Wien Am kurzen Zügel
Pferde tragen Windeln, Kutscher pauken Stadtgeschichte: Wie Wiener Fiakerfahrer das Image ihrer Branche verbessern wollen.
© Elmar Ries/dpa

Eine Fahrt im Fiaker gehört zum Pflichtprogramm für Wien-Besucher
DIE ZEIT: Frau Michelfeit, quälen Sie Ihre Pferde?
Martina Michelfeit: Ich habe noch nie ein Pferd gequält. Ich liebe Tiere.
DIE ZEIT: Aber Sie sind seit 19 Jahren Kutscherin in Wien. Und es gibt viele Tierschützer, die sagen: Kutschpferde sind schlimmen Strapazen ausgesetzt. In Rothenburg ob der Tauber überlegt der Oberbürgermeister jetzt sogar, Touristen-Kutschfahrten ganz zu verbieten, nachdem ein Tier auf der Straße tot zusammengebrochen ist.
Michelfeit: Ja, das kam auch bei uns schon vor. Leider passiert es nun mal, dass Pferde plötzlich sterben. Zum Beispiel, wenn ihre Aorta reißt.
DIE ZEIT: Weil sie sich überanstrengen, wenn sie stundenlang durch die Straßen laufen?
Michelfeit: Nein, das ist wie bei Menschen, die plötzlich einen Herzinfarkt bekommen. Solche Zusammenbrüche passieren auf einer Koppel genauso oft wie auf der Straße. Die Arbeit als Kutschpferd ist für die Tiere in Ordnung. Es gibt in Wien 182 Fiaker, und die allermeisten Fahrer kümmern sich hervorragend um ihre Tiere. Auch die Stadtverwaltung hat ein Auge auf sie. Manchmal geht die Sorge um die Pferde sogar zu weit. So kam die Idee auf, im Sommer Sonnensegel über die Kutschen zu spannen. Aber das war kein guter Einfall. Wenn ein Pferd nicht sehen kann, was über ihm passiert, stresst es das mehr als die Hitze.
DIE ZEIT: Für die Pferde mögen die Fahrten ungefährlich sein – aber nicht unbedingt für Menschen. In Brüssel ist kürzlich ein Kutschpferd wegen einer Wespe durchgedreht und herrenlos durch die Straßen galoppiert.
Michelfeit: Natürlich flippen Pferde mal aus. Aber Autofahrer handeln auch nicht immer vernünftig. Statistisch gesehen, haben Kutschen nicht mehr Unfälle als Autos.
DIE ZEIT: Wie erklären Sie sich dann, dass es so viele Vorbehalte gegen Pferdekutschen gibt?
Michelfeit: Eigentlich geht es den Gegnern darum, Pferde – ich würde sogar sagen: Tiere im Allgemeinen – aus den Innenstädten zu verbannen. Alles soll steril und sauber sein. Viele stören sich an den Pferdeäpfeln, oder sie finden das Geklapper der Hufe zu laut.
DIE ZEIT: Wie reagieren Sie auf die Kritik?
Michelfeit: Wir versuchen ja, Rücksicht zu nehmen. In Wien sind jetzt sogenannte Pooh-Bags gesetzlich vorgeschrieben, eine Art Pferdewindel, die hinter den Tieren an der Kutsche angebracht wird. Darin landen die Äpfel. Schlimmer als der Kot riecht allerdings der Urin. Gegen den können wir nichts tun. Was das Geklapper angeht: Wir haben extra Gummihufeisen für Pferde anfertigen lassen.
DIE ZEIT: Und seither ist das Problem gelöst?
Michelfeit: Leider nein. Die Gummihufeisen nutzen sich zu schnell ab. Man kann aber einen Pferdefuß nur alle zwei Monate beschlagen.
DIE ZEIT: Bemängelt wird auch das Auftreten vieler Kutscher. Manche sollen ihre Fahrgäste anpöbeln oder gar mit der Peitsche bedrohen.
Michelfeit: Ach, das ist doch maßlos übertrieben. Ja, hin und wieder beschweren sich Touristen. Aber oft tragen die Fahrgäste eine Mitschuld, wenn es Ärger gibt. In der Kutsche benehmen sich einige Gäste wie Feudalherren. Sie treiben den Kutscher zur Eile an und beschweren sich hinterher, dass die Fahrt nicht so lange dauert, wie im Prospekt angegeben. Manche schwätzen während der ganzen Fahrt und stellen vor einer Sehenswürdigkeit dann Fragen, zu denen der Kutscher längst alles gesagt hat.
DIE ZEIT: Vielleicht stört sie ja auch, was sie da hören: In Rothenburg etwa hat der Bürgermeister bemängelt, dass viele Kutscher keine Ahnung von der Stadtgeschichte hätten.
Michelfeit: Aber nicht in Wien! Hier muss jeder Kutscher einen Fiakerführerschein machen. Dabei wird auch sein historisches Wissen abgefragt. Viele bilden sich danach noch freiwillig in Stadtgeschichte fort. Außerdem sind wir ja nicht in erster Linie Fremdenführer. Wer uns bucht, will Romantik, keine Geschichtsstunde. Wenn da ein Pärchen hinter mir auf den Polstern schmust – dann halte ich lieber den Mund.
- Datum 05.11.2009 - 15:12 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Kutchpferde in Innenstädten gehören Verboten. Das ist doch oft eine reine Tierquälerei: Den ganzen Tag sind die Pferde den giftigen Abgasen ausgesetzt, stehen stundenlange rum (auch bei grösster Hitze), es gibt Unfälle mit Autos (für die Pferde mit sehr hoher Verletzungsgefahr), sie erleiden Gelenkschäden durch das ständige Gehen auf Asphalt, erdulden unglaublich lange Tagesschichten, sind oft in dunklen, engen Ställen untergebracht (manchmal sogar noch in Ständerhaltung!), manche müssen alleine sehr schwere Kutschen ziehen, wildfremde Menschen patschen ihnen einfach ins Gesicht (wenn auch in guter Absicht, angenehm ist es trotzdem nicht)... Der Alltag unzähliger Kutschpferde in vielen Städten sieht genau so aus. Ich hoffe sehr, dass es in Wien besser ist. Aber selbst wenn es Wiens Kutschpferden in einigen Punkten besser gehen sollte als beispielsweise ihren Leidesgenossen in New York oder New Orleans, sind Städte einfach nicht die richtige Umgebung für Pferde. Allein schon wegen dem Asphalt und den Abgasen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren