Banken Geld und Gemüse
Bankgeschäfte lassen sich in Großbritannien neuerdings über Kommunen und Supermärkte abwickeln.
© ANDREW YATES/AFP/Getty Images

In Essex, einer Grafschaft nordöstlich der britischen Metropole London, gehen Banker zusammen mit Kommunen neue Wege bei der Kreditvergabe
»Mit belegten Broten ist wohl immer ein Auskommen«, dachte sich Wayne Thompson vor knapp drei Jahren und eröffnete einen Sandwich-Laden in Chelmsford in der englischen Grafschaft Essex. Und tatsächlich, das Geschäft mit Räucherlachs und Frischkäse, Parmaschinken und Pesto, Latte Macchiato und Apfelsaft läuft wie erwartet gut. Selbst die Rezession konnte dem Mittagshunger seiner Kunden bisher nichts anhaben, im Gegenteil.
Vor ein paar Monaten beschloss Thompson, die Krise zur Expansion zur nutzen. Aus seinem Laden Slice soll eine Kette werden. Im benachbarten Colchester fand er einen leer stehenden Laden in der Fußgängerzone, der für eine günstige Miete zu haben war. Nun brauchte er noch 25.000 Pfund, und die holte er sich nicht bei seiner Hausbank, sondern bei seiner Kommune. Die Landesregierung von Essex ist Wegbereiter eines Bankenmodells, das dabei ist, in Großbritannien Schule zu machen.
Die Krise begann, als das Vertrauen verloren ging. Die Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr, und kleinen Unternehmern wie Wayne Thompson wurde der Dispositionskredit gekürzt. Nachdem der Staat vor einem Jahr das Bankensystem vor dem Kollaps gerettet hat, mischt er sich in Essex seit einigen Monaten als selbstständiger Banker ein, um der lokalen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Gemeinsam mit der spanischen Gruppe Santander haben die Beamten eine eigene Bank eröffnet. Banking on Essex heißt sie, und das hat eine hübsche Doppelbedeutung, denn es heißt auch »auf Essex ist Verlass«.
Die Gemeinde und Santander haben jeweils 50 Millionen Pfund zur Verfügung gestellt, um eine rechtlich eigenständige Bank zu gründen, die Risiken und Gewinne zwischen beiden Teilhabern zu gleichen Teilen verteilt. »Die Grafschaft Essex hat einen Jahresetat von mehr als zwei Milliarden Pfund«, erklärt Ian Hatton, der zuständige Gemeinderat, der nun zum Banker geworden ist. »Da liegen jeden Tag zig Millionen an Bargeldreserven auf dem Konto rum, mit denen wir bei dem derzeitigen Zinsniveau so gut wie nichts verdienen. Da investieren wir es doch lieber in die lokale Wirtschaft.«
Das Geschäftsmodell ist schlicht. Banking on Essex beschränkt sich auf zwei Produkte: einen Überziehungskredit und ein Geschäftsdarlehen von maximal 100.000 Pfund. Kunde kann nur werden, wer ein Geschäft in Essex führt, nicht mehr als 250 Angestellte beschäftigt und höchstens 25 Millionen Pfund Jahresumsatz macht. »Unsere Kunden sind Malermeister, Klempner, kleine Industrie- oder Fuhrunternehmen, die von ihrer Bank nichts bekommen und in diesen schwierigen Zeiten möglicherweise pleitegehen würden«, erklärt Ian Hatton. Er ist mit der Nachfrage zufrieden. In den ersten drei Monaten seit ihrer Gründung hat Banking on Essex Kredite an rund vier Dutzend Kleinbetriebe in Höhe von insgesamt etwas mehr als einer Million Pfund vergeben.
- Datum 27.10.2009 - 10:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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"Aus deutscher Sicht scheint die Idee einer Gemeindebank nicht weiter bemerkenswert."
Wie man's nimmt, meiner Erfahrung nach unterscheiden sich die deutschen Sparkassen und Landesbanken aber leider nicht mehr wirklich von den Großbanken. Und dass unsere LBs durch besondere Sorgfalt und Kundenbindung aufgefallen sind wäre mir auch neu...
Trotzdem, vielleicht hilft das britische Modell ja auch den deutschen Banken ihre Wurzeln wiederzuentdecken...
Zu wünschen wär's...
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