StadtplanungWachstum durch Abriss

Wie schrumpft man Städte? Die Internationale Bauausstellung in Sachsen-Anhalt hat wilde Ideen. von Tobias Timm

Nur die Alten bleiben hier«, sagt der Student, der zu Fuß auf dem Weg zum Dessauer Bahnhof ist. »Und die Dummen und Hässlichen«, fügt er mit einem wissenden Lächeln hinzu. Er selbst kommt aus der Nähe von Hamburg und ist erst seit einem Semester hier. Lange bleiben wolle er aber nicht, sagt er. Die Stadt Dessau-Roßlau wird auch diesen Neubürger bald wieder verlieren, dann sind es nur noch 88692 Einwohner. Und die können sich eigentlich freuen, wenn sie diesen präpotenten Menschen aus der niedersächsischen Provinz losgeworden sind.

Dann gibt es noch mehr Platz. Wer sehnt sich nicht nach einer größeren Wohnung, nach einem weitläufigen Garten, nach freien Parkplätzen und einer leeren Bank im Park? Anders als in Hamburg, Würzburg oder Karlsruhe bekommt man in Sachsen-Anhalt viel Wohnraum für sehr wenig Geld. In Naumburg, Wittenberg und Aschersleben stehen ganze Straßenzüge aus der Gründerzeit leer. Auch Plattenbauten kann man etagenweise mieten, Lagerhallen für symbolische Preise kaufen. Doch noch immer ziehen die Leute von hier weg.

Anzeige

Langsam überwuchert der Park die große graue Stadt

Man kennt das Problem des Schrumpfens aus den neuen Bundesländern, aber auch aus postindustriellen Regionen Westdeutschlands und der restlichen Welt. Es ist stets der gleiche Prozess: Arbeitsplätze gehen verloren, die Jungen und Gebildeten ziehen der Arbeit hinterher, die Dagebliebenen bekommen weniger Kinder, der Anteil der Arbeitslosen und Rentner steigt, die Kommunen haben weniger Steuereinnahmen, die Städte verkommen, noch mehr Menschen ziehen weg. Im vergangenen Jahrzehnt haben viele Stadtplaner und Architekten das Problem erkannt, sie haben Feldforschung betrieben und die Ergebnisse auf unzähligen Tagungen diskutiert.

In Sachsen Anhalt lässt man den Tagungen nun schon seit sieben Jahren Taten folgen. Die Landesregierung hat 2003 eine Internationale Bauausstellung (IBA) ausgerufen, die sich mit dem »Stadtumbau« beschäftigen soll. Normalerweise entstehen im Rahmen solcher Bauausstellungen große Leuchtturmprojekte, in Stuttgart etwa wurde 1927 als Manifestation des »Neuen Wohnens« die berühmte Weißenhof-Siedlung gebaut. Und in Berlin planten Architekten wie Walter Gropius, Alvar Aalto und Oscar Niemeyer für die Interbau 1957 das Hansaviertel. Für die IBA Emscherpark wandelte man im Ruhrgebiet von 1989 bis 1999 alte Industriestätten in Kulturinstitutionen um. In Sachsen-Anhalt aber wurden jetzt erstmals für eine Bauausstellung mehr Gebäude abgerissen als gebaut. In 19 kleineren und größeren Städten von Magdeburg bis Halle hat man ausprobiert, wie das Schrumpfen durch stadtplanerische Eingriffe zum Nutzen der Dagebliebenen und ihrer Umwelt gesteuert werden kann. Neuland also für eine Profession, die bisher stets die Expansion plante. Über 140 Millionen Euro aus verschiedenen Förderprogrammen sind in die von der IBA-Leitung koordinierten Projekte geflossen. Im nächsten Jahr endet die Internationale Bauausstellung, schon jetzt kann man bei einer Reise durch das Schrumpfungslabor Sachsen-Anhalt einige der Instrumentarien begutachten, die hier erprobt wurden.

