Multikulti in Deutschland Im zweiten Stock liegt Eritrea

Holzmasken im Friseursalon, Schwertkampf im Innenhof: Bei einer Führung durch die Zuwanderermilieus gehen Kölner auf Weltreise in der eigenen Stadt.

Hausmusik zu Ehren von Gandhi

Hausmusik zu Ehren von Gandhi

Hier stehen und wegwollen ist eins. Es ist kalt. Es regnet. Feierabendverkehr pöbelt stadtauswärts und spuckt wütende Dreckfontänen auf die Bürgersteige. Die Klinkerorgien der Köln-Deutzer Nachkriegsarchitektur machen das Fernweh noch größer. Gern würde man jetzt in die S-Bahn zum nahen Flughafen steigen. Doch ums Wegfahren geht es unserer Reisegruppe gar nicht. Wir bleiben hier.

Als der letzte Teilnehmer sich am Treffpunkt rechts des Rheins eingefunden hat, gibt der Reiseleiter Thomas Bönig das Zeichen zum Abmarsch – in eins der abgasgebräunten Häuser nebenan. Wir steigen durch einen Flur, der so mustergültig marode ist, dass man glaubt, ihn aus einem Fassbinder-Melodram zu kennen. Im zweiten Stock drückt Bönig auf eine Klingel. Die Tür geht auf, vor uns steht ein schwarzer Mann im Kapuzenpulli mit einem breiten Lächeln. Er heißt Samson Kidane und sagt: »Willkommen in Eritrea!«

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In der Wohnung ist es heiß. Tabakqualm und Gewürzschwaden kitzeln in der Nase. An den Wänden hängen afrikanische Landkarten, in der Ecke plärrt ein Fernseher. Nach und nach füllt sich Samsons Wohnküche mit einem Dutzend Menschen. Sie alle haben bei Thomas Bönig den Ausflug »Interkulturelles Köln« gebucht. Die Idee ist so naheliegend wie genial. In einer Stadt, in der rund 170 Nationen leben und fast jeder Dritte ausländische Wurzeln hat, veranstaltet Bönig Expeditionen in Migrantenmilieus. »Kulturklüngel« nennt der freiberufliche Reiseleiter sein Einmannunternehmen, das Führungen in das indische, afrikanische, fernöstliche und lateinamerikanische Köln anbietet. Die heutige Tour des 34-Jährigen im Ethnohemd ist die erste, die mehrere Kulturen einschließt. Es ist eine Weltreise durch die eigene Stadt.

Samson verteilt Hühnchen mit Kichererbsenpüree, Fladenbrot und eine fruchtig-scharfe Soße. Er wirkt dabei so zwanglos, als bewirte er Kumpel anstatt wildfremde Menschen. Zwei seiner Freunde sind auch da und öffnen Kölschflaschen für die Gäste. Anfangs irren noch Blicke auf der Suche nach Besteck umher, dann tun wir es Samson gleich und essen mit den Fingern. Die Gespräche flammen auf, als stünden wir in einer Kneipe. Es geht natürlich um Eritrea, das so wenig von sich preisgibt wie kaum ein Land auf der Welt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen stuft seine Pressefreiheit auf Rang 173 ein. »Das ist der letzte Platz hinter Nordkorea«, sagt Samson und lässt noch eine Schüssel Püree herumgehen. »Das muss man erst einmal schaffen«, kommentiert ein Mann mit Baseballkappe und grinst etwas unsicher.

Mit elf Jahren war Samson Soldat. Jetzt singt er Lieder von Ungleichheit

Der schlaksige Musiker Samson ist einer der 25000 Eritreer, die in den achtziger Jahren vor dem Krieg flüchteten und in Deutschland Asyl erhielten. Im Alter von elf war er Soldat geworden und hatte gegen die äthiopische Herrschaft kämpfen müssen. »Fünf Kugeln haben mich bei einem Überfall auf unser Lager getroffen«, sagt der 41Jährige und zeigt auf Beine, Bauch und Arm.

Dann kramt er ein Ding hervor, das aussieht wie eine Mischung aus Harfe und Gitarre. Es ist eine Krar, das Nationalinstrument Eritreas. Als Samson anfängt, darauf zu spielen, staunen wir. Solche Musik hat keiner von uns je gehört. Sie birst vor Kraft und klingt zugleich merkwürdig zerbrechlich. Auch Samsons Gesang in der kehligen Landessprache Tigrinya geht unter die Haut. Unterdessen verteilt ein Freund Übersetzungen der Texte, und wir wundern uns, dass sie gar nicht zu den Liedern passen wollen. Samson singt von Ungleichheit und Solidarität, von falschen Ideologien und steinigen Wegen. Die maschinengeschriebenen Zettel sehen aus, als seien sie schon durch viele Hände gegangen. »Nehmt sie mit«, sagt Samson zum Abschied und klopft jedem von uns auf die Schulter. Als wir wieder im Freien stehen, blicken wir noch einmal zurück auf das hässliche Haus, das plötzlich anders wirkt. Es ist jetzt das Haus von Samson Kidane.

Kurz darauf sitzen wir in der S-Bahn und fahren durch den Eisenverhau der Hohenzollernbrücke ins Zentrum. Der Himmel reißt auf, und die nasse Stadt glänzt in der Abendsonne, als sei sie mit Öl eingerieben worden. Ein paar Stationen hinter dem gotischen Gebirge des Doms geht es zu Fuß durch das Belgische Viertel mit seinen Waschsalonkneipen, Schmuckateliers und Plattenläden. Plötzlich biegt unser Reiseleiter in einen Gründerzeitinnenhof aus gelbem Klinker ein, in dem stilstarrende Möbeldesigner Küchen und Bäder für Zigtausende Euro feilbieten. Ganz ruhig ist es auf einmal, nur ein kreisrunder Brunnen schwatzt mit sich selbst. Die kleine Frau im Kimono, die nun hinter ihm hervortritt, hätte man fast übersehen. Es ist Yoshie Shibahara aus Japan. Sie lächelt ein beherrschtes Kirschmundlächeln und kündigt den Meister an: Sensei Chikaoka aus Tokyo.

In pechschwarzen Kimonos betreten der grau melierte Mann und sein Kölner Schüler Luciano die Szene. Sie wirken wie zwei gigantische Raben. In ihren Gesichtern liegt heiliger Ernst, als sie mit einem strikt choreografierten Samuraischwertkampf aus dem 16. Jahrhundert beginnen. Es ist ein Tanz von grimmiger Zartheit. Die Luft stöhnt, die Klingen krachen, und Yoshies Fotohandy klickt ununterbrochen. Zwei japanische Touristen sind als Zaungäste aufgetaucht und machen kennerhafte Mienen. Am Ende applaudieren wir mit gereckten Armen, und die Raben verneigen sich majestätisch. Dann packen sie die Schwerter in Koffer und verteilen Flugblätter von Lucianos Kampfschule in Köln-Nippes.

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