Banken Geld und Gemüse

Bankgeschäfte lassen sich in Großbritannien neuerdings über Kommunen und Supermärkte abwickeln.

In Essex, einer Grafschaft nordöstlich der britischen Metropole London, gehen Banker zusammen mit Kommunen neue Wege bei der Kreditvergabe

In Essex, einer Grafschaft nordöstlich der britischen Metropole London, gehen Banker zusammen mit Kommunen neue Wege bei der Kreditvergabe

»Mit belegten Broten ist wohl immer ein Auskommen«, dachte sich Wayne Thompson vor knapp drei Jahren und eröffnete einen Sandwich-Laden in Chelmsford in der englischen Grafschaft Essex. Und tatsächlich, das Geschäft mit Räucherlachs und Frischkäse, Parmaschinken und Pesto, Latte Macchiato und Apfelsaft läuft wie erwartet gut. Selbst die Rezession konnte dem Mittagshunger seiner Kunden bisher nichts anhaben, im Gegenteil.

Vor ein paar Monaten beschloss Thompson, die Krise zur Expansion zur nutzen. Aus seinem Laden Slice soll eine Kette werden. Im benachbarten Colchester fand er einen leer stehenden Laden in der Fußgängerzone, der für eine günstige Miete zu haben war. Nun brauchte er noch 25.000 Pfund, und die holte er sich nicht bei seiner Hausbank, sondern bei seiner Kommune. Die Landesregierung von Essex ist Wegbereiter eines Bankenmodells, das dabei ist, in Großbritannien Schule zu machen.

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Die Krise begann, als das Vertrauen verloren ging. Die Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr, und kleinen Unternehmern wie Wayne Thompson wurde der Dispositionskredit gekürzt. Nachdem der Staat vor einem Jahr das Bankensystem vor dem Kollaps gerettet hat, mischt er sich in Essex seit einigen Monaten als selbstständiger Banker ein, um der lokalen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Gemeinsam mit der spanischen Gruppe Santander haben die Beamten eine eigene Bank eröffnet. Banking on Essex heißt sie, und das hat eine hübsche Doppelbedeutung, denn es heißt auch »auf Essex ist Verlass«.

Die Gemeinde und Santander haben jeweils 50 Millionen Pfund zur Verfügung gestellt, um eine rechtlich eigenständige Bank zu gründen, die Risiken und Gewinne zwischen beiden Teilhabern zu gleichen Teilen verteilt. »Die Grafschaft Essex hat einen Jahresetat von mehr als zwei Milliarden Pfund«, erklärt Ian Hatton, der zuständige Gemeinderat, der nun zum Banker geworden ist. »Da liegen jeden Tag zig Millionen an Bargeldreserven auf dem Konto rum, mit denen wir bei dem derzeitigen Zinsniveau so gut wie nichts verdienen. Da investieren wir es doch lieber in die lokale Wirtschaft.«

Das Geschäftsmodell ist schlicht. Banking on Essex beschränkt sich auf zwei Produkte: einen Überziehungskredit und ein Geschäftsdarlehen von maximal 100.000 Pfund. Kunde kann nur werden, wer ein Geschäft in Essex führt, nicht mehr als 250 Angestellte beschäftigt und höchstens 25 Millionen Pfund Jahresumsatz macht. »Unsere Kunden sind Malermeister, Klempner, kleine Industrie- oder Fuhrunternehmen, die von ihrer Bank nichts bekommen und in diesen schwierigen Zeiten möglicherweise pleitegehen würden«, erklärt Ian Hatton. Er ist mit der Nachfrage zufrieden. In den ersten drei Monaten seit ihrer Gründung hat Banking on Essex Kredite an rund vier Dutzend Kleinbetriebe in Höhe von insgesamt etwas mehr als einer Million Pfund vergeben.

 Von seiner alten Hausbank hätte Wayne Thompson das Geld für die geplante Expansion nicht bekommen. »Die haben mich fast mitleidig angeschaut«, sagt er. Für seinen Dreijahreskredit bezahlt er nun 4,5 Prozent Zinsen, »die Hälfte von dem, was die großen Banken derzeit verlangen«.

Aus deutscher Sicht scheint die Idee einer Gemeindebank nicht weiter bemerkenswert. In Großbritannien allerdings starb das Sparkassenmodell der öffentlich-rechtlichen Banken bereits im 19. Jahrhundert aus und wird erst jetzt wiederentdeckt. Schon haben fünf andere Grafschaften in Essex nachgefragt, wie sie das Modell kopieren können.

