Roberto Saviano "Ich will ein Dorn im Auge sein"

Ich werde Tag und Nacht von Polizisten bewacht. Wer mir diesen Schutz entzieht, bricht die Front gegen die Mafia auf.

Der neapolitanische Journalist Roberto Saviano (links) wird ständig bewacht, weil sein Leben seit der Veröffentlichung seines Buches "Gomorrha" in Gefahr ist.

Der neapolitanische Journalist Roberto Saviano (links) wird ständig bewacht, weil sein Leben seit der Veröffentlichung seines Buches "Gomorrha" in Gefahr ist.

Nachdem Roberto Saviano sein Buch »Gomorrha« veröffentlicht hatte, bedrohte ihn die Mafia mit dem Tod. Der Boss Carmine Schiavone, genannt Sandokan, ließ dem Journalisten ausrichten: »Saviano, du bist zum Tode verurteilt. Du wirst sterben, sobald sich die Aufregung um dich gelegt hat.« Als der Polizeichef von Neapel vor wenigen Tagen sagte, Saviano brauche keinen Personenschutz mehr, löste dies italienweit Empörung aus. Der italienische Polizeichef widersprach umgehend seinem Untergebenen in Neapel. Saviano behält den Schutz. Aber der Versuch, ihm diesen zu entziehen, weckt einen schlimmen Verdacht: Ihr könnt ihn haben. 

Siehst du, die fangen an, uns im Stich zu lassen. Ich hab’s gewusst«, begrüßte mich dieser Tage der Chef meiner Eskorte. Es war absehbar, dass die Sache mit dem Personenschutz schmerzhaft auf mich zurückfallen würde. Die Einsamkeit der sieben Männer, die mich seit drei Jahren beschützen, hat mich tief berührt. Seit der Polizeichef von Neapel deren Einsatz schlechtgemacht und die Ermittlungen der neapolitanischen Anti-Mafia-Einheit und der Carabinieri in Zweifel gezogen hat, wird man den Eindruck nicht los, dass die geschlossene Front gegen die Clans zerbricht.

Anzeige

Eine Front zu spalten, die sich einig zeigen und vor allem einig fühlen sollte, das scheint mir keine gute Idee zu sein. Zivilgesellschaft, Polizei, Justiz: jede mit ihren Rollen und Aufgaben, aber im Dienst der Sache vereint. Doch offenbar ist dem nicht so. Ich weiß sehr wohl, dass sich weder der Staat noch seine leitenden Institutionen vor derlei vereinten Bemühungen verschließen, und ich bin denen, die mich in all den Jahren verteidigt haben, dankbar. Da sind die Carabinieri, die zwar in den vergangenen Tagen aus institutionellem Respekt geschwiegen, mir jedoch mit großer Solidarität zu verstehen gegeben haben: »Wir sind immer für dich da.«

Da ist die neapolitanische Anti-Mafia-Behörde in Gestalt der Staatsanwälte Federico Cafiero De Raho, Franco Roberti und Raffaele Cantone. Da ist der Polizeichef Antonio Manganelli mit seinen Ermutigungen und entschiedenen Dementis. Da ist meine Zeitung. Da sind meine Leser.

Roberto Saviano
Roberto Saviano

Der italienische Schriftsteller und Journalist (geb. 1979) beschäftigt sich in seinem literarischen Werk und in seinen Reportagen mit dem Phänomen der organisierten Wirtschaftskriminalität. Nach der Veröffentlichung von "Gomorrha" erhielt er mehrere Morddrohungen der italienischen Mafia. Seit Oktober 2006 erhält Saviano vom Innenministerium Personenschutz und lebt versteckt an wechselnden Orten. Zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens forderten in einem Appell den Staat dazu auf, den Journalisten besser zu schützen.