In Dessau etwa. »An das Grün haben wir uns gewöhnt«, sagt eine Frau in Trainingsjacke, die anders als der Student aus Niedersachsen auch in Zukunft hier wohnen bleiben möchte. Mit dem »wir« meint die Frau sich und ihren wohlgenährten Mischlingshund. Sie hat das Tier gerade an der Leine über eine Wiese gezogen. Da, wo jetzt die Wiese ist, standen vor ein paar Jahren noch Plattenbauten. Nach der Wende wollten viele Menschen hier nicht mehr wohnen, gut zwanzigtausend Einwohner weniger hat die Stadt heute. Wer es sich leisten konnte, baute ein Eigenheim am Stadtrand. Wer keine Arbeit mehr fand, zog in den Westen oder in die größeren Städte. Die Frau und ihr Hund sind geblieben, sie wohnen in einem Plattenbau, der noch nicht auf der Abrissliste steht. Er liegt jetzt mitten in dem langsam wachsenden Stadtpark. Bald wird das struppige Grün die ganze graue Stadt durchziehen. Die Städteplaner haben zusammen mit Bürgern und Politikern einige vom Leerstand besonders betroffene Stadtgebiete markiert und zum Abriss freigegeben, seit 2002 wurden hier bereits 3300 Wohnseinheiten abgerissen. Viele der neuen Landschaftszonen sind in Claims aufgeteilt. Jeder Bürger, jede Initiative kann sich für die Pflege eines dieser Claims bewerben, die Anwohnerin mit dem Hund etwa blickt von ihrem Balkon aus auf die Blumenwiese eines Imkervereins, daneben hat eine Apothekerin einen Garten mit Heilpflanzen angelegt.

Durch den großflächigen Abriss soll in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren ein Landschaftszug entstehen, der an das Wörlitzer Gartenreich anknüpft. Die verbleibenden urbanen Inseln sollen dadurch gestärkt und verdichtet werden. Wie man in diesem Stadt-Archipel dann noch auf sinnvolle Weise die Wasserversorgung und die Kanalisation organisiert, daran arbeiten die Schrumpfungsplaner noch. Wenn zu wenig gespült wird, fängt es bekanntlich an zu riechen.

Während in Dessau einige Wohnungsgesellschaften noch nicht einsehen wollen, wieso ihre zentral gelegenen Häuser dem Unkraut weichen sollen, fällt der Abriss in anderen anhaltinischen Städten leichter. Die Lutherstadt Wittenberg etwa (46251 Bewohner, 2784 abgerissene Wohneinheiten, 2914 stehen noch leer) wächst derzeit in ihrem sanierten historischen Stadtkern, während sie konzentrisch an den Rändern schrumpft. Man hat sich in Wittenberg, wie in den anderen IBA-Städten auch, ein Leitthema ausgesucht, mit dem man die Identität der Stadt stärken will. In Wittenberg ist es die Idee, die Innenstadt in einen großen Campus für Stiftungen und universitäre Reisegruppen zu verwandeln. Noch immer leidet die Stadt darunter, dass die 1502 unter Friedrich dem Weisen gegründete Universität im 19. Jahrhundert nach Halle verlegt wurde. Doch jetzt werden in der Stadt von Luther, Melanchthon und Lucas Cranach mehrere Gebäude in Studienzentren oder Tagungsgebäude umgebaut. Man erhofft sich den verstärkten Besuch von Bildungstouristen, auch Studentengruppen christlicher Universitäten aus den USA haben Interesse angemeldet. Diese temporären Bewohner werden dann, so hofft Oberbürgermeister Eckhard Naumann, die Läden in der Stadt leer kaufen.

Leserkommentare
  1. Hamburg soll ja wachsen durch Wachstum. Und was tut man: Man baut die Stadt in einen Vergnügungspark um. Ein vergnüglicher Artikel dazu hier:
    http://wortpong.wordpress...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service