Energie Eine Macht für 50 Jahre
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 Das Gas reicht noch für Jahrzehnte

Bei so viel Wandel kann man verstehen, dass Gasprom-Insider eine Reise nach Nowyj Urengoj fast wie einen Trip in die »gute alte Zeit« empfinden. Hier hat sich viel Sowjetisches konserviert, so gut wie ein Mammutbein im ewigen Eis. Eine Nostalgie, gespeist von der abenteuerlichen Jugendzeit vor gut 20 Jahren, durchzieht viele Gespräche; sie handeln von einer Stadt, in der niemand die Tür abschloss und es keine Taxis gab, da jeder jeden mitnahm. »Vorwärts Urengoj! Du bist, dich braucht die russische Macht!«, heißt es in einem Gedicht, das man hier noch gerne zitiert.

Die Gasbohrstelle GKP-2 schmückt das Transparent: »Das Gas von Urengoj für die Heimat!« Kaum eine Versammlung vergeht ohne die Verleihung von Urkunden oder Diplomen für die »Ehrenarbeiter der Gasindustrie«. Wenn man aber genauer hinschaut, ist es auch hier mit dem Sowjetidyll nicht weit her. Einen Großteil des Erbes aus Sowjetzeiten, viele Wohnungen, Kindergärten, Wasserwerke und Straßenbaubrigaden, hat Gasprom mittlerweile an die Stadtverwaltung abgetreten.

Ein Neuntel der Wohnungen ist im »Havariezustand« und müsste abgerissen werden. Doch der Stadt als neuem Eigentümer fehlen die Mittel. Das Kulturzentrum mit neun Sälen und einem »Zentrum für ästhetische Entwicklung«, in dem Kinder mit Blick auf einen Plattenbau ihre Idyllen aus Rehwild und Bohrturm malen, möchte Gasprom abschütteln. In Nowyj Urengoj steigt die Zahl der Arbeiter, die nach ihrer Pensionierung bleiben. Das zieht den Altersdurchschnitt von noch 33 Jahren und die Sozialausgaben nach oben. In Wahrheit ruhen auch in Nowyj Urengoj die Hoffnungen nicht mehr auf dem »Weiter so« – sondern darauf, dass den Ingenieuren bei Gasprom und seinen vielen Partnerunternehmen aus dem kapitalistischen Westen etwas Neues einfällt.

Die mittelfristige Antwort auf die Probleme des Gaskonzerns sind die effizientere Ausbeutung der bestehenden Gasfelder und neue Bohrungen in Erdschichten von drei bis fünf Kilometer Tiefe. Das bringt technische Probleme und einen finanziellen Aufwand mit, die kaum noch ein Konzern ganz alleine bewältigt, auch Gasprom nicht. Atschimgas, ein Unternehmen, das Gasprom gemeinschaftlich mit seinem Partner Wintershall betreibt, ist daher ein weiterer Schritt in die Zukunft. Die erste Bohrstelle liegt 30 Kilometer nördlich von Nowyj Urengoj. Der holprige Straßendamm aus Sand und Lehm und Betonplatten, darüber ein wenig Asphalt, führt aus der Stadt hinaus. Die Straßen sacken oft nachträglich ein. Erst nach fünf Jahren gelten sie als fertig gebaut. Links und rechts gehen Stichstraßen durch die fast baumlose Einöde zu Bohrstellen oder technischen Stationen ab.

Atschimgas ist eine Industrieanlage mit gelb-blauen Werkshallen und einem Gewirr silberner Leitungen. Wenn Bohrstellenleiter Artjom Akopjan den sterilen Schaltraum mit Monitoren und Messanzeigen präsentiert, scheint es, als sei die Gasförderung ein Joystick-Kinderspiel. Aber auch das moderne Gasbusiness braucht Muskelkraft und Ausdauer. Im Winter tragen die Arbeiter mehrere Hosen übereinander, Gesichtsmasken und zentimeterstarke Gummisohlen unter den Schuhen. Manchmal haben die Wintershall-Techniker in ihren Bauwagen fünf Grad minus unterm Bett gemessen.

»Bei Nowyj Urengoj wurde Gas aus 1200 Meter Tiefe bei einem Druck von 120 Atmosphären gewonnen«, sagt Akopjan im Ingenieurslatein, und übersetzt bedeutet das ungefähr: Bisher war es einfach. »Atschimgas dagegen liegt in einer Bohrtiefe von mehr als 3000 Metern mit einem sehr hohen Druck von 600 Atmosphären.« Sprich: Das wird sehr schwierig. Vor zehn Jahren noch galt das Fördern bei solchem Druck als technisch kaum möglich.

Heute könnte sogar aus der nächsttieferen Schicht von 5000 Metern Gas gefördert werden, obwohl der Druck dort bis auf 1000 Atmosphären ansteigt. In dieser Tiefe ist im Permafrost die Zukunft Nowyj Urengojs eingeschlossen. »Das reicht alles noch«, sagt Akopjan gelassen, »für 40 bis 50 Jahre.«

 
Leser-Kommentare
  1. Überall, heißt das, außer in Europa. Im Rest der Welt gibt es heute Naturgas in derartigen Massenvorkommen, dass der offene Welthandelspreis auf den niedrigsten Stand seit Jahren gefallen ist. Lediglich das gasarme Europa wurde durch Vermittlung Gerhard Schröders, der ja auch fürstlich dafür belohnt wurde, dem Monopol der Gasprom ausgeliefert, die entscheidet was wir bezahlen dürfen.

  2. irgendwie paradox. Dort, wo dieses Gas abgebaut wird, herrschen z.T. Temperaturen von Minus 5 Grad unter dem Bett und bei Minus 20 Grad spielen die Kinder um Freien. Hier, wo es u.a. auch verbrannt wird, ist dann in vielen Zimmern bis um die 23 Grad. Härte kann uns ja keiner mehr befehlen - obwohl das z.T. gesund ist...

  3. Der Kreml braucht Gasprom – und Gasprom den Kreml. Denn bei aller Größe und Macht stünde der Konzern ohne die staatliche Protektion längst nicht so gut da, und im Augenblick schon gar nicht. In der Weltwirtschaftskrise gingen die Exporte um 50 Prozent zurück. Gasprom ist zurzeit auch der größte Schuldner Russlands mit geschätzt mehr als 40 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten; der Reingewinn ist allein im ersten Jahresquartal um 61 Prozent gesunken, das schlechteste Förderergebnis der Firmengeschichte steht an.
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    Wenn Russlands Kremlmaechtigen Gasprom als ein Geld-Verschiebebahnhof begreifen, der alleine nach ihren Gutduenken zu funktionieren hat und auch sonst ihnen bestens als Korruptionsbasis fuer ihre Machtintrigen dient, dann hat das nichts mit dem Wohle der Russen insgesamt zu tun. Diese sollten Gasprom zerschlagen, und die z.Zt. Kremlbeherrschenden zum Teufel jagen!

  4. Was sind schon 40 bis 50 Jahre, wir schaffen es in dieser Zeit Resourcen zu "verpulvern" für deren Erzeugung Millionen Jahre vergehen mussten.

    Gleichzeitig wird mit diesen Resourcen ein Vermögen gescheffelt (Gewinn der Gasprom in 50 Jahren größer als 850 000 000 000 000 €) und am Ende bleibt unseren nachfolgenden Generationen das Problem, neue Wege in der Energiewirtschaft zu finden. Dabei kann mit Gas und Öl nicht nur Wärme erzeugt werden, irgend wann werden unser Nachfahren es bedauern, dass diese Rohstoffe durch uns einfach nur verbrannt wurden.

    Wann lernen wir endlich, dass die Menschheit für sehr lange Zeit in einem begrenztem Lebensraum mit den begrenzten Resourcen sorgsam umgehen muss (auch wenn uns dieser begrenzte Raum sehr groß vorkommt) ?

  5. Die deutschen Steuerzahler haben es ja bekanntermaßen dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zu verdanken, das auch diesem Unternehmen GAZPROM ein Rettungsschirm in Höhe von 1 MILLIARDE EURO (Bürgschaft) auf Kosten der deutschen Bürger gewährt wurde.

    Als kleines Dankeschön ist Herr Schröder ein gern gesehener Gast bei FIRST CLASS - Empfängen in der russischen Botschaft und nimmt jetzt jeweils am gemeinsamen Schnittschenessen zum ABNICKEN und DURCHWINKEN zur DEKORATION im "aufsichtsrat" bei KAVIAR und KRIMMSEKT teil.

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