Doch die Geschlossenheit beginnt zu bröckeln, und eine große Zeitung hat es sich zur Aufgabe gemacht, brühwarm darüber zu berichten. In allem, was ich sage und schreibe, spiegeln sich die Ansichten der unterschiedlichsten Menschen wider, denen ich meine Stimme leihe. Nun aber wird versucht, diesen Zusammenhalt mit der Behauptung zu untergraben, »es gibt so viele, die im Verborgenen und ohne die geringste Anerkennung kämpfen, du dagegen…«. Wer so argumentiert, will die Diskussion abwürgen, durch die in den vergangenen Jahren zahlreiche Verbrechen der Mafia aus den Lokalnachrichten ins nationale und internationale Rampenlicht gerückt sind.

Ich weiß, dass ich mit dem, was ich sage, und damit, wie ich es sage, vielen Neapolitanern und Italienern ein Dorn im Auge bin. Ich bin stolz, diesen Leuten und den meisten ihrer politischen Vertreter ein Dorn im Auge zu sein. Ich bin stolz, denjenigen ein Dorn im Auge zu sein, die neuerdings beim Radio anrufen und in den Diskussionsforen schreiben, »endlich mal jemand, der dem Schwätzer eins aufs Maul gibt«. Ich bin stolz, all jenen ein Dorn im Auge zu sein, denen es übel aufstößt, mich zu hören und zu sehen und nicht die erste Geige zu spielen. Auf ihre Gunst und Zustimmung pfeife ich. Ich war schon immer stolz darauf, denen ein Dorn im Auge zu sein, die behaupten, der Kampf gegen die Kriminalität betreffe eine Handvoll Polizisten und ein paar Richter, die alleine daran denken müssen, wie sie damit fertig werden.

Ich war schon immer stolz darauf, dem Neapel ein Dorn im Auge zu sein, das sich hinter seinen Museen, seinen Kunstschätzen und Festivals versteckt und die viel gepriesene Renaissance in ein abfallverseuchtes, von skrupellosen Kriminellen regiertes Mittelalter abgleiten lässt; das korrupte Politiker wählt und so tut, als wären das allesamt harmlose, nette Kerle. Ich bin stolz darauf, denen ein Dorn im Auge zu sein, die sagen: »Die machen sich schon gegenseitig kalt.« Es hat zu viele unschuldige Opfer gegeben, um an dieser leeren Floskel festzuhalten.

Viele vor mir haben ihre Weigerung zu schweigen mit dem Leben bezahlt

Kein Wunder, dass uns Italien und der Rest der Welt Rassisten und Feiglinge schimpfen, wenn wir denen, die unschuldig eine Kugel abkriegen, nicht beistehen. Wie im Falle des Musikanten Petru Birladeanu, der am 26. Mai in der U-Bahn-Station Montesanto erschossen wurde und dem niemand geholfen hat: nicht aus Feigheit, sondern aus Angst.

Ich war schon immer stolz darauf, denjenigen ein Dorn im Auge zu sein, denen meine Auftritte im Fernsehen und meine Abdrucke auf den Titelseiten gegen den Strich gehen, weil ich daran festhalte, dass meine Worte, werden sie denn weithin gehört und gelesen, etwas erreichen können.

Um Menschen zu mobilisieren, braucht es Aufmerksamkeit. Ich war schon immer stolz darauf, solche Gegner zu haben: Leute unterschiedlichster Couleur, jedoch geeint durch die Überzeugung, dass alles beim Alten bleiben muss und jeder, der aufsteht und die Stimme erhebt, geknebelt gehört. Dass der, der gegen Organisierte Kriminalität und illegale Machenschaften »agiert«, dies möglichst im Verborgenen tun und gerade so viel Aufmerksamkeit erhalten sollte, um dem folkloristischen Touch Genüge zu tun. Lässt man die vergangenen drei Jahrzehnte italienischer Geschichte Revue passieren, wird einem klar, dass viele Mutige, die erheblich exponierter waren als ich und lange vor mir unbequeme Wahrheiten ausgesprochen haben, ihre Einsamkeit und ihre Weigerung zu schweigen mit dem Leben bezahlt haben.

