Finis' politische Gleichnisse Die Plattformstrategie der Große Parteien
Wie in der Autoindustrie unterscheiden sich die Fahrzeuge der politischen Parteien nach außen hin in Farben und Formen, unterm Blech jedoch sind viele Gleichbauteile verschraubt.
Während sich in Berlin unsere lieben Koalitionsparteien zusammenraufen, erreichen uns waschkörbeweise besorgte Briefe kluger Leser.
Rosamunde Linkerhand aus 14429 Treuenbrietzen schreibt uns: »Liebes Feuilleton! Obwohl ich seit der Wende immer artig SPD gewählt habe, lässt mich die künftige Regierung Westerwelle/Merkel völlig kalt. Ich schweige zu Schwarz-Gelb! Bin ich noch normal? Muss ich zum Arzt, und wenn ja, zu welchem?«
Liebe Frau Linkerhand, seien Sie unbesorgt, Ihnen fehlt nichts. Dass Sie zu Schwarz-Gelb schweigen, verdient keinerlei Tadel und ist ein Zeichen staatspolitischer Reife.
Lassen Sie es uns so sagen: Große Parteien verfolgen eine Plattformstrategie, wie die Autoindustrie auch. Nach außen hin unterscheiden sich ihre Fahrzeuge in Farben und Formen, doch unterm Blech, wo der Motor brummt, dort sind viele Gleichbauteile verschraubt.
Nehmen wir ein Beispiel. Ein typischer FDP-Freizeitjeep für Besserverdienende besitzt eine gelb-blaue Sonderlackierung und bietet schon in der Standardausstattung »Liechtenstein« die aktuelle Umverteilungs-Warnanlage. Die steuersparende Premium-Ausstattung mit Leder-Imitat in S-Klasse-Anmutung verfügt zusätzlich über einen Obdachlosenaufprallschutz im Frontbereich und eine Seilwinde für 18-Prozent-Steigungen. Die CDU-Limousine hingegen ist ganz in gedeckten Farben gehalten. Sie bietet fünf versenkbare Kindersitze, eine polensichere Alarmanlage nebst Mindestlohnabweiser sowie ein Antiterrorpaket mit Selbstschussanlage. Das Handschuhfach bietet Platz für eine Reise-Bibel oder für den Bild -Schlemmeratlas. Das konkurrierende SPD-Modell ist nur in den Farben Rot oder Dunkelrot lieferbar und zeigt einen frechen DGB-Schriftzug auf dem bewährten Ansteck-Spoiler. Die Sozi-Schaukel kommt ohne Hupe aus, bietet dafür aber eine Trillerpfeife sowie Sitzbezüge aus original brasilianischem Sackleinen, Modell Lula. Achtung: Der Blinker blinkt auch dann links, wenn das Fahrzeug rechts abbiegt. So weit die Unterschiede.
Unter der Haube gleichen sich die Fahrzeuge wie ein Ei dem anderen. Alle bieten eine Unternehmensteuersenkungsautomatik (nicht abschaltbar), eine flotte Modernisierungsbeschleunigung sowie einen privatisierungsfreundlichen Turbolader mit hochbegabten Elite-Zündkerzen, denn Motorleistung soll sich wieder lohnen. Die durchschnittliche Gebrauchsdauer der genannten Fahrzeuge beträgt vier Jahre. Danach bitte austauschen oder neu lackieren.
- Datum 29.10.2009 - 13:56 Uhr
- Serie Finis
- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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