Italien Der große LauschangriffForeste Casentinesi

Im italienischen Nationalpark Foreste Casentinesi werden zur Brunftzeit die Hirsche gezählt. Maren Preiß war als freiwillige Helferin dabei.

Wenn Testosteron leuchten würde, wäre es im Nationalpark Foreste Casentinesi auch noch am späten Abend taghell. Jedenfalls im Frühherbst, wenn in den Hügeln des Mischwaldes, der teils in der Toskana, teils in der Emilia-Romagna liegt, die Jahreszeit der Liebe für Rothirsche beginnt. Doch Testosteron kann man nicht sehen, dafür aber sehr gut hören. So sitze ich zusammen mit Agnese und Eleonora, zwei Mitarbeiterinnen des Nationalparks, mit Stirnlampe im Unterholz. Drei Stunden lang, von 20 bis 23 Uhr, werden wir unsere Hälse strecken, den Kopf dabei leicht nach hinten neigen, um jene Geräusche zu orten und zu bestimmen, die brünftige Hirsche von sich geben. Während der Paarungszeit geht es für die Hirsche ums Ganze: um die Erhaltung der Art. Ihre Schreie sollen Hirschkühe beeindrucken, Konkurrenten vom Rudel fernhalten. Von Mitte September bis Mitte Oktober herrscht der akustische Ausnahmezustand in dem 36000 Hektar großen Schutzgebiet.

Auf einer Anhöhe im romagnolischen Teil des Parks, an der Längsseite des Stausees Lago di Ridracoli, haben wir unser Lager aus Isomatten, Wolldecken, Kompassen und Verpflegung aufgeschlagen. Wir sind einer von 250 Horchposten. Mit 700 anderen Helfern nehmen wir an Europas größter Hirschzählung teil. Einmal jährlich lässt der Nationalpark Foreste Casentinesi unter Mitwirkung von Freiwilligen die Population der Hirsche durch ein solches Abhörverfahren bestimmen. Von den Hirschen hängt das ökologische Gleichgewicht dieses Gebietes ab. Weil sich Hirsche gern von Pflanzensprösslingen ernähren, könnte eine Explosion ihrer Population den Waldbestand gefährden. Im Vorjahr hat man 3677 Hirsche gezählt, Tendenz steigend.

Anzeige

Eine Hirschinventur ist Schwerarbeit. Neben einem guten Gehör braucht man Konzentration und Ausdauer. Um Punkt 20 Uhr verstummen wir schlagartig. Die Inventur beginnt. Eleonora und ich starren auf unsere Kompasse, Agnese führt die Liste. Doch das Schweigen im Walde währt nur kurz. Nach drei Sekunden meldet sich der erste Hirsch – ein lang gezogenes, tiefstimmiges Röhren, angesiedelt zwischen dem Brüllen eines Löwen und dem Muhen einer Kuh. Von der Qualität des Brunftschreis hängt es ab, ob eine Hirschkuh aus dem Rudel für die Fortpflanzung zu gewinnen ist. Ein tiefer Bass, der etwa so klingt wie Don Alfonso in Mozarts Oper Così fan tutte , garantiert dem Nachwuchs gute Gene. Der sehnsüchtige Tenor eines Junghirschen dagegen wird von paarungswilligen Hirschkühen geflissentlich ignoriert.

»Das ist Hirsch A«, kommentiert Agnese den ersten Brunftschrei. So was können sich nur Statistiker ausgedacht haben, denke ich. Immerhin handelt es sich um liebestolle Kreaturen, die während der gut vierwöchigen Brunftzeit kaum essen und schlafen. Die bis zu 200 Kilogramm schweren Tiere verlieren dann in der Regel 20 Prozent ihres Gewichts. Ich nenne Hirsch A heimlich Antonio.

Thema: Artenschutz
Für weitere Artikel zum Thema Artenschutz klicken Sie auf das Bild

Für weitere Artikel zum Thema Artenschutz klicken Sie auf das Bild

Antonios Röhren kommt aus südwestlicher Richtung. »210 Grad«, melden Eleonora und ich. Agnese trägt die Zahl in das Formular ein. Als Distanz einigen wir uns auf »2«: Der Hirsch befindet sich in relativer Nähe, sein Brunftschrei ist gut zu hören, nicht aber das Geräusch seiner Bewegung. Für den ersten Schrei bekommt Antonio den ersten Punkt in der ersten Spalte.

Am Anfang arbeiten wir schweigend und konzentriert. Bis um 20.11 Uhr Agneses Handy klingelt. »Hallo, Papa! Ich bin hier mitten in der Hirschzählung. Ich rufe dich morgen an, ja?« Um 21.36 Uhr wird noch eine SMS folgen: Die Zählung im toskanischen Teil des Nationalparks wurde gerade wegen schlechten Wetters abgebrochen.

Bei uns läuft es bis auf Störgeräusche durch Flugzeuge gut. Der Himmel ist sternenklar und Antonio unser König. Innerhalb der ersten halben Stunde stößt er 88 Brunftschreie aus. In einer Schreipause denke ich kurz darüber nach, wie ich es fände, wenn jemand mein Liebesspiel belauschen würde und hinter meiner Schlafzimmertür Buch führte. Ich beruhige mein Gewissen damit, dass das Zählen der Hirsche derzeit noch ohne Todesfolge bleibt. Im Nationalpark Foreste Casentinesi ist das Jagen vorerst verboten. Nüchtern betrachtet allerdings, werde ich mit dem Stalkervorwurf leben müssen.

