"Das Böse" verkörpert durch Anthony Hopkins als Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer" © Phil Bray/MGM Pictures/Universal Pictures/Dino DeLaurentiis

DIE ZEIT: Herr Kröber, Sie sind seit 25 Jahren Gerichtspsychiater, haben rund tausend Straftätern gegenübergestanden. Was ist für Sie das " Böse "?

Hans-Ludwig Kröber: Für mich ist das Böse eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens. So wie wir spontan etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse. Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen – weil jemand sie bewusst zerstört. Das gilt selbst dann, wenn man eine solche Tat später als Gutachter nachzuvollziehen versucht; häufig beschleicht einen da ein gewisses Kältegefühl, ein ungutes Kribbeln.

ZEIT: Was genau ruft in Ihnen dieses Kältegefühl hervor? Was ist die Signatur des Bösen?

Kröber: Wir reden vor allem dann vom Bösen, wenn wir das Gefühl haben, der Täter hätte die Freiheit gehabt, sich auch anders zu entscheiden, er spiele seine Möglichkeiten aus, er brauchte jetzt nicht noch einmal zuzustechen oder zuzutreten. Könnte er wie ein tollwütiger Fuchs nicht anders handeln, wären wir nachsichtiger. Aber das Böse ist umso augenfälliger, je eindeutiger es darauf abzielt, ganz bewusst das Schöne, das Heile, das Kindliche, die Zukunft zu zerstören.

ZEIT: Wie verarbeitet man eine solchen Erfahrung?

Kröber: Für den, der Böses erlebt – also Demütigung, Qual und Zerstörung –, für den ist dieses Erleben unauslöschbar; und es ist auch nicht relativierbar. Keine Deutungskunst kann so ein Verbrechen am Menschen mindern, verkleinern, als zwangsläufig legitimieren.

ZEIT: Dennoch müssen Sie als Gutachter genau dies versuchen: eine unter Umständen schreckliche Tat im Nachhinein erklären, deuten, verstehbar machen. Wie hält man das persönlich aus? Legen Sie, wenn Sie mit Ihren Probanden reden, gewissermaßen eine innere Rüstung an?

Kröber: Man zieht sich in der Tat eine Art inneren Arztkittel an und konzentriert sich auf die handwerkliche Sorgfalt, versucht Lebensgeschichten zu rekonstruieren und schafft es so im Allgemeinen ganz gut, sich von Wertungen frei zu halten. Aber natürlich gibt es Konstellationen, die man nicht begreifen kann, über die man lange nachdenkt.

ZEIT: Zum Beispiel?

Kröber: Zum Beispiel der Fall Jessica in Hamburg , bei dem die Eltern ihr Kind über zwei Jahre lang bestialisch verhungern lassen haben. Wie kann es dazu kommen, was läuft da ab? Bis in die Gerichtsverhandlung hinein steht man rätselnd davor.

ZEIT: Manche Psychologen versuchen, solche Verbrechen vor allem aus den Umständen heraus zu erklären; andere meinen, der Schlüssel dazu liege im Täter selbst, gleichsam in dessen intrinsischer Bosheit. Was glauben Sie?

Kröber: Ich versuche, zwischen beiden Positionen zu vermitteln. Als Gutachter muss man sich darauf disziplinieren, nicht alles in der Person zu suchen, sondern zu schauen, welche Umstände dazu geführt haben. Die meisten Täter sind nicht a priori böse. Nur in bestimmten Situationen, wenn sie gedemütigt, wütend, verletzt sind, lassen sie sich zu entsprechenden Taten hinreißen. Anders gesagt: Das Böse lebt in der Tat. Und man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.