Die Schultern hochgezogen, die Haltung angespannt – Günther Wess fühlt sich sichtlich unwohl im Zeugenstuhl. Um ihn herum sitzen Parlamentarier, in seinem Nacken Presseleute. Und alle warten auf die Aussage des Geschäftsführers des Helmholtz-Zentrums München vor dem Untersuchungsausschuss des Niedersächsischen Landtags.

Wess Institut wurde – nach einer Serie von Hiobsbotschaften – zu Beginn des Jahres die Verantwortung für das vom Einsturz bedrohte Atommülllager AsseII entzogen. Und nun trifft, nach einer jahrzehntelangen Krisengeschichte, der Eklat ausgerechnet ihn, den Chemiker aus der Pharmabranche, der doch erst vor vier Jahren in die Top-Forschungsadresse in München-Neuherberg eingezogen ist.

Dabei habe er, behauptet Wess, beim Amtsantritt die Situation in der Asse sogleich »als extrem dringlich empfunden« und die Schließung des Atommülllagers zu beschleunigen versucht. Auf viele gezielte Nachfragen indes bleibt er die Antwort schuldig. »Da bin ich kein Fachmann«, sagt Wess oder: »Die Bewertung der Vergangenheit steht mir nicht zu.«

Sie haben es nicht leicht, die 26 Abgeordneten in Hannover, die diese Vergangenheit erhellen und herausfinden sollen, wer die Verantwortung dafür trägt, dass die Probleme der Asse nicht schon viel früher angepackt wurden. Schränke voller Akten müssen sie durchforsten, womöglich noch ein ganzes Jahr lang Zeugen befragen – von denen doch jeder wie Wess nur eine winzige Szene zu diesem Historienstück der deutschen Entsorgungsverdrängung beitragen wird.

Dabei gilt es nicht nur zu klären, wie viel Cäsium, Tritium und Plutonium nebst diversen toxischen chemischen Abfällen in den 126.000 Atommüllfässern enthalten sind, von denen ein Teil nun durch Verformungen der Salzstöcke und den Zufluss salziger Lauge bedrängt wird. In der detektivischen Suche schwingen auch grundsätzliche Fragen mit, zum Beispiel die nach der Rolle der Wissenschaftler: Wieso erfüllte eine hochkarätige Forschungseinrichtung wie das Helmholtz-Zentrum, das den Untertitel »Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt trägt, seine brisante Aufgabe derart liederlich? Was sagt das über die Kultur des Umgangs zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie?

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Denn in die Schusslinie geraten ist eine Einrichtung, die den Löwenanteil ihrer Förderung vom Bundesforschungsministerium (BMBF), teils auch vom Land Bayern und der EU überwiesen bekommt, über 100 Millionen Euro im Jahr 2009. Das Ministerium setzt den forschungspolitischen Rahmen und entsendet Vertreter in den Aufsichtsrat. Diese Nähe zu Politik und Staat prägt nicht nur das Münchner Zentrum, sondern auch sein Dach, die Helmholtz-Gemeinschaft, Deutschlands größte Wissenschaftsorganisation.

Dass ihre Reputation durch den Entsorgungsskandal in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist ihrem Präsidenten sichtlich unangenehm, es passt so gar nicht zu all den neuen Initiativen für die »strategische Forschung mit langem Atem«, die Jürgen Mlynek jüngst präsentierte. Tatsächlich erkunden 28.000 Spezialisten in sechzehn naturwissenschaftlichen Großforschungszentren heute Raumfahrt und Gesundheit, Erdsysteme, Energie und Umwelt, die Struktur der Materie und künftige Schlüsseltechnologien.