Stadtplanung Wachstum durch AbrissSeite 2/2
Was den Wittenbergern ihr Luther, das ist den Bewohnern von Köthen (28815 Einwohner, 929 abgerissene Wohneinheiten, 1967 noch leer stehende Wohnungen) Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie. Von 1821 bis 1835 wirkte Hahnemann als Herzoglicher Leibarzt in Köthen. Im Rahmen der IBA hat die ehemalige Residenzstadt nun ein altes Spital zum Sitz der Europäischen Bibliothek für Homöopathie umgebaut, vergangenes Wochenende wurde sie feierlich eröffnet. Auch hier hofft man auf den Besuch auswärtiger Homöopathie-Freunde, schon jetzt sieht man zuweilen indische Ärzte auf den Spuren ihres Vorkämpfers durch das beschauliche Barockviertel der Stadt laufen. Die Homöopathie dient aber nicht nur dem Standortmarketing als Teil einer invented tradition , von der alternativen Medizin soll auch die Stadtplanung lernen. Als erster Testpatient diente der homöopathischen Stadtplanung die verloren geglaubte Ludwigstraße. Durch eine paradoxe Intervention verschlechterte man zunächst die Situation für die Anwohner: Nachts wurde die normale Straßenbeleuchtung ausgeschaltet, während die leer stehenden, vom Abriss bedrohten Altbauten mit Scheinwerfern angestrahlt wurden. Den Anwohnern wurde durch die Inszenierung der Geisterhäuser bewusst gemacht, in welch depressiver Lage sich diese Straße befand. Die Provokation zeigte Wirkung, anliegende Eigentümer kauften einige der leer stehenden Häuser auf und sanierten sie. Sie strahlen jetzt in Bonbonfarben.
Bernburg hat kein Gefängnis mehr, die Zahl der Verbrechen schrumpft
Der Stadtumbau, das zeigt sich auf der Reise von einer anhaltinischen IBA-Stadt zur nächsten, gelingt nur dann, wenn sich engagierte Bürger der Projekte annehmen. So wie der Iraker Razak Minhel, der im Dessauer Stadtpark den Interkulturellen Garten betreibt, oder die Musiklehrerin Antje Karls, die in Bernburg (30307 Einwohner, 2432 leer stehende Wohnungen) gerade eine moderne Musikschule aufbaut. Und zwar gleich neben dem prächtigen, aber maroden Renaissance-Schloss von Bernburg, in einem Gebäude, das über Jahrhunderte als Gefängnis fungierte. Heute gibt es in Bernburg kein Gefängnis mehr. Auch die Zahl der Verbrecher scheint in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft zu sein.
Die Planer der IBA mussten manche Bürgermeister der Region anfangs erst überreden, offen mit dem Problem der sinkenden Einwohnerzahlen umzugehen, den Verlust zu akzeptieren und Gegenmaßnahmen zu erwägen. Jetzt begreifen viele von ihnen das Schrumpfen, den Abriss von alten Industrieanlagen, von Plattenbauten, aber auch Gründerzeithäusern als Wachstum. Es wachsen die Grünflächen in der Stadt, es wächst (wie in Halle) ein Skatepark oder (wie in Aschersleben) eine gigantische Freiluftgalerie. Es wächst also Lebensqualität. Gebraucht werden aber auch Menschen, die diese Lebensqualität genießen können. Es macht keinen Spaß, mit dem Skateboard durch die Halfpipe zu fliegen, wenn niemand da ist, der einem zuschaut.
- Datum 27.10.2009 - 10:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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Hamburg soll ja wachsen durch Wachstum. Und was tut man: Man baut die Stadt in einen Vergnügungspark um. Ein vergnüglicher Artikel dazu hier:
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