Wien Am kurzen ZügelSeite 2/2

DIE ZEIT: Wie reagieren Sie auf die Kritik?

Michelfeit: Wir versuchen ja, Rücksicht zu nehmen. In Wien sind jetzt sogenannte Pooh-Bags gesetzlich vorgeschrieben, eine Art Pferdewindel, die hinter den Tieren an der Kutsche angebracht wird. Darin landen die Äpfel. Schlimmer als der Kot riecht allerdings der Urin. Gegen den können wir nichts tun. Was das Geklapper angeht: Wir haben extra Gummihufeisen für Pferde anfertigen lassen.

DIE ZEIT: Und seither ist das Problem gelöst?

Michelfeit: Leider nein. Die Gummihufeisen nutzen sich zu schnell ab. Man kann aber einen Pferdefuß nur alle zwei Monate beschlagen.

DIE ZEIT: Bemängelt wird auch das Auftreten vieler Kutscher. Manche sollen ihre Fahrgäste anpöbeln oder gar mit der Peitsche bedrohen.

Michelfeit: Ach, das ist doch maßlos übertrieben. Ja, hin und wieder beschweren sich Touristen. Aber oft tragen die Fahrgäste eine Mitschuld, wenn es Ärger gibt. In der Kutsche benehmen sich einige Gäste wie Feudalherren. Sie treiben den Kutscher zur Eile an und beschweren sich hinterher, dass die Fahrt nicht so lange dauert, wie im Prospekt angegeben. Manche schwätzen während der ganzen Fahrt und stellen vor einer Sehenswürdigkeit dann Fragen, zu denen der Kutscher längst alles gesagt hat.

DIE ZEIT: Vielleicht stört sie ja auch, was sie da hören: In Rothenburg etwa hat der Bürgermeister bemängelt, dass viele Kutscher keine Ahnung von der Stadtgeschichte hätten.

Michelfeit: Aber nicht in Wien! Hier muss jeder Kutscher einen Fiakerführerschein machen. Dabei wird auch sein historisches Wissen abgefragt. Viele bilden sich danach noch freiwillig in Stadtgeschichte fort. Außerdem sind wir ja nicht in erster Linie Fremdenführer. Wer uns bucht, will Romantik, keine Geschichtsstunde. Wenn da ein Pärchen hinter mir auf den Polstern schmust – dann halte ich lieber den Mund.

 
Leser-Kommentare
  1. Kutchpferde in Innenstädten gehören Verboten. Das ist doch oft eine reine Tierquälerei: Den ganzen Tag sind die Pferde den giftigen Abgasen ausgesetzt, stehen stundenlange rum (auch bei grösster Hitze), es gibt Unfälle mit Autos (für die Pferde mit sehr hoher Verletzungsgefahr), sie erleiden Gelenkschäden durch das ständige Gehen auf Asphalt, erdulden unglaublich lange Tagesschichten, sind oft in dunklen, engen Ställen untergebracht (manchmal sogar noch in Ständerhaltung!), manche müssen alleine sehr schwere Kutschen ziehen, wildfremde Menschen patschen ihnen einfach ins Gesicht (wenn auch in guter Absicht, angenehm ist es trotzdem nicht)... Der Alltag unzähliger Kutschpferde in vielen Städten sieht genau so aus. Ich hoffe sehr, dass es in Wien besser ist. Aber selbst wenn es Wiens Kutschpferden in einigen Punkten besser gehen sollte als beispielsweise ihren Leidesgenossen in New York oder New Orleans, sind Städte einfach nicht die richtige Umgebung für Pferde. Allein schon wegen dem Asphalt und den Abgasen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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  • Schlagworte Wien | Tier | Brüssel | Rothenburg ob der Tauber
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