Aggression und Gewalt Die Wurzeln des Bösen

Eine Gedankenreise in die Vorgeschichte unserer Art zeigt, was uns zu Menschenfeinden macht

Sie sind absolut friedfertig. Die Stammesangehörigen der Mangyan können keiner Fliege etwas zuleide tun. Im Hochland der philippinischen Insel Mindoro leben diese Eingeborenen zwischen Süßkartoffel- und Maniokfeldern und kennen weder Mord noch Totschlag. Sie arbeiten nur gemächlich, statten sich häufig gegenseitig Besuche ab, verschwatzen generell viel Zeit.

In großen Häusern leben fünf Familien unter einem Dach, ohne Wände, aber mit vielen Feuerstellen. Zwanzig Mal am Tag wird gekocht. Gegenseitig biete man sich dann dampfende Süßgerichte an, berichtet der Völkerkundler Jürg Helbling. Eine poetische Szene, fast zärtlich, während draußen kalter Nebel und Regen den Blick auf die bewaldeten Berge nehmen. Gibt es das Paradies also doch? »Dieses Volk ist die absolute Ausnahme«, sagt Helbling. Dreimal hat er die Ureinwohner besucht, sie beobachtet und insgesamt zwei Jahre lang bei ihnen gelebt. »Danach«, sagt der Anthropologieprofessor der Universität Luzern, »hat mich dann die Regel interessiert.«

Anzeige

Die Betrachtung des Regelfalls wirkt indessen desillusionierend: Nahezu alle noch existierenden Naturvölker dieser Erde führen ein Leben voller Aggression und Gewalt. Ob bei den südamerikanischen Siriono, den Yaghan in Patagonien, den Kitlinermiut der Arktis oder den Mbuti-Pygmäen im Kongo – das Risiko, als Ureinwohner eines gewaltsamen Todes zu sterben, ist erschreckend hoch; es liegt sogar, wie Helbling ermittelt hat, deutlich höher als das durchschnittliche Risiko in allen Großstädten der USA, die wahrlich kein Hort der Harmonie sind. Für seinen interkulturellen Zensus hat Helbling jahrelang alle Daten zusammengetragen, die Ethnografen über Kämpfe, Kriege und deren Opfer aufgezeichnet haben.

Derzeit arbeitet er am Manuskript zu einem nicht minder schockierenden neuen Buch, sein Arbeitstitel lautet: »Vom taktischen Einsatz der Grausamkeit in Stammeskriegen«. Wer bislang noch dachte, fernab der Zivilisation herrschten paradiesische Urzustände, der wird gründlich eines Besseren belehrt werden.

3.

3. Jahrhundert – Als Erster formuliert der Kirchenlehrer Augustinus die Idee, »das Böse« komme durch den freien Willen des Menschen in die Welt.

13.

13. Jahrhundert – Thomas von Aquin erklärt »das Böse« als Missbrauch dieses freien Willens. Einen freien Menschen, der nie sündigte, hätte Gott gar nicht erschaffen können.

17.

17. Jahrhundert – Erste empirische Versuche, aus der Physiognomie auf Charaktereigenschaften zu schließen, kommen in Mode: Der Zürcher Pfarrer Johann Lavater liest in den Gesichtszügen eines Menschen dessen »Bösartigkeit«.

18.

18. Jahrhundert – Der Philosoph und Naturforscher Jean-Jacques Rousseau postuliert: Erst mit dem Entstehen von Kultur und Gesellschaft trete »das Böse« in die Welt. Das rechtfertigt Rousseaus Staatstheorie, ist aber auch als romantisches Motiv einflussreich.

19.

19. Jahrhundert – Der italienische Psychiater Cesare Lombroso mixt aus Physiognomik, Atavismustheorie und Zoologie die Theorie vom geborenen Verbrecher: Das Böse hafte ihm als animalisches Merkmal an.

20. Jahrhundert

20. Jahrhundert: Nachdem sie als Reporterin den Prozessauftakt gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem verfolgt hat, prägt Hannah Arendt 1963 den Begriff von der Banalität des Bösen

Ebenfalls in den sechziger Jahren erforschen Psychologen wie Stanley Milgram und Philip Zimbardo in spektakulären Experimenten (Elektroschockversuche, Gefängnisnachbau im Keller der Universität Stanford), wie die Macht der Situation ganz normale Menschen zu Grausamkeiten verführt.

Pädagogen zeigen: Nichts bestimmt das Delinquenzrisiko eines Einzelnen mehr als kindliche Prägung. Häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Bindungsarmut oder Entwicklungsstörungen sind einflussreicher als jeder andere Faktor.

In jüngerer Zeit suchen auch Neurowissenschaftler nach der Signatur des Bösen. Sie finden Auffälligkeiten in den Gehirnen einiger Gewalttäter, darunter die Unfähigkeit zur Empathie aufgrund eines Schadens am vorderen Stirnlappen.

Einzelne Psychiater wie Michael Stone (»The Anatomy of Evil«) führen den Begriff des »Bösen« wieder in die Fachdebatte ein. Die meisten Forscher lehnen ihn aber ab. Es gibt keine verbindliche Definition.

Forschungsarbeiten wie diese sind nicht allein deshalb verstörend, weil es ein deprimierender Gedanke ist, dass die letzten Vertreter bedrohter Völker sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Sie erschüttern uns auch, weil wir im archaischen Verhalten der Stammesvölker gleichsam unsere eigene Vergangenheit erblicken und damit konfrontiert werden, dass auch unsere Vorfahren einst mordend, raubend und brennend ihr Unwesen trieben. Und es beschleicht uns die Ahnung, dass wir beim Blick auf Naturvölker etwas Urzeitliches zu sehen bekommen, etwas Erschreckendes, das älter ist als unsere Zivilisation, stärker möglicherweise als unsere gegenwärtige Moral – etwas, für das seit Jahrhunderten der Begriff des »Bösen« geprägt wurde.

