Die Geschichte kennt Revolutionen leiser Natur. Es müssen zur gesellschaftlichen Umwälzung keineswegs die Köpfe rollen. Es verändern sich mitunter die Gesten und Redeweisen, die Balance zwischen Nähe und Ferne, der Sex und die Liebe, kurzum: das soziale Bindegewebe, die Ordnung der Affekte.

Mit Empörung hätten Politiker noch vor gut einer Dekade eine Einladung zu Stefan Raabs Bundestagswahl-Diskussionsrunde ausgeschlagen. Aus Angst vor der Inflation ihrer Ausstrahlung und der Beschädigung ihrer Würde. Es wäre das Todesurteil eines Marlon Brando gewesen, hätte er seinen Tagesablauf inszeniert wie die Stars allerneuester Prägung, die – wie der amerikanische Präsident – im Internet in Sozialen Netzwerken sich der Allgemeinheit offenbaren. Charisma lässt sich nicht mehr durch zeitweilige Abwesenheit steigern, sondern offenbar nur durch Dauerpräsenz in Dauerkommunikation. Das ahnen all jene Abteilungsleiter, Politiker, Musiker und Blogger, die sich einen Freundeskreis auf Facebook , Myspace oder aSmallWorld errichten. Sie ahnen völlig zu Recht, dass Zurückgezogenheit nicht mehr als Ausdruck veredelten Charakters verstanden wird oder gar als Signum schillernder Geheimnisse. Sondern als Arroganz überkommener Macht.

Lange Zeit standen wir im Bann jener Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, die man leichthin Aufklärung nennt. Sie etablierte nicht nur das Volk als Souverän, sondern veränderte radikal das Alltagsverhalten der Individuen. Die allseitige erotische Reizbarkeit an den Höfen wurde in ruhende Scham überführt, zeremonielles Gehabe in unschuldige Intimität, öffentliche Exaltiertheit, das stolze Präsentieren des parfümierten Körpers war privater Häuslichkeit gewichen. Die bürgerliche Gesellschaft etablierte Schwellen, die unhintergehbar wurden und die man nicht ohne Grund als Doppelzüngigkeit brandmarkte: Die Affäre mit der Haushälterin hütete sich der Studienrat, öffentlich zu machen wie der Arbeiter seinen Lesezirkel. Was sich hinter den eigenen vier Wänden abspielte, war den Herrschenden verborgen. Die Stellungen im ehelichen Bett wie die Geselligkeit seiner Untertanen waren, sobald sie die Tür hinter sich zuzogen, seinen Blicken verwehrt. Dort herrschte eh nur Moral, die von der Verstellungskunst der Politik unbeschmutzt blieb – so jedenfalls das hehre wie verlogene Selbstverständnis zumindest des deutschen Bürgers, der sich dergestalt Freiräume erkämpfte. Indem er sich durch den Fetisch der Moral und der Verherrlichung des Privaten unpolitisch gab, löste er sich vom absolutistischen Herrscher, der durch sein öffentliches Handeln per se korrumpiert schien. Die vermeintlich unpolitische Gesinnung und die propagierte Unverstelltheit einer Liebe als Passion zersetzte à la longue vordemokratische Staatsräson.

Es zeichnete vor dem Hintergrund privater Schutzräume den Mächtigen in der bürgerlichen Gesellschaft aus, dass er seine Sichtbarkeit wohl dosierte. Erst durch allerlei Vorzimmer gelangte der Angestellte zum Fabrikbesitzer, wenn er ihn überhaupt je zu Gesicht bekam. Der Intellektuelle umgab sich mit der Aura undurchsichtiger Schwermut. Das Herz der biederen Bürgerstochter war eine schwer zu erobernde Festung, die mit verzärtelten Briefchen und Blicken bedrängt werden wollte.

Heute ist bekanntermaßen allumfassender sozialer Austausch das Paradigma der Zeit, der Erfolg etwa von Facebook gewaltig. 200 Millionen Mitglieder hatte das Netzwerk zur Jahreswende. Nun sind es mehr als 300. Es ist heute schlechterdings ein Sonderling, wer es nicht nutzt, vergleichbar mit jenen Verirrten, die einst zögerten, sich ein Handy anzuschaffen, als es längst an der Zeit war. Wer noch vor wenigen Monaten zu behaupten wagte, es verwirklichten sich in Sozialen Netzwerken picklige Nerds oder übereifrige Avantgardisten, ahnt mittlerweile, dass nunmehr die Skeptiker des Web 2.0 Ewiggestrige sind. Sie haben die Zeichen der Zeit so albern überhört wie Honecker den Gezeitenwechsel auf den Feierlichkeiten zum 40. Gründungstag der DDR.

