Psychologie : "Das Böse lebt in der Tat"

Was treibt jemanden zu Mord oder Vergewaltigung, wie lässt sich das Böse wissenschaftlich erklären? Ein Gespräch mit Hans-Ludwig Kröber, Deutschlands bekanntestem Gerichtspsychiater
"Das Böse" verkörpert durch Anthony Hopkins als Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer" © Phil Bray/MGM Pictures/Universal Pictures/Dino DeLaurentiis

DIE ZEIT: Herr Kröber, Sie sind seit 25 Jahren Gerichtspsychiater, haben rund tausend Straftätern gegenübergestanden. Was ist für Sie das " Böse "?

Hans-Ludwig Kröber: Für mich ist das Böse eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens. So wie wir spontan etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse. Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen – weil jemand sie bewusst zerstört. Das gilt selbst dann, wenn man eine solche Tat später als Gutachter nachzuvollziehen versucht; häufig beschleicht einen da ein gewisses Kältegefühl, ein ungutes Kribbeln.

Hans-Ludwig Kröber

Der 58-jährige ist Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité. Kröber ist zudem Sprecher des Referats Forensische Psychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und Mitherausgeber des fünfbändigen Handbuchs der Forensischen Psychiatrie.

ZEIT: Was genau ruft in Ihnen dieses Kältegefühl hervor? Was ist die Signatur des Bösen?

Kröber: Wir reden vor allem dann vom Bösen, wenn wir das Gefühl haben, der Täter hätte die Freiheit gehabt, sich auch anders zu entscheiden, er spiele seine Möglichkeiten aus, er brauchte jetzt nicht noch einmal zuzustechen oder zuzutreten. Könnte er wie ein tollwütiger Fuchs nicht anders handeln, wären wir nachsichtiger. Aber das Böse ist umso augenfälliger, je eindeutiger es darauf abzielt, ganz bewusst das Schöne, das Heile, das Kindliche, die Zukunft zu zerstören.

ZEIT: Wie verarbeitet man eine solchen Erfahrung?

Kröber: Für den, der Böses erlebt – also Demütigung, Qual und Zerstörung –, für den ist dieses Erleben unauslöschbar; und es ist auch nicht relativierbar. Keine Deutungskunst kann so ein Verbrechen am Menschen mindern, verkleinern, als zwangsläufig legitimieren.

ZEIT: Dennoch müssen Sie als Gutachter genau dies versuchen: eine unter Umständen schreckliche Tat im Nachhinein erklären, deuten, verstehbar machen. Wie hält man das persönlich aus? Legen Sie, wenn Sie mit Ihren Probanden reden, gewissermaßen eine innere Rüstung an?

Kröber: Man zieht sich in der Tat eine Art inneren Arztkittel an und konzentriert sich auf die handwerkliche Sorgfalt, versucht Lebensgeschichten zu rekonstruieren und schafft es so im Allgemeinen ganz gut, sich von Wertungen frei zu halten. Aber natürlich gibt es Konstellationen, die man nicht begreifen kann, über die man lange nachdenkt.

ZEIT: Zum Beispiel?

Kröber: Zum Beispiel der Fall Jessica in Hamburg , bei dem die Eltern ihr Kind über zwei Jahre lang bestialisch verhungern lassen haben. Wie kann es dazu kommen, was läuft da ab? Bis in die Gerichtsverhandlung hinein steht man rätselnd davor.

ZEIT: Manche Psychologen versuchen, solche Verbrechen vor allem aus den Umständen heraus zu erklären; andere meinen, der Schlüssel dazu liege im Täter selbst, gleichsam in dessen intrinsischer Bosheit. Was glauben Sie?