In der aufgeklärten Moderne scheint dieses Konzept keinen Platz mehr zu haben. Und doch blitzt es selbst in unserer zivilisierten Gesellschaft immer wieder bedrohlich auf – etwa wenn Halbwüchsige in der Münchner S-Bahn im Gewaltexzess grundlos einen Mann tottreten, wenn – wie im April in Eislingen – zwei Jugendliche eine Familie auslöschen oder wenn uns wieder einmal ein besonders grauenhafter Fall von Kindesmissbrauch erschreckt. Sicher gibt es in einzelnen Fällen klare Pathologien, tragische Krankheitsbilder, die schreckliche Handlungen rational erklären können. Um sie geht es hier nicht, sondern um all das andere Unfassbare, das einzuordnen uns so schwerfällt.

Nicht jeder vermag sich dann an die Tröstungen der Religion zu halten, die das Böse der menschlichen Natur schon in der Erbsünde angelegt sieht. Und nicht jeder mag sich mit dem Hinweis zufriedengeben, dass Gewalt und Boshaftigkeit nun einmal Grundkonstanten des Lebens sind, gleichsam jenes mythische Garn, aus dem große Erzählungen gesponnen werden, gleich, ob sie nun von Shakespeare oder Stephen King stammen. Philosophen – von Thomas Hobbes bis Hannah Arendt – regte die Frage des »Bösen« zu grundlegenden Betrachtungen des menschlichen Wesens an, die Bände füllen. Bis hin zur provokanten Nietzscheschen Verdrehung, das »Böse« sei »des Menschen beste Kraft«.

Circa 35 AD, Augustus Germanica Gaius Caesar, better known as the Roman Emperor Caligula (12 - 41 AD).

Natur- oder Sozialwissenschaftler neigen von Hause aus zu nüchterneren Betrachtungen. Doch auch sie treibt der Begriff des »Bösen« immer wieder um. Und Beiträge wie der Blutzoll-Zensus der letzten Urvölker erlauben ihnen allmählich, jene Frage zu beantworten, die unsere Spezies seit Anbeginn aller Religionen und Moralsysteme beschäftigt: Was hat den Menschen zum Menschenfeind gemacht? Woher kommt unser Gewaltpotenzial? Wie lautet die moderne, wissenschaftliche Version der alten Geschichte von Kain und Abel?

Solche Fragen standen auch auf dem Programm, als die schweizerische Academia Engelberg Ende vergangener Woche zur Klausur lud, um über Gewalt in menschlichen Gesellschaften nachzudenken. Dabei zeigte sich zwar, dass die Meinungen in der Wissenschaft zum Teil weit auseinandergehen, was das Jetzt betrifft; doch im Hinblick auf unsere Evolution sieht die Sache anders aus. Da schält sich allmählich ein Konsens heraus, der sich wie ein Puzzle aus den Arbeiten von Völkerkundlern, Psychologen, Genetikern und Anthropologen zusammensetzt und die Nacherzählung der Aggressionsgeschichte unserer Art erlaubt. Es ist eine gedankliche Zeitreise in fünf Schritten:

1. Unsere gewalttätigen Vorfahren

Der 7. Januar 1974 war ein Schock für Jane Goodall und ihre Mitarbeiter. Die weltberühmte Affenforscherin hatte über Jahre das Verhalten wild lebender Schimpansen im Gombe-Nationalpark in Tansania beobachtet. Sie liebte diese Tiere. Doch an jenem Nachmittag umzingelte eine achtköpfige Truppe ein einziges Mitglied einer Nachbarsippe, fiel über den Artgenossen her und prügelte so zügellos auf ihn ein, dass das Tier kurz darauf verendete.

Die Beschreibung dieser Szene hat unter Zoologen traurige Berühmtheit erlangt. Dass Pan troglodytes junge Gazellen zerfleischt und gelegentlich auch Jagd auf andere Affen macht, wusste man. Aber auch auf erwachsene Artgenossen, und das regelmäßig und strategisch? So etwas hatte man bei keiner anderen Tierart beobachtet. Und der heimtückische Mord an jenem Januartag war kein Einzelfall: Nach und nach töteten die Aggressoren sogar die gesamte Sippe des Opfers.

Drastische Beobachtungen wie diese lassen den Schluss zu, dass auch der letzte gemeinsame Vorfahr von Schimpanse und Mensch vor rund sechs Millionen Jahren ein Wesen mit einem außergewöhnlichen Aggressionspotenzial gewesen sein muss. Als dessen erster Nachfahr – ein zweibeiniger Hominid, wahrscheinlich dem kürzlich vorgestellten Ardipheticus ramidus (»Ardi«) nicht unähnlich – den afrikanischen Wald verließ und neugierig auf die Savanne trat, hätte er dieses Erbe jedenfalls bereits in sich getragen.

Fast alles ist Deutung, wenn es um jene ferne Zeit geht. Die frühen Hominiden labten sich wohl zunächst nur an Aas, ständig auf der Hut vor Raubtieren wie dem Leoparden. Klar ist nur, dass sie im Lauf ihrer Evolution die Jagd für sich entdeckten. Waffen- und Knochenfunde zeigen, dass schon Homo erectus in kleinen Horden dem Wild nachgestellt haben muss. Der Todesangst des Gejagten gesellte sich also der Triumph des Jägers hinzu. Spätestens von da an genossen aggressive Individuen einen entscheidenden Überlebensvorteil. Der Mensch wurde zum »gefährlichsten aller Tiere«, wie es der Anthropologe David Livingstone Smith ausdrückte – und auch für die eigene Spezies erwuchs ein Problem, das nie mehr verschwinden sollte.

2. Ein Frühwarnsystem für das Bedrohliche

Den anatomisch modernen Menschen gibt es, wie Anthropologen vermuten, seit grob 200000 Jahren; erst vor rund 12000 Jahren entwickelten Technik-Pioniere im Nahen Osten den Ackerbau. Demnach sahen 95 Prozent seiner Entwicklungszeit für Homo sapiens so aus: Jagend und sammelnd streifte er in kleinen Gruppen umher, deren Kopfzahl zweistellig blieb, meist rund 25 Erwachsene. Seine Artgenossen kannte er nur als Teil der eigenen Sippe – oder als Fremde, von denen potenziell stets Gefahr ausging.

Darauf deuteten jedenfalls die Beobachtungen der letzten noch lebenden Jäger-und-Sammler-Völker in historischer Zeit hin: Diese gingen sich, sofern sie konnten, am liebsten aus dem Weg. Zwang die Umwelt sie doch auf engem Raum zusammen, wie etwa die Stämme der Kitlinermiut bei der Robbenjagd, führte das regelmäßig zu Streit.

Circa 35 AD, Augustus Germanica Gaius Caesar, better known as the Roman Emperor Caligula (12 - 41 AD).

Dieses Verhalten, so glauben Evolutionspsychologen, hat den Menschen fast seine komplette Stammesgeschichte hindurch geprägt. In der Furcht vor dem Fremden sieht David Buss, einer der Begründer dieses Forschungsgebiets, gar die Quelle der Vorstellung des »Bösen«. Es verknüpft sich für Buss mit dem zutiefst menschlichen Gefühl, dass uns von anderen Unheil droht. Die Angst vor Fremden sei eine Art Frühwarnsystem, das sich bereits im siebten oder achten Lebensmonat entwickle. »Das gilt besonders für männliche Fremde und scheint kulturübergreifend vorhanden zu sein«, sagt Buss.

Zu dieser Furcht gesellte sich mit zunehmender geistiger Entwicklung der frühen Hominiden irgendwann auch die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Absichten vorauszuahnen. Das habe den Menschen der Steinzeit geholfen, meint Buss, »Mordabsichten zu entdecken«; die geistige Kapazität ließ sich freilich auch nutzen, um selbst ein Mordkomplott zu schmieden. So trat jener mythische Begriff des »Bösen« in die Welt, der allmählich ein Eigenleben zu führen begann – getreu dem berühmten Thomas-Theorem der Soziologie: Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, entsteht daraus eine ganz eigene Wirklichkeit.

3. Durch Boshaftigkeit zur Nächstenliebe

Bei so viel Angst und Aggression im Leib wäre es plausibel gewesen, wenn unsere Art tatsächlich in jenem rauen Naturzustand versumpft wäre, den Thomas Hobbes den »Krieg aller gegen alle« genannt hat. Doch die Devise » homo homini lupus« (»der Mensch ist dem Menschen ein Wolf«) beschreibt eben nur eine Seite. Zugleich entstanden in den Horden unserer Vorfahren auch menschenfreundliche Eigenschaften wie Liebe, Hilfsbereitschaft, Hingabe. Der darauf gründende Gruppenzusammenhalt war überhaupt erst die Grundlage für Arbeitsteilung, technischen Fortschritt und Kultur.

Wie kann man sich das erklären? Forscher rätseln vor allem darüber, wie unsere aggressive Spezies die hehre Eigenschaft der Selbstlosigkeit entwickeln konnte. Denn davon profitieren nahezu alle, nur der Selbstlose nicht. Dem bringt sein Verhalten in der Regel sogar Nachteile oder »evolutionäre Kosten«, wie Biologen sagen.

Dieses Rätsel versuchen Wissenschaftler mithilfe von Was-wäre-wenn-Software zu lösen. Sie speisen Daten über Bevölkerungsentwicklung, Umfeld und Gruppenverhalten in ihre Rechner und simulieren dann Entwicklungsgeschichte. Auch um eine Vorstellung von dem Widerspruch zu bekommen: Einerseits war Kontakt zu anderen Horden neuen Ideen förderlich, andererseits war er hochriskant. Einer der bekanntesten Vertreter dieser neuen Disziplin ist der amerikanische Ökonom und Verhaltensforscher Samuel Bowles. Er hat sich in einer Art Steinzeitsimulator verschiedene Verhaltensmuster einzelner Gruppenmitglieder angeschaut und durchgerechnet, wie sich Altruismus, Egoismus und Co. über tausende Generationen hinweg entwickeln (ZEIT Nr. 1/09).

3.

3. Jahrhundert – Als Erster formuliert der Kirchenlehrer Augustinus die Idee, »das Böse« komme durch den freien Willen des Menschen in die Welt.

13.

13. Jahrhundert – Thomas von Aquin erklärt »das Böse« als Missbrauch dieses freien Willens. Einen freien Menschen, der nie sündigte, hätte Gott gar nicht erschaffen können.

17.

17. Jahrhundert – Erste empirische Versuche, aus der Physiognomie auf Charaktereigenschaften zu schließen, kommen in Mode: Der Zürcher Pfarrer Johann Lavater liest in den Gesichtszügen eines Menschen dessen »Bösartigkeit«.

18.

18. Jahrhundert – Der Philosoph und Naturforscher Jean-Jacques Rousseau postuliert: Erst mit dem Entstehen von Kultur und Gesellschaft trete »das Böse« in die Welt. Das rechtfertigt Rousseaus Staatstheorie, ist aber auch als romantisches Motiv einflussreich.

19.

19. Jahrhundert – Der italienische Psychiater Cesare Lombroso mixt aus Physiognomik, Atavismustheorie und Zoologie die Theorie vom geborenen Verbrecher: Das Böse hafte ihm als animalisches Merkmal an.

20. Jahrhundert

20. Jahrhundert: Nachdem sie als Reporterin den Prozessauftakt gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem verfolgt hat, prägt Hannah Arendt 1963 den Begriff von der Banalität des Bösen

Ebenfalls in den sechziger Jahren erforschen Psychologen wie Stanley Milgram und Philip Zimbardo in spektakulären Experimenten (Elektroschockversuche, Gefängnisnachbau im Keller der Universität Stanford), wie die Macht der Situation ganz normale Menschen zu Grausamkeiten verführt.

Pädagogen zeigen: Nichts bestimmt das Delinquenzrisiko eines Einzelnen mehr als kindliche Prägung. Häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Bindungsarmut oder Entwicklungsstörungen sind einflussreicher als jeder andere Faktor.

In jüngerer Zeit suchen auch Neurowissenschaftler nach der Signatur des Bösen. Sie finden Auffälligkeiten in den Gehirnen einiger Gewalttäter, darunter die Unfähigkeit zur Empathie aufgrund eines Schadens am vorderen Stirnlappen.

Einzelne Psychiater wie Michael Stone (»The Anatomy of Evil«) führen den Begriff des »Bösen« wieder in die Fachdebatte ein. Die meisten Forscher lehnen ihn aber ab. Es gibt keine verbindliche Definition.

Zunächst gingen die Selbstlosen im Computermodell stets unter, wenn Egoisten sich in der Gruppe breitmachten. Damit das selbstlose Verhalten auf Dauer bestehen konnte, musste der Verhaltensforscher in seine Modelle eine Größe einführen, die er »Parochialismus« nannte, eine Kombination aus Sippenliebe und Fremdenfeindlichkeit. Im Sommer berichtete Bowles im Wissenschaftsmagazin Science : Nur bei Bedrohung von außen war in der digitalen Steinzeit der Anreiz zur Zusammenarbeit groß genug. Daher spricht er auch vom aggressiven Konflikt als der »Hebamme der Selbstlosigkeit«. Blutvergießen (auf Kosten Fremder) wäre demnach eine Voraussetzung für die Entstehung von Mitmenschlichkeit (gegenüber unseren Nächsten)? Welch eine Ironie der Naturgeschichte!

4. Strategische Grausamkeit

Bis in die Gegenwart gilt die Unterscheidung zwischen »wir« und »sie« als Schlüssel, um Gewalt und Aggression zu erklären. In der Frühzeit des Menschen war sie offenbar überlebenswichtig. Gegen andere gerichtete bösartige Handlungen wurden zum festen Bestandteil vieler Kulturen. Davon zeugen noch Berichte aus moderner Zeit, in denen von Kannibalismus, Kopfjagd, Folter, systematischer Verstümmelung und Vergewaltigung unter Urvölkern die Rede ist.

Das Amazonasvolk der Tupinambá machte beispielsweise Kriegsgefangene, um sie zu verspeisen. Jürg Helbling zählt auch die Iban auf Borneo und die Tangale und Yergum im heutigen Nordnigeria auf, die ethnografischen Berichten zufolge Kopfjagd und Kannibalismus verbunden haben. »Scheußliche Sachen«, findet der Völkerkundler, betont aber: »Das sind alles keine Gesellschaften von Psychopathen.«

Abschreckung von Feinden, Stärkung eigener spiritueller Kräfte, Zugriff auf Ressourcen – alle Grausamkeiten hätten einem konkreten Zweck gedient, davon ist Helbling überzeugt. Sie seien für den Menschen ganz normale Handlungsoptionen gewesen. »Das Böse war ein Erfolgsmodell, das ist eine Realität, die man verkraften muss.«

5. Der Prozess der Zivilisation

Mit zunehmender Komplexität suchten die Gesellschaften die Dominanz archaischer Gewalt schrittweise einzudämmen, zunächst durch Tabus und Rituale, später durch religiöse Systeme. Selten nur funktionierte das so gut wie bei den Mangyan oder in weltabgeschiedenen Klostergemeinschaften. Doch immerhin, die Staaten, die am Ende der Frühgeschichte entstanden, konnten Gewalt schließlich weitreichend beschränken. Im Lauf der letzten 5000 Jahre brachten sie Verwaltung, Gerichtsbarkeit und ein staatliches Gewaltmonopol hervor, von den Gesetzesstelen des Hammurabi in Babylon bis zur Null-Toleranz-Politik im New York der Jahrtausendwende.

Für die letzten 500 Jahre lässt sich das sogar statistisch nachzeichnen. Der Kriminologe Manuel Eisner aus Cambridge hat aus Kirchenbüchern, Gerichtsakten und anderen historischen Quellen den Zivilisationsprozess für die zweite Hälfte des letzten Jahrtausends nachgezeichnet. Sein eindeutiges Ergebnis: Seit dem 15. Jahrhundert nahm in Europa die Zahl gewaltsamer Todesfälle pro Kopf der Bevölkerung ab – parallel zum Aufstieg moderner Staaten.

Bloß, welche Bedeutung hat die – plausible, aber nicht gewisse – Gewalthistorie für unsere Gegenwart? Darüber streiten die Forscher noch. Zwei Pole lassen sich dabei ausmachen: Für die einen lässt sich Gewalt noch immer mit jenen biologischen Programmen erklären, die schon unsere Urahnen in sich trugen, egal, ob ein Yanomami am Amazonas oder ein Wüstling in Hamburg zuschlägt. Ein Vertreter dieser Denkrichtung ist beispielsweise der Augsburger Soziologe und Verhaltensforscher Peter Meyer. Er stellte auf der Tagung in Engelberg die Sevilla-Erklärung der Unesco in Abrede, die 1986 apodiktisch verkündet hatte, es sei wissenschaftlich inkorrekt, zu behaupten, der Mensch habe ein gewalttätiges Gehirn. »Hat er doch«, widersprach Meyer. Und der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth sekundierte: »Jedes soziale Verhalten des Menschen hat evolutionäre Wurzeln. Es fällt ja nicht vom Himmel.«

Dem widersprechen jedoch viele Kultur- und Geisteswissenschaftler. Stellvertretend für diese Fraktion sagt der Essener Kulturwissenschaftler Harald Welzer: »Die Anthropologie erklärt doch gar nichts! Wie Menschen handeln, kann man immer nur aus einer kulturellen Situation heraus erklären.« Welzer analysiert gegenwärtig Tonbandaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg daraufhin, wie kriegsgefangene Deutsche untereinander ihre Gewaltexzesse rechtfertigten. Dabei zeigten sie eine unheimliche geistige Geschmeidigkeit, etwa wenn Fritz, Jahrgang 1922, Mitglied der Waffen-SS, zwar von »Erschießungen am laufenden Band« berichtete, von Extrarationen, Zuschlägen und Gruppengefühl, aber gleichzeitig persönliche Distanz zu den Schreckenstaten aufbaute, »weil das doch sehr an die Nieren ging«. Welzer glaubt an die Dominanz der Situation: »Für die Gewalt, die wir hier beschreiben, brauchen wir nicht viel Psychologie oder Neurophysiologie.«

Circa 35 AD, Augustus Germanica Gaius Caesar, better known as the Roman Emperor Caligula (12 - 41 AD).

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Natürlich kann man die »Biologie des Bösen« nicht losgelöst von der Kultur betrachten. Andererseits finden Forscher zunehmend Hinweise darauf, dass biologische Faktoren durchaus eine wichtige Rolle bei konkreten Gewaltausbrüchen spielen.

Ein besonders erstaunliches Beispiel für solche Zusammenhänge kommt aus der Kantine des schottischen Jugendgefängnisses von Falkirk. Dem Oxford-Kriminologen Bernhard Gesch ist es dort gelungen, die Gewaltausbrüche einer Gruppe Gefangener gegenüber einer Vergleichsgruppe deutlich zu vermindern – mit Nahrungsergänzungsmitteln. In Science berichtete Gesch kürzlich, dass allein die tägliche Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Fettsäuren ausreichte, um die jugendlichen Inhaftierten signifikant zu beruhigen: Das übliche Gefängnisessen sorge für eine fortdauernde Mangelernährung des Gehirns. Und das rufe offenbar erhöhte Gewaltbereitschaft hervor.

Nach erfolgreichen Pilotstudien erprobt er seine Befriedungsstrategie gerade an 1000 Insassen, in den Niederlanden und den USA laufen ähnliche Versuche. »Und warum nur im Gefängnis?«, fragt Science und sinniert über Fehlernährung in Schulen in benachteiligten Stadtvierteln. Selbstredend lässt sich das Gewaltproblem nicht allein mit der richtigen Ernährung in den Griff bekommen. Doch das Beispiel zeigt, dass dabei nicht allein die Kultur, sondern manchmal auch überraschend simple biologische Zusammenhänge eine Rolle spielen.

Ebenso hilft uns der Blick auf unser evolutionär erworbenes Aggressionspotenzial bei der Antwort auf die Frage, warum das »Böse« bis heute auch in hochzivilisierten Gesellschaften immer wieder durchbricht. Eine Spezies, die so lange die Gegensatzpaare außen/innen, Aggression/Kooperation, Egoismus/Altruismus in ihrer Entwicklungsgeschichte pflegte, streift dieses Erbe eben nicht so leicht ab. Auch wenn die alten Muster längst nicht mehr zeitgemäß sind. Unser Referenzrahmen ist heute nicht mehr die überschaubare Horde, sondern die gesamte Menschheit, und unsere bedrohte Biosphäre ist ein einziger, globaler Lebensraum.

Angesichts solcher Herausforderungen stößt die zivilisierende Kraft einzelner Staaten ebenso an ihre Grenzen wie unsere herkömmliche Moral. So gehöre etwa die Umweltzerstörung für unsere Begriffe noch gar nicht zum »Bösen«, stellt der Sozialpsychologe Philip Zimbardo bedauernd fest. Den teilgeläuterten Nachfahren der aggressiven Savannenjäger schlägt er eine denkbar breite Definition vor: » Evil ist knowing better, but doing worse « – böse wäre demnach, wer wider besseres Wissen schlecht handelt. Das gelte dann für den jugendlichen Gewalttäter ebenso wie für den – sich völlig friedlich wähnenden – Klimasünder. Zu weit gefasst? Zumindest eines ist heute grundlegend anders als in der Vergangenheit: Das Überleben der Menschheit hängt nicht mehr an der Abgrenzung verschiedener Gruppen voneinander. Die Zukunft hängt an unserer Fähigkeit zur globalen Kooperation.

 
Leser-Kommentare
    • xpol
    • 26.10.2009 um 19:50 Uhr

    ... von Phänomenen setzt deren korrekte Beschreibung voraus.

    Jegliche Art von Gruppenverhalten - als Gruppe und in der Gruppe - könnte als Ergebnis einer Vereinbarung gedeutet werden. Die Fähigkeit zur Kommunikation wäre dann die grundlegende menschliche Eigenschaft, die "böse" Verhaltensweisen ermöglicht, "gute" allerdings auch.

    Bezeichnenderweise führen individualisierte Gesellschaften, für die Egoismus eine angemessene Verhaltensweise darstellt, zu friedfertigem und tolerantem Umgang.

  1. da wird am Ende wieder eher auf Klimaschädlinge und einzelne jugendliche Gewalttäter abgehoben. Dabei haben wir heute eine strukturelle Gewalt sondersgleichen! Für jeden Erdenbürger gibt es quasi nicht nur eine Kugel, sondern gleich eine ganze Waffenkammer! Dass diese nur sehr beschränkt, punktuell, zum Einsatz kommt, liegt einzig und allein daran, dass man sich sonst massiv selbst gefährdet! Das Gewaltpotential ist da, es wird aber immer und immer wieder gern ignoriert. Da schwafelt dann auch ein Herr Obama von der Abrüstung - wie und wann aber, im Falle der A-Waffenberge - nun aber genau, das bleibt unklar. Da arbeitet man dann gleichzeitg(!) auch auch einem militärisch nutzbarem Shuttle, an anderen hochmodernen Waffen. Die A-Waffen werden nur deshalb und insofern reduziert, das Gewaltpotential nur deshalb umgebaut, weil man sich so eben (und dies so sicher quasi unnötig) selbst gefährdet.
    Erst wenn die Sicherheitsfrage für alle gut gelöst ist - das geht aber eben nur in einem Weltstaat(!) -kann bzw. könnte- man auch die globalen Umweltfragen auch angehen.
    All dies widerspricht nun aber eben unserem tiefsten Fühlen und Denken, unseren Anlagen eben, es ist dies in gewisser Weise etwas Perverses. Deshalb kam u. kommt es so schnell auch nicht dazu, sondern nur unter dem Druck von Zwängen, von sich daraus ergebenden Gefahren wie Klimaschäden oder eben A-Waffen-Terroristen bzw. schwer kontrollier- und berechenbaren Klein - und Mittelstaaten wie dem Irak und Nordkorea.

  2. Das in allen Bereichen tonangebende linksliberale Bürgertum hat in den vergangenen Jahrzehnten die zivilisierende Kraft des Staates und die herkömmliche Moral untergraben, die Wirtschaft fast ruiniert.
    Die Gewalt steigt, die Unterschichten verarmen, die Bildung nimmt ab.
    Das ist die "Abgrenzung verschiedener Gruppen voneinander", die uns wirklich angeht.
    Was wir in diesem Elend nicht brauchen, ist der Erlösungsglaube an eine menschheitstümelnde Zivilreligion mit ökologischem Antlitz, wie sie Stefan Schmitt hier propagiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich würde es so sagen, es ist nicht die Zukunft, die von der Zusammenarbeit aller Menschen abhängt, sondern die Frage der Art und Weise des Endes der Menschheit. Die Zukunft besteht ja eben, wie dargestellt und immer noch sehr klar zu sehen, immer im Kampf um Ressourcen, im Kampf dann eben auch gegen mittlerweile Milliarden von Konkurrenten. Wenn man nun sieht, nicht mehr übersehen kann, dass dies in einem katastrophalen Ende münden muss, dann kann es nur noch darum gehen, zumindest ernsthaft zu prüfen, ob man dieses katastrophale Ende nicht anders gestalten kann, wovon dann auch alle gleichermaßen etwas haben - nämlich das friedlich-wohlorganisierte(!) Aussterben.
    Das kann man nun aber eben nicht so einfach passieren lassen, (ja, unser linksliberales Bürgertum (wozu ich auch die FDP rechne, die Union sowieso) das merkt(e) bis vor kurzem zumindest ja nicht mal die Katastrophe im eigenen Land!, sondern nur äußere, die rechteren, nationaleren, überesehen aber eher die globalen Katastrophen und Unordnungen). Das katastrophale oder nichtkatastrophale Ende, muss man aktiv und weltöffentlich kommunizieren, wie Jesus und die frühen Christen, die Jerusalemer Urgemeinde, dies (in ihrer Welt) ja auch versucht haben. Sonst würde man ja nicht wirklich an die katastrophale Endvariante glauben, von der man die anderen (mitfühlend ja auch dies!) bewahren möchte!
    Auch dass man schon solange so denkt, dies dann so lange hochgehalten hat, zeigt, dass wir hier offenbar so denkveranlagt sind.

    ...wenn man sich in unserem Land von Linksliberalen umstellt sieht?

    "menschheitstümelnd" - wasn das? eine Menschheit, die tümelt? Sakra.
    "herkömmliche Moral" - wasn das? und noch dazu eine untergrabene. wie schrecklich. Ja, dann muss ja die Welt bald untergehen. Und sowieso alles nur wegen der linksliberalen....ja, echt kein Wunder.

    Ich fang auch gleich das Tümeln an.

    Ich möchte Ihnen danken, dass Sie auch zu wissen meinen, was ich, als freundlicher Einbezug in Ihr "wir" benötige. Danke. Selten heute findet sich solch warmherziges Einen.

    Eine der Kernaussagen des Artikels ist:
    Die zivilisatorische und kulturelle Entwicklung führt, laut den angegebenen Statistiken zu einer besseren Überlebenschance des Einzelnen.
    Wenn ich fast tagtäglich die Horden bildungsfern gemachter und gewaltbereiter Jugendlicher an den U-Bahnhöfen sehe, dann schwillt mir der Kamm und meine innere Aggression wird eher noch dadurch verstärkt, dass ich es so genau weiß: Ich wäre genau so und schlimmer, hätte mich Familie, Schule und Gesellschaft nicht vor mir selbst beschützt.

    Und deshalb muss man Leute, die Ideen wie: Bildung für Alle, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Ökologie lächerlich machen, die dann ausgerechnet das „Linksliberale Bürgertum“ für Fehlendwinklungen verantwortlich zu machen suchen, wohl auch zu den sehr Bildungsfernen rechnen.

    Es waren die schwarzgelben Vertreter der so genannten „geistigen und moralischen Wende“, die uns behutsam ins Zeitalter der "Bimmbes-Repulik", zu den „jüdischen Vermächtnissen“ und ins neoliberale Finanzdesaster führten. Und auch verführten.
    Und jetzt wieder führen.
    Und alles andere ist Partygeschwätz von Partykatern.

    In die Stammesgesellschaft wie die der Mangyan können wir schwerlich zurück. Aber dass es sie gibt/gab, lässt doch ein wenig hoffen. Und wenn wir es schaffen sollten, Bildung (nicht nur Wissen al`a Jauch), Hummanität und Solidarität wieder in Politik umzusetzen, sehe ich,
    sogar für Sie,
    mittelfristig noch eine Chance.
    Gruß. JS