Der Reiz Sozialer Netzwerke ist unmittelbar einleuchtend. Die Freunde, die man dort um sich versammelt, sind in der Regel sorgsam ausgewählt, nicht jeden lässt man hinein in seinen Freundeskreis. Nur Politiker oder Musiker mit Geltungsdrang lassen jeden auf ihre Pinnwand blicken. Soziale Netzwerke sind in der Regel elitär: Die meisten Nutzer versammeln so an die 80 bis 150 ausgewählte Bekannte, denen sie Einblick in ihr Leben gewähren. Man überbietet sich mit Schlagfertigkeit. Das YouTube-Video, das man auf seine Pinnwand anbringt, zeugt vom erlesenen Geschmack wie der Kommentar auf das aphoristische Posting eines Kollegen zur schwarz-gelben Koalition vom Schnelldenkertum. Man möchte teilhaben an sozialen Kreisen, die als besonders geistreich gelten, möchte unbedingt auf die Pinnwand der attraktiven Kollegin aus der Personalabteilung blicken und stellt ihr eine Freundesanfrage, die natürlich unbeantwortet bleibt.

Grundsätzlich aber gilt – innerhalb verhältnismäßig abgeschotteter sozialer Kreise im Netz wie für die sich möglichst auskunftsfreudig gerierenden Politiker und Semi-Stars: Wer schweigt, zählt nicht. Wer schweigt, dem wird die Freundschaft aufgekündigt. So wie man des Hofes sozialdarwinistisch verwiesen wurde, wenn man die Gäste langweilte. Das Hofleben war ein Minenfeld, hier tobte ein omnipräsenter Kampf um Geltung, in der die Gefahr des schamvollen Statusverlusts eingeschrieben war, genauer: die Gefahr einer unkontrollierten Äußerung oder des peinlichen Schweigens im Gespräch. Man attestierte den sozial Unbeholfenen seinerzeit »Blödigkeit«.

Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. Ausgerechnet die vom Bürgertum seit je misstrauisch beäugte Macht der Rhetorik, das Auseinanderklaffen von verführerischer Form und Inhalt, von Schmuck und Argument, ist der ausgesprochen unterhaltsame Wesenskern Sozialer Netzwerke. Ihnen ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt: Missliebige Kontaktaufnahmen klickt man kalt weg, jene, die sich aufdringlich oft zu Wort melden, werden kommentarlos ausgeschaltet. Man bewertet Redebeiträge umgehend, indem man anklickt, ob sie einem gefallen. Dem Sozialen wird damit ein Dezisionismus unterlegt, der Eros und Gewitztheit beflügelt. Exaltiertheit schlägt Scham, Schlagfertigkeit stille Größe, Präsenz Zurückgezogenheit, Theatralität Wahrhaftigkeit, Affektkontrolle Unverstelltheit. Der schweigsame Sonderling, dem man einst – ob berechtigt oder nicht – Intellektualität unterstellte und Seelentiefe, findet im Netz keine Ausdrucksform. Soziale Netzwerke bilden ein Reich von Höflingen, die galant auf sich aufmerksam machen. Sie sondern den Zögerlichen, den Nachdenklichen, den Schüchternen aus. Die Affektschwellen, die das Bürgertum zum individuellen Selbstschutz, zur kollektiven Machtsteigerung und zur vermeintlichen moralischen Vervollkommnung errichtet hatte, sind weggebrochen.

Die Umwälzung des kollektiven Affekthaushalts ist eine Revolution, die mit handfesten politischen Forderungen flankiert wird. Es ist keineswegs kokett, dass die politisch bewegte Internetgemeinde, die immerhin auf Anhieb zwei Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl auf sich vereinen konnte, als Piratenpartei firmiert. Ihr Fanal ist einer des Ungehorsams, der Mief, den sie bekämpft, sind die bürgerlichen Institutionen der Presse und der tradierten politischen Meinungsbildung, sind das Urheberrecht und jene Eliten, die sich noch der Vernetzung entsagen und damit ihrer aggressiven Selbstvermarktung. Die Netzavantgarde gibt sich betont egalitär und sucht die Oligarchisierung, die sich im Internet herausgebildet hat, zu verschleiern. Ihre Fürsten sind jene Betriebe, die erstmals in der Geschichte umfassend das Alltagsverhalten strukturieren. Facebook gibt die Regeln vor, nach denen eine Freundschaftsanfrage abgewehrt wird, ein Link gesetzt werden kann oder eine Kontaktaufnahme vollzogen wird. Der Konzern formalisiert damit für über 300 Millionen Nutzer das soziale Leben. Google liefert den Algorithmus für Suchergebnisse, strukturiert Relevanz. Die Enzyklopädie Wikipedia dominiert längst ein Wächterrat, der Einträge zensiert und Qualitätssicherung betreibt. Das Netz ist so umfassend reglementiert wie die Libertinage in Versailles durch rigide Etikette.

Die irrige Annahme, Soziale Netzwerke stärkten demokratische Meinungsbildung, mag der hämischen Beobachtung entsprungen sein, dass dort bislang Mächtige desavouiert werden. Die Anbiederung der politischen Klasse an die Netzwelt, die emsige Twitterei von Bundestagsabgeordneten, der Facebook-Auftritt der Kanzlerin zeigt willfährige Knechte des Internets, keineswegs machtvolle Protagonisten. Berühmtheiten stellen sich darin aus, um Freier buhlend, wie die Nutten auf Ausfallstraßen. Prominenz verkommt sogleich zur Semiprominenz. Bisher Einflussreiche sind verfangen in einem unauflöslichen Doublebind: Je mehr sie sich im Internet anpreisen, desto rasanter vollzieht sich die Inflation ihrer Ausstrahlung; entsagen sie sich aber dem Sozialen Netz, haftet ihnen der fatale Anschein von Gestrigkeit an. Wahre Stars im Netz sind jene nur, die auch das Netz gebar. Es nährte der Internetwahlkampf des Barack Obama kurzweilig die Illusion, das Internet tauge zum Verstärker althergebrachter politischer Institutionen und zur Steigerung des Charismas eines demokratischen Anführers. In der evozierten Suggestion, im ständigen Austausch mit seiner Anhängerschaft zu stehen, nutzte Obama das Internet allerdings so traditionell wie einst Roosevelt und andere Politiker seiner Zeit das Radio avantgardistisch: Der Gesellschaft wurde ein sozialistisches Gemeinschaftsgefühl implementiert. Lauschten Wähler am Kaminfeuer einer Radioansprache, fühlten sie sich tatsächlich persönlich angesprochen. Wie in der Frühzeit des Internets man tatsächlich eine eigentümlich persönliche E-Mail des Präsidentschaftskandidaten erhalten zu haben glaubte – und nicht die seines straff durchorganisierten Wahlkampfteams. Derlei nutzt sich ab und dürfte, wie die jüngsten Wahlkämpfe zeigen, kaum wiederholbar sein.

Das Web 2.0 ist vor- und zugleich nachdemokratisch. Es hebelt nicht nur nationale Gesetzgebung aus, formale Strukturen politischer Partizipation, es verdrängt nicht nur die alten Medien, sondern lässt einen neuen, gleichsam alten Menschentypus auf die Bühne treten: den sozial hyperaktiven, den um Status und Witz kämpfenden Höfling, den reaktionsschnellen und bewertungssüchtigen, den geistreichen Parvenü. Er verachtet all jene, die nicht aus der Deckung kommen. Sie werden eh hinweggefegt werden: die Geisteswissenschaftler altväterlicher Manier mit klobigen Büchern, die ängstlichen Journalisten, die sich an ihre Festanstellung klammern, die verbildet Hochnäsigen, die im gewitzten sozialen Austausch im Netz nur Oberflächlichkeit wittern. Das ist die alte, die durch und durch unerotische Welt, die immer noch nicht begreift, dass die Programmierer weniger, aber rasant wachsender Internetkonzerne die neuen Sonnengötter sind. Der Souverän ist nicht mehr souverän. Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon zunächst nichts als bloß den Untergang der alten erleben.

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