Stammesvölker gleichsam unsere eigene Vergangenheit erblicken und damit konfrontiert werden, dass auch unsere Vorfahren einst mordend, raubend und brennend ihr Unwesen trieben. Und es beschleicht uns die Ahnung, dass wir beim Blick auf Naturvölker etwas Urzeitliches zu sehen bekommen, etwas Erschreckendes, das älter ist als unsere Zivilisation, stärker möglicherweise als unsere gegenwärtige Moral – etwas, für das seit Jahrhunderten der Begriff des »Bösen« geprägt wurde.

In der aufgeklärten Moderne scheint dieses Konzept keinen Platz mehr zu haben. Und doch blitzt es selbst in unserer zivilisierten Gesellschaft immer wieder bedrohlich auf – etwa wenn Halbwüchsige in der Münchner S-Bahn im Gewaltexzess grundlos einen Mann tottreten, wenn – wie im April in Eislingen – zwei Jugendliche eine Familie auslöschen oder wenn uns wieder einmal ein besonders grauenhafter Fall von Kindesmissbrauch erschreckt. Sicher gibt es in einzelnen Fällen klare Pathologien, tragische Krankheitsbilder, die schreckliche Handlungen rational erklären können. Um sie geht es hier nicht, sondern um all das andere Unfassbare, das einzuordnen uns so schwerfällt.

Nicht jeder vermag sich dann an die Tröstungen der Religion zu halten, die das Böse der menschlichen Natur schon in der Erbsünde angelegt sieht. Und nicht jeder mag sich mit dem Hinweis zufriedengeben, dass Gewalt und Boshaftigkeit nun einmal Grundkonstanten des Lebens sind, gleichsam jenes mythische Garn, aus dem große Erzählungen gesponnen werden, gleich, ob sie nun von Shakespeare oder Stephen King stammen. Philosophen – von Thomas Hobbes bis Hannah Arendt – regte die Frage des »Bösen« zu grundlegenden Betrachtungen des menschlichen Wesens an, die Bände füllen. Bis hin zur provokanten Nietzscheschen Verdrehung, das »Böse« sei »des Menschen beste Kraft«.

Natur- oder Sozialwissenschaftler neigen von Hause aus zu nüchterneren Betrachtungen. Doch auch sie treibt der Begriff des »Bösen« immer wieder um. Und Beiträge wie der Blutzoll-Zensus der letzten Urvölker erlauben ihnen allmählich, jene Frage zu beantworten, die unsere Spezies seit Anbeginn aller Religionen und Moralsysteme beschäftigt: Was hat den Menschen zum Menschenfeind gemacht? Woher kommt unser Gewaltpotenzial? Wie lautet die moderne, wissenschaftliche Version der alten Geschichte von Kain und Abel?

Solche Fragen standen auch auf dem Programm, als die schweizerische Academia Engelberg Ende vergangener Woche zur Klausur lud, um über Gewalt in menschlichen Gesellschaften nachzudenken. Dabei zeigte sich zwar, dass die Meinungen in der Wissenschaft zum Teil weit auseinandergehen, was das Jetzt betrifft; doch im Hinblick auf unsere Evolution sieht die Sache anders aus. Da schält sich allmählich ein Konsens heraus, der sich wie ein Puzzle aus den Arbeiten von Völkerkundlern, Psychologen, Genetikern und Anthropologen zusammensetzt und die Nacherzählung der Aggressionsgeschichte unserer Art erlaubt. Es ist eine gedankliche Zeitreise in fünf Schritten: