Donaueschingen 2009 Freiheit für die Musiker!

Wie die Donaueschinger Musiktage das Sinfonieorchester revolutionieren wollten

Wir haben ihn genau vor Augen, den Orchestermusiker als unfreisten aller Menschen: Dort hinten am vierten Pult der zweiten Geigen sitzt er, das Instrument freudlos ans Kinn gedrückt, den Blick mürrisch auf sein Pult gerichtet. Nichts darf er selbst entscheiden, alles ist ihm vorgegeben. Der Komponist zwingt ihm die Noten auf, und der Dirigent gebietet fuchtelnd bis ins kleinste Detail darüber, wie er sie auszuführen hat. Was so ein Orchestermusiker tagein, tagaus hinter seinem Pult verrichtet, nennt der Komponist Mathias Spahlinger mit Karl Marx »entfremdete Arbeit«. Er erkennt in der Institution des Orchesters »erstarrte Machtverhältnisse«, »anachronistische Produktionsbedingungen« und »voremanzipatorische Denkstrukturen«. Die will er aufbrechen. Spahlinger tritt an, um – drastisch formuliert – das Tuttischwein aus seiner Fremdbestimmung zu erlösen. Und weil für ihn Kunst immer politisch ist und sie »gelegentlich eine Ahnung davon geben kann, was nicht entfremdete Arbeit wäre«, darf man seine Werke stets auch als Wetterleuchten für weitreichendere Umstürze verstehen.

Für die Donaueschinger Musiktage, dem legendären Traditionsfestival für zeitgenössische Musik, waren Revolutionen nie ein Problem. Sie werden dort ausgerufen wie Linienflüge am Flughafen. In Donaueschingen ist bisher noch jeder neue kompositorische Gedanke (und sei er noch so alt) mit Aplomb in ausverkauften Hallen in die Tat umgesetzt worden. Die Festivalleitung hat deshalb die Attacke auf das traditionelle Sinfonieorchester gleich zum Generalthema der diesjährigen Musiktage erklärt und Spahlinger ein aufwendiges Orchester-Environment realisieren lassen. Der Dirigent ist darin abgeschafft. Die Partitur hat ihre Autorität verloren, die Entscheidungshoheit über das musikalische Tun wird den Musikern übertragen. Sogar das Publikum ist von seinem Sitz- und Zuhörzwang befreit und darf nach Belieben kommen und gehen und sich während der Aufführung im Raum bewegen. Doppelt bejaht – etüden für orchester ohne dirigent heißt die vierstündige Komposition.

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Eine Pointe am Rande: Das SWR-Sinfonieorchester, das die Uraufführung spielte, vergibt seit fünf Jahren einen Preis, der am Ende der Musiktage dem Werk verliehen wird, das den Musikern am besten gefällt. Spahlingers Orchester-Selbstbefreiungsaktion wurde demonstrativ nicht ausgezeichnet. Es erging dem Komponisten also wie schon so manchem Revolutionär zuvor: Die arbeitende Klasse quittiert die Freiheitsverheißung mit Kopfschütteln und zieht es vor, auch weiterhin brav zur Schicht anzutreten.

Man darf diesen Mathias Spahlinger allerdings nicht als altlinken Träumer unterschätzen. Der 65-Jährige war bis zu diesem Jahr Kompositionsprofessor an der Freiburger Musikhochschule. Er ist einer der kapitalen Diskurshechte im Karpfenteich der Gegenwartsmusik, ein scharfzüngiger Polemiker wider alles konventionell Erdachte. Er komponiert vergleichsweise wenig und macht es sich mit seinem Schreiben nicht leicht: Selbstkritisch um und um gewendet sind seine Werke, sperrig und mitunter geradezu dialektisch verkeilt im Hinterfragen von Form und Material. Einer seiner Leitsätze lautet: »Das nicht In-sich-Reflektierte ist das Falsche.«

Deshalb ist man ganz verblüfft, wie freundlich einem die Musik in doppelt bejaht entgegentritt. Alles Zampanohafte ist aus ihr verschwunden. Eine für Spahlingers Verhältnisse geradezu sanftmütig säuselnde Hintergrundmusik hüllt den Zuhörer ein, wenn er die abgedunkelte Donaueschinger Baar-Sporthalle betritt, in der das Orchester auf Podesten an den Wänden und auf der Zuschauertribüne aufgereiht ist. In großbogigen Schleifen ziehen die Klänge gemächlich vorüber – gedehntes, irregulär geschichtetes Bläsertuten aus den verschiedenen Raumecken, zartes Streichergeräuschgekräusel unter Beimischung vom hellen Knacken dürrer Äste, Flageolett- und Pizzikatogefitzel, das langsam aufblüht und sachte vertröpfelt.

Es liegt ein Hauch von John Cages buddhistischem Gleichmut über allem

24 Konzeptpapiere hat Spahlinger den Musikern erstellt in offenen, teilweise grafisch ausgearbeiteten Notationsangaben. Abfolge und Kombination der einzelnen Felder sind variabel, viele Entscheidungen im Fort- und Ausschreiten der Musik trifft jeder einzelne Instrumentalist spontan.

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