Kriminalroman Trinkfreudig

Simon Polt, der Landgendarm aus dem Weinviertel, kehrt zurück. Möglicherweise wird dies der letzte Krimi mit Alfred Komareks weinseligem Ermittler sein. Von Tobias Gohlis

Lange war es still um Polt. Nachdem der Landgendarm aus dem niederösterreichischen Weinviertel 2003 seinen Vorgesetzten den Bettel hingeschmissen hatte, weil diese einem heiligen Trinker einen Mord anhängen wollten, ist eine der zartesten, trinkfreudigsten und handfestesten Figuren der deutschsprachigen Kriminalliteratur ein wenig in Vergessenheit geraten. Da ist es ihm ähnlich ergangen wie dem Vornamensvetter Simon Brenner, der jetzt auch unverhofft wieder das Tageslicht erblickt hat.

Schlicht und einfach Polt heißt der neue Kriminalroman Alfred Komareks, und das Cover ziert schlicht und ergreifend Simon Polts zweitwichtigste Waffe: das uralte Militärfahrrad Marke Steyr. Niemand, der den großen Erwin Steinhauer in einem der wunderbaren Polt-Filme gegen das Abendlicht über die Hügel hat fahren sehen, wird je dieses Rad vergessen.

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Polt ist längst kein Gendarm mehr, sondern geht in drei anderen Berufen auf. Als Aushilfe dient er der inzwischen im Rollstuhl ihr Reich regierenden Kaufhausbesitzerin Aloisia Habesam. Als Wochenendwirt hält er mit zwei Freunden die unrentabel gewordene Dorfschenke am Leben. Und als diplomierter Kellergassenführer dient er Weinvierteltourismus und Heimatliebe. Denn nur in dieser abgelegenen Ecke der Welt an der tschechischen Grenze gibt es die tiefen Weinkeller, die vor 250 Jahren in den Lößboden gegraben wurden, und die alten Presshäuser davor, aus denen einem immer noch der freundliche Abendgruß »Trink mer was?« entgegenklingen kann. Aber immer seltener.

In den vier zwischen 1998 und 2003 veröffentlichten Polt-Romanen hat Alfred Komarek diesem Landstrich ein unerschütterbares Denkmal errichtet. Land und Leute kommen hier aufs Genaueste, Lebendigste und Unverwüstlichste zu Leben und Sprache. Das sind Bücher, Klassen entfernt von den Marketing-Konserven, die als »Regionalkrimi« die Regale verstopfen.

»Still war es. Doch in der Stille lag der Nachhall von Worten, von Gelächter und Geräuschen…« mit einer Anrufung des fast schon verschwundenen Kellergassengeistes setzt der fünfte Polt-Roman ein. Schwere Männer beim Trinken und Bedenken der Welt, eine irdische Ruhe breitet sich aus. Doch nichts da: Karin Walter, Polts Freundin, erschüttert ihren Liebsten bis ins Mark. Vater soll er werden. Und, als wär das nicht genug, stolpert er, bei der gemeinschaftlichen Erörterung dieser Fügung, mit dem besten Freund über eine Leiche. Im Weingarten. Und muss, kein Gendarm mehr sein wollend, dann doch all das einsetzen, was ihn ausgezeichnet hat: zuhören und einfühlen können, Geheimnisse erahnen, die nicht ausgesprochen werden sollen, nun aber herausmüssen. Denn die Dorfgemeinschaft, von Komarek beschworen als Organismus, der erkrankt ist an einer metabolischen Störung, muss wieder zu sich kommen. Polt. – mit einem Punkt dahinter.

Wir ahnen, es wird der letzte Polt-Roman sein. Sein müssen. Unerbittlich zerfrisst das kommerzielle Jetzt die Welt, aus der Polt und Komarek sich genährt haben. Trinken wir ihn aus, den alten, traumseligen Wein!

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 22.10.2009 Nr. 44
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    • Schlagworte Literatur | Kriminalroman
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