Ebenso war ich schon immer stolz darauf, einem anderen Neapel nahezustehen, einem Süden, der von den Mutigen profitiert hat, die ihr Leid, ihren Kampf und ihre Hoffnungen öffentlich gemacht haben. Ihre anfängliche Skepsis mir gegenüber ist Respekt und loyaler, konstruktiver Kritik gewichen. Ich bin stolz auf den Beistand der Jesuitenpater, die mich bei sich aufgenommen haben, auf den Beistand der Vereine, die in der Region aktiv sind und mit uns zusammenarbeiten, auf den Beistand zahlreicher Einzelner.

Ich bin stolz auf den Beistand derer, die von den anderthalb Jahrzehnten des linken Regionalpräsidenten Antonio Bassolino bitter enttäuscht sind und woanders nach Antworten suchen, wohl wissend, dass von den Regionalpolitikern beider Lager kaum etwas zu erwarten ist. Ich bin stolz auf den Beistand jener Landsleute, die keine Lust mehr haben, wegen der durch Müll vergifteten Erde an Krebs zu krepieren, während die Politiker mit den Clans gemeinsame Sache machen, ihren Wohlstand und Erfolg aus Abfall und Zement speisen und sich den allgemeinen Konsens mit Hunderteuroscheinen sichern.

Es hat wehgetan, zu sehen, wie die in jahrelangem, unermüdlichem Engagement gewachsene Front, die das öffentliche Interesse an der Camorra am Leben hielt, plötzlich Risse bekommt. Und es war verstörend, zu erleben, wie Menschen, die nicht das Geringste über mich wissen, meinen, sich über die Rechtmäßigkeit meines Personenschutzes äußern zu müssen. Dieser Schutz stützt sich auf bekannte wie auf vertrauliche Fakten, deren Veröffentlichung sich aus ethischen Gründen verbietet. Ich sah mich genötigt, meine Wunden zu zeigen, die Ermittler um Erlaubnis zu bitten, ein Dokument, in dem ausdrücklich von einem »Todesurteil« die Rede ist, zu veröffentlichen. Keinem Menschen sollte so etwas abverlangt werden.

Wir spucken uns gegenseitig in die Suppe, und die Camorra genießt es

Ich musste darlegen, in welcher Hölle ich lebe. Ich musste den Nachweis erbringen, dass die Drohungen gegen mich eine unbestreitbare Tatsache sind. Das Klima um mich herum verdirbt, verrottet. Jeder ist bereit, dem anderen in den Rücken zu fallen. Leute, die nicht die leiseste Ahnung haben, worum es geht, glauben plötzlich, ihre Meinung kundtun zu müssen. Jemand hat sogar behauptet, gegen den Begleitschutz liege ein Gerichtsurteil vor. Über Begleitschutz wird nicht per Gericht entschieden – weshalb so viel Falschheit, Dummheit und Heuchelei? Sogar die Onlineumfragen wollen wissen, ob es richtig war, mir einen Begleitschutz zu gewähren.

Was für ein Vergnügen muss es den Leuten der Camorra sein, zuzusehen, wie man sich gegenseitig in die Suppe spuckt! Seit der Entscheidung, mich unter Schutz zu stellen, hat der italienische Staat regelrecht über mein Leben entschieden. Nicht in meinem, sondern in seinem Namen, um sich selbst und seine Grundprinzipien zu verteidigen. Sämtliche Autoren, die in Italien unter Personenschutz stehen, werden geschützt, um das Grundrecht der Meinungsfreiheit zu verteidigen. Der Staat gebietet die Verteidigung derer, die in den Straßen Tag für Tag gegen die Organisierte Kriminalität kämpfen. Der Staat gebietet die Verteidigung der Richter, damit sie die für ihre Arbeit unerlässliche Immunität genießen.

Der Staat gebietet die Verteidigung derer, die hinterfragen, schreiben, berichten, da er es nicht zulassen kann, dass die Organisierte Kriminalität sich zum Zensor aufschwingt. Wer in den vergangenen Jahren meinte, mich als Nestbeschmutzer beschimpfen oder versuchen zu müssen, mich mit seinem Gerede über meine Sicherheit zu kompromittieren, hat nicht mir, sondern dem Wohl unserer Demokratie und sämtlichen Personen geschadet, die meine Lebensumstände teilen. Ich spüre, wie der stumme Hass um mich herum wächst und auf breites Einvernehmen stößt. Er bricht sich bei einer gewissen Führungsschicht des Mezzogiorno Bahn, die jeden Versuch, das Land für die herrschenden Missstände zu sensibilisieren, als karrierefördernde Geldschneiderei verhöhnt.

