Roberto Saviano "Ich will ein Dorn im Auge sein"Seite 3/3

Was für ein Vergnügen muss es den Leuten der Camorra sein, zuzusehen, wie man sich gegenseitig in die Suppe spuckt! Seit der Entscheidung, mich unter Schutz zu stellen, hat der italienische Staat regelrecht über mein Leben entschieden. Nicht in meinem, sondern in seinem Namen, um sich selbst und seine Grundprinzipien zu verteidigen. Sämtliche Autoren, die in Italien unter Personenschutz stehen, werden geschützt, um das Grundrecht der Meinungsfreiheit zu verteidigen. Der Staat gebietet die Verteidigung derer, die in den Straßen Tag für Tag gegen die Organisierte Kriminalität kämpfen. Der Staat gebietet die Verteidigung der Richter, damit sie die für ihre Arbeit unerlässliche Immunität genießen.

Der Staat gebietet die Verteidigung derer, die hinterfragen, schreiben, berichten, da er es nicht zulassen kann, dass die Organisierte Kriminalität sich zum Zensor aufschwingt. Wer in den vergangenen Jahren meinte, mich als Nestbeschmutzer beschimpfen oder versuchen zu müssen, mich mit seinem Gerede über meine Sicherheit zu kompromittieren, hat nicht mir, sondern dem Wohl unserer Demokratie und sämtlichen Personen geschadet, die meine Lebensumstände teilen. Ich spüre, wie der stumme Hass um mich herum wächst und auf breites Einvernehmen stößt. Er bricht sich bei einer gewissen Führungsschicht des Mezzogiorno Bahn, die jeden Versuch, das Land für die herrschenden Missstände zu sensibilisieren, als karrierefördernde Geldschneiderei verhöhnt.

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Zugleich wird von mir verlangt, einen gewissen »ethischen Kodex« zu befolgen, die Regeln einzuhalten. Welche Regeln? Ich bin weder Polizist noch Richter.

Ich will mit meinen Worten niemanden festnehmen, ich will erzählen und allenfalls davon träumen, mit ihnen etwas bewegen zu können. Niemals werde ich mich an die »Benimmregeln« der Organisierten Kriminalität halten oder dem alten Spiel von Räuber und Gendarm folgen. Die Camorristi wissen, dass ein paar von ihnen hinter Gitter wandern, und die Polizei weiß, wie sie es mit den Festnahmen halten soll.

Man hat es mir oft gesagt, und jetzt wiederhole ich es: Jedem seine Rolle. Als Schriftsteller kämpfe ich für eine andere Sache. Es geht darum, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Phänomens zu ändern, statt es in irgendeinem Strafregister abzuspeichern oder es als Problem der öffentlichen Ordnung hinzustellen.

Unter solchen Bedingungen sein Leben zu leben ist schwer genug; unmöglich wird es, wenn Menschen auf den Plan treten, die versuchen, ein eben noch wichtiges und notwendiges Bündnis zu schwächen. Ich weiß, wie unzumutbar die Zustände in Kampanien sind, aber manch einer kann gut damit leben. Mich hat noch nie ein Häftling aus der Zelle grüßen lassen, und selbst wenn, hätte ich mich nicht damit gebrüstet, doch obwohl ich nur Schriftsteller bin, sind Beleidigungen das Einzige, was mich erreicht. In Neapel habe ich jemanden sagen hören, er sei Polizist, doch er hätte es geschafft, mit Frau und Kindern unbehelligt spazieren zu gehen. Schön für ihn. Als Schriftsteller ist mir das noch nicht gelungen. Eines Tages jedoch wird es mir gelingen, das schwöre ich.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • ce coq
    • 26.10.2009 um 18:29 Uhr

    Der Bericht von Roberto Saviano zeigt eindeutig, dass er zwar nicht der einzige ist, jedoch einer von wenigen. Er nimmt die Wahrheit in den Mund und hält schwarz auf weiß fest, was die Realität Italiens ist. Besonders die Kampaniens. Eigentlich sind die Informationen Savianos jedem zugänglich, jeder hätte die Gelegenheit einen Roman wie "Ghomorra" zu schreiben. Das Problem in Italien ist jedoch, dass kaum einer diese Realität wahrnehmen möchte.
    Ich lebe in Italien und kann berichten, dass in einem Ort Süditaliens ein Mord begangen worden ist. Es gab Zeugen, doch niemand weiß, wer die Zeugen sind. Sie schweigen. Aus Angst. Dieses ängstliche Schweigen hat einen eigenen Begriff: "Omertà".
    Die "Omertà" ist allgegenwärtig. Alle schweigen. Alle schauen weg.
    Italien fantasiert sich lieber eine eigene schöne Realität, fern von der Perversität und Brutalität der Camorra, Cosa Nostra oder 'Ndrangheta.
    Saviano tut etwas, was normal sein sollte. Er spricht die Wahrheiten aus, die eigentlich jedem bekannt sind. Er hat sein Leben schon verloren, denn was ist das für ein Leben, in dem man 24 Stunden am Tag beschützt wird. Er hofft zurecht darauf, dass er irgendwann wieder spazieren gehen kann, ohne dass ihn jemand begleiten muss. Das sollte irgendwann eintreten. Das Sollen entspricht nur leider nicht dem, was wird. Die "Omertà" verhindert dieses Sollen.
    Es geht nicht mehr um Gut oder Böse. Es geht mittlerweile um das Böse akzeptieren oder Todesangst. Das ist die traurige Realität.

  1. Weiter so, Saviano!

    Schreibe, so laut du kannst!

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