Der neapolitanische Journalist Roberto Saviano (links) wird ständig bewacht, weil sein Leben seit der Veröffentlichung seines Buches "Gomorrha" in Gefahr ist. © Patrick Kovarik/ AFP/ Getty Images

Nachdem Roberto Saviano sein Buch »Gomorrha« veröffentlicht hatte, bedrohte ihn die Mafia mit dem Tod. Der Boss Carmine Schiavone, genannt Sandokan, ließ dem Journalisten ausrichten: »Saviano, du bist zum Tode verurteilt. Du wirst sterben, sobald sich die Aufregung um dich gelegt hat.« Als der Polizeichef von Neapel vor wenigen Tagen sagte, Saviano brauche keinen Personenschutz mehr, löste dies italienweit Empörung aus. Der italienische Polizeichef widersprach umgehend seinem Untergebenen in Neapel. Saviano behält den Schutz. Aber der Versuch, ihm diesen zu entziehen, weckt einen schlimmen Verdacht: Ihr könnt ihn haben.  

Siehst du, die fangen an, uns im Stich zu lassen. Ich hab’s gewusst«, begrüßte mich dieser Tage der Chef meiner Eskorte. Es war absehbar, dass die Sache mit dem Personenschutz schmerzhaft auf mich zurückfallen würde. Die Einsamkeit der sieben Männer, die mich seit drei Jahren beschützen, hat mich tief berührt. Seit der Polizeichef von Neapel deren Einsatz schlechtgemacht und die Ermittlungen der neapolitanischen Anti-Mafia-Einheit und der Carabinieri in Zweifel gezogen hat, wird man den Eindruck nicht los, dass die geschlossene Front gegen die Clans zerbricht.

Eine Front zu spalten, die sich einig zeigen und vor allem einig fühlen sollte, das scheint mir keine gute Idee zu sein. Zivilgesellschaft, Polizei, Justiz: jede mit ihren Rollen und Aufgaben, aber im Dienst der Sache vereint. Doch offenbar ist dem nicht so. Ich weiß sehr wohl, dass sich weder der Staat noch seine leitenden Institutionen vor derlei vereinten Bemühungen verschließen, und ich bin denen, die mich in all den Jahren verteidigt haben, dankbar. Da sind die Carabinieri, die zwar in den vergangenen Tagen aus institutionellem Respekt geschwiegen, mir jedoch mit großer Solidarität zu verstehen gegeben haben: »Wir sind immer für dich da.«

Da ist die neapolitanische Anti-Mafia-Behörde in Gestalt der Staatsanwälte Federico Cafiero De Raho, Franco Roberti und Raffaele Cantone . Da ist der Polizeichef Antonio Manganelli mit seinen Ermutigungen und entschiedenen Dementis. Da ist meine Zeitung. Da sind meine Leser.

Doch die Geschlossenheit beginnt zu bröckeln, und eine große Zeitung hat es sich zur Aufgabe gemacht, brühwarm darüber zu berichten. In allem, was ich sage und schreibe, spiegeln sich die Ansichten der unterschiedlichsten Menschen wider, denen ich meine Stimme leihe. Nun aber wird versucht, diesen Zusammenhalt mit der Behauptung zu untergraben, »es gibt so viele, die im Verborgenen und ohne die geringste Anerkennung kämpfen, du dagegen…«. Wer so argumentiert, will die Diskussion abwürgen, durch die in den vergangenen Jahren zahlreiche Verbrechen der Mafia aus den Lokalnachrichten ins nationale und internationale Rampenlicht gerückt sind.

Ich weiß, dass ich mit dem, was ich sage, und damit, wie ich es sage, vielen Neapolitanern und Italienern ein Dorn im Auge bin. Ich bin stolz, diesen Leuten und den meisten ihrer politischen Vertreter ein Dorn im Auge zu sein. Ich bin stolz, denjenigen ein Dorn im Auge zu sein, die neuerdings beim Radio anrufen und in den Diskussionsforen schreiben, »endlich mal jemand, der dem Schwätzer eins aufs Maul gibt«. Ich bin stolz, all jenen ein Dorn im Auge zu sein, denen es übel aufstößt, mich zu hören und zu sehen und nicht die erste Geige zu spielen. Auf ihre Gunst und Zustimmung pfeife ich. Ich war schon immer stolz darauf, denen ein Dorn im Auge zu sein, die behaupten, der Kampf gegen die Kriminalität betreffe eine Handvoll Polizisten und ein paar Richter, die alleine daran denken müssen, wie sie damit fertig werden.

Ich war schon immer stolz darauf, dem Neapel ein Dorn im Auge zu sein, das sich hinter seinen Museen, seinen Kunstschätzen und Festivals versteckt und die viel gepriesene Renaissance in ein abfallverseuchtes, von skrupellosen Kriminellen regiertes Mittelalter abgleiten lässt; das korrupte Politiker wählt und so tut, als wären das allesamt harmlose, nette Kerle. Ich bin stolz darauf, denen ein Dorn im Auge zu sein, die sagen: »Die machen sich schon gegenseitig kalt.« Es hat zu viele unschuldige Opfer gegeben, um an dieser leeren Floskel festzuhalten.