Zugleich wird von mir verlangt, einen gewissen »ethischen Kodex« zu befolgen, die Regeln einzuhalten. Welche Regeln? Ich bin weder Polizist noch Richter.

Ich will mit meinen Worten niemanden festnehmen, ich will erzählen und allenfalls davon träumen, mit ihnen etwas bewegen zu können. Niemals werde ich mich an die »Benimmregeln« der Organisierten Kriminalität halten oder dem alten Spiel von Räuber und Gendarm folgen. Die Camorristi wissen, dass ein paar von ihnen hinter Gitter wandern, und die Polizei weiß, wie sie es mit den Festnahmen halten soll.

Man hat es mir oft gesagt, und jetzt wiederhole ich es: Jedem seine Rolle. Als Schriftsteller kämpfe ich für eine andere Sache. Es geht darum, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Phänomens zu ändern, statt es in irgendeinem Strafregister abzuspeichern oder es als Problem der öffentlichen Ordnung hinzustellen.

Unter solchen Bedingungen sein Leben zu leben ist schwer genug; unmöglich wird es, wenn Menschen auf den Plan treten, die versuchen, ein eben noch wichtiges und notwendiges Bündnis zu schwächen. Ich weiß, wie unzumutbar die Zustände in Kampanien sind, aber manch einer kann gut damit leben. Mich hat noch nie ein Häftling aus der Zelle grüßen lassen, und selbst wenn, hätte ich mich nicht damit gebrüstet, doch obwohl ich nur Schriftsteller bin, sind Beleidigungen das Einzige, was mich erreicht. In Neapel habe ich jemanden sagen hören, er sei Polizist, doch er hätte es geschafft, mit Frau und Kindern unbehelligt spazieren zu gehen. Schön für ihn. Als Schriftsteller ist mir das noch nicht gelungen. Eines Tages jedoch wird es mir gelingen, das schwöre ich.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • ce coq
    • 26.10.2009 um 18:29 Uhr

    Der Bericht von Roberto Saviano zeigt eindeutig, dass er zwar nicht der einzige ist, jedoch einer von wenigen. Er nimmt die Wahrheit in den Mund und hält schwarz auf weiß fest, was die Realität Italiens ist. Besonders die Kampaniens. Eigentlich sind die Informationen Savianos jedem zugänglich, jeder hätte die Gelegenheit einen Roman wie "Ghomorra" zu schreiben. Das Problem in Italien ist jedoch, dass kaum einer diese Realität wahrnehmen möchte.
    Ich lebe in Italien und kann berichten, dass in einem Ort Süditaliens ein Mord begangen worden ist. Es gab Zeugen, doch niemand weiß, wer die Zeugen sind. Sie schweigen. Aus Angst. Dieses ängstliche Schweigen hat einen eigenen Begriff: "Omertà".
    Die "Omertà" ist allgegenwärtig. Alle schweigen. Alle schauen weg.
    Italien fantasiert sich lieber eine eigene schöne Realität, fern von der Perversität und Brutalität der Camorra, Cosa Nostra oder 'Ndrangheta.
    Saviano tut etwas, was normal sein sollte. Er spricht die Wahrheiten aus, die eigentlich jedem bekannt sind. Er hat sein Leben schon verloren, denn was ist das für ein Leben, in dem man 24 Stunden am Tag beschützt wird. Er hofft zurecht darauf, dass er irgendwann wieder spazieren gehen kann, ohne dass ihn jemand begleiten muss. Das sollte irgendwann eintreten. Das Sollen entspricht nur leider nicht dem, was wird. Die "Omertà" verhindert dieses Sollen.
    Es geht nicht mehr um Gut oder Böse. Es geht mittlerweile um das Böse akzeptieren oder Todesangst. Das ist die traurige Realität.

  1. Weiter so, Saviano!

    Schreibe, so laut du kannst!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service