Beinahe jede Neuheit wird, und das seit Jahrhunderten, von Panik begleitet. Was muss das für einen Ärger gegeben haben, als unsere Vorfahren von den guten alten Steintafeln auf Papyrus umstellten. Die angenehme Kühle des Steines habe doch Vorzüge, während das blöde Papyrus ständig wegfliege – das wird sicher eine Debatte gewesen sein. Um die Panik abzufedern, haben sich die E-Book-Tüftler etwas Raffiniertes ausgedacht: Das Strombuch sieht einfach altmodisch aus, mit einem Lederetui, das entfernt an Visitenkartentaschen der achtziger Jahre erinnert. Schließlich sahen die ersten Autos ja auch aus wie Kutschen. Parallel zur Frankfurter Buchmesse flatterten allerdings beunruhigende Zahlen zum Verkauf bei der E-Book-Plattform Libreka durchs Internet. Über die Plattform, deren Gesellschafter der Börsenverein des deutschen Buchhandels ist, sind demnach im gesamten Monat September nur 32 E-Books verkauft worden. Die Information geht auf einen sogenannten Insiderbericht zurück, der von Libreka allerdings nicht weiter kommentiert wird.

Aber warum sollte die Vertretung des deutschen Buchhandels auch übermäßig daran interessiert sein, E-Books erfolgreich zu verkaufen? Ihrem eigenen Mandanten, dem Buchhandel, würden sie damit Konkurrenz machen. Denn wenn es ein Opfer der momentanen Entwicklung gibt, dann ist es der Buchhandel: als Mittler zwischen Anbieter und Käufer wird er bald nicht mehr benötigt. Ein E-Book wird man kaum im Buchladen um die Ecke erstehen, sondern im Netz herunterladen. Die Umsätze im Einzelhandel, so die plausible Befürchtung, werden mindestens zurückgehen, wenn nicht gar irgendwann einbrechen. Die Angst von Buchhändlern und deren Interessenvertretern ist also groß. Während die Käufer darauf hoffen, dass ein E-Book womöglich wegen der wegfallenden Materialkosten mindestens um die Hälfte günstiger wird, bleibt der Börsenverein bei der Buchpreisbindung. Also kostet ein E-Book momentan in Deutschland zumeist noch genauso viel wie ein Hardcover oder die günstigste Druckversion; bei einigen Anbietern ist es immerhin rund zehn Prozent günstiger. Ein E-Book für 2,99 Euro wird es jedoch in Deutschland bis auf Weiteres nicht geben. Auch die Verlage betonen, dass die Herstellung eines E-Books angeblich genauso aufwendig und teuer sei wie der Druck eines Printbuches.

Zudem ist selbst der Kauf eines E-Books hierzulande mit einigen Hürden verbunden: Während beispielsweise in China die Lesegeräte teilweise für 30 Cent verkauft werden und millionenfach Verbreitung finden, sind die Geräte in Europa und in den USA noch vergleichsweise teuer: Das Kindle kostet 279 Dollar, der iRex Digital Reader sogar knapp 700 Euro und das Gerät von Sony etwa 300 Euro. Laut einer Umfrage von PriceWaterhouseCoopers, die im Branchenmagazin Buchreport ausgewertet wurde, sind die Leser nicht bereit, mehr als 200 Euro für ein Lesegerät auszugeben. Auch die technischen Formate, in denen die E-Book-Dateien gelesen werden, sind unterschiedlich und teilweise nicht kompatibel mit dem PC oder anderen Readern. Immerhin haben sich die Verlage nun auf ein einheitliches Format, das ebup, geeinigt. Bei Libri werden davon allerdings rund 7300, im alten Format mobipocket 156.000 E-Books angeboten. Und bevor man sein Buch auf dem Reader angezeigt bekommt, muss man ein umständliches Anmeldeverfahren der DRMS (Digital-Rights-Management-Systeme) durchlaufen: Diese Kopierschutzprogramme sorgen dafür, dass man eine Datei nur sechsmal herunterladen kann. Man speist also wieder persönliche Daten in das System.

Die Verlags- und Buchhandelsbranche wiederholt damit exakt die gleichen Fehler wie die Musikindustrie, die sich lange neuen Geschäftsmodellen verschlossen hatte. Diese verlangte für MP3-Alben den gleichen Preis wie für herkömmliche CDs. Erst iTunes revolutionierten das System: Jedes neue elektronische Album kostete 10 Euro, einzelne Titel 99 Cent. Dieses Prinzip macht iTunes zum alleinigen Marktherrscher. Vor allem aber glaubt das Publikum noch immer weniger an die Inhalte, sondern mehr an das, was es in der Hand hat. Man ist nicht bereit, für eine läppische Datei, die man noch nicht einmal anfassen kann (und die es – der Vorwurf an E-Books ist berechtigt – nicht in Farbe gibt), einen vergleichbaren Preis zu zahlen.

Die Branche stellt sich damit selbst ein Bein. Was hier nicht mit den kleinen Plattformen funktioniert oder verhindert wird, versuchen Konzerne wie Amazon, Libri, Weltbild, Bertelsmann oder Hugendubel abzufischen. Über Libri kann man schon längst deutsche E-Books bestellen; auch die Geräte gibt es mindestens seit März auf dem Markt. Seit Montag wirbt nun auch Amazon gewohnt aggressiv mit seinem Kindle, das man über den Umweg der USA bestellen und mit dem man vorerst englische E-Books lesen kann.

Angeblich laufe das in den USA momentan besser, schreibt das Magazin Buchreport . Demnach werde laut Amazon-Chef Jeff Bezos in den USA fast jedes zweite Buch (48 Prozent), das als elektronische und Printausgabe verfügbar sei, als E-Book bestellt. Laut Buchreport lag der Anteil verkaufter E-Books zum Jahresbeginn hingegen noch bei 35 Prozent. Dieses Wachstum ist enorm und weckt durchaus Zweifel. Denn Amazon will sein E-Book mit aller Macht auf dem Markt etablieren. In den USA soll es nach dem iTunes-Prinzip funktionieren: Jedes Buch wird künftig nicht teurer als 10 Euro sein. Das lässt sich Amazon momentan auch noch etwas kosten, denn bei jedem Buch zahlt das amerikanische Internetversandhaus den Differenzbetrag zum herkömmlichen Buch an die Verlage. Mit dieser Strategie bemüht sich Amazon darum, billig zu werden, um das Gerät zu etablieren und Käufer an sich zu binden. Das Ziel ist klar: Das Kindle soll der iPod unter den E-Books werden.

Dass die Nachricht vom Amazon-Kindle für Europa am Montag durch jedes Internetportal und durch alle Zeitungen lief, obwohl doch schon seit März das Sony-Gerät und mittlerweile über 30 andere Geräte auf den Markt drängen, stimmt skeptisch. Andere Hersteller offerieren weitaus leserfreundlichere Geräte. Während man auf dem Kindle, und nur dort, die Bücher (350.000 überwiegend englische E-Books, keines davon im ebup-Format) lesen kann, bieten andere Hersteller verschiedene E-Books an, deren Dateien man auch verleihen oder verschenken kann.