Die Zählung könnte einfach sein, gäbe es nur Antonio. Doch mit ihm teilen sich weitere Hirsche das Revier. Aus nordwestlicher Richtung röhrt ein Kollege. »Das ist ein Neuer«, sagt Agnese. Für die Statistik Hirsch B, für mich Beppo. Als Distanz einigen wir uns auf 3, weil er weiter entfernt steht. Und dann gibt es noch Cesare, Davide und Emilio, die wie Beppo nur gelegentlich ihr Röhren in die Nacht schicken und auf die akustischen Signale der Konkurrenten antworten. Zwischendurch wechselt Antonio deshalb das Register. Antonio trenzt. Es sind kurze, kräftige Laute, die die Italiener »Husten« nennen. Gehustet wird, wenn ein Nebenbuhler vertrieben werden muss, weil er sich dem fremden Revier und dem darauf befindlichen Harem gefährlich genähert hat.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mühsamer wird die Arbeit. Es wird immer schwieriger, die Schreie auf Dauer richtig zu orten und zu unterscheiden. Denn mit jedem neuen Formular nimmt unsere Konzentration ab, die feuchte Kälte kriecht an uns hoch, die Finger werden klamm. Die Minuten scheinen endlos. Und auch der Gehörsinn täuscht uns. Ein Hirsch röhrt. Agnese, mit dem Zeigefinger nach vorn deutend, sagt im Brustton der Überzeugung: »Hirsch B.« Eleonora: »Nein. Das war nicht Hirsch B. Für mich kam der von hier«, und deutet in die entgegengesetzte Richtung.

Noch schwieriger wird es, wenn sich die Tiere bewegen oder mehrere auf einmal röhren. »Einer davon war Hirsch C«, sagt Agnese, »den hab ich an der Stimme erkannt. Aber da war noch einer mit Husten, woher kam der?« Schulterzucken bei allen. Mit Ungenauigkeiten rechnet man bei DREAM, jenem Unternehmen, das in den nächsten Monaten sämtliche Bögen der Hirschzählung auswerten wird. Um größere Präzision zu erzielen, überschneiden sich deshalb die Reviere der einzelnen Posten. Wenn zwei Posten dieselben Schlüsse ziehen, kommt man der statistischen Wahrheit näher.

Die letzte Stunde ist die längste. Als kein heißer Tee mit sizilianischem Gebäck, kein selbst gemachter Nusslikör die Stimmung mehr heben kann, die Brunftschreie immer seltener werden und ich gerade an den bevorstehenden vierzigminütigen Abstieg denken muss, sagt Eleonora im Scherz: »Ich glaube, ich hab’s. Das sind gar keine verschiedenen Hirsche. Das ist nur einer, der geht im Kreis.«

Irgendwann ist der letzte Brunftschrei in die letzte Spalte des letzten Inventurbogens eingetragen. Fünf Hirsche haben wir bei unserem Lauschangriff ausgemacht, darunter einen Platzhirschen: Antonio. Unsere Arbeit ist erledigt. Wir atmen auf, obwohl uns hier ein einzigartiges Naturschauspiel geboten worden ist. Zum Abschluss der Hirschinventur sind die Teilnehmer der Zählkolonne zur Mitternachtsvesper in einen Landgasthof eingeladen.

Bei Tisch erzählen Agnese und Eleonora aus dem Leben der polygamen Hirsche. Nach der Paarungszeit trennt sich der Hirsch wieder von seinem Harem und zieht mit den männlichen Artgenossen allein durch die Wälder. Die Gruppe der Hirschkühe bildet mit ihren Kälbern ebenfalls ein Rudel. Erst zur nächsten Brunftperiode wird man sich wiedersehen – vielleicht. Und die Alten? Die isolieren sich und ziehen sich in die Einsamkeit zurück. Agnese, Eleonora und ich sind uns einig: Wie menschlich manche seiner Verhaltensweisen mitunter auch auf uns wirkten – als Rollenmodell taugt der Hirsch nicht.

INFORMATION

Anreise: Flug nach Bologna; von dort weiter mit dem Mietwagen auf der A14 in Richtung Ancona bis nach Forlì. Von dort auf die SP4 über Santa Sofia zum Nationalpark Foreste Casentinesi

Unterkunft : Die Übernachtung im Landgasthof ist für die Helfer gratis. Komfortabler ist das Hotel Granduca (Via Centro, 3, I-47010 Campigna di Santa Sofia, Tel. 0039-0543/980051), DZ ab 106 Euro

Nächster Termin: Voraussichtlich vom 23. bis 26. September 2010. www.parcoforestecasentinesi.it

Auskunft: Italienische Zentrale für Tourismus, Tel. 069/237434, www.enit-italia.de

 
Leser-Kommentare
  1. "Während der Paarungszeit geht es für die Hirsche ums Ganze: um die Erhaltung der Art." -> Es geht das ganze Jahr (und darüber hinaus) um die Erhaltung der Art, die Paarung ist erst der Anfang.

    "In einer Schreipause denke ich kurz darüber nach, wie ich es fände, wenn jemand mein Liebesspiel belauschen würde und hinter meiner Schlafzimmertür Buch führte." -> Dem, was die Autorin da zuhört, geht der Paarung voraus und ist nicht das eigentliche "Liebesspiel". Der Mensch ist diesbezüglich auch nicht viel diskreter: Man denke nur an die Männer, die mit ihren fetten Karrossen immer wieder Runden in den gleichen Strassen drehen. Auch das ist eine Art Reviermarkierung und dient dazu, das weibliche Geschlecht auf einem Aufmerksam zu machen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
  • Serie Umwelt
  • Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Italien | Bologna | Sofia | Europa | Toskana
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service