Außer Hilfsbereitschaft und niedrigen Zinsen kann die Grafschaft Essex sich derzeit vor allem eines zugutehalten: den Vertrauensvorsprung, den sie gegenüber den traditionellen Geschäftsbanken genießt. Die Regierung hat vor einem Jahr das gesamte britische Bankensystem vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt. Wovor sie die Kreditinstitute aber nicht bewahren konnte, war der Vertrauensverlust aufseiten der Kunden.

Banken wie die Royal Bank of Scotland oder Lloyds verloren ihren guten Ruf sofort, Barclays und HSBC, die ohne direkte Staatshilfe durch die Krise kamen, verlieren ihn spätestens in diesen Wochen, wenn sie bekannt geben, wie hoch die Boni sind, die sie ihren Topleuten zahlen. Unternehmer wie Wayne Thompson haben keine Sorge, ihr Geld einer Bank anzuvertrauen, hinter der der Staat steht, »denn da weiß ich sicher, dass im Kleingedruckten keine Fallen lauern«, sagt er.

Auf dem Weg aus der Krise zeichnen sich in Großbritannien Entwicklungen ab, die das Bankgeschäft der Zukunft grundlegend verändern könnten. Andrew Hilton vom Londoner Thinktank CSFI, dem Zentrum für die Erforschung finanzieller Innovation, glaubt, dass »größer ist besser«, die Weisheit der vergangenen 100 Jahre, im Bankgeschäft der Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen wird. Die Krise habe gezeigt, dass die Banken ihre soziale Aufgabe zugunsten des Shareholdervalues aufgegeben hätten. Nach der Konsolidierung sei es an der Zeit, »den Fokus wieder auf den Kunden zu lenken und ein Bankensystem zu schaffen, das die Interessen der Gesellschaft reflektiert.« Hilton kann einem fragmentierten Markt viel abgewinnen. »Lass tausend Blumen blühen, wenn drei eingehen, bricht nicht gleich das ganze System zusammen.«

Tatsächlich bröckelt das einst von Finanzriesen beherrschte Terrain. Neben dem Staat, der seine Rolle als gesellschaftlich verantwortlicher Geldverleiher wiederentdeckt hat, mischen seit Kurzem auch die großen britischen Einzelhandelsketten mit. Tesco und Sainsbury’s, die zusammen einen Anteil von mehr als 45 Prozent am britischen Lebensmittelmarkt haben, haben sich vorgenommen, das Vertrauen ihrer Kunden auf dem Finanzsektor in Profit umzumünzen.

Schon heute bieten sie neben Blumenkohl und Shampoo auch Hausratsversicherungen und Kreditkarten an. Seit Kurzem gibt es bei Sainsbury’s auch ein Girokonto mit einem Zinssatz, der immer zwei Prozent über den Leitzinsen liegt. »Wer mit seinem Krämer Geldgeschäfte macht, der weiß: Sein Erspartes ist sicher«, sagt Hilton. »Supermärkte haben mit den exotischen Finanzprodukten, die das Bankensystem an den Rand des Ruins gebracht haben, nichts zu tun.«

Neil Chandler, Chef von Sainsbury’s Finance, ist zuversichtlich, sein Ziel zu erreichen, dass »binnen fünf Jahren die Hälfte unserer Kunden ihre Einkäufe mit der hauseigenen Kreditkarte bezahlen wird«. Derweil will Tesco, der unangefochtene Marktführer, mit Girokonten, Kreditkarten und bald auch mit Hypotheken- und Baufinanzierung innerhalb von zehn Jahren einen Jahresgewinn von einer Milliarde Pfund erzielen.

Vor 100 Jahren waren die Briten wegweisend bei der Konsolidierung des Bankgeschäftes. Ganz im Dienste des Aktionärs. Nun steht die Gesellschaft im Mittelpunkt. Das Land der finanziellen Innovationen besinnt sich auf altmodische Institutionen.

 
Leser-Kommentare
    • Buker
    • 27.10.2009 um 14:16 Uhr
    1.

    "Aus deutscher Sicht scheint die Idee einer Gemeindebank nicht weiter bemerkenswert."

    Wie man's nimmt, meiner Erfahrung nach unterscheiden sich die deutschen Sparkassen und Landesbanken aber leider nicht mehr wirklich von den Großbanken. Und dass unsere LBs durch besondere Sorgfalt und Kundenbindung aufgefallen sind wäre mir auch neu...
    Trotzdem, vielleicht hilft das britische Modell ja auch den deutschen Banken ihre Wurzeln wiederzuentdecken...

    Zu wünschen wär's...

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