Kröber: Ich versuche, zwischen beiden Positionen zu vermitteln. Als Gutachter muss man sich darauf disziplinieren, nicht alles in der Person zu suchen, sondern zu schauen, welche Umstände dazu geführt haben. Die meisten Täter sind nicht a priori böse. Nur in bestimmten Situationen, wenn sie gedemütigt, wütend, verletzt sind, lassen sie sich zu entsprechenden Taten hinreißen. Anders gesagt: Das Böse lebt in der Tat. Und man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Das Heile, das Gute, das Schöne

Diese Aussage war für mich der Ansatz, unter physikalischen Gesichtspunkten darüber nachzudenken, dass schon das Prinzip Ordnung gegen das Prinzip Chaos steht.

Schon im Kindergarten können wir erkennen, dass es Kinder gibt, die schöne Sandburgen zertrampeln und Lust dabei empfinden.

Ich denke auch daran, dass die Triebfeder des Guten das Böse ist. Ginge es auch anders herum, dass das Böse ist die Triebfeder zum Guten ist. Etwa so wie die Auffassung, dass das Chaos am Anfang steht und sich daraus auf der Grundlage der Naturgesetze die Ordnung entfaltet. Was bleibt wären dann die Naturgesetze und damit sind dann im Bereich der Religionswissenschaft und der Genesis.

Chaos -> Ordnung?

"Etwa so wie die Auffassung, dass das Chaos am Anfang steht und sich daraus auf der Grundlage der Naturgesetze die Ordnung entfaltet."
Dies ist eine rein religiöse Auffassung.

Die Naturwissenschaftliche ist, frei nach einem Hauptsatz der Thermodynamik: "Die Entropie (in einem geschlossenen System wie dem Universum) nimmt zu".
Entropie wird dabei häufig als ein Mass für die Unordnung eines Systems gesehen.

Ein sehr interessanter, lesenwerter Artikel.

Wenn ich mich auch an einer Stelle etwas gewundert habe. Kein Neurowissenschaftler würde behaupten, dass alle Handlungen determiniert sind und es keine Schuld gäbe.

Um genau zu sein, ist diese Formulierung in zwei Punkten unkorrekt: Zum einen die Verwendung des Begriffs "determiniert", ein Ausdruck den ich in diesem Zusammenhang (der Autor spielt auf die populäre Diskussion über die Freiheit des menschlichen Willens an) so nicht verwenden würde, da eine fatalistische Assoziation entsteht.
Desweiteren wird von den Neurowissenschaftlern nicht bestritten, dass es so etwas wie Schuld gibt. Vielmehr wird hinterfragt, was "Schuld" eigentlich bedeutet um eine neue Definition für diesen Begriff zu finden.

Quatsch!

"So wie wir spontan etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse."

Ekel ist ein Reflex des Menschen, die Definition von Böse hat kulturelle Wurzeln. Beides in die gleiche Kategorie zu werfen ist Unsinn.

Früher sind die Ritter mordend, raubend und plündernd durch die Gegend gezogen und waren gesellschaftlich durchaus angesehen. Als Böse wurden sie nicht angesehen. Stattdessen war zu jener Zeit das schlimmste was man tun konnte; Gotteslästerung. Das war böse. Heute stört das kaum noch.

Also von einer naturgegebenen Definition des Bösen im Menschen kann nicht die Rede sein!

Ich finde es keinen "Quatsch"

Und zwar deshalb, weil man im Angesicht des Bösen wirklich ein ungutes Gefühl hat, genau so, wie es Herr Kröber beschrieben hat. as Beispiel der Ritter finde ich extrem an den Haaren herbeigezogen: Niemand derjenigen, welche die Ritter "bewundert" haben, hat wirklich gesehen, was sie angerichtet haben, wenn sie raubten.
Die Bewunderer sahen nur, wie sich besagte Ritter nach dem Raubzug mit dem Diebesgut in Szene setzten. In dieser Situation kommt das Böse nicht klar zum Vorschein.
All jene, welche den Taten der Raubritter passiv beigewohnt hatten, haben letztere sicher nicht bewundert. Vielmehr waren sie tot.