    Ich würde es so sagen, es ist nicht die Zukunft, die von der Zusammenarbeit aller Menschen abhängt, sondern die Frage der Art und Weise des Endes der Menschheit. Die Zukunft besteht ja eben, wie dargestellt und immer noch sehr klar zu sehen, immer im Kampf um Ressourcen, im Kampf dann eben auch gegen mittlerweile Milliarden von Konkurrenten. Wenn man nun sieht, nicht mehr übersehen kann, dass dies in einem katastrophalen Ende münden muss, dann kann es nur noch darum gehen, zumindest ernsthaft zu prüfen, ob man dieses katastrophale Ende nicht anders gestalten kann, wovon dann auch alle gleichermaßen etwas haben - nämlich das friedlich-wohlorganisierte(!) Aussterben.
    Das kann man nun aber eben nicht so einfach passieren lassen, (ja, unser linksliberales Bürgertum (wozu ich auch die FDP rechne, die Union sowieso) das merkt(e) bis vor kurzem zumindest ja nicht mal die Katastrophe im eigenen Land!, sondern nur äußere, die rechteren, nationaleren, überesehen aber eher die globalen Katastrophen und Unordnungen). Das katastrophale oder nichtkatastrophale Ende, muss man aktiv und weltöffentlich kommunizieren, wie Jesus und die frühen Christen, die Jerusalemer Urgemeinde, dies (in ihrer Welt) ja auch versucht haben. Sonst würde man ja nicht wirklich an die katastrophale Endvariante glauben, von der man die anderen (mitfühlend ja auch dies!) bewahren möchte!
    Auch dass man schon solange so denkt, dies dann so lange hochgehalten hat, zeigt, dass wir hier offenbar so denkveranlagt sind.

    ...wenn man sich in unserem Land von Linksliberalen umstellt sieht?

    "menschheitstümelnd" - wasn das? eine Menschheit, die tümelt? Sakra.
    "herkömmliche Moral" - wasn das? und noch dazu eine untergrabene. wie schrecklich. Ja, dann muss ja die Welt bald untergehen. Und sowieso alles nur wegen der linksliberalen....ja, echt kein Wunder.

    Ich fang auch gleich das Tümeln an.

    Ich möchte Ihnen danken, dass Sie auch zu wissen meinen, was ich, als freundlicher Einbezug in Ihr "wir" benötige. Danke. Selten heute findet sich solch warmherziges Einen.

    Eine der Kernaussagen des Artikels ist:
    Die zivilisatorische und kulturelle Entwicklung führt, laut den angegebenen Statistiken zu einer besseren Überlebenschance des Einzelnen.
    Wenn ich fast tagtäglich die Horden bildungsfern gemachter und gewaltbereiter Jugendlicher an den U-Bahnhöfen sehe, dann schwillt mir der Kamm und meine innere Aggression wird eher noch dadurch verstärkt, dass ich es so genau weiß: Ich wäre genau so und schlimmer, hätte mich Familie, Schule und Gesellschaft nicht vor mir selbst beschützt.

    Und deshalb muss man Leute, die Ideen wie: Bildung für Alle, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Ökologie lächerlich machen, die dann ausgerechnet das „Linksliberale Bürgertum“ für Fehlendwinklungen verantwortlich zu machen suchen, wohl auch zu den sehr Bildungsfernen rechnen.

    Es waren die schwarzgelben Vertreter der so genannten „geistigen und moralischen Wende“, die uns behutsam ins Zeitalter der "Bimmbes-Repulik", zu den „jüdischen Vermächtnissen“ und ins neoliberale Finanzdesaster führten. Und auch verführten.
    Und jetzt wieder führen.
    Und alles andere ist Partygeschwätz von Partykatern.

    In die Stammesgesellschaft wie die der Mangyan können wir schwerlich zurück. Aber dass es sie gibt/gab, lässt doch ein wenig hoffen. Und wenn wir es schaffen sollten, Bildung (nicht nur Wissen al`a Jauch), Hummanität und Solidarität wieder in Politik umzusetzen, sehe ich,
    sogar für Sie,
    mittelfristig noch eine Chance.
    Gruß. JS

  3. Die großen Endzeit-Religionen, Religionen, die also ein Ende der Menschheit, ein irgendwie nichtnatürliches Ende, uns (in Bälde) vorhersag(t)en.
    Gerade das Christentum hat mit d. Übernahme d. schon vorher entwickelten Apokalypse-Vorstellungen (Ähnliches gab es ja aber auch bei den Germanen!) schon vorhergesagt, dass sich d. Mensch immer mehr in Widersprüchen u. Gewalt verfängt, bis dass es zum Ende d. gesamten Menschheit kommt. Man hat dann halt noch die Vision der anderen, der nichtirdischen u. gewaltfreien Welt entwickelt - die aber eine geistige, eine überirdische ist. Dort vermehrt sich keiner mehr! (Jesus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt!"). Es geht seither, wenn man so will, quasi nur noch darum, wie man möglichst gut u. angenehm definitiv, also (wie Jesus) ohne Nachwuchs, von dieser Welt geht - und viele von uns sind heute ja wohl auch auf diesem Weg, auch Atheisten und viele Andersgläubige. Das Böse u. die Unzufriedenheit, das ist - bzw. wäre - auch in einem Weltstaat eben nicht von der Welt geschafft, es würde sich dann in genau diesem Verhalten, dieser ja eben auch widernatürlichen Haltung, ausdrücken. Das Böse würde sich also in eine tiefen und allgemeinen, einer wirklich alle Menschen umfassenden, philosophischen Unzufriedenheit ausdrücken. Man weiß und kommuniziert offen, dass man, dass alle Menschen, zur Boshaftigkeit neigen (müssen), gesteht sich aber gleichzeitig offen ein, dass dies für alle unmöglich und auch für alle höchst unheilvoll geworden ist.

