GPS Auf die digitale Tour
Das Handy als Reiseleiter: Was taugen die neuen Zusatzprogramme von Lonely Planet oder Merian?
Es soll ein Test sein. Ich will mein Handy in einen Reiseführer verwandeln. In den perfekten Begleiter, der jede Sehenswürdigkeit kennt und mir Geheimtipps verrät. Apps heißen die bunten Programme, die ich dafür nutzen möchte. Apps steht für applications, Anwendungen. Viele Apps sind speziell für den Urlauber gemacht. Sie wissen, wo der nächste Biergarten ist, und zeigen den Weg zum Hotel auf einer Karte an.
In wenigen Jahren, schätzen Marktforscher, wird jedes zweite Handy in Europa die nötige Technik haben – einen GPS-Chip, mit dem die Apps erkennen, wo der Nutzer sich gerade befindet. Um die 130 Millionen Menschen könnten sich dann von ihrem Mobilfunkgerät im Urlaub beraten lassen. Mich sollen die neuen Programme erst einmal durch Berlin führen, die Stadt, in der ich lebe.
Ich besorge mir ein iPhone, weil dafür die meisten mobilen Anwendungen angeboten werden. Stundenlang installiere ich alle möglichen Reise-Apps, die teils kostenlos, teils für ein paar Cent oder Euro zu bekommen sind. Ich fühle mich wie ein Kind, das sich für die vielen Klingen und Sägen seines neuen Offiziersmessers begeistert, ohne zu wissen, wofür es sie braucht.
Wäre ich mit dem Auto an die Ostsee gefahren, hätte ich iVerkehr und Clever Tanken heruntergeladen, um unterwegs vor Staus und teuren Tankstellen gewarnt zu werden. So aber lasse ich mir von Fahrinfo-Berlin die schnellste S-Bahn-Route zum Reichstag ermitteln, ich muss nur das Ziel eingeben. Zu Fuß gehe ich durch die Touristenmassen und spiele mit WikiMe herum. Das Programm listet Wikipedia-Artikel zu Sehenswürdigkeiten der Umgebung auf, die mit GPS-Koordinaten versehen sind. So erfahre ich etwa, dass die Flagge vor dem Westeingang des Reichstags, die ich nie beachtet habe, die 1990 aufgestellte »Fahne der Einheit« ist.
Fast täglich bringt die Reiseindustrie neue Anwendungen auf den Markt. Fluggesellschaften und Mietwagenanbieter lassen Apps entwickeln, um ihre Produkte auf dem Smartphone zu verkaufen. Manche bieten keinen Mehrwert, wie der Lufthansa-Launcher, der einfach nur auf die Website des Unternehmens weiterleitet. Einige Tourismusämter, etwa in Amsterdam, Monaco oder Hongkong, nutzen das Medium, um GPS-Städteführer anzubieten. So hat man kostenlose Informationen zu Sehenswürdigkeiten auf dem Handy dabei. Auch Verlage machen die Inhalte ihrer Bücher auf Smartphones zugänglich. Im App Store findet man digitale Reiseführer von Lonely Planet oder Merian und Städteführer mit Tipps aus den Redaktionen von Lifestyle-Magazinen.
Auf meinen Berlin-Rundgang nehme ich einige dieser Führer mit, von denen es die meisten bislang nur für das iPhone gibt. Viele davon sind kaum mehr als ein aufs Handy geladenes Buch. Der Mobile Guide Berlin vom Michael Müller Verlag zum Beispiel. Er umfasst den Inhalt von 236 Buchseiten, bietet aber technisch kaum mehr Möglichkeiten als die gedruckte Vorlage. Steht man vor dem Brandenburger Tor, ist man gezwungen, sich durch ein endloses Inhaltsverzeichnis zu scrollen oder eine umständliche Suchfunktion zu benutzen. Weiter entwickelt sind die Reiseführer-Apps von Marco Polo, Merian, Cityscouter oder Unlike Media. Ihre Informationen liegen als »Points of Interest« (POIs) auf einem Koordinatennetz im Raum: Das Brandenburger Tor rückt automatisch an erste Stelle, wenn man davorsteht.
Ich lasse mich von POI zu POI führen, lese Infohäppchen über den Pariser Platz, das Deutsche Guggenheim, die Staatsoper, die Neue Wache. Suche Cafés in der Nähe und lasse mir den Weg dorthin auf der Karte anzeigen. Wie nützlich müssen die Funktionen erst in einer fremden Stadt sein! Für kurze Zeit glaube ich, nie wieder einen herkömmlichen Reiseführer zu brauchen. Bis ich merke, dass mir Hintergrundtexte fehlen, Kapitel über Kultur und Stadtgeschichte und allgemeine Reisehinweise. Der perfekte mobile Begleiter existiert noch nicht. Halbwegs gelungen ist lediglich der englischsprachige Lonely Planet City Guide. Zwar hat auch er Schwächen – oft fehlen Querverweise auf andere Kapitel und die Verknüpfungen zu Webinhalten. Immerhin aber kombiniert er ortsbezogene Kurzinformation mit soliden Reiseführertexten.
Am Abend stelle ich mich auf den Balkon, um meine Nachbarschaft mit Qype Radar zu scannen, eine App, die auf Inhalte der Bewertungs-Community Qype zugreift. Ich tippe das hellblaue Symbol an. Prompt erscheinen Orte auf dem Display, die ich nie bemerkt hatte, hinter Mauern, in Innenhöfen, gleich um die Ecke. Ich weiß nicht, dass ein Café eine Straße weiter frische Croissants verkauft; es seien die besten im Kiez, schreibt da jemand. Allein in Berlin findet der Qype Radar mehr als 144.000 Kneipen, Restaurants und andere POIs mit rund 55.000 Nutzerbewertungen, weltweit sind es um die drei Millionen Einträge und gut eine Million Kommentare. Man kann Bewertungen lesen, wenn man schon vor einem Restaurant steht, oder Hotelkritiken schreiben, während man noch an der Rezeption auf die Rechnung wartet. Solche ständig aktualisierten Community-Reiseführer könnten eine wichtige Informationsquelle sein. Bei Lonely Planet plant man, die Nutzer bei den mobilen Städteführern mitschreiben zu lassen – in Beiträgen, die vom redaktionellen Teil getrennt sind und von der Redaktion gefiltert werden. Reisende könnten dann unterwegs Tipps anderer Reisender abrufen und Kommentare einstellen oder neue »Points of Interest« anlegen. Mit einem GPS-Handy in der Tasche ist das fast überall auf der Welt möglich. Auch Urlaubsfotos und -videos lassen sich mit GPS-Koordinaten (sogenannten Geotags) versehen.
Mir aber wird das alles schon nach ein paar Tagen zu viel. Immer bin ich vernetzt, verortet – und besorgt, ob der Akku bis zum Abend reicht, was er fast nie tut. Ständig starre ich aufs Display, hetze hin und her zwischen all den coolen Kneipen und sehenswerten Orten, die mein Handy empfiehlt. Vor Kurzem noch habe ich sie bemitleidet, die Touristen am Brandenburger Tor, die in herkömmlichen Reiseführern blätterten. Jetzt fällt mir ein, wie entspannt sie dabei ausgesehen haben. Für den nächsten Urlaub kaufe ich mir einen Reiseführer aus Papier. Das iPhone lasse ich vorerst zu Hause.
- Datum 23.10.2009 - 18:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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... daß über solchen Beiträgen das Wörtchen "Anzeige" zu stehen hat? Zumindest wäre ein Schlußsatz angebracht:
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