    • kayob
    • 26.10.2009 um 21:00 Uhr

    was mir bei diesem artikel und ähnlichen bemühungen von evolutionären mechanismen fehlt ist die genauigkeit bei der überprüfung der verwendeten kozepte:
    alturismus ist nicht definiert egoismus auch nicht, der einfachheit halber werden daraus gegensatzpaare gebildet, für aggresion und kooperation gilt dasselbe. und was soll uns das sagen? dass diese "eigenschaften" oder "eigenheiten" in uns miteinander ringen? oder in gruppen? solche vereinfachungen sind sinnvoll um in der forschung erste schritte gehen zu können, für ERGBENISSE allerdings taugen sie wenig. warum?
    weil soziale interaktionsprozesse mit solchen ideen nicht abgebildet werden können. die umgebung von ur-gruppen, deren soziale religiöse alters und erfahrungsstruktur und unzählige andere faktoren bestimmten wie die welt gedeutet wurde, und wie individuelles oder gruppen verhalten darin eingebettet wurden. ein raubtier angriff, oder ein unfall konnten "gesellschaftsumstürzende" folgen haben. das ist aber kulturell und nicht biologisch bedingt. wir haben uns von einer biologischen evolution gleich am anfang massiv abgekoppelt und sie durch soziale kriterien und kulturelle leistungen zum teil ersetzt, z.b. "sexualpartnerwahl". biologisch ist alles zwischen menschen, weil die biologie es möglich macht. das erklärt aber so gut wie nichts. denn bei allem fokus auf s vermeintlich "böse": 90 prozent des lebens laufen vermeintlich "gut" ab, oder wie oft wird man kriegs- mord- oder gewaltopfer? erklärung? biologie? magie?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und zu verstehen versuchen, sag ich mal, oder die diversen Relgionen und deren Heilsbotschaften und Unheils-Analysen. Wir haben heute, so schrieb ich, nicht weniger, sonder mehr strukturelle Gewalt, in Form der heutigen (A-)Waffenberge - die kommt nicht zum Ausbruch, weil man sich sonst erheblich selbst schädigt, weil keiner mehr wirklich siegen kann - weil man sonst einen atomaren Genozid riskiert! Der Abbau dieser Gewaltpotentiale ist unter der gegegeben allweltlichen Lebensphilosophie, dem der "Zukunftssicherung" nämlich, (was ja sicher auch natürlich bei uns wie allen anderen Lebewesen ja auch angelegt ist) aber eben nicht möglich, wie man sieht - und sich auch sehr gut und leicht ableiten kann. Wir können aber eben schon auch unsere Fortpflanzung steuern, heute mehr und leichter denn je, und auch sehr intensiv und schnell uns geistig und sogar global auch austauschen. So gering wie auch Sie es hier nun nochmal uns einreden wollen, sind die Gewaltpotentiale m.E. nicht!

    und zu verstehen versuchen, sag ich mal, oder die diversen Relgionen und deren Heilsbotschaften und Unheils-Analysen. Wir haben heute, so schrieb ich, nicht weniger, sonder mehr strukturelle Gewalt, in Form der heutigen (A-)Waffenberge - die kommt nicht zum Ausbruch, weil man sich sonst erheblich selbst schädigt, weil keiner mehr wirklich siegen kann - weil man sonst einen atomaren Genozid riskiert! Der Abbau dieser Gewaltpotentiale ist unter der gegegeben allweltlichen Lebensphilosophie, dem der "Zukunftssicherung" nämlich, (was ja sicher auch natürlich bei uns wie allen anderen Lebewesen ja auch angelegt ist) aber eben nicht möglich, wie man sieht - und sich auch sehr gut und leicht ableiten kann. Wir können aber eben schon auch unsere Fortpflanzung steuern, heute mehr und leichter denn je, und auch sehr intensiv und schnell uns geistig und sogar global auch austauschen. So gering wie auch Sie es hier nun nochmal uns einreden wollen, sind die Gewaltpotentiale m.E. nicht!

  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_(Thomas_Hobbes)

    Frdl. Gruß
    Pf.

  5. Ich würde es so sagen, es ist nicht die Zukunft, die von der Zusammenarbeit aller Menschen abhängt, sondern die Frage der Art und Weise des Endes der Menschheit. Die Zukunft besteht ja eben, wie dargestellt und immer noch sehr klar zu sehen, immer im Kampf um Ressourcen, im Kampf dann eben auch gegen mittlerweile Milliarden von Konkurrenten. Wenn man nun sieht, nicht mehr übersehen kann, dass dies in einem katastrophalen Ende münden muss, dann kann es nur noch darum gehen, zumindest ernsthaft zu prüfen, ob man dieses katastrophale Ende nicht anders gestalten kann, wovon dann auch alle gleichermaßen etwas haben - nämlich das friedlich-wohlorganisierte(!) Aussterben.
    Das kann man nun aber eben nicht so einfach passieren lassen, (ja, unser linksliberales Bürgertum (wozu ich auch die FDP rechne, die Union sowieso) das merkt(e) bis vor kurzem zumindest ja nicht mal die Katastrophe im eigenen Land!, sondern nur äußere, die rechteren, nationaleren, überesehen aber eher die globalen Katastrophen und Unordnungen). Das katastrophale oder nichtkatastrophale Ende, muss man aktiv und weltöffentlich kommunizieren, wie Jesus und die frühen Christen, die Jerusalemer Urgemeinde, dies (in ihrer Welt) ja auch versucht haben. Sonst würde man ja nicht wirklich an die katastrophale Endvariante glauben, von der man die anderen (mitfühlend ja auch dies!) bewahren möchte!
    Auch dass man schon solange so denkt, dies dann so lange hochgehalten hat, zeigt, dass wir hier offenbar so denkveranlagt sind.

    • kayob
    • 26.10.2009 um 21:19 Uhr

    schön sie zu lesen,
    nur ist der leviathan ein kunstgriff,
    ganz und gar unhistorisch, und was wichtiger ist, unpsychologisch, der versuch, nach den wirren und verunsicherungen der britischen bürgerkriege eine gesellschaft zu begründen.
    die annahmen hobbes über den ur-zustand, sind so historisch, wie die von marx über den ur-markt.
    philosophisch für seinen zweck sinnvoll, aber eben nur eine konstruktion.
    ich meine das schon ernst, eine weltbevölkerung könnte sich trotz kriege und naturkatastrophen nicht so vermehren, wie unsere es seit 200 000 jahren tut, wenn "in der biologie" soviel "böses" steckte, allein das sollte schon ausreichen, um biologische begriffe zurückzustutzen, auf das was sie sind.
    wir sind ja nicht wegen der "bösen bösen aggression" so viele, sondern wenn, dann trotz.

    weil sie sind, mal nen gruß

    beste grüße

    kayob

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service